Mit steigender Menge an Informationen wird es immer schwieriger die richtigen (eigentlich: die gewünschten) zu finden. Die Informationswissenschaft entwickelte viele interessante Instrumente, um der Datenflut Herr zu werden. Andere Wissenschaften steuerten andere Hilfsmittel bei. Aus diesem Pool an Ideen sollen hier die für das WWW relevanten kurz vorgestellt werden.

Einführung

Um die Menge an Informationen zu beherrschen d.h. sich dienlich zu machen, brauchen wir immer bessere Werkzeuge, die die Daten auswerten und uns nur die anzeigen, die unserem Wunsch („unserer Neugier“) entspricht. Dass es diese Werkzeuge nicht gibt, erfährt man spätestens dann, wenn man anfängt, bestimmte Informationen zu suchen. Auch bei Google muss man nicht selten einige Seiten durchblättern und mehrere Links in Augenschein nehmen, um das Gesuchte zu finden. Es kommt letztlich auf den suchenden Menschen an. Dieser entscheidet, ob das, was er gerade sieht auch das ist, was er braucht. Dies geschieht bei durchblättern der Suchergebnisse in einem Bereich von einer halben bis zu ca. 30 Sekunden. Bei dieser Entscheidung können wir ihn gut unterstützen. Am besten ist es, man nimmt den Besucher an der Hand und zeigt ihm alles. (Das geht natürlich nicht, also muss man sich gut beeilen. Webseitenbesucher sind „gehetzte und scheue Tiere“, sie sind ständig auf dem Sprung…) Auch sonst im Umgang mit den Webseiten und Webanwendungen kann man es dem Benutzer leicht oder schwer machen. Im Folgenden werden die besten Ideen und ihre Umsetzungsmöglichkeiten dargestellt.

Ein wenig Geschichte

Bevor wir zur Gestaltung von Webseiten und -Anwendungen kommen, möchte ich Sie auf eine kurze Zeitreise mitnehmen. Es ist mir nicht bekannt, wann jemand auf die Idee eines Inhaltsverzeichnisses kam, doch diesem Menschen verdanken wir eine der größten Arbeitserleichterungen, die ich in der analogen Welt kenne. Ein System von (analogen) Links in einem linearen Medium ist ebenso wie andere Verzeichnisse (Standortverzeichnis etc) ein Organisationswerkzeug, der die „Pfade auf das Nötigste verkürzt„. Dieses Werkzeug haben die Bibliothekare ebenfalls verwendet, als sie neben den strukturierenden Daten (Bücher, Kapitel, Serien etc) auf die Inhalte angewandt haben. Sie haben die Bücher Themen, Autoren und Schlagwörtern zugeordnet. Die Schlagwörter und ihre Vorzugsbenennungen ergaben ein System von aufeinander bezogenen Ausdrücken, die eine sehr gute Suchbasis ergeben. Irgendwann haben sie auch solche Daten (die sog. Metadaten) von Fremdbeständen bezogen und den eigenen Nutzern bereitgestellt, obwohl sie die Werke nicht im Bestand hatten. Ein anderes Verfahren für Ihre Produkte haben die Zeitungsverleger für sich entdeckt. Sie ordneten sämtliche Daten, Berichte, Kommentare und sonstige Beiträge in einem bestimmten Schema, das im Großen und Ganzen in jeder Zeitung wiederholt wird: Das Titelblatt mit dem Titel der Zeitung, Datum der Ausgabe, relevante aktuelle Themen, gefolgt vom Falz und weiteren wichtigen Themen darunter. Um es gut lesbar zu machen und auch mehr Nachrichten auf einer Seite unterzubringen, hat man die Unterteilung in Spalten eingeführt. Zwischen dem (manchmal schockierenden aber sonst wenig aussagekräftigen) Titel und der dem „ad res“ (dem Einstig in die Materie) platziert man immer einen Anreisser, aus dem der Leser die Relevanz des Inhalts für sich in wenigen Sätzen erkennen kann.

