In der kleinen Stadt Wetter bei Marburg ist der Begriff „Raketenabschussrampe“ fast allen Bewohnern geläufig. Dabei sind in der Umgebung des wunderschönen Städtchens keine Soldaten stationiert. Dieses Wort bezieht sich – ähnlich wie auf den Plakaten gegen Minarette in der Schweiz – auf den Turm eines Gebetsraumes: der katholischen Kirche (Baujahr 1982?). Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die „Raketenabschussrampe“ in Wetter keinem Wetteraner (so nennt man üblicherweise die Bewohner dieser Stadt) Angst macht, die spitzen Türme an den Gebetsräumen der Kinder Ismaels hingegen schon. Nur warum ist das so? Ist diese Angst berechtigt?

Wir sind als Europäer in einer jüdisch-christlich-geprägten aufgewachsen, in der die persönliche Freiheit, gutes oder böses, richtiges oder falsches, nützliches oder sinnloses zu tun, über allem steht. Einiges wird im Nachhinein sanktioniert (Strafe) anderes hingegen schon im Voraus unterbunden – jedoch nur in sehr seltenen Fällen, so dass die persönliche Freiheit nicht allzusehr eingeschränkt wird. Die christlichen Kirchen – so zerstritten sie früher mal waren – haben dieses Prinzip als das wertvollste Gut („die Freiheit der Kinder Gottes“) und gemeinsames Erbe bis in unsere Zeit erhalten und gepflegt. Dabei musste auch das Christentum mit diesem Prinzip umgehen lernen. Schon zu Apostelzeiten gab es die erste Sozialgesetzgebung unter den Christen. Später lernten sie von den griechischen Philosophen, den Glauben mit dem Verstand zu reflektieren. Ab dem 4. Jh. führten sie auch zum Teil erbittert Streit um die richtige Deutung des Glaubens. Im 20. Jh. fanden sie nach und nach wieder zueinander.

In den 2000 Jahren war das Christentum – wie die Architektur seiner Gotteshäuser – immer wieder an die europäische Realität angepasst worden. Von den Germanen übernahmen wir Eier und Hasen als Zeichen für das sich ständig erneuerndes Leben unter die Symbole des Osterfestes. Von den Römern erbten wir die schwere aber dennoch imposante romanische Baukunst, den Archetyp der Basilika etc. Es gab keine Zeit, in der nicht das Sakrale des Christentums mit dem Sekulären im Europa nicht in sog. Interdependenz stünden. Einfacher gesagt: sie beeinflussten sich stets gegenseitig. Auch heute käme kein Bischof auf die Idee eine neobarocke Kirche mit einem Zwiebelturm zu bauen: Weder in Schleswig-Holstein, noch in Bayern. Auch die Kirche steht mit einem Bein im Hier und Jetzt (mit dem anderen in der Ewigkeit). Die Ausgestaltung und die Sprache der Gottesdienste in Togo ist somit selbstverständlich anders als in Deutschland – trotz des gemeinsamen und unabänderlichen Kerns der Botschaft oder der Liturgie.

So wie das Christentum ist auch der Islam in einer bestimmten Kultur aufgewachsen und nahm sie auf. Die Kultur wird seitdem vom Islam geprägt. Die einzig zulässige Sprache für die Lesung aus dem Koran in Augen vieler Gelehrter ist Arabisch. Das niedergeschriebene Wort des Propheten ist direkte Rede Gottes und darf deshalb nicht übersetzt werden (wenn man den konservativen Gläubigen glauben will). Die Gotteshäuser des Islam sind ganz eng mit einer bestimmten Architektur verbunden – der arabisch-orientalen . Ohne Vorliebe für diese Kultur und Kenntnis dieser alten Sprache haben es die bekehrten Europäer schwer in ihrem neuen Glauben. Cat Stevens (heute nennt er sich „Yusuf Islam“) hat leider (=meine persönliche Meinung) im Christentum den Weg zum Heil nicht finden können. In seiner ehrlichen Suche nach Gott fand er zum Islam. Einem solchen Schritt ist man auch als Christ sicherlich Respekt und Achtung schuldig. Doch seine musikalische Karriere passte nicht zu der strengen Auslegung der Offenbarung, die vor ca. 14 Jahrhunderten in einem anderen Kulturkreis zu den Menschen fand. So musste er auf die Begleitung der meisten Instrumente verzichten. Erst vor wenigen Jahren öffnete sich für ihn ein neuer Weg: Als zu-jedem-Verzicht-Bereiter eingestuft fand er im Diskurs mit den Schriftgelehrten zu einer neuen Auslegung. Die Gitarre (die wir den Mauren = spanischen Muslimen verdanken) darf seitdem als Begleitung genutzt werden…

