Haben Sie „Deutschland schafft sich ab“ gelesen? Und „Schafft sich die ab?“ ? Nein? Nicht schlimm. Sie haben nichts verpasst… Ich hörte das Interview zu diesem Buch in Deutschlandradio und dachte mir nur: Schuster, bleib bei Deinen Leisten!

Wenn ein Unternehmensberater auf das Abstellgleis zusteuert und noch etwas Geld brauch – was macht er da? Richtig geraten! Bücher schreiben. So auch in diesem Falle. Ein Unternehmensberater packt sein Fremdwörterbuch aus und gibt seine wohlklingenden Ratschläge ohne einen Blick auf die Realität ab. Er tut dies so, wie er es schon immer und überall getan hat. Ein bekanntes und sehr lustiges Beispiel für dieses Vorgehen gibt es seit Jahren in der Geschichte vom toten Pferd.

Seine kurz zusammengefasst:

  1. Hausgemachte Vermittlungskriese
  2. Charismatisches Führungspersonal wird nicht befördert
  3. Die Hierarchie (die Oben wissen nicht, was die da Unten tun)
  4. Katholischer sein, nicht römischer
  5. Nicht der Mensch muss sich ändern, sondern die Kirche (die Kunden verstehen den Anbieter nicht – eine Rekursion auf Punkt 1?)

 

Ich kann das so nicht stehen lassen. Die Kritik ist nicht unbegründet aber sie weist oft in die falsche Richtung bzw. zeigt keine Richtung. Manchmal ist sie so aussagekräftig wie jedes Gutachten der Unternehmensberater (eine lose Aneinanderreihung von vieldeutigen englischsprachigen Floskeln).

  1. Natürlich muss die Kirche die Zeichen der Zeit erkennen. Das schreibt sie selbst in ihren Dokumenten. Nur was bedeutet das? Ist eine Synode zur Neuevangelisierung der eigenen Mitglieder nicht die Reaktion auf den Mangel des Glaubens und der Gotteskenntnis? Die Kirche ist sicherlich nicht die Schnellste. Sie ist träge wie z.B. der deutsche Staat. Nur dass sie mehr Mitglieder auf der ganzen Welt hat. Ein so großes (globales) Änderungsvorhaben kann nur durch ein Konzil geschehen. Ein solches haben wir vor. ca 50 Jahren erlebt. Eine logistische, kulturelle und intellektuelle Meisterleistung.
  2. „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ – meint Helmut Schmidt. Visionen sind genauso wenig die Lösung für eine große Organisation wie in ein einzelner begnadeter Geiger für ein ansonsten mittelmäßiges Orchester. Ein Orchester besteht nicht nur aus dem Geiger. Ein Orchester ist auch mehr als Dirigent. Auch die EU hat kaum unter ihren Staatschefs Visionäre vorzuweisen. Der US-Präsident Obama ist ein Visionär. Deshalb mögen wir ihn. Aber ein gescheiterter, da ihn das Parlament ausbremst. Um wo wir gerade bei Charismatikern sind… In Frankreich erneuert sich die Kirche sehr stark. Es entstehen viele kleine charismatische Gruppen, aus denen die Priester und künftig sicher auch Bischöfe hervorgehen. Und die sind besonders „Rom-treu“.
  3. Wenn der Vorstand eines Weltkonzerns die Lebensumstände seines am schlechtesten bezahlten Mitarbeiters kennen würde, wäre das Unternehmen sicher anders. Wirklich? Das glaube ich nicht. Die Aufgabe der Chefs ist nicht, das Unternehmen an alle Mitarbeiter anzupassen, sondern die Unternehmensziele fest zu setzen und sie zu realisieren. Analog gilt in der Kirche: Die Aufgabe des Vatikans ist die Bewahrung des Glaubens als eindeutige Prinzipien nicht die Verwässerung in undurchsichtige Einzellfallentscheidungen. Im Einzellfall ist das Gewissen des Menschen entscheidend. Das schöne am Glauben ist, dass alle (Oben wie Unten) die (fast) gleichen Überzeugungen teilen. Aus unterschiedlicher Kenntnis des Glaubens heraus kann es durchaus Unterschiede geben.  Was womöglich fehlt, ist die Verbindung zwischen A und B. Wie lässt sich das Prinzip ins Leben umsetzen und welche Probleme gibt es in der Praxis, die durch das Prinzip nicht abgedeckt sind? Hier wären die Seelsorger, die Bischöfe und das Kirchenvolk – alle drei – gefragt. Egal auf welche Seite oder Spitze das Dreieck gedreht wird. Es bleibt ein Dreieck. Vom Versetzen der Schützengräben ist noch kein Frieden geschlossen worden. Die Gemeinsamkeiten zu betonen ist nützlicher, als auf  den Unterschieden zu reiten…
  4. Was soll man dazu noch sagen? Als der jetzige Papst den rechten Flügel wiedereingliedern und zu den Ostkirchen (Schwesternkirchen) die Tore aufstoßen wollte, haben die meisten gemeckert. Dabei war dieser Schritt noch der einfachere. Parallel dazu gibt es die Zen-Meister in (meist deutschen) Benediktiener-Klöstern. Die Charismatiker haben auch ihren festen Platz in der Kirche. Die Mystik und die religiöse Symbolik (als Gegenstücke zum Intellekt) scheinen recht stark und in verschiedenen Richtungen innerhalb der Kirche ausgeprägt zu sein. Was meint denn der Mann also? Dann ist es egal wie man den Dreieck kippt und welches Eck wohin gedreht wird. Die Neudefinition von Verteidigungslinien hat noch keinen Krieg beendet.
  5. Die Kirche muss den Menschen in seiner Sprache ansprechen. Genau dies sagt auch das II. Vatikanische Konzil. Das Problem der Vermittlung ist, dass man eine gemeinsame Sprache spricht, die beide verstehen und die nichts wesentliches auslässt. Das kann oft nur mit Kunstbegriffen geschehen, wie sie in Thesauri und Normdateien oder Fachsprachen vorkommen. Vor gleichem Problem steht der Gesetzgeber oder ein Bürger, der einen Vertrag unterschreibt, ohne den Wortlaut überhaupt verstanden zu haben. Manchmal geht es eben nicht einfacher. Deshalb ist es wichtig, dass der Glaubende seinen Glauben auch richtig kennen lernt. Religionsunterricht und Katechismus sind die Mittel dazu.  Ich kann mich sehr wohl daran erinnern, wie schwierig es war, die langen Sätze mit Worthülsen auswendig zu lernen. Mit den Fremdsprachen, Geschichte und Biologie ging es auch nicht anders. Heute verstehe ich die Zusammenhänge und die Bedeutung. Aus meiner Sicht: Weiterbildung und Interesse auf der einen Seit und eine bessere homiletische Ausbildung auf der anderen Seite sind genauso wichtig.

Das Geld für dieses sollte man lieber sparen und der Caritas schenken. Was soll man schon von einem erwarten, das schon den Titel völlig einfallslos kopiert?