All‘ diese Mittel haben bis heute im ihre Berechtigung. Die einen mehr, die anderen weniger. Ein Teil dieser Erfahrungen mit der Handhabung der Informationen sowie Best-Practice-Lösungen im werden unter dem Thema „“ zusammengefasst. Einige werden jedoch kaum beachtet, weil sie zu neu sind oder bisher schlecht umsetzbar waren. Ich möchte hier einige davon vorstellen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder genaueste Werte der Wirksamkeit zu achten.

Ad res!

Wie wollen die folgenden Ziele erreichen:

  • auf (aus Sicht des Benutzers) Relevantes vorfiltern
  • strukturieren (von längeren Texten, größeren Datenmengen)
  • Informationen verdichten (fürs „Querlesen“)
  • Wiedererkennungswerte schaffen und nutzen

1. Erfahrungsgrad, Vorwissen und Zielgruppe

Bevor man alle technisch möglichen Werkzeuge umzusetzen versucht, sollte man sich zuallererst fragen, wen man zu informieren Beabsichtigt. Einem Jugendlichen braucht man den Link nicht blau zu machen, einem älteren Benutzer, der den Namen seines Browsers nicht kennt, hingegen schon. Es ist die Erfahrung mit dem Web und das Vorwissen um gewisse Funktionen oder Strukturen, die ihre Nutzer in Gruppen aufteilt. Wer einmal eine Zeitung gelesen hat, wird in weiteren Zeitungen immer mehr das ordnende Schema dahinter verstehen. Irgendwann weiß er in welcher Zeitung welches Heft die Sportnachrichten enthält. Hat er dieses Wissen gewonnen, wird er irgendwann „blind“ dieses Heft herauszuziehen versuchen. Wehe, wenn der Verlag die Sortierung verändert hat! Auch sie als Webseiten- bzw. Webanwendung-Produzent unterliegen diesem Gesetz. Man nutzt die Erfahrung, um sich die langsame Suche zu ersparen.

Für unerfahrene Benutzer lohnt es sich, Webseite- (oder WebApp-) -Tour zu machen. Beim ersten Besuch von GMail wird man freundlich von einem Tooltip begrüßt, der einem die Lage und Bedeutung der meisten Bedienelemente(-gruppen) aufzeigt und erklärt. Ein Tool für solche Webguides findet man unter pageguide.js oder unter Joyride.

2. Metadaten (Was findet man dort? Wer ist der Autor?)

Metadaten sind kein Werkzeug der Suchmaschinenoptimierung (mehr). Gott sei Dank! Es gibt also keinen Grund, darin jeden in Frage kommenden Unsinn dort einzutragen. Sie geben den Lesern aussagekräftige Fakten über den Inhalt an die Hand, bevor sie diese Seite betreten. Das kann im verweisenden Link im „title“-Attribut sein, im RDF oder einfach im Header des (am besten nach Dublin Core Schema). Diese Seite wird kurz zusammengefasst dargestellt, wenn sie verlinkt wird (und hier können Browser-Add-Ons auch die Metadaten der Seite einbinden), wenn sie im Suchergebnis der Suchmaschine auftaucht, wenn sie in Social Networks zitiert wird oder wenn sie in den Lesezeichen aufgelistet wird. Einige nutzen die Zotero-Erweiterung, um die Seite zu archivieren oder gar zu zitieren!

(Eine Untersuchung mit Eyetracking ab der Hochschule Darmstadt hat ergeben, dass kurze Zusammenfassungen dem Leser wichtiger sind als Titel oder Autor. Mit einem prägnanten Anreisser mit relevanten Stichworten helfen Sie dem Benutzer, zu erkennen, ob es für ihn lesenswert ist. Und noch was: Je länger jemand schon sucht, desto weniger liest er, bevor er zum nächsten Ergebnis springt.)

