Google erwartete sich von seinem mittlerweile geschlossenen Dienst „wave“ eine starke Innovation und scheiterte. Schade eigentlich. Wave hat viel Potential gehabt. Man hat viel richtig und ebenso viel falsch gemacht.

Wenn man Dienste für den Menschen entwickelt, steht man vor einer riesigen Herausforderung: Jeder Benutzer tickt ein bisschen anders. Es fängt bei Farben an, geht auf Begriffe über und endet in der Einteilung und Einordnung von Elementen der Anwendung. Wenn man den richtigen Ton trifft und mit „einfach genial, genial einfach“ bezeichnet wird, hat man es geschafft.

Google hat es geschafft, einen Medien-reichen Web-basierenden mit Konferenz- und Kommentarbaum-Funktion zu erstellen. Pro Unterhaltung wurden im mittleren Bereich Waves (heißen sie so?) geschaffen, die benannt werden konnten und Avatare der Teilnehmer enthielten. Das war sehr nützlich, weil es leicht nachvollziehbar war: das „Wer“ und das „Was“ als Hauptmerkmale sind meist für eine Zuordnung ausreichend.

Das dreigeteilte Fenster, der Web-Browser, die Unterscheidung zwischen Unterhaltungen, die Verzweigungen mit ihrer jeweiligen Parallelentwicklung innerhalb einer Unterhaltung – das roch ja so gar nicht nach Chat mit jeweils eigenem Fenster und einem einzigen seriellen Informationsfluss. Vielleicht deshalb konnte die Idee in den Köpfen der Nutzer nicht ank0mmen.

Kommt Zeit, kommt Rat. Kommt Facebook, Twitter und Timeline… Die Benutzer lernen immer mehr dazu und haben gelernt, mit Unterstützung der Diensteanbieter mehrere Streams gleichzeitig zu verfolgen. Bei G+ kommen die „heißen“ Themen (also solche, bei denen man kommentiert hat und von anderen weiter diskutiert werden) eine Zeit lang oben. Unter dem Ersteintrag sieht man die zwei letzten Kommentare. Ist der Stream erkaltet (wobei mir immer noch schleierhaft ist, wie das von Google wirklich errechnet wird), fallen sie wieder zurück. Bei Facebook finde ich die Idee der Timeline sehr gut. Auch wenn die Umsetzung auf mich recht primitiv wirkt.

In einem Vortrag oder irgendwo im Fernsehen habe ich einen Satz eines mir unbekannten Informatikers aufgenommen, der mich stutzig gemacht hat: Wenn es um Informationen und Wissen geht, kennt der Mensch nur eine Achse – die Zeit. Entlang der Lebenszeit kann man Markierungen setzen, die ein informationelles Ereignis bedeuten. Dabei ist es unerheblich, ob es eine Unterrichtsstunde, eine Buchlektüre, ein Telefonat oder E-Mail war. Jedes Datum im Zusammenhang mit einem anderen (wir Informationswissenschaftler nennen es „Information“) kann an dieser Achse irgendwo zugeordnet werden. Fast alle Informationen, die im Prozess des Informierens vermittelt werden, haben nach dem Kommunikationsmodell einen Sender (der die Information weiter gibt) und einen Empfänger. Der Empfänger nimmt die Information als Punkt in seine zeitliche Informationsachse auf. Aus dem bidirektionalen Austausch entsteht ein eigenes Ast, das einen Anfang an eben diesem Punkt hat. Die Äste erlauben einen asynchronen Fortschritt des Informierens und können parallel verlaufen. Zum Schluss sieht dieses wie ein Baum aus, dessen Äste immer nach oben zeigen (am ehesten eine Pappel).

Google hat mit Wave einen Schritt in die Richtung des Baums gemacht. Man hat einzelne Äste als eigene Kommunikationsstränge in der Mitte angedeutet, deren Ausprägung aber rechts zu sehen war. Auch die Einbindung der vielen Dienste wie Maps, Youtube etc in das Wiki-Chat war an sich richtig, als ganzes aber von den meisten nicht verstanden. Es gibt immer noch Menschen, die glauben, eine E-Mail wäre etwas völlig anderes als ein Facebook-Nachricht und unterscheiden streng danach. Dabei wäre es einfacher zu fragen: Wann habe ich es erfahren, statt das „Wie“ als Erstkriterium zu nehmen. Hätte man einen großen Informationsbaum, der alle unsere SMS, E-Mails, ToDo-Listen, Termine, Tickets etc enthielte, würde man sich sicher fragen: „Wann habe ich es erfahren?„. Ein Filter auf nur einen Mitteilungsweg wäre sicher hilfreich aber nicht entscheidend. Denn Wissen ist die Summe der Informationen, die aufeinander aufbauen. Deshalb sagen wir auch „Damals habe ich es noch nicht gewusst“ und nicht „Damals hatte ich die E-Mail noch nicht in meinem Postfach„.

Da gibt es noch das bekannte Problem der zeitlichen Differenz zwischen der Kenntnisnahme und dem Eingang. Dieses Problem entsteht z.B. beim Chat, wenn man Nachrichten an abwesende senden kann oder bei E-Mail. Die Zustellungszeit (die schon alleine von der Sendezeit stark abweichen kann) entspricht nicht dem Zeitpunkt der Übermittlung der Information an den Empfänger. Ein Baum kann diese Äste an der Stelle einbinden, die dem Zeitpunkt des Lesens entspricht.

Ein solcher zentraler Informationspunkt ist leider mit der Sammlung sämtlicher Daten verbunden. Google könnte ein solcher Werden: E-Mails, Chat, Kalender, Dokumente, ToDo’s – alles aus einer Hand. Dies ist auch meiner Ansicht nach die Tendenz unter den Großen. Statt eines schnöden E-Mail-Kontos bieten man ein „persönliches Büro samt Sekretärin“ an. Ich weiß nicht, ob ich es benutzen werde, aber ich werde sicher irgendwann einen solchen Informations- und Kommunikationsbaum erleben.