Stell dir vor: Es ist ein schwüler Sommerabend und du gehst eine Pizza bestellen – mitten der Stadt. Die Bestellung dauert aber in etwa eine halbe Stunde bis du sie abholen kannst. Du gehst in die mittelalterliche gotische Stadtkirche, in der gerade ein Orgelkonzert geübt wird und wo du getauft worden bist und lange Zeit auch zur Messe gegangen bist. In etwa 20 Jahre lang hast du diese Kirche aufgesucht. Du setzst dich in einer Bank und hörst einfach zu. Dabei entstehen in dir Gefühle und es kommen Erinnerungen an Personen oder Bilder aus der Kindheit auf, die du nicht stoppen kannst. Die schwülwarme Luft herrscht in diesem Sommer auch langsam in der ansonsten sehr kühlen und angenehm temperierten Kirche. Ein vertrauer Duft löst ein Wohlbehagen und eine Vertrautheit aus, die dich in eine andere Zeit versetzen.
Das ist mir vor zwei Wochen passiert. So etwas passierte mir nicht zum ersten Mal und ich wollte unbedingt wissen, warum das so ist und wie das ausgelöst wird. In einer kurzen Recherche mit Grok habe ich herausgefunden, dass man es das Proust-Effekt nennt und dass es nachweisbar ist und physiologische Grundlagen hat in der Entwicklung des Nervensystems. Im wissenschaftlichen Journal PLOS.Biology, welches durch Wissenschaftler auch peer reviewed wird und als renommiert gilt, wird genau erklärt, wie das funktioniert und warum es gerade die Erinnerungen der Kindheit (erstes Jahrzehnt des Lebens) sind, die so intensiv hervorkommen. Natürlich kann es auch später passieren, dass man zum Beispiel bei einem Hausbrand, den man erlebt hat, den Duft des Brandes mit etwas lebensbedrohlichem im Gehirn abspeichert wird und jedes Mal bei diesem Duft Angst bekommt. Diese sog. Trigger sind nichts Neues in der Psychotraumatologie. Interessant ist im ersten Fall, dass es ein ganz bestimmter Duft sein muss. Und ein solcher Duft kann auch sehr komplex sein.
Dieser spezielle Duft der Kirche bestand aus verschiedenen Düften. Dazu gehört zum Beispiel der Duft vom nassen Mauerwerk von Holz. Ein bisschen Schweiß. Etwas von einem Holzlack, mit dem die Kirchenbänke gestrichen waren. Und natürlich auch etwas Weihrauch und Blumen wie Lilien, mit denen man früher leicht übertrieben zu jeder Erstkommunion die gesamte Kirche schmückte. Aber genau diese Mixtur war es, die es gebraucht hat, um in mir dieses Gefühl auszulösen. Es passierte auch eigentlich immer, wenn ich die Kirche betrat, dass mit dem Duft auch ein bestimmtes Gefühl aufkommen. Es hat mir nun nicht bewusst.
Jeder Mensch hat mit Gott eine bestimmte Erfahrung gemacht und diese positive Erfahrung bleibt in seinem Gehirn gespeichert. Auf der Suche nach dem Willen Gottes verweisen mehrere Kirchenlehrer wie Augustinus oder Ignatius von Loyola auf eben diese erste Erfahrung mit Gott, die man oft eine Tröstung nennt. Wenn man wissen will, ob eine Idee von Gott stammt – was man auch als Unterscheidung der Geister bezeichnet – muss man einen Bezugspunkt haben, an dem man die Erfahrung abgleicht. Jeder Mensch trägt also in seinem Kopf eine Art „Duft Gottes“. Dieses Gefühl hilft dem Gläubigen, zu erkennen welche Idee nicht von Wort stammen kann. Dr. Johannes Hartl bezeichnet es als „Loch im Herzen/Seele des Menschen, die gottförmig ist“. Der heilige Augustinus drückt das etwas anders aus: „Du hast uns auf dich hin geschaffen, o Herr, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“
Es gibt also ein Gefühl oder eine Wahrnehmung, die uns Menschen zeigen kann, wo wir Gott finden bzw. ob eine Idee, ein Wort, ein Gedanke, ein Bild von Gott stammen kann. Es leitet sich von der ursprünglichen Erfahrung mit Gott, die Ignatius von Loyola eine Tröstung oder genauer „Tröstung ohne vorhergehende Ursache“ (consolatio sine causa) nennt. Eine solche Erfahrung macht man vielleicht auch nur einmal im Leben. Interessant ist, dass es nicht unbedingt eine religiöse Erfahrung ursprünglich sein muss. Hape Kerkeling hat diese Erfahrung während seiner Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela gemacht. Es war ein Gefühl der Befreiung, der bedingungslosen Akzeptanz, eine Ruhe und Freude. Er nennt es nicht einmal Gottesbegegnung, aber im Grunde war es das. Dieser „Duft Gottes“ ist für spätere Suche nach Gott der zentrale Bezugspunkt. Das Spannende ist, dass es bei jedem Menschen anders zusammengesetzt ist. So wie jede Kirche einen anderen Duft hat. Ist man in dieser Kirche aufgewachsen, bleibt dieser Duft DER Duft, an dem man jede andere Kirche „gemessen“ wird.
Es ist keine große spirituelle Erfahrung, dass die Dinge so beschaffen sein können. Eigentlich ist es nur eine andere Ausdrucksweise der alten Weisheit der Kirchenväter. Aber vielleicht hilft der Ausdruck „Der Duft Gottes“ es besser verstehen, was in uns vorgeht und warum einige Menschen sich so schwer damit tun, Gott und seinen Willen zu erkennen.