Wir sind gewohnt Vieles zu Glauben und es trotzdem nicht „Glaube“, sondern „Wissen“ zu nennen. Es reicht das ein „Prof.“ über die Wirksamkeit irgendeines Stoffes in der Gesichtskrem berichtet – schon wird die Krem munter gekauft. Dass dieser Professor seinen Titel in Paläontologie (das sind die, die Dinosaurier ausgraben) erworben hatte, stört die Damen beim Einkaufen wenig. So funktioniert unser Verstand. Man fragt nicht nach der Bedingung des Zustandekommens einer Aussage. Zurecht kritisieren auch (aber nicht nur) die öffentlich-rechtlichen Sender einen Journalismus, der nicht imstande ist, zuverlässige und belastbare Aussagen zu formulieren. Leider haben auch diese Sender solche ‚Journalisten‘ in ihren Reihen…

Ich möchte Ihnen heute einen Professor vorstellen, den wir seiner Bildung wegen „Bild“ nennen werden. Dieser Prof. Bild hat im Bayrischen Rundfunk eine Sendung, in welcher er die neuesten und manchmal überraschenden Erkenntnisse der Astrophysik sehr einfach und leicht zugänglich darlegt. Astrophysik – wie gesagt. Nicht Geschichte!

Ein Wort im Voraus: Ich möchte mit diesem Beitrag niemandem schaden. Ich finde es nur notwendig, zu zeigen, dass man nicht einen „sauberen Journalismus“ fordern und zugleich den Menschen Halbwahrheiten verkaufen kann. Es fällt auf! (Sogar mir.)

Neulich habe ich eine seiner Sendungen angeschaut und staunte nicht schlecht, wie er sein Halbwissen aus seiner „Oberstufen-Zeit“ präsentierte. Ich frage nicht nach seinen Noten in Geschichte aus dieser Zeit, noch wann er dieses Fach abgewählt hat… „Ask someone who knows!“ – heißt die Devise!

Er behauptete, Galileo Galilei wurde aufgrund seiner heliozentrischen Ansichten von der Kirche verfolgt gewesen. Sein schlechter Charakter, undiplomatisches Benehmen und offensichtlichen religiösen Fehlinterpretationen blieben unerwähnt, wenn auch diese für diesen Ausgang der Geschichte entscheidend waren. Galilei war ein gläubiger Katholik und versuchte um jeden Preis – vor allem gegen die Kirche – eine Kirchenreform herbeizuführen und nebenbei das heliozentrische Weltbild als ein christliches in ihr einzupflanzen. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse sind – wie wir heute wissen – zum Teil falsch! Hier hat Prof. Bild eine oft gehörte Halbwahrheit bestätigt, statt sie genau zu recherchieren und aufzuklären. Es ist nicht gerade löblich, aber nicht weiter schlimm. Doch was er über Copernicus behauptete grenzte – meinem Empfinden nach – an Volksverdummung.

Entdecken Sie die Fehler in seinem Satz „Der polnische Domherr Nikolaus Copernicus…“ Ganz klar: „polnisch“ und „Domherr“. Im weiteren Verlauf wurde noch von Angst vor der Verfolgung seitens der Kirche berichtet. Schlimm!

Copernicus (lateinisiert), Koppernigk (in Urkunden), vielleicht mit Köpenick verwand oder – wie einige behaupten – eine Ableitung von Kupfer-Nickel (eine Kupfermünze). Egal welchen dieser Namen man nimmt, es war und bleibt ein typisch untypischer polnischer Nachname. Versuchen wir vielleicht mit dem Mädchennamen seiner Mutter und seines Onkels (für den Copernicus tätig war): Watzenrode – ebenfalls sehr „unpolnisch“. Sein Vater war Kaufmann und Beamter in der Hansestadt Thorn. Diese Stadt – vom Deutschen Orden gegründet – war eher nur auf dem Papier ein Teil des Königreichs Polen als in Wirklichkeit. Es war eine weltoffene Stadt wie Danzig oder Berlin heute. Nicht jeder, der in Berlin wohnt ist automatisch ein Deutscher. Dieser Pole Copernicus wurde von seinem Onkel mütterlicherseits gefördert (Studium im Ausland) und diente ihm später als – und hier für viele eine Überraschung – Leibarzt und treuer Verwalter. Ja, sogar als „Feldherr“ ist der Astronom seit der Verteidigung Allensteins vor dem Deutschen Orden bekannt. Astronom war er auch. Ebenso wie ein Kanoniker (die richtige Übersetzung für das lateinische Wort „Canonicus“).

