„Kocham kino“ (deutsch: „Ich liebe Kino“) ist eine Sendung im polnischen Fernsehen, in der man besondere Filme vorgestellt bekommt. Keine Oscar-nominierten Hollywood-Happy-End-Streifen der selbst geschaffene Problemfimle. Nein. Filme, die es noch nie gegeben hat. Für mich ist der Titel der Sendung zum Anspruch geworden. Ich will originelle Filme sehen, die ich nie mehr vergessen will. Heute möchte ich zwei polnisch-x-y-z-Produktionen vorstellen, die eine unentdeckte alltägliche Realität vorstellen.

Mój rower“ – „Mein Fahrrad“ von Piotr Trzaskalski zeigt die männliche Seite des Lebens. Der Untertitel klingt sehr verheißungsvoll: „Die ganze Wahrheit über Männer.“ Die Protagonisten: Opa, Vater und Sohn/Enkel stellen die drei Generationen dar – mit ihrer je eigenen Vergangenheit, Zukunft und aktuellem Daseinszustand. Sie sind prototypisch und so gut charakterisiert, dass jeder Mann sich darin wieder findet. Nicht, weil Männer so simpel gestrickt wären, sondern weil die Rivalitäten, Herausforderungen und Rollen der drei Generationen so greifbar sind. Apropos Herausforderungen: Probleme hat jede Generation zu Hauf‘ (den etwas unselbständige Opa verlässt völlig unerwartet seine Frau wegen eines anderen; der Sohn fühlt sich für den Vater verantwortlich obwohl dieser für ihn gar nichts übrig hatte, als er noch Kind war; der Jugendliche wird ungewollt Vater). Nicht im Stil von Hangover wird die männliche (teils risikoreiche) Verspieltheit gezeigt. Auch die besondere Herzlichkeit des Geschlechts kommt nicht zu kurz: ein Geburtstagskonzert von zwei Spitzenmusikern für die kleine Tochter einer masurischen Familie wird zur Vorstufe der Aussöhnung, in der die Vertreter der zwei älteren Generation die Jazz- nicht nach Noten, sondern aus dem Herzen spielen. Zur Versöhnung kommt es durch das Fahrrad, mit dem der Sohn fahren lernte. Opas ehemalige Drohung gegenüber seinem Sohn „Wenn du es nicht schaffst, nehme ich es dir weg“ klingt äußerst dramatisch und würde in einer verweiblichten Welt von heute zum Psychologenprotest führen. Aufgelöst wird die alte Geschichte durch den Enkel, der auf seine Frage, ob Opa wirklich das Fahrrad verkauft hätte und wenn nicht, warum er dies gesagt hat, diese einfache Antwort bekommt: „Damit er sich die Chance nicht versaut.“ Während wir überall die zweite, dritte und fünfzigste Chance als Option haben, nutzen wir die erste nicht – das ist männliche Pädagogik! Es ist nicht böse gemeint, es soll motivieren und zur Höchstleistung anspornen. Kein Wunder, dass der einst verschrockene Junge zum Pianisten von Weltrang wurde. Die Welt braucht mehr Väter! Eben, weil sie nicht so „perfekt“ sind, wie die Mütter. Sie sind unentdeckte Schätze unserer Gesellschaft.

