Ich möchte mich outen: Ich habe Matthias Matusseks Buch „Die vaterlose Gesellschaft“ schon vor Jahren gelesen – und das mit Genuss. Nicht, dass die schreckliche Bestandsaufnahme oder die grauenvolle Prophezeiung mich erfreut hätten. Nein. Es fand sich einfach jemand, der die Realität und ihre Folgen nüchtern zusammen gefasst hat. Heute, da sich die Deutung der Tendenz zu noch mehr kaputten Familien genauer erweist als jede Wettervorhersage, gibt es folglich die Frage, was man dagegen tun kann. (Die familienfeindliche rote Politik der letzten Jahrzehnte lasse ich außen vor, da keine Aussicht auf Besserung besteht. Ich möchte die Frage sehr undeutsch nicht im System, sondern im Kleinsten klären.)

Mit einem neuen Blick auf mein Umfeld und etwas Stolz auf die richtige Buchwahl schaue ich auf die vergangenen Monate zurück und stelle fest: Ohne Dr. Meg Meekers Buch „Starke Väter, starke Töchter“ hätte ich meine Rolle nicht mal halb so gut wahrgenommen. Ich habe bereits einige Bücher über Pädagogik, und mit Kindern und Jugendlichen in den Händen gehalten. Die Meisten nur sehr kurz als „Schlaflektüre für Tagsüber“. Keines hat mir eine Antwort auf die Frage geliefert: Wie wird man ein guter Vater?

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein hingegen sehr“ Diesen Spruch kennt wahrscheinlich jeder. Den Sinn erkennen nicht alle. In einer , in der zunehmend Väter primär als Erzeuger und Zahler für das liebste „Haustier“ einer Frau gebraucht werden und notfalls als Spielgefährte fürs Wochenende akzeptiert werden, ist die Rolle des Vaters verdrängt und marginalisiert. Dabei wissen wir nicht seit Matussek, dass die Vaterfigur sowohl für Jungen als auch für Mädchen unerlässlich ist. Lediglich die Meinung, was unter „Vater“ zu verstehen ist, geht weit auseinander. Nicht ohne Grund kämpfen die christlichen Kirchen mit einem großen Missverständnis, das den -Vater gegen die Gott-Mutter ersetzen möchte. Schlechte Erfahrungen sind auch Erfahrungen und können nicht vergessen werden. Sie müssten vielmehr dazu genutzt werden, durch Reflexion und konkrete Ablehnung der schlechten Merkmale eine Reinigung des Ideals zu erreichen.

Es wundert mich nicht, dass eine Rezensentin des Handelsblatts diesem nichts Gutes abgewinnen kann. Ich kann es sogar gut verstehen… Jede Äußerung enthält nach dem Vier-Seiten-Modell Schulz von Thuns neben Information und Appell auch die Selbstoffenbarung und Beziehungsebene. Ich bin weit davon entfernt, ihr krampfhaften Feminismus oder militanten Atheismus zu unterstellen. Aber eines unterstelle ich ihr doch: ihr Vaterbild ist wohl nicht das beste, wenn sie den Lebensgeber nicht als Lebenshelfer, Leuchtturm und Fels in schweren Lebensabschnitten akzeptieren kann. Vielleicht wäre ihr ein Funktionsjacken-Papi lieber, der genauso kindisch und Werte-los ist ist wie ein Kindergartenheld, der Daheim nach Mutters Pfeife zu tanzen hat. Aber genau das darf ein Vater nicht sein.

In 10 Kapiteln, die man nicht schneller als eines pro Monat lesen sollte, erfährt Mann über seine Stellung im Leben einer jungen Dame, über seine Aufgaben und wichtigste Eigenschaften. Im Grunde ist alles schon im Mann angelegt, Mann muss es nur bewusst einsetzen. Nein, sorry… Das wäre gelogen. Auch Männer sind nicht alle so, wie man sie in Hollywood Filmen sieht und sicher nicht alle von einem Schlag. Deshalb ist das Buch keine Info-Veranstaltung für Speedreading-Anhänger, sondern ein Bergwerk der anspruchsvollen Forderungen, die stellenweise für Jahre eine Aufgabe bleiben. Was bedeutet „Töchter brauchen Helden“ mit den Unterkapiteln „Führung“ und „Ausdauer“? Es ist schwere Arbeit an sich selbst, die auch immer der Selbstreflexion (langfristig) und tugendhafter Selbstüberwindung (akut) bedürfen. Vielleicht fällt jemandem das Heldsein leicht. Wie wäre es dann mit „seien sie der Mann, den sie sich für ihre Tochter wünschen“? Wenn Mann nicht gerade unter manischer Störung leidet, findet man auch an sich selbst hier und da Dinge, die man der Tochter ersparen will. Auf jeden Fall braucht man nach jedem Wegweiser auch etwas Zeit für den Weg, wenn man ihm auch folgen will.

Dass die Inhalte kein Hirngespinst einer arbeitslosen Frau sind, die etwas Geld brauchte (Ghostwriter), beweist der Name der Autorin. Als Doktor der Medizin mit Spezialisation für Pädiatrie ist sie schon ziemlich nahe am Thema. Über zwanzig Jahre Erfahrung in dem Bereich und eine funktionierende eigene Familie wirken sehr überzeugend. Doch richtig authentisch wird es, wenn man das Literaturverzeichnis zu den zitierten Studien durchblättert. Ein „Who is who“ der internationalen wissenschaftlichen Literatur in diesem Bereich. Das Buch ist keine Zahlen-Wüste, die ohne Zusammenhang ein Feld für Deutungsversuche bietet. Zu jeder ihrer Behauptungen über Kinder und Jugendliche hat sie eine passende Studie parat und kann die Zusammenhänge erklären. Für diejenigen, die es persönlicher mögen, gibt es in jedem Unterkapitel einige Abschnitte mit Geschichten aus dem wahren Leben – anonymisierte Fälle aus ihrer Praxis. Das sog. Storytelling lockert das ganze auf und verschafft dem Leser Luft. Niemand ist perfekt und aus fremden Fehlern lernen ist eines der größten Geschenke, die man im Leben bekommen kann.

Mögen sich Feministinnen über Kapitel wie „sie sind die erste große Liebe ihrer Tochter“ und die Atheisten über „Zeigen sie ihrer Tochter, wer Gott ist“ auch schwarz ärgern: das Buch ist für eine neue Generation von klugen, weiblichen und starken der Protonenstrahl, der die Kettenreaktion in Gang setzt. Für die Väter ist es eine Bedienungsanleitung zu deren „Ich“. Einfach ein lesenswertes Buch.