Ich kann gar nicht sagen, warum mich das polnischer Kino so fasziniert. Ist es das Detailreichtum der Situationen, der tiefe Blick hinter die Kulissen (Haltungen, Absichten und Neigungen der Handelnden) oder die Aussage darüber, worüber man nicht zu sprechen vermag? Vor einigen Wochen sah ich zum zweiten Mal einen Film, den ich vor einigen Jahren bereits teilweise ohne tieferes Verständnis schaute. Eine Betrachtung dessen, was wir unter dem Begriff „Amt“ kennen: Eine Verwaltungseinheit eines Staates. Doppeldeutig im Sinne des Filmtitels wird es erst, wenn man eine andere Definition hinzu nimmt: Institution mit einem bestimmten Auftrag. Diese Deutung steckt hinter der im Allgemeinen („das Amt Petri“, „das Hirtenamt“ etc) und den Dikasterien (Ämter bzw. die Abteilungen) im Vatikanstaat im Besonderen: Da wäre die Kongregation für den Klerus, das Heilige Offizium oder die Rota Romana (das oberste Kirchengericht). Die letzte spielt in diesem Film eine bestimmte Rolle. Es geht darin um einen Kirchenrechtler, dem das Recht auf die Ausübung seines Berufes vorenthalten wird. Dass er es so nicht hinnimmt, kann man schon vermuten.

Im Vatikan erscheint nicht der „Entrechtete“ selbst. Sein Sohn – ebenfalls ein Kirchenjurist – nutzt die Unterstützung eines befreundeten Kanonisten aus Polen, der seit Jahren in der Ewigen Stadt tätig ist und dort ein Haus besitzt. Die Geschichte um die Tätigkeit des Vaters ist relativ komplex und verfahren. Es ist aber nicht der Sinn und Zweck des Filmes, den Sachverhalt zu erklären. Wichtig ist der Blick für die Verhaltensweise der Beteiligten. So wird es dem Geschädigten als Weisheit und diplomatisches Geschick ausgelegt, dass er nicht selber dort erschien. Denn dadurch kann sich ein Amt mit der Sache befassen, nicht mit dem Menschen und seiner Emotionalität, seinen Schwächen oder seiner Lebensleistung. Diese Botenfunktion erfüllen heute bei uns die Formulare, die Kopien oder die Anwaltsschreiben. Das Amt funktioniert auch ohne den Betroffenen – angeblich sogar besser. Das ist die erste Beobachtung.

Alles hat seine Grenzen – auch ein Amt. Deshalb wird die Kompetenz mehrerer benötigt. Ob diese Zusammenarbeit gut oder schlecht funktioniert, hängt unter anderem vom Faktor Mensch ab. Sind die „Beamten“ befreundet, kommt man eine Audienz beim anderen Zuständigen sofort. Sind sie einander Feind, droht eine Ablehnung. Eine Suche nach legalen und illegalen Mitteln und Wegen wird eingeleitet – Hauptsache, man muss sich mit dieser Instanz nicht konfrontieren. Diese Angst vor der vorzeitigen Bruchlandung ist dennoch nur selten berechtigt. Nach Aussage des Kirchenjuristen aus Rom tendieren die Amtsinhaber immer dazu, einen Ausgleich zu schaffen und durch solche Ressentiments-bedingten Ablehnungen dem Ansehen des gesamten Konstruktes (wie Behörde oder ) nicht zu schaden. Beobachtung zwei: Das objektiv-juristische und das Menschliche sind kaum voneinander zu trennen.

Die dritte Beobachtung: Kafkas „Vor dem Gesetz“ ist nicht nur eine Geschichte, sondern Realität. Wenn man in die Mühlen der Ämter gerät, ist guter Rat teuer. Weder der Kurienanwalt aus Rom (ein Studienkollege des Vaters) noch die wohlwollenden Amtsträger können oder dürfen eine Auskunft zur Lage des Falls machen. Alles ist intransparent und man versucht sich in Zeichendeutung. (Das erinnert mich an einige spektakuläre Fälle aus deutschen Jugendämtern, die hinter einer Mauer des Schweigens agieren und die Aufklärung der Sachlage durch das „Amtsgeheimnis“ aktiv sabotieren. Die Eltern erfahren nicht einmal durch den Anwalt, was zu der bemängelten Entscheidung führte.) Aufgeben kommt für den jungen Juristen nicht in Frage. Er wartet den Lauf der Dinge vor Ort ab und verbringt die Zeit in der vatikanischen Bibliothek, wo er bei Studium wertvoller Werke auf Menschen trifft, die ihm behilflich sein wollen. Über Bekannte von Bekannten kommt er an einen Mitarbeiter der Kurie, der ihm Geschäft anbietet: Er „übersetzt“ ihnen tagesaktuell die polnische Politik und der Kurienbeamte wird ihm über Details zum Fall seines Vaters (Hinterzimmer-Gespräche – versteht sich!) berichten. Das lehnt der junge Pole ab. Er möchte wieder nach Hause reisen. Vielleicht ist es aber auch diese Art von Korruption (Wissen gegen Dienste) oder die Beteiligung an dieser Intransparenz, die er ablehnt. Zwischen Hoffen und Bangen wird jedes Zeichen gedeutet und nur ein Eingeweihter weiß, ob die Interpretation richtig ist.

