Hört dieses Wort, die ihr die Schwachen verfolgt und die Armen im Land unterdrückt. Ihr sagt: Wann ist das Neumondfest vorbei? Wir wollen Getreide verkaufen. Und wann ist der Sabbat vorbei? Wir wollen den Kornspeicher öffnen, das Maß kleiner und den Preis größer machen und die Gewichte fälschen. Wir wollen mit Geld die Hilflosen kaufen, für ein paar Sandalen die Armen. Sogar den Abfall des Getreides machen wir zu Geld. Beim Stolz Jakobs hat der Herr geschworen: Keine ihrer Taten werde ich jemals vergessen. Mit diesen Worten kritisiert das Buch Amos (das erste schriftlich überlieferte Buch der Bibel) im Kapitel 8 (Verse 4-7) die Zustände im Land. Ganz schön hart! An Aktualität hat dieser Text nach wie vor nichts verloren. Es ist erschreckend, dass es allem Anschein nach immer aktueller wird. Die Schere zwischen arm und reich geht nach

Aussagen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands immer weiter auseinander, die Armut nimmt in der Breite der Gesellschaft zu. Es scheint insgesamt eine Erfahrung des einundzwanzigsten Jahrhunderts zu sein, dass die Systeme nicht mehr tragen. Die sog. Finanzkriese ist der beste Beweis dafür: Geld als eine Scheinwährung, die in sich zusammen brächte, wenn die Politik es nicht (auf unsere Kosten) gerettet hätte. Die Gesellschaft als ein solidarisches System versagt und entlastet die Superreichen, lässt die Armen aber immer stärker verkommen. Die Gesetze und die Jurisdiktion heben von der gelebten Moral ab und operieren mit abstrakten Begriffen, die in akademischen Kreisen nur mit Mühe verstanden werden. Die biblische Mahnung zur Schonung der Folgegeneration wird schamlos wegdiskutiert, um immer neue Schulden zu machen oder die Unterstützung, die den Eheleuten und  Eltern vorbehalten war, Hinz und Kunz zukommen zu lassen. Der Unterschied zwischen den Zielen und der Realität ist gewaltig. Das gibt es auch in der katholischen Kirche als Organisation (bzw. System). Die Kritik an diesem Zustand kommt von niemand anderem als dem Papst selbst. Er stammt nicht aus dem reichen Europa und hat das Leben in den Ländern Lateinamerikas vor Augen. Sein Interesse gilt anderen Fragen als den der theologischen Wissenschaft. Er steht voll und ganz in der Tradition des Hl. Franziskus von Assisi.  Dabei ist er nicht der einzige. Man erzählt sich über das II. Vatikanische Konzil die folgende Anekdote.

Während einer Sitzung des Konzils hat sich ein Kardinal mit einer flammenden Rede für die Armut der Kirche eingesetzt. Doch als er abends zu seiner Unterkunft fahren wollte, fand er auf der Heckscheibe seines edlen schwarzen Mercedes dieses Zitat aus der Bibel geschrieben: „accepit mercedem suam“ – „haben ihren Lohn bereits erhalten“. Diese Worte stammen aus dem Matthäusevangelium (6,2) und kritisieren die Charity-Praxis: „Tu Gutes und sprich darüber“.

Franziskus (der Heilige ebenso wie der jetzige Papst) geht kritisch mit Systemen um. Darin teilt er ein Wenig die Kritik der sog. Befreiungstheologie der 80er Jahre, die Systeme als Ursprung und Quelle der Sünde ansehen. Diese Ideologie führt in der Reinform zur Legalisierung der Revolutionen und macht den Menschen zum Opfer seiner Umwelt – und somit Schuldunfähig (mangels Freiheit in der Entscheidung). Diese – vor allem von Leonardo Boff – vertretene Ansicht wurde vom Johannes Paul II als Marxismus enttarnt und verurteilt. Diese Entscheidung wird auch Franziskus sicher mittragen. Sein Engagement für die Verlierer der Systeme wie die Fußwaschung im römischen Jugendgefängnis am Gründonnerstag oder das Angebot der Taufe eines unehelichen Kindes (das nach dem Wunsch seines Vaters abgetrieben werden sollte) ist offensichtlich. Die Aussage dahinter lautet: Das Versagen des Systems darf nicht bloß als Schicksal eines Einzelnen angesehen werden. In jedem System gibt es die Schwächeren, die geschützt werden müssen. An ihnen wird die Schwäche des Systems sichtbar. Papst Franziskus bringt in das Leben der Kirche einen frischen Wind. Es ist faszinierend, wie er die uralten Probleme der Kirche angeht und die Glaubenspraxis mit seinem Vorbild erneuert.