In einer katholischen Taufe wird ein Jahrtausende altes Ritual verwendet, welches liturgisch wenig bewanderten und biblisch nicht sehr sattelfesten Christen seltsam anmutet. Die Salbung. Sie stammt aus dem Alten Testament und bezog sich insbesondere auf die Könige (z.B. David). Mit der katholischen Chrisam-Salbung (weil so das duftende Gott geweihte Öl genannt wird) werden alle seine neuen Mitglieder zu Königen, Priestern und Propheten gesalbt.

Es ist kein Zufall, dass es genau diese drei sind. Sie repräsentieren die drei Haupt-Bereiche, die Gott für „das Management“ seines Auserwählten Volkes geschafften hat. Es waren nicht immer drei. Anfangs gab es nur die Patriarchen wie Isaak oder Jakob, später die „Richter“ – die sowohl Anführer im Krieg als auch fürsorgliche und gerechte Schlichter waren, Männer wie Frauen – nicht dem Geschlecht, sonder der Berufung nach. Die Aufgaben der drei Säulen des Gottesvolkes waren: Leitung (bzw. Verwaltung), Tempeldienst (die kultische / priesterliche Tätigkeit rund um das Gesetz des Mose) und die Propheten (Verkündigung, Beratung und Ermahnng). Heute werden sie in der Kirche anders verstanden:

  • Der König steht für denjenigen, der von Gott eingesetzt wurde, diese Welt zu „managen“. D.h. im Sinne Gottes diese von ihm geschenkte Welt zu gestalten, klug zu nutzen und zu bewahren. (Auch Kinder als seine Geschenke anzunehmen und zu guten Menschen zu erziehen ist in einer Ehe in diesem Sinne königlich.)
  • Der Priester steht für das Gebet, das man als „Ansprechpartner Gottes“ für sich und die anderen vollzieht. Dieser Dienst steht heute allen offen. Man muss nicht mehr aus dem Stamm Levi abstammen. Zu Gott Kontakt zu halten und mit Bitten (oder Dank) für sich oder andere vor Ihn zu treten ist in diesem Sinne priesterlich. (Das II. Vatikanische Konzil spricht vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen, das vom speziellen „Weihepriestertum“ zu unterscheiden ist.)
  • Der Prophet ist einer, der die Dinge mit Gottes Augen sieht. Er verkündigt, er ermutigt, er mahnt. Aber vor allem ist er offen für den Geist Gottes, der ihn zum Wunderheiler, Unheilspropheten und oft Asketen macht. In der Führung des Volkes ist er das Gewissen. Das schon erwähnte Konzil ermutigt uns, Propheten zu sein, indem wir das Wort Gottes lesen und in unserem Leben das umsetzen, was wir daraus verstanden haben.

Manchmal – wenn sich Menschen über ihre (noch vorhandenen) Pfarrer beschweren, über die krebsartig wuchernde „Verwaltung“ der Kirche(nsteuer) oder über den Mangel an spirituellen Anführern beklagen – fällt mir auf, dass die katholische Kirche heute diese Trias sehr gut umgesetzt hat. … Bis auf die Propheten.

Wir leben in einer stark formalisierten und bürokratisierten Kirche. Den Kirchensteuern sei Dank. Wir haben viele „Könige“ (Bischöfe) und ihre Angestellten, die das Volk leiten und managen (um nicht zu sagen: „verwalten“). Das muss auch so sein. Eine Schafherde ohne einen Hirten kann bekanntlich nicht überleben, egal wie viele Schäferhunde sich abmühnen würden. Die Hirten sind die Bischöfe mit dem Papst und deren Mitarbeiter – die Priester. Ihnen hat Jesus die Sorge für ein gesundes Wachstum der Kirche anvertraut. Seid den 80er Jahren sind aber auch viele Laien als Mitarbeiter der Hirten eingestiegen und verwalten es (als Mann oder Frau) so gut sie es können. Doch auch sie sind fern ab der Realität, in einer Kirchen-Slang verfangen und können mit ihren Pastoralkonzepten oft nur ein müdes Lächeln auf den Gesichtern der Gläubigen hervor zaubern.

Ohne die sonntägliche Eucharistie ist eine Gruppe von Menschen keine Kirchengemeinde. Ohne Sakramente und Gebet ist laut Papst Franziskus die Kirche nur eine NGO. Deshalb hat Gott Menschen ausgesucht, die als Mittler der Gnade dienen sollen. Im Alten Testament waren es verheiratete Männer aus dem Stamm Levi. Spätestens seit dem Konzil von Trient hat sich das Zölibat als die geeignete Form für Priester durchgesetzt. Die gänzliche Hingabe an Gott nach dem Vorbild der Jesu (und später der Mönche) wurde nicht ohne Grund zum Standard. (Das Angestellten-Denken kann man schon bei einem Gemeindereferenten kaum ertragen – bei Priestern erst recht! Die Zerrissenheit zwischen Familie und Priestertum täte den Betroffenen auf Dauer auch nicht gut.) Die „Leviten“ treten für uns vor Gott ein und bringen uns seine Gnadenschätze in den Sakramenten. Oft erleben wir sie jedoch nicht als „Freunde und Vertaute Gottes“, sondern als Sakramentenspendeautomaten mit übergroßem Ego. Sie können uns kaum etwas von ihrem Lebensweg mit Gott erzählen und haben für uns – außer einer menschlichen Empathie – keinen göttlichen Zuspruch anzubieten.

Ihnen gegenüber stehen die Propheten, die Seine Stimme hören und von Ihm „informiert“ werden. Diese Menschen, die Karl Rahner und nach ihm Johannes Hartl „Mystiker“ nennen, sind diejenigen, die durch die persönliche Lebensgeschichte Gott so nah geworden sind, dass sie das Ohr auf seinem Herzen liegen haben. Deshalb treten sie – oft von den anderen Ständen unerwünscht – laut für ihre Sichtweise ein. Sie sprechen nicht mit einer Stimme, sondern jeder aus seinem Gewissen heraus – wie er es fühlt. Das Reichtum der Lebens- und Denkweisen dieser Propheten wiederspiegelt zum Einen die Katholizität („weite Ausbreitung“) der Kirche als auch die Freiheit des Heiligen Geistes, der weht, wohin er will. Die Propheten sind der Kontrapunkt zur starren Verwaltung der „Könige“ und das persönliche und belebende Element, welches die „Leviten“ im Formalismus verloren haben. Doch das schönste am Stand der Propheten ist, dass auch die Verwalter und die Priester Propheten sein können! Von der Liebe Gottes Zeugnis geben können Laien aber meist besser als Berufskatholiken. Ohne Amt und Verantwortung können sie Dinge zur Sprache bringen, die amtlich ein No-Go oder für das Mainstream-Christentum undenkbar wären. Propheten können sowohl liberale Freunde der Freikirchen als auch erzkonservative Gott-verliebte Männer und Frauen sein. Es können sogar Kinder sein. (Vgl. 1 Sam 3)

Wir brauchen mehr Propheten! Unter den Priestern, unter den „Königen“ aber vor allem unter den ganz gewöhnlichen Laien. Denn sie sind Mystiker. Ihr Ohr ruht auf dem Herz des Vaters. Der Geist Gottes wirkt in ihnen. Diese Qualitäten sucht man vergeblich in den Verwaltungen oder in den Reihen der selbsternannten Katholiken-Vertreter. Die Propheten bringen die Vielfalt in die Kirche und machen sie offener für die Menschen aber auch stärker auf die Stimme Gottes ausgerichtet. Sie sind „das Gewissen“ der Kirche.