Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts liegt erst einige Stunden zurück… Und schon“bedrängt mich“ das Gefühl, dass es keine Entscheidung war. „Entscheidung“ meint etymologisch (der Herkunft entsprechend) „Ent-Scheiden“, „von etwas Abstand nehmen“ und reiht sich im Wörterbuch zwischen die Wörter „entscheidend“ oder „entschieden“ ein. Doch so entschieden scheinen die Obersten Richter gar nicht zu sein…

Sie versuchen einen Spagat zwischen dem Volkswillen (also in etwa das gleiche wie die Schweizer mit Ihrer Volksabstimmung zu Minaretten) und dem was das als Fundamente unserer Gesellschaft festlegt: Schutz des Sonntages als eines besonderen Tages, Freiheit der Religionsausübung oder Schutz der Ehe und Familie. Da ich die Materie nur so gut verstehe wie ein 08-15-Durschnittsbürger (und vielleicht auch deshalb erst recht) kann ich aus meiner Sicht nur sagen: Es ist kein überwältigend Salomonisches Urteil. Und das aus mehreren Gründen:

  1. Der sticht nicht wirklich als besonders schützenswert heraus. Ich hätte mir an dieser Stelle mehr erwartet. So etwas wie: „Verkaufsoffener ist eine seltene Ausnahmeregelung, die nur zum Wohle der Menschen und im Einklang mit der ganzen Gesellschaft genutzt werden darf.“ Lobenswert ist hingegen die Rückbesinnung auf die Jüdisch-Christlichen Fundamente dieser Regelung.
  2. Die Freiheit der Religionsausübung kam aus meiner Sicht etwas zu kurz. Es hätte klar darin stehen müssen, dass kein Arbeitnehmer am Samstag nachmittags und Sonntags von früh bis spät zur gezwungen werden darf, so dass ihm die Möglichkeit offen bleibt, einen Gottesdienst wenigstens am Vorabend besuchen zu können. (Wer soll den Arbeitgeber daran hindern, seinen Angestellten gemäß den Vorgaben morgens in die Gemüse-Abteilung und nachmittags zwischen die Anzüge, Mäntel und Jacken zu stecken?) Jetzt liegt es in einem solchen Fall an den  Arbeitnehmern, sich  „durchklagen“ (wenn sie keine Angst vor Arbeitslosigkeit haben). In Zeiten, in denen zurecht (!) den gläubigen Muslimen-Jugendlichen erlaubt wird, auch in der Schule fünf mal am Tag beten zu dürfen, hätte man ebenso entschieden bei christlichen Arbeitnehmern vorgehen können. Nicht zuletzt wäre ein Tausch mit den „Gott-Ergebenen“ (wörtlich übersetzt für „Muslim“) Freitag („der Sonntag“im Islam) gegen Sonntag eine durchaus praktikable Lösung!
  3. Gemäß dem ironischen aber sehr zutreffendem Spruch „Der Unterschied zwischen der Ehe und allen anderen Ehe-ähnlichen Lebensformen besteht darin, dass Ehe und Familie im Grundgesetz genannt werden“ kann man die Entscheidung des Verfassungsgerichts als „gratis Aufwertung“ der Ehe und Familie sehen. „Gratis“ – weil es den Staat nichts kostet, außer einer hypothetischen und nahezu wirkungslosen Anerkennung dieser kleinsten Gemeinschaft. Da oft junge Frauen (also auch junge Mütter) uns in den Geschäften bedienen, müsste man zurecht fragen: Ist ein Shopping-Marathon am Sonntag ein so hohes Rechtsgut, dass man in dessen Namen den Kindern das Recht auf eine entspannte Atmosphäre, Spiel und Spaß mit der eigenen Mutter versagt? Aber zumindest sind die Interessen des Einzelhandels zur „Ausnahme“ degradiert und das Recht auf Freizeit und dessen freie Ausgestaltung bestätigt worden! Mal sehen, wie dieses Wort so interpretiert  wird in den Gesetzen der Länder…

