Zum Hauptinhalt springen

Flüchtlinge, Bürokratie und Übersetzungsdienst

Ich möchte mich outen: Ich habe im Studium viele herzliche, intelligente und treue Ukrainer (und Ukrainerinnen) kennen gelernt. Sie waren alle aus dem Westen der Ukraine und sehr westlich eingestellt (dennoch dem katholischen Glauben treu). Ich erfuhr sehr viel über dieses Land, die Probleme und ungewöhnliche politische Konstrukte, die dieses große Land mit den vielen Völkern bestimmen. Da man mich acht Jahre lang mit Russisch als erste Fremdsprache beglückt hat (auch wenn es länger als 20 Jahre her ist), war es für mich keine Frage, den Familien auf der Flucht vor Krieg (oder eher vor den Russen) als Dolmetscher zu helfen.

Sehr schnell wurde mir klar, dass die deutsche Bürokratie die größte Hürde werden wird. Nicht nur für die Ukrainer, sondern auch für die Dolmetscher und Helfer. Erfahrene Flüchtlichgshelfer mussten neue Formulare „erlernen“ und Dolmetscher Übersetzung für „Abtretungserklärung“ oder „Postscheckkonto“. Mit jeder neuen Familie lernte ich dazu und die Pfade durch den Paragrafen-Dschungel erkannt.

Da die Übersetzung immer ein Zeitfresser war und neben den „Neuankünften“ auch die „älteren neuen Bewohner“ meiner Gemeinde zu betreuen waren, musste eine Lösung gefunden werden, die vor allem Zeit spart und und auch nicht russisch/ukrainischsprachige Helfer befähigt, „Erste Hilfe“ bei Formularen und amtlichen Schreiben zu leisten. (Ukrainer untereinander versuchen sich auch zu helfen, aber manchmal verursachen sie damit Verwirrung. Deshalb sollte vor allem am Anfang und bei Schreiben vom Amt sollte ein Fachkundiger deutscher Bürger drüber schauen.)

Hilfe für Helfer

Nach kurzer Analyse ergaben sich bei jedem Schritt 3 notwendige Informatinseinheiten: Datum, Ort und Sachverhalt/Ereignis. Das Datum gehört zu den schwierigsten, denn es gibt Zeiten, die voneinander abhängen (z.B. 2-4 Tage nach der „Zuweisung“ muss die Anmeldung im Rathaus erfolgen – den Termin gibt aber das Rathaus vor) und manchmal sind Ereignisse richtige Zäsuren, die ein neues „Zeitalter“ einleiten (wie Anmeldung für Hartz IV).

Ort ist manchmal fest (wie z.B. Rathaus/Einwohnermeldeamt) und manchmal wählbar oder vorherbestimmt (wie z.B. weiterführende Schule). Die Sachverhalte geben die Struktur (Abläufe bzw. Prozesse) vor und stehen zueinander in Abhängigkeit (wie „Aufenthaltstitel“ und „Hartz IV“), können aber auch manchmal parallel ablaufen.

Die Herausforderungen sind nun: keine lange Textform verwenden und zweisprachig machen. Texte sind zu komplex und auf die Schnelle schlecht zu scannen. Auch mit einer interlinearen Übersetzung kommt man hier eher schlecht als recht weiter. Es muss also eine „gespiegelte“ (deutsche und ukrainische) Version auf einem Blatt/Rückseite geben, die gleichzeitig übersichtlich und strukturiert ist.

Die bereits erwähnten drei Informationseinheiten eignen sich im „Koordinatensystem“ als Spalten, die Sachverhalte bzw. Ereignisse geben die Zeilen vor. In Zusammenhang mit den Ereignisses stehen wichtige Dokumente als Ergebnis. Hinweise darauf sind deshalb wichtig, weil sie für weitere Schritte gebraucht werden.

So ergab sich eine Art „Tabelle“, mit Hilfe derer ein Deutscher einem Ukrainer zeigen kann, welches Dokument per Post angekommen ist oder um welchen Termin es sich bei der Planung handelt.

Das tabellarische Ablaufschema
Das tabellarische Ablaufschema in deutscher Version. (Die ukrainische wird noch geprüft, sieht aber exakt gleich aus. Die deutschen Begriffe müssen noch einmal mit „Amtsdeutsch“ abgeglichen werden.)

Na und?

