Eine Kirche der Befindlichkeiten

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„Herr, ich leide. Hilf mir.“ – Ein Ruf nach Hilfe, eine Hingabe an Gott.
„Herr, deine Führung ist schlecht; ich misstraue dir.“ – Ein Murren, ein Vorwurf an Gott.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Sätzen ist gewaltig. Der erste ist ein Gebet, der zweite ist ein Murren. Und gerade dieses (oft übersehene/übergangene) Wort „Murren“ führt uns heute im Evangelium nach Matthäus (20,1–16) zu einer sehr aktuellen und herausfordernden Frage für unsere Kirche heute: Wo liegt die Grenze zwischen legitimer Sorge und einer Haltung, die den Blick auf Gottes Gnade verstellt?

Die Wurzel des Murrens: Vergleich statt Dankbarkeit

Im Gleichnis von den Arbeitern in den Weinbergen offenbart Jesus eine bestimmte Haltung, die unter dem Begriff „Murren“ zusammengefasst wird. Die Arbeiter, die zuerst kamen, beschwerten sich nicht über ihren Lohn – sie waren zufrieden mit dem, was sie erhielten. Ihr Problem begann erst beim Vergleich. Sie sahen nicht mehr auf die Güte des Herrn, sondern auf die Leistung der anderen.

Das Murren ist eine Haltung des Vergleichs, des Neids und des Anspruchsdenkens. Es ist die Weigerung, Gottes Gnade als unverdientes Geschenk anzunehmen. Wer murmelt, macht seine eigene Leistung zum Maßstab für Gottes Gültigkeit. Er fordert eine Gerechtigkeit ein, die auf menschlicher Logik basiert, und verpasst dabei die Gnade, die Gott jedem schenkt – egal ob am Morgen oder am Abend.

Das Murren in der heutigen Kirche

Diese Dynamik ist keine Geschichte aus der Vergangenheit. Seit der Zeit des Moses ist das Murren (gtiechisch: γογγύζω – gongýzō: grollen, sich heimlich oder halblaut beschweren; lateinisch: murmurare) ein Begleiter des Volkes Gottes. (Das „Lasst uns einen Anführer wählen und nach Ägypten zurückkehren.“ in Exodus 14,4 bestraft Gott mit Pest. In Exodus 16 wird Gott sogar gnädig, als er das Murren mitbekommt: „Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.“ 16,3. In Numeri 12 murren der Schwager und die Schwester gegen Mose, wofür sie Gott mit Aussatz bestraft und nach gezeigter Reue vom Mose heilen lässt. Numeri 14: Das Volk murrt nach dem Bericht der Kundschafter und weigert sich, in das verheißene Land einzuziehen. Bis in die Zeiten Jesu: Joh 6,41-42: „Da murrten die Juden gegen ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Und sie sagten: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen?“) Es ist eine menschliche Neigung: Wenn Dinge nicht nach unseren Vorstellungen verlaufen oder wenn unsere Befindlichkeiten nicht sofort Gehör finden, gegen wir zum Murren über.

In unserer heutigen Kirche in Deutschland zeigt sich dies in einer ganz konkreten Dynamik. Die Bistümer und Diözesen erhalten fortwährend Nachrichten und Rückmeldungen. Oft sind dies Klagen über die Organisation, die Leitung oder die Umsetzung von Entscheidungen. Es ist wichtig und richtig, auf die Menschen und ihre Wahrnehmungen zu achten. Es ist eine Pflicht der Hirten, zuhören zu können – auch und vor allem, um Missstände zu entdecken und ein „Bild der Lage“ zu haben.

Doch hier liegt eine große Gefahr: Wenn die Kirche beginnt, zu sehr auf die „Murrer“ zu reagieren, läuft sie Gefahr, die eigentliche Identität der Kirche zu verlieren. Wenn das individuelle Befinden und der Ruf nach Anpassung an den Zeitgeist wichtiger werden als die Lehren der Heiligen Schrift, der Dogmatik, des Kirchenrechts und der Morallehre, dann wird die Kirche zu einer Institution, die sich nach außen hin verstellt, statt nach innen hin fest in der Wahrheit zu stehen.

Die zwei Gefahren der einseitigen Aufmerksamkeit

Wenn wir das Murren nicht als Laster erkennen und bekämpfen, entstehen zwei gefährliche Pfade:

  1. Die Gefahr der „Lauten“: Man hört nur noch denjenigen, die am lautesten schreien. Man passt die Kirchenpraxis an die spezifischen Forderungen derjenigen an, die am lautesten murren, und ignoriert dabei die tieferen, beständigen Wahrheiten unseres Glaubens. Die Kirche wird dann von den Befindlichkeiten der Gegenwart gesteuert statt von der Wahrheit der Ewigkeit. Die Lauten werden oft noch medial und innerkirchlich unnötig verstärkt, weil es politisch opportun erscheint. (Die immerwährende Gefahr der zu großen ideologischen Nähe zum Staat spiel hier auch hinein.)
  2. Die Gefahr der „Stummen“: Wenn man den Murrern zu viel Raum gibt, während man die stillen, treuen Gläubigen vernachlässigt oder ihre Anliegen links liegen lässt, führt dies zu einer einseitigen Wahrnehmung der Kirche. Diejenigen, die stiller folgen, fühlen sich nicht mehr gehört oder abgehängt. Wenn dann Entscheidungen auf Basis eines verzerrten Bildes getroffen werden, enttäuschen sie die treue Herde und spalten die Gemeinschaft.

Der Ausweg: Mut zur Treue

Das Murren ist ein Gift für die Gemeinschaft. Es ersetzt Dankbarkeit durch Anspruch und Vertrauen durch Misstrauen. Um dieses Gift zu besiegen, braucht es eine Rückkehr zu zwei zentralen Tugenden: Ehrlichkeit und Mut.

Ehrlichkeit bedeutet, dass wir unsere Not vor Gott aussprechen, ohne dabei die Souveränität Gottes infrage zu stellen. Mut bedeutet, dass wir als Kirche und als Gläubige die Standhaftigkeit wahren, den Lehren der Kirche und den bestellten Vertretern der Kirche zu folgen – auch wenn die Umstände herausfordernd sind.

Die Heilung des Murrens liegt in einer „Bekehrung des Blickes“: Weg vom ständigen Vergleich mit dem „Anderen“ und hin zur Freude über die Gnade Gottes, die für uns alle bereitsteht. Die Kirche muss nicht die Meinung von jedem im Moment der Lautstärke bedienen, sondern die Wahrheit des Evangeliums verkünden, die alle anerkennt.

Nicht ohne Grund mahnt Apostel Paulus in Philipper 2,14 – „Tut alles ohne Murren und Bedenken“ beziehungsweise „ohne Murren und Streit“. Hier ist das Kirchenvolk genauso gefragt, wie die Kirchenleitung. Interessant finde ich auch, dass Jesus im Weinberg-Arbeiter-Gleichnis zwar die Forderung nach mehr Lohn kritisiert aber auch das Wort „murren“ verwendet. Das Wort findet zu wenig Beachtung. Ich glaube auch, dass genau dieses Murren den Weinbergbesitzer auf die Palme bringt, welches statt einer freundlichen direkten Anfrage nach der Lohngerechtigkeit entsteht. Hinter dem Rücken lästern ist keine christliche Art des Umgangs untereinander.