Obce ciało“ – „Fremder Körper“ oder eher „Fremdkörper“ (wie eine Umkehrung der Reihenfolge hieße) von Krzysztof Zanussi zeigt eine verdorbene Schicht des gegenwärtigen „Geldadels“ und das mühevolle Leben von Menschen, die dieses perverse Spiel nicht mitmachen wollen. Der Regisseur ist nicht nur Philosoph unter den Fimemachern sondern auch eine Berühmtheit in Cannes und Venedig. In einer polnisch-russisch-italienischen Kooperation trifft die moderne globale Wirtschaft, die keine Ethik kennt und die Vermehrung der Gewinne als einziges Ziel hat, auf einen ehrlichen gläubigen Menschen, der seine Leitprinzipien um den Preis seines Lebens zu wahren versucht. Die im höheren Management angesiedelte Handlung ist den meisten Menschen recht fremd und dennoch schnell umrissen: Der Italiener Angelo verliebt sich in eine für seine Familie arbeitende Polin, die sich jedoch für ein Leben im Kloster in Polen entscheidet. Um ihr nahe zu sein (sollte sie diese Idee aufgeben) nimmt er eine Stelle bei einem italienischen Konzern in Warschau an, wo seine Chefin jegliche moralischen Prinzipien ablehnt und sogar die Weigerung eines One-Night-Stands zum Anlass nimmt, dem Mann mit Prinzipien Probleme zu bereiten. Herzlos und kalt auch gegenüber der eigenen Mutter (mit kommunistischer Vergangenheit) beschließt sie mit anderen der Chefetage, Angelo für Jahrzehnte ins Gefängnis zu bringen. In einem Komplott mit der russischen Kollegin, fädelt sie einen Bestechungsversuch in Russland ein, wofür er wegen der ihm nicht bewussten Geldübergabe verhaftet wird. Für den Appell an die grausamen Mithäftlinge, die einen Insassen vergewaltigen wollen, wird er selbst misshandelt. Zur Hilfe kommen ihm die Familien: sein Onkel – ein Kurenkardinal und der Vater seiner Kasia (der ebenfalls ein Atheist und Altkommunist mit guten Verbindungen ins Putin-Land ist). Die Novizin Katharina verlässt dafür mit einem herzlichen Wohlwollen der Oberin für einige Tage das Kloster, bleibt jedoch ihrem Weg treu.

In Polen traf das Werk auf die Ablehnung der damals regierenden Kaste. Die Vorwürfe waren kaum haltbar: Das Management von ausländischen Großunternehmen und vor allem die in Leitungspositionen würden an den Pranger gestellt. Doch stimmt das? Trotz einer guten Dosis Grau werden von Zanussi doch recht eindeutig weiße und schwarze Flecken gemalt. Unbarmherzige Chefinnen, die sogar List und Zerstörung fremden Lebens in Kauf nehmen, stehen einer warmherzigen Oberin gegenüber, die es einer Novizin nicht übel nehmen würde, aus Pflichtgefühl, Freundschaft oder Liebe das Kloster zu verlassen. Die Frage von Kasia nach einem dringenden Kurzurlaub beantwortet sie mit: „Auch wenn du niemals zurückkehren würdest – die Welt bricht ja dadurch nicht zusammen.“ Eine junge Nonne, die noch unter strenger Beobachtung steht, hat mehr Rechte als ein Angestellter im mittleren Management eines Konzerns. Abstoßend ist die Unmenschlichkeit in der Gefängnisszene und der Umgang der polnischen Chefin mit ihrer sterbenden Mutter. (Die harsche an dieser Realitätstreue brachte dem Regisseur genauso viel – sagen wir es offen – Feindschaften, wie seine Äußerung zu der feministischen Entmenschlichung dieser Art von Frauen.) In diesem Kontext des postkommunistischen Materialismus kommt sich der true Katholik wie ein Fremdkörper vor – daher das Wortspiel des Titels in meinem Hinterkopf.

Übrigens: es ist das letzte und unvollendete Werk des Komponisten Wojciech Killar, den wir aus aus Der Pianist, Die neun Pforten oder König der letzten Tage kennen. Alles in Allem ist es kein Werk für zarte Seelen, die nur Happy End gewohnt sind. Sogar die Gestalt des Vaters von Kasia wird zu einer ethischen Frage: Egal, was du warst und was du glaubst oder nicht glaubst – bist du wenigstens konsequent zur Mitmenschlichkeit bereit? Schwerwiegender ist die Frage nach dem Wert der Tugend in einer durch und durch verfaulten Welt. Soll man noch um das klare Wasser ein Leben lang kämpfen oder sich lieber mit einem braunen Schlamm zufrieden geben?