Der Leser mag sich fragen: Schön, aber warum das ganze? Für mich gibt es einen konkreten Grund. Die Infromations- und Kommunikationswissenschaftler kennen Werkzeuge, die uns allen das Leben einfacher machen können. Oft sind es Kleinigkeiten, die viel Zeit sparen. Auf diese besonderen Leistungen dieser Menschen möchte ich hinweisen. Es macht viel Sinn, Menschen in der Verwaltung mit genau diesen Spezialisten zu konfrontieren oder sogar von ihnen schulen zu lassen. Angesichts einiger Formulare für die Asylbewerber fragt man sich, ob diese wirklich ernst gemeint sind. Es geht simpler. Es geht klarer. Und es geht schneller. Man muss nur wissen WIE. Notfalls: „Ask someone, who knows!“ – einen Informationswissenschaftler oder „Kommunikationsdesigner“.

Zum Abschluss ein ähnliches Hilfswerkzeug als Vorbereitung für ärztliche Atteste für die Schule: deutsch-russisches Impf- bzw. Kinderkrankheits-Formular. (Aktuell ohne Anspruch auf Richtigkeit/Übersetzung und Vollständigkeit)

Tremendum et fascinosum – oder: Die Avantgarde der Angst. Eine Rezension

Es gibt Bücher, die muss man gelesen haben. Es gibt Bücher, die man sich ersparen sollte. Und es gibt Bücher, die man erst recht lesen sollte, auch wenn man sich über sie ärgert und sie an liebsten hätte öffentlich verbrennen lassen. Dann gibt es Autoren, die man unbedingt angeben muss, um als „Intellektueller“ zu gelten. Und es gibt Autoren, die man niemals nennen darf, um als „Intellektueller“ zu gelten. Das Buch von Norbert Bolz ist genau in der Mitte und ich habe lange überlegt, ob ich es überhaupt erwähne. Schon die Gefahr, von Meinungsdiktatoren abgestempelt zu werden, ist heute größer als im Mittelalter der Inquisition persönlich zu begegnen. In einer langweiligen Welt, die nur noch eine Meinung gelten lässt, möchte ich keinesfalls leben. Also kratze ich meinen letzten Mut zusammen.

Weiterlesen

Jahrestag

Die Verheirateten haben den Hochzeitstag, die Datenschutzbeauftragten haben das DS-GVO-Jubiläum. Ein Tag, an dem man zurück blickt, sich auf die Schultern klopft (wenn es gut gelaufen ist) oder Besserung gelobt. Die Feuerwehren und andere Not- und Rettungsdienste haben es zur Gewohnheit gemacht, neben den Feiern auch eine Jahreshauptübung abzuhalten, um in Form zu bleiben. Warum sollen die DSB ihrem Beispiel nicht folgen?

Weiterlesen

Medienfasten

Im Karneval denkt man üblicherweise nicht über die Fastenzeit nach – außer vielleicht: Noch X Tage bis zur Fastenzeit. Dabei wäre diese optimal für gute Vorsätze, die nach dem Neujahr nicht allzu lange halten. Gute Vorsätze sind nicht einfach da, sie müssen gefunden oder eher „adpotiert“ werden. Sie können von außen an uns herangetragen worden sein (als harsche Kritik, als Hinweis von Freunden) oder in uns selbst heranreifen (Nachlässigkeiten, unerwünschte Entwicklungen).

Weiterlesen

PDFs für die Archivierung durch die DNB entsperren

Im Rahmen des Nestor-Projektes der Deutschen Nationalbibliothek (DNB) sollen Online-Werke archiviert werden. Dazu zählen auch PDFs – auch die mit wissenschaftlichen Inhalten, die auf vielen Open Access-Repositorien schlummern. Sie sollten als PDF/A (in Version 1 oder 2, a oder b) vorliegen und ohne Einschränkungen der Rechte per DRM (eine harmlose Abkürzung für „Digital Restrictions Management“) erstellt worden sein. Doch das ist eher ein Traum denn Wirklichkeit…

Weiterlesen

Eine Frage der Ethik

Das Wort Ethik kommt uns meist in den Sinn, wenn wir an schwierige Entscheidungen im Bezug auf Verhalten in existenziellen oder komplizierten zwischenmenschlichen Situationen denken. Als philosophische Disziplin ist Ethik die Lehre über die Abwägung von Handlungsprinzipien. Sie erscheint vielen lebensfremd und zu wenig Praxis bezogen. Dennoch hat sie auch im Internet und unserer multimedialer Welt eine sehr große Bedeutung.

Weiterlesen

Das Loch im Ganzen

Es gibt Berufe, von denen ein Pole behaupten würde, sie beständen darin, ein „Loch im Ganzen“ zu suchen. Dazu zählt man üblicherweise die Frauenbeautragte oder die Datenschützer. Diese Berufe haben ein Merkmal gemeinsam: sie würden die Berechtigung ihrer eigenen Existenz anzweifeln, wenn sie behaupten würden, es ist alles in Ordnung…
Weiterlesen