Natürlich ist Sonntagsarbeit notwendig: bei Ärzten, Polizisten, Köchen, Museumswächtern etc. Nur nutzen wir diese außerordentlichen Dienste in rechter Art und Weise? Ich befürchte, eher nicht. Die Museen sind nicht alle so heiß begehrt. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Wenn nur ein Drittel offen hätte, hätten die Deutschen genug zu bestaunen. Auch nicht jeder Koch steht zurecht in der Küche, während seine Frau mit den Kindern aus dem Sonntag das Beste zu machen versucht. Am schlimmsten ist die Lage der Ärzte. Jeder Doktor, der am Sonntag in der Klinik bis zu 10 Kollegen ersetzt (und dementsprechend für alle ihre Patienten die Verantwortung trägt) wird von vielen Menschen als der sprichwörtliche „Depp vom Dienst“ mit allerlei Zipperlein wie der gewöhnliche Hausarzt (der ja genauso wie Apotheker Dienstplan-gemäß auch offen hätte) belästigt. Es sind die Lieblingspatienten, die schon seit Dienstag Kopfschmerzen haben aber erst am Sonntag es merken und dann direkt in die Klinik fahren, weil sie ja sonst in der Zeitung nachschlagen müssten, wer offen hat… Und vielleicht ist ja das Wartezimmer doch nicht leer… Die Medikamente gibt es für einen Tag gratis dazu! Warum soll man dann noch nach einer offenen Apotheke suchen?

Diese Art und Weise der Nutzung des Sonntags offenbart nur eines: eine Geringschätzung diesem Gegenüber. Der Sonntag ist zum arbeitsfreien Alltag verkommen. Es ist der Tag der Wahrnehmung fremder Arbeit. Für einige sogar ein halber Arbeitstag, weil man ja immer mehr leisten muss zu immer günstigeren Preisen. In einer Marktwirtschaft gibt es nur nur ein Gesetzt: Der Einkauf muss immer günstiger werden! So müssen auch Handwerker günstiger sein – ihre Arbeit ist immer weniger Wert. Ergo: Um nicht weniger zu verdienen, muss er eben mehr leisten – auch Sonntags! Auf der anderen Seit gibt es auch welche, die gut verdienen und deshalb ihre Arbeit der Sonntagsruhe vorziehen – wie ein Roulettespieler, der sich an eine Glückssträhne klammert. Auf diese Weise unterbietet er seine Konkurrenz und zwingt diese, gleiches zu tun. Auch derjenige, der Sonntags zum Arzt geht, hat einen Vorteil seiner Konkurrenz gegenüber: weniger warten, Arbeitsstunden zu 100% für die pure und besinnungslose Arbeit nutzen. Das gute an der Entscheidung ist, dass es für Inhaber-geführten Läden genauso gilt wie für Einzelhandel-Großkonzerne. So haben alle zumindest rein theoretisch die gleichen Chancen!

Wer den Sonntag gering schätzt, nutzt ihn so, dass er mehr verdienen kann, weil Geld mehr wert ist als der Sonntag. Wer den Sonntag als wertlos betrachtet, nutzt ihn so, als wäre er die fehlende 25. Stunde des normalen Arbeitstages. Wer den „Sonntag nicht heiligt“, rechnet ihn als Zeitpuffer des Arbeitstages voll in die Auftragskalkulation ein. Wer den Sonntag so nutzt, verschafft sich selbst Vorteile und schadet oft der Gesellschaft.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Das Bundesverfassungsgericht hat etwas mutlos versucht aus dieser prekären Situation das beste zu machen und der Sonntags-Shopper oder der zeitlich beengte Selbständige ist kein böser Mensch. Aber man wird ja doch fragen dürfen: „Und wie viel ist Ihnen der Sonntag wert?“