Es scheint, als ob Islam um jeden Preis an der arabischen Kultur haften wollte. Unser deutsche Begriff „Islamisierung“ meint auch nicht so sehr die Ausbreitung der dritten monotheistischen Religion. Es drückt bei vielen die Angst vor dem steigenden Einfluss einer ganz fremden Kultur. Genau hier ist der Streit um die Minarette anzusiedeln. Ein Minarett ist – genauso wie der Kirchenturm mit den Glocken – kein unverzichtbarer Teil einer Offenbarung. Es gehört jedoch zur religiöser Praxis und Tradition. Deshalb darf der Atheist in der Osternacht von den Glocken der benachbarten Kirche geweckt werden. Ein Verbot des Minarett-Baus würde sicherlich von den Obersten Deutschen Richtern für Verfassungswidrig erklärt werden. Auflagen zur Ausgestaltung wohl nicht. Keine Stadt der Bundesrepublik würde es erlauben, mitten in der Altstadt z.B. neben dem Kirchenturm „das goldene M“ des berühmten „Feinschmeckerrestaurants“ in 15 Metern Höhe aufzustellen. Es passt einfach nicht dahin! Es ist einfach eine Geschmackssache.

So ist es auch mit den Kirchentürmen und Minaretten. Weder die Bibel noch der Koran machen genaue Angaben zum Bau des Gebetsraumes oder dessen Verzierung. Die modernen Kirchen sind ein Ausdruck des Zeit- und Ortsabhängigen „Gustus“. Warum soll es bei unseren Brüdern – den anderen Söhnen Abrahams – anders sein? Die „Raketenabschussrampe“ aus Wetter wird belächelt, weil es einen nicht mehr zeitgemäßen Geschmack in Erinnerung ruft. Die Minarette finden so viele Feinde, weil sie Symbole des Fremden sind. Es fehlt hier meines Wissens auf beiden Seiten an Bereitschaft, einander zu begegnen. Auch in Völklingen bestätigt sich diese Erkenntnis. Die Muslime (die meisten in Deutschland stammen aus Dörfern in der Türkei) wollen den Tempel aus ihrer Heimat nach Deutschland „teleportieren“ und die Nachbarn des künftigen Gotteshauses (meist ohne größere Kenntnisse des fremden Glaubens) entwickeln Angst vor Allem, was nicht in das  Auge des Betrachters hineinpasst: schlanke Türme, Kuppeln, Teppichhändler, verschleierte Frauen, aufgemotzte BMW’s und und und…

Ich finde es persönlich sehr schade, dass sich in unseren Breitengraden, die von Toleranz und Achtung der persönlichen Freiheit geprägt sind, genau das verwirklicht, was schon in den USA als Fehler längst erkannt wurde: die „China-Towns“, die man auf deutsch als „Klein-Instambul“ für gewisse Stadtteile übersetzt – Orte der Abkapselung, ein sicheres Umfeld für die Pflege teils undemokratischen Riten (wie Zwangsheirat) und andererseits „eine Müllkippe“ für eine Gesellschaft, die eine echte Begegnung mit dem Fremden scheut.

Zum Schluss möchte ich betonen, dass es nicht meine Absicht war, die Gefühle der Leser zu verletzen. Ich wäre über jeden Widerspruch und Kommentar froh, da dieser ein Zeichen dafür wäre, dass man sich mit diesen Problemen auseinandersetzt, sich Gedanken macht oder eigene Meinung bildet.