3. Über dem Falz (Bedienung, Einleitung, Wo bin ich?, Einkaufswagen)

Nielsen und Loranger predigen die alte Lehre des Satzes von Zeitschriften… Und sie haben Recht! Wenn man die Ergebnisse des Eyetrackings richtig anschaut, fällt sofort auf, dass die meiste Aufmerksamkeit in den ersten Sekunden immer der Anfang der Seite bekommt. Wenn sie ihre Inhalte hinter der Werbung und überdimensionierten Bildchen verstecken wollen, dann bitte schön. Wundern sie sich nur nicht, wenn die Absprungrate innerhalb der ersten 10 Sekunden höher ist als bei der Konkurrenz. Machen sie die Titel deutlich. Zeigen sie, wohin der Besucher sich durchgeklickt hat. (Vielleicht ist er hier absolut falsch. Ihn in Unwissenheit zu lassen und zu täuschen kann der Reputation ihrer Seite durchaus schaden. Es darf schließlich jeder zum WebOfTrust beitragen!)

Ein unschlagbares Argument ist die „Basket-Position“. Aus der Erfahrung mit anderen Shops heraus werden alle Benutzer den Einkaufwagen bzw. -Korb immer oben rechts suchen. Dieser Ort ist in Shop-Systemen heilig! Ob die Navigation rechts oder links zu finden ist, ist meist nicht von Bedeutung, sofern sie als solche erkennbar ist. Die Idee des Footers als „Ort für alles andere“ ist meines Wissens noch nicht genau untersucht. Ich selbst finde es sehr unpraktisch, scrollen zu müssen, um zu wichtigen Inhalten zu gelangen. Impressum und Kontakt haben sich da jedenfalls eingebürgert. (Sind sie in 99% der Fälle auch nicht der Schwerpunkt des Interesses.)

4. Scanbar für „economic evaluators“ („sparsames“ Lesen)

Granka, Feusner und Lorigo beschreiben in ihrem Artikel „Eye Monitoring in Online Search“ zwei Typen von Benutzern: den genauen Leser und den sparsamen Leser (jener „economic evaluator“ der Überschrift). Die genauen lassen sich mehr Zeit beim lesen, blicken auf viele Elemente einer Seite und entscheiden öfter: Diese Seite möchte ich ganz durchlesen. Die sparsamen Leser lesen weniger/konzentrierter, schauen meist die vergleichbaren Teile einer Seite an und entscheiden früher: Dies ist nichts für mich!

Männer waren in der Untersuchung an der Uni Darmstadt die ökonomischeren. Sie waren schneller, lasen weniger und hielten weniger Ergebnisse für relevant als Frauen – und das bei höherer Übereinstimmung mit den Experten. (Mehr dazu in: Reichert, Stefanie; Mayr, Phillip: Untersuchung von Relevanzeigenschaften in einem kontrollierten Eyetracking-Experiment. In: Information. Wissenschaft und Praxis. Heft 3/2012)

Die Scanbarkeit geht eher in die Richtung der Lesbarkeit (unser nächster Punkt), weil es sehr viel mit der Gestaltung zu tun hat. Stichwörter (wie standardisierte Bezeichnungen / Vorzugsbenennungen, Ortsnamen, Personennamen oder Maßangaben) werden fett dargestellt. Der einleitende erste Satz ist perfekt, wenn er ohne Nebensätze auskommt (eine schwierige Kunst, ich weiß). Titel der Abschnitte unterscheiden sich in der Größe (absteigend nach Hierarchie). Bilder besitzen eine Unterschrift (wirklich unten) und sind mit diesen in einem eigenen Rahmen erkennbar zusammengefasst.

