Zu den Werkzeugen eines Rethorikers gehört neben den Fragen an die Zuhörer vor allem die Simplifizierung und die Vergleiche – Analogien die die eine Realität über eine andere beschreiben. Eine solche Analogie möchte ich heute nutzen, um meine Erfahrungen mit den Gottesdiensten in der katholischen Kirche in einer zuspitzenden aber auch erfrischend-lustigen Form aufzuzeigen.

Die Triedentiner

Die Lefebrianer, die Konservativen, die vom letzten Jahrhundert… Oder wie man sie im kirchlichen Alltag auch unfairerweise beschimpft. Sie lieben das Bewährte, das Formvollendete. Sie haben Zeit. Sie haben es nicht eilig. Wenn sie etwas tun, dann nur, um es zu tun – eben weil man es tun soll. Es gehört zu Traditon es zu tun und es kann nicht falsch sein, es zu tun… Ihr Auto wäre ein  Rolls Royce Silver Wraith

CC BY 2.0 @Greg Gjerdingen

Es ist kein Auto für den Alltag. Man fährt damit nicht einfach so. Es ist ein Ritual. Man nimmt sich dafür Zeit. Es fühlt sich ungewohnt an – ein wenig aus der Zeit gefallen. Man ist ein Teil des Rituals. Es gibt viele Einschränkungen: die Geschwindigkeit, der Verbrauch, die fehlenden Fahrerassistenzsysteme, keine Servo-Lenkung… Man tut es, weil man es liebt. In einem Punkt ist dieser Wagen schon ein Sieger: Er läuft noch und ist ein extrem begehrte Wertanlage.

Die Frühmesse

In den kirchlichen Einrichtungen hat sich seit dem letzten Jahrhundert die „Frühmesse“ durchgesetzt. Eine Pflichtveranstaltung, die nur einem hart gesottenen Frühaufsteher das richtige Gefühl bringt. Dieser Gottesdienst könnte am Ehesten mit einem indischen Rickshaw verglichen werden

CC BY-SA 4.0 @SnapMeUp

Zweckmäßig aber auch nicht mehr. Unbequem, laut, der Fahrtwind bläst einem ins Gesicht – aber besser schlecht gefahren als gut gelaufen… Man steigt da nicht ein, um die Fahrt zu genießen, sondern um die Fahrt möglichst schnell hinter sich zu bringen. Über die Ästhetik könnte man diskutieren aber die Schönheit liegt im Auge des Betrachters.

Die „Sonntagsmess“

Was wir heute als Sonntagsmesse kennen, ist eine Erfindung der 70er und 80er Jahre. Es ist ein Fahrzeug, das in ganz Deutschland anzutreffen ist aber langsam von der Bildfläche verschwindet. Bis auf den Anstrich ist immer das gleiche drin, weil die Rentner, die damit fahren, damit schon immer zufrieden waren. Ein Opel Kadett.

CC BY-SA 3.0 DE @Daniel Hagen

Das Auto der 80er Jahre: Pragmatisch konstruiert, moderne – fast sportliche Form, guter Motor und billig zu haben. Mit diesem Fahrzeug kommt man schnell von A nach B. Es ist einigermaßen komfortabel aber kein Vergleich zu einem Rolls Roys oder sogar einem aktuellen Fiat. Zuverlässig aber nicht mehr zeitgemäß. Deshalb experimentieren einige Fortschrittsverliebte mit alternativen Antrieben für die alten Kisten. Ein Holzvergaser „in“ einem Kadett (wie auf diesem Bild) ist mehr eine Machbarkeitsstudie als eine Modernisierung. Vielleicht sollte man das Auto auch so erhalten, wie es war, bis die christlichen Rentner aufgegeben haben und wir ein aktuelles Fahrzeug in Betrieb nehmen können.

