Heute gegen 9 Uhr MESZ hat die Republik Polen in einem Flugzeugabsturz das Staatsoberhaupt – den Präsidenten Lech Kaczyński – sowie viele andere Persönlichkeiten des Landes verloren. Darunter die Oberbefehlshaber der Luft-, See- und Land-Stritkräfte sowie den aus Heilsberg stammenden Militärbischof Gen. Płoski, den ich persönlich kennenlernen durfte.

Zu diesem schrecklichen Verlust mein herzliches Beileid.

Dieser Tag ist für die Polen an sich ein schwarzer Tag. Doch die Symbolik, die darin steckt versteht man als Deutscher kaum. Deshalb ein paar Worte der Deutung für ein besseres Verständnis der Völker:

Für die meisten Deutschen rangiert das Ansehen des verstorbenen Oberhauptes auf dem Nieveau vom George W. Bush. Zu Unrecht: Lech Kaczyński (Zwillingsbruder von Jarosław Kaczyński) gehörte zum intellektuellen Teil der Solidarność-Bewegung. Anders als viele Andere war er gegen den „dicken Schlussstrich“, der die kommunistische Zeit ohne Folgen für die „Russland-Diener“ abschließen sollte. Im Gegenteil. Statt großzügig über das getane Unrecht hinwegzusehen, suchte er mit seiner Partei „Recht und Gerechtigkeit“ nach Gerechtigkeit für die Opfer (und Täter). Seine Partei setzte sich gegen die sich rasend ausbreitende Korruption und führte zu einer Aufwertung des Ansehens Polens.

Er war kein Nationalist. Gemessen an der polnischen Hymne „Was uns fremde Macht genommen hat, holen wir mit dem Schwert zurück“ gehörte er zu den Bewahrern, nicht zu den Kämpfern. Mit Worten setzte er sich gegen unnötige Verluste ein, ohne Krieg zu suchen, mit dem man das Verlorene zurückholen könnte. Bei den Verhandlungen zum Lisaboner Vertrag suchte er persönlich das Gespräch mit der EU. Obwohl es nicht zu seinen Aufgaben gehörte, flog er nach Brüssel, um mit den anderen Staatsoberhäuptern den Status Polens in einer erneuerten Union festzumachen. (Es ging nicht bloß um Abstimmungsmodi, sondern um Polen als das größte der neuen EU-Länder und seine Position in der EU.) Er liebte sein Land, wie unsere Kanzlerin ihres und versuchte eine Übervorteilung zu verhindern.

Die polnische Sprache kennt als eines der ersten lyrischen Werke ein Gedicht, das für das polnische Selbstbewusstsein prägend ist: „Auch wir Polen sind keine Gänse. Wir haben eine eigene Sprache.“ Gegen Ende des Mittelalter war es immer noch nicht selbstverständlich, dass man Polnisch statt Latein im Amt und Kunst verwenden kann. Die Angst vor dem „Fremdgesteuertsein“ – hier beispielhaft durch die Verwendung einer Fremdsprache – lastet bis heute schwer am polnischen Selbstverständnis. Auf diesem Hintergrund ist der Widerspruch des verstorbenen polnischen Präsidenten gegen die Zählung nach Lisaboner Vertrag. (Die Iren haben es mit ihrem „Nein“ auch erreicht. Sie lassen sich von der EU hinsichtlich der Werte und Anschauungen nichts sagen – sprich: Abtreibungsgesetze und Co.)

Die Symbolik des heutigen Tages ist mit der Person des Präsidenten nicht erreicht. Ebenfalls in einem Flugzeugabsturz (über Gibraltar) starb der  Ministerpräsident der polnischen Exilregierung während des 2. Weltkriegs (General Sikorski). (Im Verdacht einer Manipulation am Flugzeug gerieten damals die Sowjets – Gegner eines unabhängigen polnischen Staates.)

Genau heute sollte eine große Feier für die von den Sowjets ermorderten polnischen Soldaten und Intellektuellen bei Katyń stattfinden. Auf dem Weg dahin befand sich das polnische Oberhaupt in seiner frisch generalüberholten Tupolew (Tu-154). Es war der 70 Jahrestag des Verbrechens.

Am „Weißen Sonntag“ (das wäre morgen) dem 2. April 2005 (also vor fünf Jahren) starb ein anderer großer Pole – Papst Johannes Paul II, der als Anker für das vom kommunistischen Sturm hin und her geschleuderte Schiff der polnischen Nation galt.

Auf diesem Horizont ist der Flugzeugabsturtz eine doppelte Tragödie. Alle „bösen Erinnerungen“ kommen auf einmal zusammen. Die polnische Geschichte, auf die auch wir Deutsche nicht immer einen guten Einfluß genommen haben, wird heute jedem Polen ins Bewusstsein gerufen. Deshalb sollten wir auch der befreundeten Nation mit viel Verständnis und einem echten Mitgefühl begegnen.

Ich persönlich trauere um einen Menschen, den ich in meiner Heimatstadt vor Jahren kennenlernen durfte. Bischof General Dr. iur. can. Tadeusz Płoski war in seiner Zeit als Diözesanpriester unheimlich beliebt. Ein herzlicher Mensch, ein katholischer Priester (ab 2004 Bischof) mit einer Ausstrahlung, die nur wenige haben.