Zur Erfüllung dieses ihres Auftrags obliegt der allzeit die Pflicht, nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten.

Gaudium et spes (4) – pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute

heißt es in dem Dokument des II. Vatikanischen Konzils. Der Abschnitt bedeutet sinngemäß: die muss die Veränderungen in der Welt und wahrnehmen und aus dem Evangelium heraus dem suchenden Menschen Antwort zu geben. Im weiteren Teil des Schreibens gibt das Konzil konkrete Antworten. Besonders im Punkt 14 fällt eine interessante und eindeutige Antwort:

Das leibliche Leben darf also der Mensch nicht geringachten; er muss im Gegenteil seinen Leib als von Gott geschaffen und zur Auferweckung am Jüngsten Tage bestimmt für gut und der Ehre würdig halten.
Durch die Sünde aber verwundet, erfährt er die Widerstände seiner Leiblichkeit.
Daher verlangt die Würde des Menschen, dass er Gott in seinem Leibe verherrlichen und ihn nicht den bösen Neigungen seines Herzens dienen lasse.

Gaudium et spes (14) – pastorale Konstitution über die Kirche in der Welt von heute

Der menschliche Leib ist zur Heiligung bestimmt und soll – wie Apostel Paulus sagt – in den Dienst Gottes gestellt werden, genauso wie die Seele und der Verstand. Davon scheinen einige Kreise in der katholischen Kirche in Deutschland abzuweichen. Anscheinend ist ihnen die Lehre zu hart.

„Sollen die Priester heiraten können? – Warum denn nicht, wenn sie sich lieben…“ – lautet ein alter Witz über das Zölibat. Viele halten es für nicht mehr zeitgemäß und beachten erst gar nicht, was die zölibatär lebenden Priester und Bischöfe dazu sagen. Die fehlende Pflichtehe für Priester sei – laut vielen Vertretern des Synodalen Holzwegs – die Ursache für den sexuellen Missbrauch. (Ganz egal, was die Statistik sagt: wie viele Väter, Onkel und Großväter dazu imstande seien oder welche sexuelle Orientierung die meisten Täter aus der Kirche dabei an den Tag legten.) Diese Scheindebatte (da die Argumente – pro und contra – seit Jahrzehnten offen liegen) wird immer wieder aufgewärmt, ist aber nicht das Schlimmste für die Kirche – egal wie sie ausgehen mag.

Einige Diözesen haben beschlossen, die bisher übertrieben angewandte Praxis der Kontrolle der Lebensführung der Mitarbeiter für falsch zu erklären. Es ist wahr, dass Gott von der Kirche nicht verlangt, die in Caritas-Kliniken tätige Chefärzte und Krankenschwestern auf ihren Lebensstil zu überwachen. Moralisch und vernünftig ist nur: das beste und fähigste Personal für die Patienten anzubieten. Ebenso sinnvoll und notwendig ist es, im pastoralen Dienst nur die Menschen als Hirten und Seelsorger einzusetzen, die die Schönheit der Weisung Gottes vorleben können. (Wir sprechen also nicht von Ausnahmefällen, in denen eine Gemeindereferentin mit Kindern sitzen gelassen wird oder sich vom Alkoholiker-Ehemann trennen muss und später mit einem anderen Mann versucht, ihrer Aufgabe als Mutter gerecht zu werden!) Denn wie ein schönes polnisches Sprichwort sagt: Das Wort belehrt aber das Beispiel ist ansteckend.

Das Bistum Trier – genauer gesagt: der Generalvikar, die Rechte Hand des Bischofs – hat den Glauben an die Richtigkeit der Lehre der Kirche verloren. Im Grunde ein apostatischer Akt, die Lehre der Kirche für obsolet zu erklären. Ich weiß nicht, an welchen Gott man in dem gallischen Dorf in der Mustorstraße glaubt aber mein Gott, den ich mit Franziskus gemeinsam habe, ist ein Menschenfreund, der nicht mehr verlangt als er Gnade zur Erfüllung gibt. „Gott verlange mehr als möglich ist“ – ist genauso falsch, wie die damit verwandte Erkenntnis: „Die einen seien zur Erlösung, die anderen zur Verdammnis vorher bestimmt und es ist egal, was man tut“. Diese Überzeugung ist eine Falle. Plötzlich fühlt man sich an erinnert:

Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Was er sagt, ist unerträglich. Wer kann das anhören?

Joh 6,60

Ich frage mich: Was ist denn an einer lebenslangen Ehe falsch? Gott hat es so gewollt und uns darauf hin geschaffen. Denkt jemand etwa, dass es denen, die das Kunststück vollbracht haben, leichter fällt als jenen, die auf der halben Strecke aufgegeben haben? Natürlich spielen Charakter, Schicksalsschläge und die Lebensumstände eine Rolle. Doch das Vertrauen auf Gott, die Liebe und das Festhalten an seiner Weisung auch! Egoismus und Egozentrismus sowieso… Deshalb kann man doch das Prinzip nicht in Frage stellen!

Eine Aussage des bischöflichen Verwalters macht mich besonders stutzig: niemand solle wegen seiner sexuellen Orientierung Angst haben. Vollkommen richtig! Niemand soll auch etwas befürchten, wenn er die Zahlung der Kirchensteuer einstellt – die Kirche ist schließlich weder ein Unternehmen noch ein Verein. Aber warum soll eine persönliche Schwäche eines Mitarbeiters berufliche Folgen haben? Auch ich habe Schwächen und wenn mein Chef nur wüsste, wie oft ich keine Lust auf einige Kunden habe oder wie halbherzig ich die Absprachen umsetze… Aber ich mache es trotzdem, denn es ist mein Job. Deshalb habe ich keine Angst. Ich mache es ja. Ich müsste nur Angst haben, wenn ich nicht dahinter stände, was ich in meinem Arbeitsvertrag unterschrieben habe oder sinnvoll und notwendig ist, um meinen Auftrag zu erfüllen. „Empfindungen sind Ethisch nicht zu bewerten, Handlungen schon“ – ist das „erste Gesetzt“ der Ethik. Deshalb kann ich den Generalvikar nur verstehen, dass er die Quasi-Ehe unter Homosexuellen nicht als Auflehnung gegen die Lehre der Kirche deuten will. Damit verlässt er den Boden der katholischen Kirche und wünscht, dass eine schizophrene Lehren-Aber-Nicht-Leben-Haltung nach niederländischem Modell verstätigt wird. Wie die holländische Kirche und mittlerweile aussieht, wissen wir ja.

Meine Befürchtung ist, dass – wie das jemand im Netz schon erwähnt hat – die Synodale Kakophonie den Satz des Konzils umkehren und das Evangelium durch das Prisma der Zeichen der Zeit lesen will. Was das Konzil als Begründung für seine Äußerungen zu krankhaften Veränderungen in der nahm, nimmt die Kirche in Deutschland als Glaskugel, um die Zerrbilder der Gegenwart auf das Depositum Fidei zu projizieren. Das Totschlagargument „Zeichen der Zeit“ sollte aus dem kirchlichen Wortschatz verbannt werden oder allen Katholiken erneut erklärt werden. Es bedeutet nämlich: „Welche Fragen stellen die Menschen heute und wo muss das Evangelium erneut aufleuchten?“ Die gestellte Fragen mit den darin unterstellten Antworten zu widerspiegeln, lässt das Evangelium leider außen vor. Antworten gäbe es darin aber genug…