Was ist Gewissen und wie es funktioniert – Preach nicht nur für Kinder

Ich möchte mit Euch noch eine Idee teilen, die seit längerem in meinem Kopf steckt und dem einen oder anderen beim Thema „Gewissen“ eine Hilfe sein kann. Das Gewissen ist nur schwer zu erklären. Sätze wie „die Stimme Gotten in unserem Herzen“ – wie wir sie bei der Kommunion aus dem Katechismus gelernt haben, helfen oft nicht weiter. Und „schlechtes Gewissen“ ohne „gutes Gewissen“ ist eher beängstigend als nachvollziehbar. Deshalb ist ein praktisch-spielerischer Zugang vielleicht eine Alternative. Es geht in drei Schritten.

Vorbereitung

Die Vorbereitung für diese Predigt beginnt schon vor dem eigentlichen Gottesdienst. Die Eltern werden darüber informiert, dass am kommenden Sonntag jeweils ein Erwachsener, idealerweise ein Vater oder eine Mutter, gemeinsam mit einem Kind als Team aktiv an der Predigt mitwirken soll. Als zentrales Material wird ein großes Stück Holz benötigt, wobei auch drei separate Stücke Holz und drei identische Schrauben vorbereitet werden können. Das Holz symbolisiert dabei das menschliche Leben und die Lebenswirklichkeit, in die wir gestellt sind. Die Schraube steht für ein konkretes moralisches Problem, das im Laufe des Lebens gelöst werden muss. Als Werkzeuge dienen drei unterschiedliche Hilfsmittel. Für das erste Team wird ein sehr großer Kreuzschlitz-Schraubenzieher benötigt, der viel zu groß für die kleine Schraube mit dem kleinen Kopf ist, oder alternativ ein viel zu kleiner Schraubenzieher, der für feine Schrauben gedacht ist, während die Schraube selbst deutlich zu groß ausfällt. Es kommt stets auf die passende Relation zur Schraube an, die für alle Teams identisch sein soll. Als zweites Werkzeug für das nächste Team dient ein ziemlich abgenutzter und schiefer Schraubenzieher, dessen Kopf abgeschliffen ist und kaum noch greift, sodass die Schraube nur unter größter Mühsal bewegt werden kann. Für das dritte Team werden schließlich drei passende Aufsätze für einen geladenen Akkubohrschrauber benötigt. Dieses Team kann ebenfalls aus einer Mutter mit einem Kind bestehen. Wir lassen aber den Papas den Vortritt! Sie arbeiten gerne und zeigen, was sie können. Sie kommen sie oft bei der Erziehung und Bildung ungeeignet vor. Doch hier haben sie eine wichtige Rolle zu spielen.

Durchführung

In der Durchführung werden die drei Teams gebildet, bestehend aus jeweils einem Kind und einem Erwachsenen, und die gemeinsame Aufgabe wird anschaulich erklärt. Die Teilnehmer erhalten den Auftrag, die vorgegebene Schraube mit dem ihnen zugeteilten Werkzeug vollständig in das Stück Holz hineinzuschrauben. Dafür ist eine Zeitspanne von ein bis zwei Minuten vorgesehen. Das Wichtigste dabei ist, dass es kein Wettbewerb um die Schnelligkeit sein soll, sondern das gemeinsame Ziel im Vordergrund steht, die Schraube ganz in das Holz zu versenken. Nachdem die festgelegte Zeit abgelaufen ist, wird gemeinsam gemessen und betrachtet, inwieweit die Schraube tatsächlich in das Holz eingedrungen ist und welche Hürden sich dabei gezeigt haben. Man kann dabei die Teams interviewen, wie es ihnen ging und was ihr Problem war.

Mit einem herzlichen Dank und Applaus für die Teilnehmer, werden sie aus der Aufgabe entlassen und dürfen auf ihre Sitzplätze zurückkehren. Derjenigen, der dem Gottesdienst vorsteht, beginnt mit der Deutung der bis dahin rätselhaften Aufgabe.