5. Lesbar (Spalten, Schrift und Farben)

Kennen Sie „Web-Gurken„? Es sind Webseiten, die für eine Breite von 920 oder gar 720 Pixeln optimiert sind aber auf einem 1920 Pixel breiten Monitor dargestellt werden. Sie hängen von oben nach Unten (kleben oft am linken Rand) und sind vom weißen Nichts umgeben. Dann gibt es noch das Gegenstück dazu: die volle Breitseite. Wenn man hier den Text liest bekommt man einen Krampf im Nacken (wie nach einem Tennis-Match). Beides nicht gerade Benutzerfreundlich. Das Tüpfelchen auf dem „i“ bildet meist die Schriftgröße, angegeben in Pixeln: fast immer zu klein.

Die Lehre des Textsatzes ist in Vergessenheit geraten. Dabei haben wir im Web immer mehr Werkzeuge, um sie umzusetzen! CSS-Mehrspaltendesign funktioniert jetzt schon in vielen Browsern, auch wenn die Definition noch nicht endgültig verabschiedet wurde. Auch sog. Grid-Systeme erlauben eine flexible Ausnutzung des Bildschirms durch bessere Unterteilung. Es sind nicht alle flexibel (Prozent statt Pixel) aber Responsify ist es! Für kleinteilige Darstellung von vielen kurzen Beiträgen mit Gestaltungsmöglichkeit für den Benutzer empfiehlt sich gridster.js. (Ich halte sie persönlich für Spielerei, weil nur mit JavaScript umsetzbar aber es soll Menschen geben, die genau dies haben wollen.)

Zur Gestaltung gehören neben der Schrift (die sich den Vorgaben des Benutzers und seines Browsers anpasst) die Farben und die Struktur. Farben sind Geschmackssache. Aber nicht nur. Sie sollen entweder in das Corporate Design des Unternehmens passen oder (bei Web-Applikationen) internationale Richtlinien umsetzen (IEC/EN). Was die Struktur anbetrifft ist ein Rahmen (auch ein imaginärer im Sinne eines größeren Abstandes zu andren Elementen) der größte Freund des Designers. Die Zusammengehörigkeit von Bild und Unterschrift wird durch einen Viereck drum herum oder durch einen Leerraum deutlich. Der Benutzer kann es besser zuordnen und seinen Blick auf einzelne Teile fixieren. Es können auch die Hintergrundfarben sein, jedoch nicht zu blass (wegen farbenblinder Benutzer) oder zu kräftig (da der Kontrast zum Text sinkt). Reiter (sog. „Tabs“) helfen einzelne Gruppen von Bedienelementen zusammenzufassen und somit einen logischen Zusammenhang anzudeuten. Mit „legend“ kann man zusätzlich Eingabeelemente eines HTML-Formulars „unter ein Motto stellen“ – vorausgesetzt, man hat sie per „fieldset“ zusammengefasst. Über „label for=’inputname'“ sollte man als Webentwickler auch schon mal gehört haben. Bei BITV ist dies ein Muss.

6. Benutzerschnittstellen explorieren (Kommandozeile, Text, Grafik, Spracheingaben, andere „Sensoren“-Eingaben: Ort, Sprache, Himmelsrichtung, Autocomplete)

Mit „explorieren“ ist hier das vielseitige Nutzen der Berührungspunkte zur Zielperson/Zielgruppe oder genauer gesagt – der daraus resultierenden Daten – gemeint. Es gibt Daten, die bewusst eingegeben werden müssen und es gibt Daten, die schon da sind (implizit in anderen Daten oder nicht vom Benutzer selbst eingegeben werden). Diese möglichst gut zu nutzen, ist das oberste Gebot. So erspart man dem Benutzer die Frustration mit unpassenden Informationen und sich selbst die unnötigen trial-and-error-Versuche.

