„Was haben ein Arzt und ein Elch gemeinsam?“ – so oder so ähnlich fangen viele Witze an. Die witzigen Antworten verblüffen. Manchmal sind sie tiefsinnig, manchmal oberflächlich. Eine weit her geholte Ähnlichkeit – meist eine Homonymie oder Analogie – lässt uns glauben, zwei Dinge hätten tatsächlich etwas miteinander zu tun.

Doch es gibt oft genug Parallelen, die erst auf den zweiten Blick zu erkennen sind. Diese Tatsache machen sich vor allem Beratungsunternehmen zunutze, indem sie aus der einen Realität auf die andere Schließen. Namen wie McKinsey oder KMPG kommen auch im kirchlichen Kontext schnell in Erinnerung. Die Ergebnisse der gut bezahlten Tätigkeit sind manchmal dürftig und manchmal entbehren sie jeglichem Realitätssinn. Die Nachhaltigkeit der Beratung hat oft eine Halbwertszeit von nur wenigen Stunden. Das Gesagte wird in den beratungsbedürftigen Unternehmen nicht gelebt. Business as usual!

Nicht viel besser sieht es aus mit innerkirchlichen Beratungen. Von den Umsetzungsvorhaben der Trierer Synode bliebt in fast allen Fällen nur das Versprechen, ein Treffen der Kommission als beratende nachsynodale Arbeitsgruppe einzurichten. Diese Situation als Strohfeuer zu bezeichnen, wäre eine Verharmlosung, denn Strohballen können noch Tage nach dem Brand Glut in sich bergen.

Mit ausreichend rheinischem Humor gesegnet, könnte man in der fünften Jahreszeit – teils erheiternd, teils bedauernd – sogar eine Feuerwehr als parallele Realität zum bedauernswerten Zustand unserer Kirche Portrait stehen lassen. Mit etwas Liebe zu Detail erkennt man in beiden Organisationen gemeinsame Elemente, die ganz unterschiedlich gelebt werden.

1. Reflektieren des Einsatzes

Ein guter Einsatzleiter nutzt die Nachbesprechung, um Fehler in der Umsetzung oder in der Kommunikation anzusprechen und scheut nicht davor, durch das Feedback der beteiligten Einsatzkräfte Kritik an seiner Einsatztaktik zuzulassen. Die Theorie aus der Feuerwehrschulen muss nicht immer umsetzbar sein und es sind viele Wege, die nach Rom führen. Keiner ist in einer Wehr unfehlbar. Aufgezeigte Handlungsalternativen geben jedem die Möglichkeit, dazu zu lernen. Man nennt es trotz natürlicher Rivalitäten und persönlichen Ressentiments: Kameradschaft.

Das Primat des Papstes in Fragen der Sitten- und der Glaubenslehre gilt nur für ihn und nur in Einheit mit der Lehre seiner Vorgänger und der Konzilien. Diese Vollkommenheit kann korrumpieren und nicht wenige Kirchenmänner und -Frauen bekleiden sich gerne mit dem Kleid der Hierarchie, um daran ein Anteil zu haben. Herrschsüchtige Pfarrer und sture Diözesanreferenten sind nach wie vor ein Teil der Realität in unseren Bistümern und Pfarreien. Sogar die Gemeindereferenten und Ehrenamtliche sind gegen diese Krankheit nicht gewappnet. An Stelle der Brüderlichkeit tritt das Beharren auf der eigenen Position und das Hirtenamt degradiert zum Klerikalismus oder Besserwisserei. Eine denkbar schlechte Voraussetzung für die Bewältigung einer Krise.

2. Vernetzen, nicht abschotten

Der beste Einsatzleiter ist nur so viel wert, wie es die ihm zur Verfügung stehenden Mannschaften sind. Zu einem Maschinisten, einem Führungsassistenten und einem Atemschutzträger gehört sowohl ein Ersthelfer als auch seine erfahrene Kollegen vom Rettungsdienst. Die Feuerwehr übernimmt bei vielen Einsetzen die Leitung, doch die Arbeit kann sie nicht alleine bewältigen. Es sind die vielen Dienste, die auf bestimmte Aufträge spezialisiert sind. Längst vorbei sind die Zeiten, als eine einzige Wehr mit mehr oder weniger Erfolg im Alleingang alles erledigte. Mancherorts fielen dem Sparzwang die notwendige Ausstattung zum Opfer, so dass man Spezialfahrzeuge oder -geräte mit anderen Gemeinden gemeinsam nutzt. Zur Professionalität gehört die gelungene Einbettung in ein Netzwerk.

