Unser Ausgangspunkt ist die „Buchung“ von Bereitschaftsdiensten durch Ärzte auf einem speziellen Portal der KV Saarland. Die Terminvergabe beginnt immer zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt am Mittwochnachmittag für das gesamte nächste Jahr. Wie jedes Jahr. Immer wieder kommt es dabei schon beim Login zum Ausfall des Servers. Mit eigenen Augen habe ich beobachtet, wie eine Buchung fast zwei Minuten Zeit beansprucht hat (ohne Terminsuche selbst). Einmal ganz von einer unübersichtlichen Auflistung der Orte der Bereitschaft abgesehen, war die Terminsuche dermaßen langsam, dass ein Kunde – wäre es ein Onlineshop diesen – sofort verlassen würde. Das Aufrufen und das Speichern dauerte je eine Minute. Die Last war einfach zu hoch, die Software ungeeignet, falsch konfiguriert oder die Hardware nicht darauf ausgelegt.
Nun kommen wir zu der ethischen Frage. Wenn alle niedergelassenen Ärzte dieses Portal nutzen müssen, um die Termine zu buchen, die ihnen für einen Nacht- oder Wochenenddienst möglich sind… Sollten sie das alles nicht innerhalb von 1-2 Minuten statt nach Stunden des Trial-and-error erledigen können, ohne Stress, ohne vom Server abgemeldet zu werden und sich nicht wieder anmelden zu können? Ist es unseren Ärzten gegenüber fair, die nicht nur tagsüber, sondern auch in der Nacht und am Wochenende arbeiten müssen, ein solches IT-System hinzustellen? Unsere Ärzte haben auch Familien. (Immer mehr Ärzte sind Frauen!) Sie müssen an dem Nachmittag vielleicht ihre Kinder zum Tennis, Fußball oder Kindergeburtstag fahren oder zum Amt etc. Sie haben nicht unendlich Zeit, bis der Server „wieder läuft“. Sie müssen auch sonst im Jahr planen: wann sie Urlaub haben, wann die Kinder Ferien haben, wann Familienfeiern sind und so weiter. Auch dort müssen sie bestimmte Termine auslassen können. Wie jeder. Das einzige und endgültige Eingabewerkzeug für die Bereitschaftsdienste ist aber dieses Portal. (Ich frage mich als ISB, wie ehrenlos muss man als ITler sein, um eine Softwareinstallation ohne jegliche Performancetests und Usability Reviews auf die wertvollste Ressource unserer Gesellschaft loszulassen. Wie empathielos muss man als Gesamtverantwortlicher sein, ein solches kaputtes System – angesichts von nahezu unendlich skalierbaren Cloudlösungen – Jahr für Jahr einsetzen. Augen zu und durch? In einem produzierenden Betrieb oder einem Online-Shop wäre das die erste Frage des Geschäftsführers: Reicht die Kapazität der Software und Hardware aus, um unsere Kunden zu bedienen; Werden die Daten schnell genug ein- und ausgegeben, damit die Produktion bloß nicht stehen bleibt?)
Wenn schon andere Verfahren zu kundengerechten Terminvergaben nicht möglich sind (eine IT-Lösung scheint tatsächlich alternativlos), sollte dann die Installation nicht performanter sein, die Server belastbarer und die Informationen permanenter verfügbar? Dabei geht es nicht um ein Zertifikat nach ISO27001 oder Tisax, sondern um Menschen, die an jenem Tag vier Stunden lang darum kämpfen, ihr berufliches und familiäres Leben miteinander zu vereinen. Es gibt zwar die Möglichkeit eines Dienst-Tausches. Doch gibt es Termine, die fast niemand übernehmen will. Solche Ausfälle gehen dann möglicherweise zulasten derer, die sowieso nicht die Zeit haben, weil sie in der Familie eingespannt sind. Verpassen Sie an einem Mittwochnachmittag die Eingabe wegen Kinderschwimmen oder -Turnen, bleibt Ihnen oft nur ein unbeliebter Dienst an Weihnachten übrig.
Mit der Behauptung, dass Ärzte das eben tun müssen, weil es ihr Job ist, ist es nicht getan. Denn auch hier ist niemand gezwungen, in Deutschland zu bleiben. Die Abwanderung der Ärzte nimmt zu. Der Stress und die Frustration mit einem solchen Eingabesystem werden den Wechselwilligen nur noch in seiner Meinung bestärken. Auch wenn eine kassenärztliche Vereinigung kein Unternehmen ist, verwaltet sie eine der wichtigsten Ressourcen dieser Gesellschaft und es muss der Leitung klar sein, wie wichtig solche IT-Systeme sind. Es geht nicht um einen PC, auf dem Windows gerade streikt, sondern um das zentrale System, das den Ärzten ihr Leben bis in den privaten Lebensbereich hinein bestimmt. Ich hoffe inständig, dass die Verantwortlichen dieses System nicht in die Hände eines Azubis gelegt haben, sondern in die eines Fachinformatikers, der sowohl bei Lasttests weiß, was er tut, als auch die Grundlagen der IT-Technik beherrscht. Das Anmieten von HA-Cloud-Diensten wäre jedenfalls für den einen Tag im Jahr bezahlbar. (Mit entsprechenden Auftragsverarbeitungsverträgen steht dem die DS-GVO sicher nicht im Wege.)
Wir diskutieren zu viel über Ethik in der KI. Keiner fragt nach Ethik in der IT der Gegenwart (Accessibility, Usability, Availability, Last- und Aufgabe-Angemessenheit u.v.m.). Hoffentlich werden die Kühlschränke mit Blutpräparaten in Frankreich eine Lehre für uns sein, das Wichtige richtig zu verwalten, zu entwickeln und zu schützen.