Erlkönige und Prototypen

Wie soll die Zukunft des Gottesdienstes aussehen? Das kann niemand beantworten, denn niemand kann in die Zukunft blicken. Es gibt einige Prototypen, die sogar ohne den Priester auskommen (weil sie keine Heilige Messe sind). Sie gab es zu jeder Zeit. Jedenfalls so lange, bis wir der Eucharistie im XX. Jh. einen so hohen wert zugeschrieben haben, dass alle anderen Gottesdienstformen unter den Gläubigen als wertlos oder nur als mangelhafter Ersatz betrachtet wurden. Ein solches Fahrzeug möchte ich hier präsentieren. Es ist ein Prototyp – fast ein Vorserienmodell. Ein Waymo.

CC BY-SA 4.0 @Grendelkhan 

Eine ganz besondere Vereinigung von Gläubigen in der Katholischen Kirche macht etwas sehr Mutiges. Die charismatische Erneuerung übernimmt Elemente der Pfingstbewegung (wie z.B. die Musik oder die Gestik). Sie stellt ihr Beten unter die Führung des Heiligen Geistes. Es werden keine Lesungen und Gebete geplant. Man verlässt sich auf die Führung des Geistes Gottes. Es ist, als würde man ein Auto ohne Lenkrad nutzen. Man sagt nur wo man hin will und genießt die Fahrt. Für viele ist es zu abenteuerlich und es ist sicher auch nicht für jeden die richtige Lösung. Die einen brauchen das Lenkrad zum sich festhalten, die anderen das Betriebsgeräusch des Motors, wieder andere spielen gerne mit dem Gaspedal. Das alles ist in einem selbstfahrenden Elektrofahrzeug nicht vorhanden. „Auto“ – aus dem Lateinischen „selbstständig“ – trifft auf diesen Prototypen dennoch am ehesten. Es ist nur wenigen vergönnt, das zu erleben und es ist nicht die Antwort auf die vielen pfarrerlosen Pfarreien der Zukunft. Es ist nur ein Beispiel, dass es nicht immer Gaspedal, Lenkrad und Fahrer braucht, um von A nach B zu kommen. Nicht einmal den Weg müssen wir genau kennen.

Die Orthodoxen

Was ist mit unseren Schwestern und Brüdern des Chrisostomus- und Basiläus-Ritus? Es fällt mir schwer, ein Bild zu finden, mit dem wir es beschreiben könnten. Es muss etwas sein, was nicht herabwürdigt und doch die Schönheit und das Alter dieser Tradition umschreibt…

CC BY-SA 3.0 @Axel Hindemith

Für eine ostchristliche Liturgie (und dort mein die „Liturgie“ nur die Heilige Messe) sind viele Menschen notwendig. Die „Fahrt“ dauert viel länger als bei uns, bietet dafür schöne Aussichten und viele kleine Details, die diese anstrengende und für uns ungewohnt holprige Reise jedes Mal einzigartig machen. Es gibt Menschen, die sich genau dafür entscheiden und Gummireifen gegen Holzräder sowie Tankstellen gegen harte Arbeit im Stall tauschen. Diese antiqe Welt existiert parallel zu unserer Welt, so wie die Himmlische Welt hinter der Ikonostase parallel zum Diesseits existiert.

Was gefällt Dir am besten?

Kirchliche Mitarbeiter betonen immer, dass es nur eine katholische Liturgie gäbe und jagen uns Angst mit dem Gespenst des Eventismus ein. Eine falschere Einstellung kann es nicht geben! Es existieren viele Arten von Liturgie und die persönlichen Vorlieben müssen – wie jede Sehnsucht – eine gewisse Erfüllung finden. Es muss auch nicht immer die Heilige Messe sein. Ein zeitgemäßes und ruhiges Wortgottesdienst, das die Laien gestalten kann der Seele besser tun als eine Messe im Schnelldurchmarsch von einem gestressten Pfarrer, der schon im Studium keine drei verständlichen Sätze zusammen bekam. Folge Deinem Herzen. Störe Dich nicht an dem seltsamen Opel Kadett. Aber sei froh, wenn Du noch einen (P)Fahrer hast.