In Zeiten des demografischen Wandels, hoher Fluktuation und der starken Landflucht ist es geradezu naiv, zu glauben, Pfarreien müssten alle Gruppen und Einrichtungen haben. Die Überalterung hat nicht nur bei der Jugendarbeit dunkle Schatten geworfen, sondern bedroht vor allem die Existenz der Kirchenchöre. Noch kriegt man das Panis Angelicus und das Ave Verum irgendwie hin – schön hört sich das ohne die klaren Sporane und die kräftigen Bässe allerdings nicht an. Ist es nicht ein Anzeichen einer sündhaften Selbstüberschätzung, zu glauben, man könnte alles so wie es angebracht wäre? Wenn unsere Gottesverehrung als unästhetisch, altbacken oder gar als unzumutbar wahrgenommen werden – was sollen die Außenstehenden von unserem Gott denken? Ist er nicht des Allerbesten wert? Oder ist er ein Gott der 80er und der schlecht gedichteten Kinderlieder?

Wir brauchen Spezialisten! Pädagogen beim Kindergottesdienst, Fachleute bei der Trauerbegleitung, einen coolen Typen für die Jugendarbeit, geschulte Liturgen für die Feier der Heiligen Mysterien und den Musikverein bei der Gestaltung eines gelungenen Pfarrfestes. Qualität vor Quantität – heißt die Devise.

3. Reserven bilden

Dem Feuerwehrmann müssen die Einsatzmittel in angemessener Zeit zur Verfügung stehen. Deshalb erlebt man oft, dass die halbe Wehr bei einem Brand die Straße „verstopft“, obwohl nur zwei Wägen an der Arbeit beteiligt sind. Die vorausschauende Bereitstellung von Material und Personal ist eine bewährte Einsatztaktik aus dem Militärwesen, die die Herausforderungen der Zukunft in den Blick nimmt.

Reserven haben die meisten deutschen Pfarreien – wenn überhaupt – wohl eher in der finanziellen als der personellen Form gebildet. Unser Leben in der Kirche beherrscht der permanente Mangel: Priestermangel, Jugendmangel, Mitarbeitermangel. Obwohl es schon um Jesus herum „nicht genug Arbeiter für die große Ernte“ gab, scheint uns der Mangel richtig Angst zu machen. Aus der Angst entsteht Aktivismus und aus der anschließenden Enttäuschung die Verzweiflung. Das Zusammenlegen der Pfarreien hat leider einen sehr schlechten Ruf. Zu Unrecht, denn auch die experimentelle „Mega-Pfarrei“ des Bistums Trier bietet eine gute Möglichkeit, die Werke und Einrichtungen bisheriger Pfarreien breiter aufzustellen und Kräfte zu bündeln. Nicht jede Kirche wird „das volle Programm“ bieten, sondern einen Schwerpunkt herausbilden. Ein stimmgewaltiger Chor einer Großpfarrei vermag auch bei halber Besetzung wahrscheinlich mehr Herzen für den Herrn zu entflammen als viele „voll“ besetzte Chöre der Kleinpfarreien zusammen.

4. Uniform macht keine Schwächen wett

Die Uniform ist ein wenig wie das bekannte Überraschungsei. Wer es anzieht gleicht scheinbar dem anderen bis aus den letzten Knopf. Was sich innen verbirgt, gilt unter Beweis zu stellen. Im Einsatz wird schnell erkennbar, wer was kann und wozu er nicht taugt. Leistungsabzeichen und Lehrgänge hin oder her: der eine ist ein geborener Organisator, der andere glänzt mit guter Kommunikation, noch ein anderer hat Nerven wie Stahlseile. Schwächen – die wir alle haben – werden durch Stärken wett gemacht, nicht durch die Uniform! Der Reichtum an Stärken und Schwächen macht die Truppe stark und interessant. Obwohl die Diversität ein großes Konfliktpotenzial birgt, findet man immer einen Weg, zusammen zu arbeiten und voneinander zu profitieren.

