Die Kreuzwegandacht ist ein nichtsakramentaler , der von Laien wie von ordinierten sowie gottgeweihten Personen gestaltet und geleitet werden kann und gehört zum Schatz der katholischen Tradition. Es ist als öffentliches zugegebener Maßen keine sehr alte Tradition. (Bezeugt werden persönliche Andachten des Leidens Jesu, die einzelne Könige durch das Lesen der Passionsgeschichte gestaltet haben.)

Gegenwärtig werden diese Gottesdienste immer seltener gefeiert und wenn, dann in einer unangenehmen Form der Anklage der ganzen Welt. Sie triefen förmlich vor Moralin – dem Stoff, aus dem die Politik der Grünen und der Linken besteht. Eine sehr unangenehme Erfahrung. Dass die Passionsgeschichte auch etwas Ermunterndes und Befreihendes in sich hat, kommt kaum zu Sprache. Zugleich ist es eine sehr persönliche Art der Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben im Licht des Evangeliums. Und dennoch kann dies ähnliche Erfahrungen in den anderen Menschen hervorrufen. In diesem Sinne möchte ich meine Version vorstellen. Vielleicht hilft es dem einen oder anderem Leser, sich selbst als gläubiger Christ zu verstehen und trotz aller Schwächen als geliebtes Kind Gottes wahrzunehmen.

Die Verurteilung. Es ist eine Erfahrung, die jeder von uns macht und doch hat es etwas Kafkaeskes an sich. Man wird beurteilt, ohne angehört zu werden. Man wird abgestempelt, ohne dass die Verurteilenden die Tatsachen kennen. Manchmal möchten sie diese gar nicht erst hören. Dagegen kämpfen ist sinnlos, pure Verschwendung von Lebenskraft. Das hinzunehmen widerspricht dem Selbstverständnis des modernen Menschen. Denn egal, wie viel man klagt… Auch der EuGH irrt sich. Es gibt nur einen, der sich nicht irrt und der steht zu dir. Er hat es ja auch schon erlebt.

Das Kreuz auf sich nehmen. Nicht nur ungerechte Urteile, sondern auch viele Pflichten fühlen sich wie eine Strafe an. Aber was wäre die Alternative? Flucht? Die Last auf Andere abwälzen? Wie tröstlich, das man sich dadurch nicht bestraft verstehen muss. Es geht nicht darum, es perfekt zu machen. Vielleicht reicht es zu diesem gefühlten „Fehler im göttlichen Heilsplan“ sein Einverständnis zu geben, so wie er es tat.

Der erste Fall. Wie erdrückend die Last eines moralischen Gebots sein kann, erkennt man erst, wenn man es mit der Herausforderung aufnimmt. Die Vorstellung, es mit Links zu schaffen, zerplatzt sehr schnell. Ein Fall gleich am Anfang reicht. Aber soll man dann gleich aufgeben? Es ist tröstlich, zu wissen, dass auch er nicht aufgegeben hat, als schon der Anfang des Weges zum Fiasko wurde.

Das Antreffen der eigenen Familie. Das Gefühl, sich schämen zu müssen, dafür was man ist oder was man wurde, ist – glaube ich – innerhalb der eigenen Familie am größten. Mir ist zum Glück erspart geblieben, im Bewusstsein zu leben, die Eltern zu enttäuscht zu haben. (Sie sind dafür zu gutherzig und zu tolerant.) Aber jeder hat einen Freund, den man zwar immer wieder enttäuscht, vor dem man sich aber nicht unendlich schämen muss. Eine Frage beschäftigt mich dennoch: Hat er sich geschämt oder als Enttäuschung gefühlt?

Simon von Zyrene übernimmt das Kreuz. Wow! Ein Mister Nobody wird namentlich mit seinem Wohnort und seiner ganzen Nachkommenschaft in das berühmteste der Welt aufgenommen! (Geht denn mehr?) Und warum? Weil er gegen seinen Willen fremde Lasten getragen hat. Auch wenn es ein Unrecht war, ihn nach seiner Arbeit im Feld damit zu belasten, war es doch das wichtigste und berühmteste, was er je getan hat. Diese kleine Episode gibt mir die Hoffnung, etwas unheimlich Wichtiges zu tun, wenn ich fremde Lasten unfreiwillig übernehme. Es macht das nicht leichter aber irgendwie sinnvoller.