Kommandozeile

Manchmal kann man dem Benutzer ohne viel Aufwand (aus seiner Sicht) Eingaben entlocken und zum Anpassen des Informationsangebotes nutzen. Es kling vielleicht etwas schräg aber es ist kein Unsinn: Auch das Web kann Kommandozeilen verkraften! Wie? Ganz einfach. Viele sog. Poweruser nutzen es schon längst. Googles Suchschlitz wird zur Kommandoziele, wenn man neben den Suchbegriffen auch Suchbefehle eingibt. Beispiele wären hier Minus, Anführungszeichen, ‚inurl:‘ etc. Man sagt nicht nur, was gesucht werden soll, sondern wie und wo. Das ist ein Kommando, weil es den Ablauf des Programms steuert. Eine andere Art von Kommandozeile wären die URLs, die für REST-Schnittstellen gebaut worden sind. „/Bibliothek/abc/Medium/Buch/ISBN/123456789X“ könnte für HTTP-GET bedeuten: Aus der Bibliothek abc fordere ich das Medium Buch mit der ISBN zur Ansicht der Metadaten an. Dieses Beispiel wirkt vielleicht zu technisch, kann aber für die Poweruser genau das richtige sein. Es gibt nachweislich Menschen, die ihren Browser ganz ohne Maus bedienen können (der vi-Modus). Warum nicht auch die ganze Webseite?

Textschnittstelle

Die Eingabefelder brauchen neben einer aussagekräftigen Beschriftung („Was muss ich dort eingeben?“) auch einen Hinweis auf das Format („Wie muss ich es eingeben?“). Letzteres wird in der nahen Zukunft (hoffentlich!) mit Platzhaltern des HTML5 abgedeckt werden können. Eingaben für Suche oder in einen größeren Pool von Personennamen können mit der HTML5-Funktionalität des Autocompletes (auch gegenwärtig in vielen JS-Frameworks schon enthalten) abgedeckt werden. Warum soll der Benutzer alles bis zum Ende selber tippen, wenn wir ihm die Arbeit abnehmen können? Man bedenke, dass diese Vorgehensweise auch die Rechtschreibfehler oder Variationen der Schreibweise eliminieren kann und die Suche zielgenauer bzw. den Datenbestand einheitlicher werden lässt. Das „Warum muss ich das eingeben?“ stellt sich nicht wenigen, wenn die Abfragen von sensiblen Daten (wie Adressen oder Kontonummern) sich nicht von selbst erschließen lassen. Das Misstrauen ist nicht nur schlecht. Man muss es akzeptieren und freundlich den Zweck erklären.

Eine übliche textbasierte Schnittstelle zum Benutzer ist das Menü bzw. die Navigation. Unter bestimmten Wörtern bzw. Phrasen zusammengefasste Funktionen oder Kategorien/Gruppen sind weit verbreitet und in der Bedienung allgemein gut verständlich. Die Schwierigkeit hierbei ist, die Begrifflichkeiten konsistent, der Erfahrung entsprechend und kurz zu halten. Es muss immer sofort erkennbar sein, was sich dahinter versteckt. Es darf auch nicht an verschiedenen Stellen unterschiedlich heißen (vor allem in der Bedienungshilfe!). In den meisten Fällen hat man Platz nur für wenige Wörter. Abzuraten ist jedoch von Substantiven. Sie gelten als Sprache der Fachleute. Statt „Substantivierung“ verwendet man besser „in Substantiv umwandeln“ und statt „Autorenschaft“ oder „Urheberschaft“ einfach „Schöpfer des Werkes“ o.Ä. (Und wo wir bei Abkürzungen angekommen sind: je weniger ein Mensch in seinem Leben liest, umso weniger ist er Imstande, die Abkürzungen richtig zu „deuten“.)

Grafische Schnittstelle

„Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte“ – sagt man. Es ist nur schade, dass wir nicht alle dieselbe Sprache sprechen. Es ist also zu beachten, welche „Sprache“ für die Benutzerführung verwendet wird. Die 3,5″-Diskette als Symbol für das Speichern zu nehmen ist in Zeiten des Cloud-Computings ein Anachronismus. Dass jeder es sofort versteht, liegt daran, dass wir entweder Disketten zu diesem Zweck verwendet haben oder dass diese Repräsentation in unzähligen Programmen über ein Jahrzehnt tradiert wurde. Festzuhalten ist, dass eine grafische Repräsentation eines Sachverhalts deutlich weniger Platz braucht als eine textuelle – vorausgesetzt, alle können es deuten.