Als Verwandter des Bischoft, gebürtiger Preuße und ranghoher Beamter des Bistums Ermland (ein Bistum mit eigenem Fürstbischof, zu dieser Zeit unter polnischer Herrschaft – „Regium Poloniae“) wurde er zum Kanonikern „geadelt“. Sein Titel wurde nur dem Klerus verliehen. Dabei zählte zum Klerus, wer eine Weihe (auch eine niedrige) empfangen hat. Heute ist Lektor oder Kommunionhelfer nicht mit einer „Niederen Weihe“ verbunden. Damals hat man eine liturgische Aufgabe, einen Ehrentitel und meist eine gute Stellung im Bistum, wenn man „Canonicus“ hieß. Die Übersetzung „Domherr“ ist grundsätzlich falsch (wenn auch oft anzutreffen), da die Domherren Mitglieder des Domkapitels sind und den Bischof wählen durften (…damals).

Ein Kleriker verfasst ein Buch, das der Bibelinterpretation der Katholischen Kirche offensichtlich widersprach. Da musste er sicher Angst vor der Verfolgung haben, der arme Copernicus… Oder vielleicht doch nicht? Sicher nicht vor dem Papst! Diesem berichtete Copernicus als Verwalter der Diözese Ermland in Zeiten des Sedisvakanz, mit dem Papst war sich Copernicus einig, dass die Erde keine Scheibe ist. Das berühmte Werk des Nikolaus Kopernikus ist dem Papst (Paul III.) gewidmet. Dass es mit dem Druck seines Buches („De Revolutionibus Orbium Coelestium“) nicht so recht klappen wollte, hängt wohl eher mit der ablehnenden Haltung (dieser neuen Idee gegenüber) zusammen. Wer will schon ein Buch drucken, dessen Autor ein Arzt vom anderen Ende des Reiches ist und wo behauptet wird, alles wäre anders als wir es kennen… Erst Georg Joachim Rheticus als anerkannter Mathematiker sorgte für mehr Vertrauen in diese Idee. Was wir heute in der Wissenschaftswelt als Peer-Review kennen, funktionierte auch damals genauso. Wenn ein Kollege vom selben Fach behauptet, dieser oder jener Artikel wäre interessant, stehen die Verlage beim künftigen Autor Schlange. Vorher müht sich der potenzielle Autor wissenschaftlich umsonst ab. So war es auch beim Kopernikus. Ein mutiger Verleger tat es auf die Empfehlung eines ihm bekannten „Professors“ hin. Von der allgegenwärtigen Angst vor der Kirche keine Spur!

„De Revolutionibus Orbium Coelestium“ stand nie auf dem Index der verbotenen Bücher. Als rein mathematisch-astronomisch hat es die Kirche nicht gestört. Doch aus Angst, man könnte irgend etwas auf dieser Welt über den Menschen (die Krone der Schöpfung) stellen, wurden von einigen Kirchenmännenrn Korrekturwünsche geäußert. In diesem Streit um den Heliozentrismus war die Stellung des Menschen immer der Streitpunkt. So muss man das verstehen. Es ist in etwa mit einer Situation vergleichbar, in der in unserer deutsche Verfassung der erste Satz den Ausdruck „die Würde des Menschen“ durch – sagen wir – „die Macht des Geldes“ ersetzt bekommen sollte. Danach stünde am Anfang unserer Verfassung „Die Macht des Geldes ist unantastbar.“ Würden Sie sich nicht gegen eine solche Ausrichtung unserer Gesetze stellen? Die Kirche hat Ähnliches gewollt. Den Menschen als Zentrum des Lebens sowie des Göttlichen Handelns zu sehen. Tragisch ist nur, dass sie selten und dennoch viel zu oft den Menschen Schaden hinzufügte, um den Menschen als das Allerwichtigste im Universum zu erhalten.

Unser „Prof. Bild“ hat davon anscheinend keine Ahnung. Er kennt sich in der Astrophysik gut aus. Und in der Geschichte des eigenen Fachs? Er wiederholt allgemein bekannte Phrasen und versucht nicht einmal die Geschichte ganz darzustellen. Ich vermute, dass er davon kaum eine Ahnung hat. Denn wenn er die Geschichte kannte und genau wüsste, dass im „Fall Copernicus“ von keiner Angst oder Verfolgung die Rede sein kann, müsste man ihm unterstellen, dass er mit seinen Worten nur der Katholischen Kirche schaden wollte. Dies ist nämlich gegenwärtig sehr beliebt: egal ob in obskuren pseudo-mittelalterlichen Romanen für 1,99€/100 Seiten, im Internet oder im Fernsehn. Es ist schon traurig zuzuschauen, wie den Menschen unter dem Deckmantel der  Wissenschaft Lügenbündel verkauft werden. Die Leser / Zuschauer belügen sich quasi selbst und füllen sich immer in ihrem gesellschaftlich akzeptierten Irrtum bestätigt…