In Telepolis-Online (Zeitschrift, die vom Heise Verlag herausgegeben wird) berichtet in ihrem Artikel mit dem Titel „Das unwerte Hartz IV-Leben“ über einen unglaublichen Vorgang und bringt – aus meiner Sicht – die betreffende Aussage von Gunnar Heinsohn in seinem Artikel in der FAZ ganz exakt auf den Punkt. Dieser stellt Mütter und Kinder, die von Harz-IV leben müssen als eine Art gesellschaftliches Übel, welches zu beseitigen gilt.

Diskussionen über „gesellschaftliches Übel“ oder „unwertes Leben“ kennen wir doch irgendwo her… War das nicht vor 70 Jahren im Dritten Reich? Die Frage nach dem „Wert“ war damals wie heute eigenwillig beantwortet: Ein Leben ist nur etwas Wert, wenn es der Gesellschaft nützt. Dabei ist die Nützlichkeit das einzige und oberste Ziel. Die Untersuchungsmethodik ist ebenso verfehlt, wenn auch allgemein sehr populär: Über 50% der Betroffenen ist gleich Alle (die gute „statistische Wahrheit“).

Im FAZ-Artikel werden Menschen, die „von des Staates Gnaden“ leben als Menschen zweiter Klasse abgetan und die Forderung aufgestellt, mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln diese Menschen an der Zeugung der Nachkommenschaft zu hindern – am besten Ökonomisch durch Entzug der Unterstützung. Weil überdurchschnittlich viele Kinder aus Harz-IV-Familien gegen das Gesetz verstoßen (und mehr als 50% = Alle), sollten diese am besten gar nicht erst entstehen. Sie bleiben überdurchschnittlich oft arbeitslos und teilen das Schicksal ihrer Eltern. Somit sind die unnütz und als solche zu verbieten, nicht wert zu leben (Utilitarismus).  Diesen gegenübergestellt werden die (oft psychisch gestörten) durchschnittlichen 0,8-Einzelkinder der Karrierefrauen  – die künftigen Leistungsträger, von denen die anderen Parasiten-Kinder leben.

Es leugnet niemand, dass es Probleme mit vielen Kindern der Langzeit-Arbeitslosen gibt. Auf die Frage, warum das so ist, kam der gute Herr Professor noch nicht. Geschweige denn auf die Antwort für diese Frage. Er verwechselt Ursachen mit Folgen, ein gesellschaftliches Ideal mit der Realität, gehäuftes Auftreten gewisser Merkmale mit einer notwendigen Existenz dieser Tatsache, schließt aus dem Sein auf das Soll. Alles gründlich falsch. Nun – könnte man sagen – jeder kann irren. Auch ein Professor.  Es kann jedoch vermutet werden, dass es sich um kein Irrtum handelt.

Diese Aussage steht in einem gewissen Zusammenhang mit der Hamburger Schulreform und dem Volksbegehren. Hier scheint eine finanziell besser gestellte Elite, die Kinder der Anderen vom Abitur mit allen Mitteln abhalten zu wollen und somit Vorteile für die eigenen Kinder zu verschaffen. Auch das elitäre Denken selbst ist nichts neues. Nach der mimetischen Theorie René Girards, die von Prof. Raymund Schwager um die Sündenbock-Theorie erweitert wurde, ist das unbewusste Bilden von Eliten und die anschließende Suche nach einem passenden Sündenbock nahezu notwendig, um den Zusammenhalt einer Gruppe zu wahren. Für die Gebildeten sind die Doofen die schwarzen Schafe, für die Reichen, die Armen der Ursprung allen Übels… Auch Jesus Christus war ein Sündenbock. Er redete einfach zu viel. Er konnte nicht anders, als die Wahrheit zu sagen. Die anderen wollten nur ihren brüchigen Frieden in der zerstrittenen Gesellschaft schützen…

Aber zurück zum Ausgangspunkt! Wer Kinder kriegt, fehlt öfter am Arbeitsplatz, als ein Single. Wer seinen Kindern Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe angedeihen lässt, ist stärker Zuhause gefordert, so dass er nicht unzählige Überstunden machen kann. Mit solchen Ausgangsvoraussetzungen ist man bei einer Bewerbung der drittplatzierte. Höheres Arbeitslosigkeitsrisiko. Wer von Harz-IV leben muss, kann den Kindern kaum ein Studium finanzieren. Ohne Studium wird man kein Ingenieur. Also wieder mal höheres Arbeitslosigkeitrisiko der Folgegeneration. (So weit ist die Folgerung des Professors richtig.) Trotzdem ist nicht jedes Kind aus solchen Familien ein Verbrecher. Viele von Ihnen erledigen im Erwachsenenalter gesellschaftlich absolut notwendige Jobs, für die sich die reichen und gebildeten zu fein sind. Viele dieser Kinder teilen mit ihren Eltern die lebenslange Depression (nicht gebraucht zu werden – auf dem Abstellgleis zu existieren)… was sie erst recht in der Pubertär zum Aufstand gegen diese Ungerechtigkeit bringt.

Es ist sehr erschreckend, dass sich in unserem Land eine Denkweise ausbreitet, die gleichen Ursprung mit dem Nationalsozialismus teilt: Statt „Nation“ muss man nur „die arbeitende Bevölkerung“ einsetzen und an Stelle der geistig Behinderten die Harz-IV-Frauen. Eine Analogie: wie im Dritten Reich geistig Behinderte zwangssterilisiert wurden, so soll jetzt die „Unterschicht“ ökonomisch zur Sterilisation gezwungen werden. Einige Wenige diktieren dabei, welches Leben als nützlich und somit lebenswert gilt und welches nicht.

Die christliche Lebensweise sieht anders aus: Jeder hat das Recht zu leben und die Pflicht für das eigene wohl – wie das der anderen – zu sorgen. Jeder hat das Recht auf Hilfe, Ausbildung und Solidarität. Zugleich hat jeder die Pflicht, im Rahmen seiner Möglichkeiten das beste aus dem eigenen Leben zu machen, zu arbeiten, die Nachkommenschaft zu fördern und zum Guten zu erziehen. (Jeder hat das Recht zelibatär zu leben oder die Nachkommenschaft uneingeschränkt als Gabe Gottes anzunehmen.)

Mag sein, dass die Hilfebedürftigen nicht allen Pflichten nachgehen und man von ihnen mehr Engagement erwarten soll… Ihnen aber gleich alle Rechte zu streichen ist in meiner Überzeugung nicht gerade christlich oder gar demokratisch.