Reflexion

Die anschließende Erklärung verdeutlicht die tiefere Bedeutung dieses Experiments für unser moralisches Handeln. Das Team mit dem Akkubohrschrauber musste lediglich den passenden Schraub-Einsatz („Bit“ in der Fachsprache) auswählen, um die Aufgabe mühelos zu bewältigen. Dies steht sinnbildlich für Menschen, die ein gut geschultes Gewissen besitzen und dank ihrer Vorerfahrung in der Lage sind, unterschiedlichste Probleme zu lösen, weil sie sich dieser Herausforderung bereits in der Vergangenheit gestellt haben. Sie haben Ideen entwickelt, wie sie mit bestimmten moralischen Dilemmata umgehen sollen, sich durch Lektüre, Filme, das Studium des Katechismus und der Bibel oder eigene Recherchen weitergebildet und echtes Interesse an der Lösung ethischer Fragen gezeigt. Der Akkubohrschrauber repräsentiert zusätzlich die Willensstärke in der Umsetzung, weshalb es ihnen leicht fällt, das Problem schnell und präzise zu beseitigen. („Ich weiß, was richtig ist und will das auch so verwirklichen!“)

Das Team mit dem völlig unpassenden Schraubenzieher, sei er viel zu groß oder viel zu klein, verkörpert jene Menschen, die sich keinerlei Gedanken über moralische Probleme machen und stattdessen versuchen, jedes Problem starr mit immer derselben, ungeeigneten Methode zu lösen, beispielsweise durch pure Gewalt oder materielle Mittel. Solche Menschen versuchen bisweilen, jedes moralische Vergehen mit Geld zu begleichen, anstatt aufrichtige Reue zu zeigen und sich zu entschuldigen. Sie kennen nur diesen einen Lösungsansatz und wenden ihn dogmatisch auf jede Situation an, obwohl das eigentliche Problem oft viel feiner oder völlig anders geartet ist und ihr Werkzeug schlichtweg nicht zum Problem passt.

Das dritte Team mit dem defekten und abgenutzten Schraubenzieher steht vor der Herausforderung, ein Werkzeug zu nutzen, das durch zu starken Gebrauch und zu wenig Wartung unbrauchbar geworden ist. Es ist stumpf, greift nicht mehr richtig und erfordert enorme Anstrengungen, um die Schraube auch nur minimal zu bewegen. Dies symbolisiert Menschen, die zwar im Grunde ein gutes Gewissen besitzen, dieses jedoch völlig vernachlässigen und verkommen lassen. Sie lassen sich alles durchgehen, können in entscheidenden Momenten kein klares Nein mehr formulieren und schauen weg, wenn sie Inakzeptables beobachten. Ihr Gewissen ist im Laufe der Zeit stumpf geworden, sodass es kein moralisches Problem mehr bewegen kann, weil ihnen letztlich alles gleichgültig geworden ist.

Das zentrale Ergebnis dieser anschaulichen Predigt lautet, dass ein moralisches Problem nur dann erfolgreich gelöst werden kann, wenn man erstens über das richtige Werkzeug für die jeweilige Situation verfügt und zweitens dieses Werkzeug nicht ungepflegt und abgenutzt ist, sondern seine Schärfe und richtige Form bewahrt. Daher ist es unerlässlich, dass wir uns ständig weiterbilden, um zu erkennen, welche Werkzeuge zur Lösung welcher Probleme erforderlich sind, und dass wir diese inneren Werkzeuge durch konsequente Pflege funktionstüchtig erhalten. Dies bedeutet, dass auch unser Gewissen regelmäßiges Training benötigt, indem wir bei kleinen und großen Herausforderungen stets nach der richtigen, integren Lösung suchen. Ein solches Training für das Gewissen kann ganz praktisch darin bestehen, Filme kritisch zu betrachten, wertvolle Bücher zu lesen und im Vorfeld darüber nachzudenken, wie man in bestimmten Situationen handeln würde, während man stets die Heilige Schrift und die Lehre der Kirche über das Gute und das Böse im Herzen behält und im Alltag umsetzt.

Gerne kann man für Erwachsene bei der Reflexion Beispiele einbauen, damit es mehr Sitz im Leben hat. Es gibt natürlich auch Sackgassen und steile Forderungen, die vermieden werden sollen. „Unrecht tolerieren“ ist auf der Arbeit oft schwer abzustellen. Aber man kann sich z.B. mit Kollegen darüber unterhalten, ob alle es in Ordnung finden. Es geht nicht darum, schlechtes Gewissen zu machen, sondern vielmehr zum Nachdenken animieren, wie man das eigene Gewissen Pflegt und sich klar wird, was für das Gewissen eine Gift darstellt.