{"id":976,"date":"2013-10-03T18:29:51","date_gmt":"2013-10-03T16:29:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=976"},"modified":"2013-10-12T16:59:07","modified_gmt":"2013-10-12T14:59:07","slug":"mala-sprawa-ein-kleines-anliegen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/976\/mala-sprawa-ein-kleines-anliegen","title":{"rendered":"&#8222;Ma\u0142a sprawa&#8220; &#8211; &#8222;Ein kleines Anliegen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Noch eine vergessene Perle der polnischen Filmemacher. Eine Kom\u00f6die &#8211; obwohl nicht als solche ausgezeichnet. Man k\u00f6nnte es auch als sozialkritische Trag\u00f6die verkaufen. Komisch und tragisch zugleich.<\/p>\n<p>Wir haben das Jahr 1975. Ein polnischer Metalvearbeitungsbetrieb, ein Zeichen des Fortschritts und der Industrialisierung wie es im Buche steht. \u00dcber Umwege bekommt die Leitung des Betriebes mit, dass ein ranghoher Politiker der Kommunistischen Partei einen \u00dcberraschungsbesuch plant. Um einen solch hohen Besuch geb\u00fchrend zu empfangen, muss jedoch noch viel erledigt werden.<br \/>\n<!--more-->Wir kennen es sicher alle: Ein hoher Besuch k\u00fcndigt sich an, aber statt Freude empfindet man etwas Angst. &#8222;Was muss ich noch vorbereiten?&#8220;, &#8222;Ist das so OK oder kann man etwas noch besser machen?&#8220;, &#8222;Muss noch was auf die Schnelle repariert werden?&#8220; und &#8222;Wie begr\u00fc\u00dft man so jemand \u00fcberhaupt?&#8220;<\/p>\n<p>Genau diese Fragen besch\u00e4ftigen den Chef des Werkes. Zur Unterst\u00fctzung werden Vorarbeiter und Parteimitglieder eingebunden. Sie sind sich jedoch nicht einig und diskutieren eifrig. Der \u00e4lteste Mitarbeiter wird damit beauftragt, die kleinlich durchdeklinierte Lobeshymne auf die Partei und den Besucher frei vorzutragen. Dieser hat jedoch \u00fcberhaupt kein Interesse daran. Er sieht die Realit\u00e4t auch ganz anders als seine Kollegen. Statt die Wohltaten des Staates und der Partei zu loben, will er vielmehr auf die praktischen Probleme und Hindernisse des Betriebes und seiner Arbeitskollegen eingehen. Teilweise sind diese recht banal, f\u00fchren in der Summe jedoch dazu, dass der Plan nie rechtzeitig und vollst\u00e4ndig erf\u00fcllt wird.<\/p>\n<p>Um m\u00f6glichst positiv aufzufallen, werden an allen Ecken und Enden Korrekturen oder Reparaturen vorgenommen. So f\u00e4llt den Zust\u00e4ndigen erst nach Wochen auf, dass im Bad die Wasserleitungen keinen Tropfen Wasser f\u00fchren (was zur Folge hat, dass die Mitarbeiter in eben diesem Zeitraum ungewaschen nach Hause gehen mussten). Man versucht in der K\u00fcrze der Zeit einen Installateur aufzutreiben, um den Missstand zu beseitigen. V\u00f6llig unerwartet taucht auch die wei\u00dfe Farbe auf, auf die man schon seit Monaten gewartet hat, um die Zebrastreifen auf dem Gel\u00e4nde des Betriebes zu erneuern. Kurz: Das st\u00e4ndige Provisorium kann unter Einsatz aller Kollegen\u00a0scheinbar innerhalb weniger Stunden beseitigt werden.<\/p>\n<p>Das wirklich Lustige ist genau das, was die Polen damals so ge\u00e4rgert hat und das Leben so schwer machte. Es ist die Karikatur eines Betriebes, einer Gesellschaft und einer Politik, die von Neusprech, Euphemismen und dem Verschlie\u00dfen der Augen vor der Realit\u00e4t gepr\u00e4gt wird. Eine Perversion der ersehnten Normalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Dieser Film hat an der Aktualit\u00e4t dennoch nichts verloren: W\u00fcrde man aus der Sicht eines Harz-IV-Empf\u00e4ngers eine Doku unserer Realit\u00e4t verfilmen wollen, k\u00e4me man sicher zum \u00e4hnlichen Ergebnis. Die Politik stimmt ein Loblied auf den Wohlstand und die Wirtschaft an, w\u00e4hrend Arbeitslose von den Arbeitsagenturen und &#8222;Angestelltenverleihern&#8220; geknechtet, am Aufstieg gehindert oder schlicht als namenlose Masse eines Menschen unw\u00fcrdig behandelt werden. Wir kennen ja alle die gesch\u00f6nten Arbeitslosenzahlen oder die nichtssagende Indexe wie Bruttoinlandsprodukt oder den DAX, die in keinem oder nur sehr losem Zusammenhang mit der Realit\u00e4t der einfachen Arbeiter stehen.<\/p>\n<p>Auch die Angst vor den Hohen Tieren wird genial aufs Korn genommen. Dargestellt wird die Karikatur eines Chefs, der keinen Mut hat, im Sinne ihres Betriebes die Missst\u00e4nde anzusprechen sondern vielmehr durch Weihrauch und Schmeicheleien nur am eigenen Aufstieg interessiert ist. Wer Polen in den 80er Jahren erlebt hatte, wei\u00df worum es geht: Die Fertigungszahlen wurden die Ministerien deutlich \u00fcberh\u00f6ht gemeldet, Anfragen nach Bedarf klein geredet oder unbeantwortet an die zentralen Planer zur\u00fcckgeschickt. Man lebte in einem bew\u00e4hrten Provisorium, weil keiner den Mut hatte, den Mund aufzumachen. Und je schlimmer es wurde, desto mehr lobte man die Segen des Sozialismus&#8230; Bis 1980 ein Elektriker der Danziger Werft im Namen seiner Kollegen und seiner vielen Kinder den Staat \u00f6ffentlich kritisierte.<\/p>\n<p>F\u00fcr Westeurop\u00e4er nur schwer verst\u00e4ndlich &#8211; weil kaum nachvollziehbar &#8211; ist dieser Film eine wunderbare Satire auf eine Firma bzw. eine Gesellschaft, in der man wirklich nicht arbeiten oder leben will. Sozialkritisch, mit dem Fokus auf dem Provisorium als Dauerzustand. Einfach sehenswert.<\/p>\n<p>Hier ein Link zum polnischen Filmeportal mit genauer Beschreibung der Handlung <a href=\"http:\/\/filmpolski.pl\/fp\/index.php\/124697\">http:\/\/filmpolski.pl\/fp\/index.php\/124697<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch eine vergessene Perle der polnischen Filmemacher. Eine Kom\u00f6die &#8211; obwohl nicht als solche ausgezeichnet. Man k\u00f6nnte es auch als sozialkritische Trag\u00f6die verkaufen. Komisch und tragisch zugleich. Wir haben das Jahr 1975. 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