Dieses „christliche Weihnachtsmärchen“ aus Polen widme ich allen, die Leiden und in dieser Zeit „Wort wörtlich“ nichts zu Lachen haben. Möge ihnen diese Geschichte Trost und Zuversicht spenden…

In der Hohen Tatra, ganz im Süden Polens in der Nähe des Ortes Zakopane (was zu deutsch „vergraben [im Schnee]“ oder „zugeschüttet“ heißt) lebte in etwa vor hundert Jahren ein Schäfer. Er liebte seine Heimat über alles: die hohen Berge, das Morskie Oko (den kalten Bergsee zwischen den steilen Wänden der Berge) und die unvergleichlich schöne Natur. Anders als sein Bruder wollte er um keinen Preis die Tatra verlassen und nach Schlesien in die Welt der Kohlebergwerke ziehen. Er nahm es auch hin, dass er nur als Schäfer für den reichen Herrn arbeiten durfte. Er verdiente mit dem Hüten fremder Schafe gerade so viel, dass er seine Familie ernähren konnte. Seine Familie – vor allem seine liebevolle Frau – gab ihm immer Halt, wenn er unter der Last der Sorgen zusammenzubrechen drohte. Er liebte sie und dankte Gott jeden Tag für dieses – wie er es nannte – „himmlische Geschenk“. Sie hatten zwei Kinder und erwarteten ein drittes. Doch mit jedem Monat wurde seine Frau immer kränker und kränker. Man befürchtete sogar, dass sie vor oder während der Geburt sterben würde…

Der Schäfer machte sich deswegen große Sorgen. Wer soll für die Kinder sorgen, wenn er Tage lang mit den Schafen unterwegs sein wird? Es gibt für ihn keine andere Arbeit als diese. Wie soll er überhaupt ohne seine Frau noch leben. Sie war doch sein Ein und Alles.

Als er so darüber grübelte, während er die Schafe in der anbrechenden Dunkelheit langsam in die Nähe des Stalls trieb, blieb er an einem Smentek (einer dort üblichen Darstellungsform des nachdenklich-traurigen Jesus: auf einem Stein sitzend und mit einer Dornenkrone auf dem Haupt) vorbei. Er blieb mit den Schafen dort stehen und erzählte der Figur von seinen Sorgen, über seine Liebe zu seiner Frau und von der Freude, Vater zu sein. Kaum hörte er auf, um seine Tränen wegzuwischen, sprach eine Stimme aus der Richtung der Figur zu ihm: „Sorge dich nicht. Ich will dich morgen am Abend besuchen und dir helfen.“ Der Schäfer erschrak sehr. Da er jedoch ein sehr gläubiger Mensch war und wusste, dass Gott sogar Steine zum Sprechen bringen kann, glaubte er an das Gehörte.

Am nächsten Tag nahm er sein Recht in Anspruch, zum Weihnachtsfest eines der schwächeren Tiere aus seiner Herde für sich und seine Familie zu schlachten. Er tat das und bereitete aus allem, was sein Haus zu bieten hatte: eine bescheidene und dennoch sehr festliche Mahlzeit. Seine hoch schwangere Frau staunte darüber, da man die Tage vor Weihnachten (wie im ganzen Advent) zu fasten pflegte. Er verriet ihr nur so viel: „Heute Abend bekommen wir einen Gast, der uns in unserer Not helfen will.“ Kaum wurde er mit den Vorbereitungen fertig, bekam seine Frau wehen. Der Schäfer machte sich zwar sorgen, dass er Jesus nicht gebührend empfangen kann und dass er nicht so viel Zeit für ihn hätte – jetzt, da seine Frau das dritte Kind zur Welt bringen sollte – aber er wollte sie in diesem schweren Zustand nicht alleine lassen. Einige Stunden später war auch ein leises Klopfen an der Tür zu hören. Der Schäfer eilte, um den Gast zu begrüßen. Als er die Tür öffnete sah er eine alte Frau, die in der Dunkelheit und einem immer stärkeren Schneetreiben ihren Heimweg verloren hatte. Sie bat ihn um etwas warmes Wasser und eine Übernachtung und versprach ihm, am nächsten Tag für diese Hilfe etwas Geld von Zuhause mitzubringen, um ihn zu bezahlen. Er antwortete ihr: „Eigentlich habe ich jemand anders erwartet, aber auch sie nehme ich gerne bei mir auf. Bezahlung brauche ich nicht. Vielleicht können sie mir helfen: Meine Frau ist schwer krank und bekommt gerade ein Kind.“ Die Frau lächelte mild und sagte: „Ich weiß nicht, wen sie erwartet haben, aber Gott schickt ihnen die Richtige: ich bin eine Hebamme und half schon vielen Kindern auf diese Welt.“ Sie trat herein und ging gerade aus zur Frau des Schäfers. Sie erkannte die schwierige Lage und traf Vorbereitungen für die Geburt. Als das Kind spät in der Nacht auf die Welt kam und beide – Mutter und Tochter – wohlauf waren, dankte der Schäfer Gott für seine Hilfe und staunte, dass Jesus nicht zu Besuch kam. Aus Freude über diese glückliche Geburt nahmen sie von den festlichen Speisen und feierten dies…