Außer im GUI („graphical user interface“) treffen wir die Grafiken im Web auf Schritt und Tritt an. Sie können die vielen textuellen Informationen auflockern, Orientierung in der Seite bieten – z.B. indem sie die den Inhalt des Abschnitts wiedergeben. (Beispiel: das Bild der Frankfurter Paulskirche werden die bewanderten Leser mit der Epoche des Völkerfrühlings in Verbindung bringen und in einem chronologisch geordneten Text den Abschnitt nebenan dieser Zeit zuordnen.) In einem anderen Kontext dürfen die Bilder auch nicht fehlen: die Darstellungen von Orten oder Sehenswürdikeiten. Der Wiedererkennungswert vor Ort ist enorm. (Es dürfte den Meisten aufgefallen sein, dass vor allem Frauen die Wegbeschreibung mit markanten Orten anreichern und diese sehr detailreich beschreiben.) Manchmal sehnen sich die Besucher von Webseiten nach Bildern: am besten viel und groß. Z.b. beim Online-Shopping oder bei der Wohnungssuche. „Wie? Sie wollen das auf Lager haben, haben aber kein Bild davon?“ hört man manchmal die Menschen denken. Es ist ein (manchmal trügerischer) Hinweis auf die Echtheit des Angebotes. Können sie sich noch auf den Originalverpackung-Nepp bei ebay erinnern? Die Kunden sehen manchmal mehr als sie lesen.

Andererseits sollte man mit Bildern nicht unnötig verschwenderisch umgehen. Eine Seite von 1 MByte Umfang (mit , JS und Bildern) ist bei gut angebundenen Unternehmen kein Problem. Auf dem Lande oder im überlaufenen 3G-Netz und beim knappen RAM des Handys kann der Seitenaufbau zu qualvollen Minuten werden (und das Scrollen zur Geduldsübung). Für responsive d.h. an die Bildschirmgröße und Ausrichtung angepasste Bild-Auslieferung gibt es zwar einige Workarrounds und Vorschläge für die Standardisierung. Für Schmalband-Internet gibt es im Browser nicht einmal ein Messverfahren, geschweige denn Eingriffsmöglichkeiten!

Audio(visuelle) Schnittstelle

Haben Sie schon Googles Browser Chrome installiert und auf dem neuesten Stand? Sehr schön! Dann sprechen Sie mit ihm. …wenn Sie eine Seite antreffen, die diese Funktionen nutzt. Neben der reinen Erfassung von Tönen soll der Browser menschliche Sprache in Text umwandeln. Es könnte Ihre Nutzer erschrecken, wenn Chrome sie mit einer Warnung wie „Diese Seite will das Mikrofon nutzen.“ ‚begrüßt‘. Aber bei Menschen mit motorischen Schwierigkeiten oder solchen, die der Eingabe per Tastatur nicht mächtig sind (Kinder, Senioren oder Behinderte) kann das durchaus gut und nützlich sein. Auch Smartphones bieten diese Möglichkeit: Android seit Version 4.1 sogar ganz offline.

Auf umgekehrtem Wege ist die Textausgabe in Form von Sprache ebenfalls selten nötig. (Ich nehme jetzt die Beschaffenheit der Webseiten und Webapps, die von Screenreadern sinnvoll vorgelesen werden zu können, aus diesem Kontext heraus.) Solche Fälle gibt es durchaus: z.B. Navgation beim Autofahren, Übersetzungsprogramme etc. Genau dann, wenn der Benutzer nicht in der Lage ist, den Text selber vorzulesen, sollte man die Möglichkeit vorsehen. (Eine kleine Anekdote am Rande: Googles Navigation spricht in Deutschland nur deutsch. Französische Straßennamen werden also vorgelesen, wie wenn sie ein Erstklässler gelesen hätte. Die Spitze ist aber „St. Ingbert“. Das Kürzel wird nicht aufgelöst und alles zusammen gelesen: „Stingbert“!)