In der Zeit um das Zweite Vatikanische Konzil werden die Kritiker der veralteten Auffassung von Amt und Glaube lauter. Sie kommen in Person eines Priesters zum Vorschein. Seine Überzeugung (das Amt der Kirche muss auf das Heil und das Wohl des einzelnen Gläubigen ausgerichtet sein und von ihm seine Legitimation beziehen) wird durch die Behörden noch aktiv unterdrückt, doch scheinen sie diese neue Entwicklung nicht mehr aufhalten zu können. (Beobachtung Nummer vier:) Ämter sind wenig fortschrittlich, der Amtsschimmel ist allgegenwärtig, Neuerungen verursachen teils panische Angst und führen somit zu übertriebenen, realitätsfremden Reaktionen.

Der Grund für die verfahrene Lage ist der Streit zwischen dem Kirchenjuristen und seinem Bischof. Dieser Bischof ist eine ganz besondere Gestalt. Die Verfolgung und Internierung (wegen seiner besonderen Treue dem Amt des Papstes gegenüber) machen ihn zu einem Ideal. Besonders einige konservative Kirchendiener sehen in ihm einen Märtyrer und einen Heiligen. Um diese heilige Aura nicht zu beschädigen und vielleicht die Heiligsprechung zu verhindern, neigen diese dazu, das Problem gar nicht amtlich zu machen und unter der Hand lösen zu wollen. (Ein Heiliger sollte nicht in den „Negativschlagzeilen“ eines Dikasteriums auftauchen.) Als der Bischof stirbt und eine Lösung des Problems in Sicht ist, geht alles sehr schnell. In der Schlussszene wird ein Dokument aus dem Hut gezaubert, in dem der Vater alle ihm zustehenden Rechte wieder erlangt. Wo man eine kleine Verwechslung vermutet (ähnlich lautende aber woanders liegende Stadt) ist es dem Amt tot ernst. Ein Bescheid, der wörtlich genommen weder eine Lösung darstellt noch eine Rechtssicherheit schafft. Ein Dokument, das scheinbar einen Fehler enthält und damit anfechtbar ist. Die Morphologie des Amtes selbst verhindert eine Lösung des Problems – das ist die fünfte Beobachtung.

Auf Grund der anderen vier Beobachtungen ergibt sich diese fatale Lage. Das Amt schafft einen Rechtsakt, der fällig überflüssig scheint. Er stellt keine (endgültige) Lösung dar. Sein Zustandekommen ist völlig intransparent. Er tradiert das übliche Vorgehen. Er dient dem Ausgleich zwischen den widerstrebenden Institutionen und Amtsinhabern, nicht dem Betroffenen. Der Mensch ist dabei nur die Ursache des Wirkens, nicht das Ziel. Der Mensch ist nicht mehr als ein Spielball zwischen den Behörden. Dabei wäre „das Amt der Kirche“ – auf deutsch eher als „Berufung“ zu verstehen – der göttliche Auftrag an diese Institution: Schenkt den Menschen das Heil, Durch den unschätzbaren Tod und die Auferstehung Jesu habt ihr den Schatz der Gnade zu verwalten. („Was ihr auf Erden bindet, das wird auch im Himmel gebunden sein.“ Matthäus 18,18)

Zum Verständnis sind einige Details der Entstehungszeit zu beachten. Das Buch und der Film entstanden in einer Zeit des vorherrschenden Kommunismus. Ein System, das an Menschenverachtung nur noch vom Nationalsozialismus zu überbieten wäre. Nicht der Mensch, sondern das System sei wichtig – war die Devise. Die Kritik an Vatikan ist exemplarisch zu verstehen (könnte überall passieren): der Sachverhalt ist im Falle des Kirchenrechts für den Zuschauer nicht alltäglich, so dass der Blick auf das „Spiel“ und die „Figuren“ gerichtet wird, nicht an den Inhalt. Kritik am Vatikan war für den „dummen Zensor“ sicher willkommen gewesen. Er konnte nicht erkennen, dass das System kritisiert wurde, welches er durch den Eingriff in die Meinungsfreiheit schützen sollte. Nicht zuletzt ist festzustellen, dass dieses Werk ein halbes Jahrhundert alt ist und eine Realität kritisiert, die vielerorts so nicht mehr besteht. Es ist eine zeitlose Anti-Utopie eines von Menschen geschaffenen Systems aus Ämtern und Institutionen. Der Autor des zugrunde legenden Romans passte in keine Kategorie: 1,5 Jahre Noviziat bei Benediktinern in Lophen (Belgien), angefangenes Jurastudium, dann Philosophie (in Polen und Abschluss in London), Kulturattaché der Volksrepublik Polen in Rom und Paris. Für ein ähnliches Werk („Das eherne Tor“ – Essays über die vatikanische Bürokratie und den Einfluss der katholischen Kirche auf die italienische Politik) wurde er mit einer Auszeichnung geehrt, was ihn „peinlich überraschte“ (wohl deshalb, weil er durch die Blume auch den Verleihenden kritisierte).

 

Die „Eckdaten“

Originaltitel: „Urząd“ (übersetzt „das Amt“)

Auf Basis eines gleichnamigen Romans von Tadeusz Breza. Deutsche Übersetzung: „Audienz in Rom

Regie: Janusz Majewski

Produktionsjahr: 1969 (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen – genauso interessanten – Film von Krzysztof Kieślowski von 1966)

Aufnahmen: Schwarzweiß.