Am nächsten Morgen, als der Schäfer aufwachte und für die Hebamme zum Abschied ein Geschenk aus dem Festessen machen wollte, staunte er sehr, dass sie nicht im Hause war, obwohl die Tür von innen verschlossen war. Keiner der Hausbewohner schloss hinter ihr die Tür. Sie war einfach verschwunden. Der Schäfer ging am selben Tag zum Schafsbesitzer, um ihm über die Schlachtung zu berichten und die frohe Nachricht über die Geburt des Kindes zu bringen. Der reiche Man staunte und fragte genauch nach, wie solch‘ ein Wunder zustande kam. Er hatte nämlich einen Sohn, der sehr schwach und kränklich war: Die anderen Kinder wollten mit ihm nicht spielen, da er nach jedem verlorenen Wettrennen mit seiner Herkunft und dem Reichtum seines Vaters prahlte. Doch nicht die Vereinsammung und schlechtes Benehmen des Sohnes bereiteten dem Mann Sorgen, sondern dass sein einziger Erbe ständig krank war. So fragte er beim Schäfer immer genauer nach, wie er dieses Glück herbeigeführt hat. Der Schäfer berichtete es ihm genau, wie er sein Herz vor dem Smentek am Wegesrand über seine Angst vor der Zukunft klagte, über seine Freude, Vater zu sein und Gott für die Liebe seiner Frau pries. Das Geheimnis der Hebamme kannte er selbst jedoch nicht. So erzählte er, dass Jesus ihm eine solche zur Linderung seiner Not geschickt hat.

Der reiche Schafsbesitzer bedankte sich bei seinem Schäfer für die Informationen und brach zum angegebenen Ort auf, kurz nachdem er den Glücklichen Vater verabschiedet hatte. Er stellte sich vor die Figur und erzählte von seinem Sohn. Lange bekam er keine Antwort. Da er aber nicht aufgab, hörte Jesus auf seine Klage und sprach aus der Figur: „Ich möchte dir gewähren, was ich auch deinem Schäfer gewährt habe. Gehe Heim und erwarte mich morgen. Am Abend möchte ich zu dir kommen und deinem Sohn helfen!“. Der Reiche ging nach Hause und ließ alle seine Bedienstete das Haus für einen festlichen Empfang herrichten. Er nahm die besten Tiere aus seinem Stall, ließ sie schlachten und daraus ein besonderes Schmaus zu bereiten.

Am Abend des nächsten Tages warteten alle im Hause des Reichen auf Jesus. Noch vor dem Sonnenuntergang klopfte jemand an der Tür. Der Diener öffnete die Tür und berichtete seinem Herrn, dass ein Bettler im Schnee vor dem Haus stünde und um eine Gabe bitte. Der Hausherr war darüber wenig erfreut. Er schickte den Bettler weg. Einige Stunden später klopfte eine alte Frau an der Tür. Ihr Haus brannte vor wenigen Tage ab und sie hatte keine Bleibe mehr. Sie bat den Herrn des Hauses um etwas Brot und eine Übernachtung in der Scheune. Der reiche Mann, der eigentlich einen Arzt erwartet hatte, war über diesen Wunsch der Frau sehr erboßt: „Warum soll ich sie in der Scheune übernachten lassen? Da liegt das Korn von der Ernte. Vielleicht will sie mich bekauen.“ – dachte er sich. Da er jedoch ihre Not ein wenig verstehen konnte, ließ er ihr einige Stücke Brot geben und wegschicken. Spät am Abend klopfte erneut jemand an der Tür. Es war eine junge Frau mit einem kleinen Kind auf dem Arm, die den Hausherrn sprechen wollte. So sehr sich der Diener auch bemüht hat, ihr dies auszureden, umso mehr bestand sie darauf, bis der reiche Schafsbesitzer sie an der Tür empfing. Sie erzählte über das Unrecht, das ihr widerfahren ist, dass ihr Mann beim Bäumefällen für den reichen verumglückte und dass der Verwalter des Hausherrn sie aus ihrem Haus rauswerfen ließ. Doch der reiche Mann war so sehr in den Gedanken vernarrt, ein Arzt würde ihn besuchen, dass ihm alles andere als lästig erschien. Er sagte zu ihr: „Wenn du glaubst, es ist dir Unrecht gescheheh, so gehe vor’s Gericht und belästige mich nicht in meinem Haus! Ich erwarte einen hohen Besuch.“ Doch am selben Abend klopfte niemand mehr an der Tür seines Hauses.

Am nächsten Morgen ging der Schaftbesitzer zur Jesus-Figur und machte Gott vorwürfe: „Ich habe für Dich die besten Tiere aus meinem Stall schlachten lassen und habe den ganzen Tag auf dich gewartet, doch du bist nicht zu mir gekommen. Warum kommst Du zu meinem Schäfer und zu mir nicht?“ Da antwortete die Stimme aus der Figur: „Ich habe Dich gestern dreimal besucht, doch Du hast mich weggeschickt.“ Da erinnerte sich der Reiche an den Bettler, die obdachlose alte Frau und die junge Witwe mit dem Kind. Es war ihm peinlich, doch er gab nicht auf. „Warum hast du dich nicht zu erkennen gegeben?“ sagte er zum traurigen Jesus. Dieser antwortete. „Du kennst doch mein Wort: ‚Was ihr den Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.‘ Doch ich will deinetwegen nicht gegenüber deinem Sohn unbarmherzig sein. Ich schenke ihm, worum du nicht gebeten hast noch ihm wünschtes. Ich gebe ihm ein weites und weises Herz, damit er Freunde findet und zum Freund Aller werde.“