Sensoren als Schnittstelle

Neben Eingaben in Form von Text, Ton, Dateien, Klicks (sowie Gesten) gibt es weitere Datenquellen, die man – mit Erlaubnis des Benutzers – anzapfen kann. Eine davon ist die Geolokation. Eine entsprechende Schnittstelle für JS wurde innerhalb von HTML5 definiert. „Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah!“ Was hilft es dem Benutzer, zu wissen, dass am anderen Ende der Republik ein Laden existiert, der das bestimmte Buch im Angebot hat? Er steht mitten auf der Einkaufsmeile und will wissen, wo er eine Buchhandlung findet. Zurecht setzt deshalb Google die (vermutlich) örtlich näheren Geschäfte im Suchergebnis oben. Natürlich kann die Ortung ohne GPS nur einen Hinweis auf das Bundesland oder bestenfalls einen Vorwahlbereich geben. Auch die Vermutung, dass Ergebnisse „manipuliert“ sind, kaum untermauern kann, so ist das Empfinden negativ beeinflusst. Damit das nicht passiert, wäre eine freundliche Frage an den Benutzer mit Zweckangabe sicher hilfreich.

Es gibt noch andere Informationen, die wir für uns und unseren „Kunden“ einspannen könnten. Die Himmelsrichtung des Smartphone-Kompass kann uns helfen, Informationen zum angeschauten Objekt zu geben. (Das natürlich nur in Verbindung mit Geolokation per GPS.) Uhrzeit ist für die Anzeige der noch offenen Geschäfte genauso dienlich, wie die Selbstauskunft des Browsers über die Sprachlichen Vorlieben des Nutzers. (Android wechselt z.B. die Sprache der Bedienung und [wenn nicht eingeloggt] der Suche im Browser sobald man die SIM-Karte eines polnischen Netzbetreibers einlegt. Auch einige andere Webseiten sprechen dann mit einem auf polnisch.)

Eine ganz tolle Erfindung ist der QR-Code, der zwar patentiert ist aber von jedem frei verwendet werden kann (anders als das geschützte „Schneidebrett-Design“ eines Hardware- und Softwareherstellers). Im QR-Code kann sich ein beliebiger Text, eine URL oder eine VCard verstecken. Das Schlaue an dem System ist, dass es die digitale Welt des „Informationsgebers“ mit der digitalen Welt des „Informationsnehmers“ über den analogen Weg (z.B. gedruckte Werke wie Plakate, Zeitschriften, etc.) verbindet. Es erspart Tipparbeit, eliminiert Fehlerquellen und ist viel schneller.

Im Falle des Falles – Wenn man wirklich Hilfe braucht

Nach dem Weg zu fragen, fällt vielen Männern schwer. Es ist auch ein Eingeständnis, dass man Hilfe braucht. Das muss aber nichts Peinliches sein. Laut einer Umfrage in einem Artikel in der „Information. Wissenschaft und Praxis“ (Stallmann, Anika: Silver Surfer im Internet. IWP 2012/4. S. 217-226), hat die Mehrheit der über 50-Jährigenn keine Scheu, andere (auch jüngere) Benutzer um Hilfe zu bitten. (Warum denn auch?) Gleichzeitig suchen aber auch viele von ihnen aktiv nach Hilfestellung vom Betreiber. Will sich ein stark symbolisiertes Funktionsgebilde (wie ein „Tabellen-Programm“) dem Benutzer nicht selbst erschließen, greifen viele gerne auf Screencasts auf youtube oder vimeo zu. (Nicht von sich aus – aber öfter, wenn sie verlinkt werden).