Das Schweißtuch der Veronika. Eine kleine Geste zählt auch. Man muss Copernicus nicht toppen oder Einsteins Relativitätstheorie widerlegen. Vielleicht ist es das Kleine und Unsichtbare, das meine Berufung ist. Er weiß es am besten, wozu ich fähig bin und stellt mir die richtigen Aufgaben auf den Weg. Ich kann entspannt leben, statt den Helden zu spielen.

Der zweite Fall. Jemand stellt einem das Bein. Man muss fallen. Das war die Absicht. Man kann sich darüber ewig aufregen und nachtragend sein… Muss man aber nicht. Es macht ja nur einen selbst kaputt. Hoffentlich gibt es jemanden, der einem wieder hoch hilft. Ihn gibt es ja auch. Es ist ihm weder egal, was mit einem passiert, noch verliert man in seinen Augen an Würde. Aufstehen und weiter gehen – der Willensakt zählt.

Die weinenden . Die Trauer um einen Wohltäter lässt sich nicht so einfach auf Andere umwidmen. Wenn man traurig ist, dass man jemandem sein Wohlwollen nicht erwidern kann, nutzt es nichts, um andere zu weinen. Das sollte doch wissen! Aber er hat Recht: es geht nichts über eine persönliche Begegnung mit ihm; wer das nicht erlebt, wird ein Leben lang nach Sinn im Leben suchen.

Der dritte Fall. Man kann auch unter der Last seiner Selbst zusammen brechen. Angewohnheiten, Laster, Charakter. Es ist nicht so, dass man es nicht besser gewusst hätte. Und es ist nicht das erste Mal. Man könnte an sich selbst verzweifeln. Solange er nicht an mir verzweifelt, soll ich es auch nicht tun. Einfach barmherzig mit sich selbst sein – eine befreiende Erfahrung.

Der Kleider beraubt. Kleidung – der intimste Schutz vor Sonne oder Kälte und zugleich ein Stück Würde. Wenn man das verliert… Wie schlimm! Mobbing auf der Arbeit oder in der Schule; Chefs mit viel zu großem Ego; Nachbarn, die einem alles mögliche nachsagen. Er findet es auch nicht gut. Er leidet mit. Es liegt ja nicht an dir, dass der Böse in der so viel macht hat. Er hört auch deine Klage. Also raus damit!

Ans Kreuz geschlagen. So war das nicht geplant! War’s das? Soll mein Leben so enden? Die Sehnsucht nach Mehr ist nicht zu stillen. Manchmal ist sie nur die Folge einer falschen Bescheidenheit und religiöser „Demut“. Das Leben soll auch Freude machen, ein Geschenk des Himmels. Wenn man das Leben aus der Perspektive des eigenen Grabes anschaut, vermisst und bedauert man so Vieles. Vielleicht ist es eine gute Idee, regelmäßig jedes Jahr an einem bestimmten Tag auf das Leben zurück zu blicken, um es nicht das erste Mal zum letzten mal zu machen…

Das Sterben am Kreuz. Die Angst vor dem Tod ist allgegenwärtig. Je näher der Tod, desto schlimmer. Der Tod ist immer irgendwie sinnlos. Das Einzige, was dem Tod einen Sinn gibt, ist Er. Ohne Ihn, ist mein Leben sinnlos, denn es endet mit dem Tod.

Der Leichnam wird vom Kreuz abgenommen. Was ist nach dem Tod? Falle ich auch keinem zu Last? Sollte ich nicht besser vorsorgen? – Warum denn so voller Angst, wenn es gibt? So wie er für mich gesorgt hat, wird er auch für die anderen sorgen. Wenn ich mein Leben in seine Arme lege, habe ich keine Angst mehr. Er legte seines auch in die Hände seines Vaters. Da kamen die heimlichen Jünger und sorgten für eine würdige Bestattung. Aber eines konnte keiner nehmen: den Schmerz der trauernden Mutter, die ihn in seinen Armen hielt.

Ins Grab gelegt. Es gibt viele Dinge, die ins Grab gelegt gehören. Depressive Episoden sind Anzeichen eines inneren Kampfes um die Grablegung von Dingen, die man gerne hätte aber nicht mehr da sind. Manchmal muss man von Dingen Abschied nehmen, um weiter leben zu können. Es ist so spannend, zu sehen, was Gott aus den Dingen machen kann, die ich ins Grab lege. Aus der Kraft wird Ausdauer, aus der Überlegenheit Geduld, aus Schmerzen Sinn für das Leiden anderer. Es ist keine Pflicht und nicht die eigene Anstrengung. Es ist die Auferstehung, die Er bewirkt.