Nicht so in der deutschen Kirche. Die deutsche Kirche ist zu 99% uniform und zum Gähnen langweilig. Obwohl Gott ihr zwei „Naturen“ geschenkt hat, kennen wir nur die eine – die Hierarchie. Die charismatische Natur wird mit aller Gewalt unterdrückt oder ignoriert. Der Reichtum an Gaben des Hl. Geistes, der dem Aufbau dienen soll, wird abgelehnt. Man merkt es nicht zuletzt an den Priesterseminaren. Wer ein solches „überlebt“ hat, gleicht den anderen in Redeweise, Kleidung und Denken. Es sind keine Persönlichkeiten, die auf bestimmte Menschen eine Anziehungskraft besitzen, sondern weich gewaschene Muttersöhnchen. Diese Freiheit einer ungestörten Persönlichkeitsentwicklung im Sinne der geistigen Begabung sind eher in den Orden zu suchen. Ähnliches erleben wir in der „Kirchenmusik“. Die modernen Lieder, die in der Komposition denen aus dem Radio gleichen, finden wir professionell produziert in den Freikirchen und importieren sie von dort in unsere Gebetsgruppen und Jugendgottesdienste. Die Charismen sind von Gott genau auf den Bedarf der Kirche ausgerichtet. Solange wir diese einfache Wahrheit leugnen, wird die Jugend der Pfarrei lieber zu deprimierender Musik von quasi-satanistischen Bands wackeln, statt beim Konzert christlicher Rockmusik für Gott zu hüpfen und zu tanzen. Die Bereitschaft, mit der eigenen Gabe der Kirche zu dienen, muss honoriert werden. Das Drängen der Menschen in längst überlebte Einrichtungen der Pfarrei ist aktiver Widerstand gegen den Geist Gottes – mit den wohl bekannten Folgen.

5. Perfekte Einsätze gibt es nur im Lehrbuch

Jeder Feuerwehrmann weiß, dass bei jedem Einsatz Fehler passieren werden. Man hofft, die größten zu vermeiden – ausschließen kann man sie nicht ganz. Manchmal muss man ausprobieren, was am besten funktioniert. Die Einsatzkleidung wird so oder so schmutzig.

Die makellose Braut Jesu – seine Kirche – ist Fehler- und Sündenfrei. Das lesen wir in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es stimmt. Das muss nicht bedeuten, dass jeder Pfarrer fehlerfrei ist oder dass Bischöfe vor finanziellen oder gesellschaftlichen Fehltritten bewahrt werden. Der Glaube in dieses Zerrbild führt zur Furcht vor Neuem, vor Experimenten und vor möglichen Irrwegen. Man setzt ausschließlich auf „Bewährtes“ und vergisst die „ecclesia semper reformanda“ desselben Konzils – eine Kirche, die sich immer selbst erneuert. Sie erneuert sich, weil sie sich dem gläubigen Volk und der Zeit in Sprache und Ausdruckweise anpassen muss aber niemals dem Zeitgeist die unveränderliche Lehre Jesu preisgibt. Dadurch trennt sie sich von der Sünde, von Irrwegen und von Missbrauch der Macht, die sich durch die Menschen immer einschleichen. Die Rückbesinnung auf den Dienst für den Bräutigam richtet den Fortschritt trotz aller Fehler auf den Herrn aus und bewahrt die Braut vor Narzismus.

Es gäbe sicherlich weitere Parallelen, die man hier anführen könnte: Die einen visionär, die anderen irreführend. Unter den vielen gut gemeinten Ratschlägen muss Spreu vom Weizen getrennt werden. Gut bezahlte Berater finden wir in unserem Land in Hülle und Fülle. Mögen sie gute Beobachter und intelligente Analytiker sein – nichts geht über die Klarheit, mit der der Hl. Geist durch seine Propheten spricht. Einer von ihnen war Karl Rahner mit seinem mystagogischen Ansatz, der auch für die Kirche gelten kann: Die Kirche der Zukunft wird eine mystische sein oder sie wird gar nicht sein. Die Kirche muss sich wie die Nadel des Kompass nach dem Herrn ausrichten und zuverlässig den Weg zu ihm weisen oder sie wird sich durch zu viel Selbstverwaltung nur im Kreise drehen und niemandem mehr nutzen.