{"id":734,"date":"2011-06-01T21:44:30","date_gmt":"2011-06-01T19:44:30","guid":{"rendered":"http:\/\/robert.kolatzek.org\/wblog\/?p=734"},"modified":"2011-06-01T21:44:30","modified_gmt":"2011-06-01T19:44:30","slug":"soll-man-noch-kindersegen-wunschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/734\/soll-man-noch-kindersegen-wunschen","title":{"rendered":"Soll man noch &#8222;Kindersegen&#8220; w\u00fcnschen?"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin in einem Dilemma:\u00a0 Gerne w\u00fcrde ich Bekannten, die demn\u00e4chst heiraten, wie jedem anderem auch Kinder w\u00fcnschen. Andererseits wei\u00df ich, dass dies nicht immer gut ankommt. Ich kenne gen\u00fcgend Menschen in meiner Umgebung, die sich ausdr\u00fccklich keine Kinder w\u00fcnschen&#8230; oder wenn \u00fcberhaupt, dann ein einziges. So sehr ich selber ein kleines Menschenleben genie\u00dfe, so gut kann ich auch die verstehen, die es aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden ablehnen. Neben den pers\u00f6nlichen Gr\u00fcnden (die meiner Erfahrung nach nur selten gegen ein Kind sprechen) sind es viele Gr\u00fcnde, die einem die Gesellschaft (so wie sie in Deutschland ist) liefert.<\/p>\n<p><!--more-->Auch wenn es seltsam klingt, muss man die Zahlen und Prognosen unser Gesellschaft ber\u00fccksichtigen: Will man \u00fcberhaupt einem Kind das Leben schenken, wenn man wei\u00df, dass es im Jahre 2060 0,7 Rentnern die Rente bezahlen muss (2008 waren es 0,33 Rentner pro Arbeitnehmer), den riesigen Schuldenberg (den die 2 Generationen vor ihm hinterlassen haben) abtragen muss und zugleich f\u00fcr die unheimlichen Pflegekosten (vornehmlich der Kinderlosen) aufkommen soll? W\u00fcrden Sie sich die Verdopplung der Pflege-, Kranken- und Rentenversicherung w\u00fcnschen? K\u00f6nnten Sie das mit Ihrem Gehalt leisten? Genau das ist f\u00fcr das Jahr 2060 zu erwarten!*<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das kein Grund einem Menschen das Leben zu verweigern. Man kann auch die Gesellschaft \u00e4ndern: Den Kranken-, Pflege- und Rentenversicherungssatz der Kinderlosen auf das Doppelte zu erh\u00f6hen, w\u00fcrde sicherlich einen Sinneswandel einleiten. Die Verdopplung ist keine Erfindung von mir. Jemand hat es mir ganz schl\u00fcssig erkl\u00e4rt: Ein Ehepaar mit einem Kind hat die 50%ige Chance von eigenem Kind versorgt, gepflegt und unterst\u00fctzt zu werden (es tut dies oder auch nicht). Bei zwei Kindern ist die Gefahr, dass die Gesellschaft diese Leistungen erbringen muss, noch einmal um die H\u00e4lfte kleiner (das zweite Kind springt ein oder auch nicht). Bei kinderlosen Paaren ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand au\u00dfer der Gemeinschaft selbst sie pflegen bzw. unterst\u00fctzen w\u00fcrde, nahezu gleich Null.<\/p>\n<p>Ein anderer Aspekt ist der Umgang mit den Kindern in der \u00d6ffentlichkeit. Sie sind l\u00e4stig. Aber nur halb so l\u00e4stig, wenn man selber welche hat. Das Babygeschrei ist immer noch ein Alarmsignal und Adrenalin-Schuss zugleich. Doch man hat gelernt, damit umzugehen: das Kind zu beruhigen, die eigene \u00dcberempfindlichkeit in den Griff zu kriegen oder sogar selber am Mitspielen Spa\u00df zu haben. Man muss nicht jeden p\u00f6belnden sechsj\u00e4hrigen als Gottgegeben hinnehmen. Man muss aber auch kein g\u00fcnstiges Haus neben einem Kindergarten kaufen, um sp\u00e4ter die Einrichtung aus der Nachbarschaft rauszuklagen (was in Summe g\u00fcnstiger ist als ein Haus in ruhigerer Lage). Einrichtungen f\u00fcr Kinder (aber nicht unbedingt f\u00fcr Jugendliche) m\u00fcssen von den L\u00e4rmbel\u00e4stigungsklagen herausgenommen werden. (Das passende Gesetzt l\u00e4sst aber auf sich warten.)<\/p>\n<p>Oft wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf genannt. Es stimmt. Wenn man um einen Kita-Platz bangen muss und das riesige Haushaltsloch durch unbezahlte Elternzeit auf sich zukommen sieht, kriegt man wirklich Angst. Wir m\u00fcssen den Erfindern des Elterngeldes dankbar sein, dass sie zu diesem Zweck die Rentenkassen belasten. Kinder sind eben im Kapitalismus ungewollte St\u00f6renfriede. Ohne die Einschr\u00e4nkungen des Kapitalismus wie dem Elterngeld und der gesetzlichen Elternzeit w\u00fcrden wir funktionieren wie in Zeiten der feudalen Herrscher: arm, schutzlos und ums Geld bettelnd (mit Kindern) oder als wohlhabende unbarmherzige Sklaventreiber (als Kinderlose). Das Vater- oder Muttersein muss zu einem besonderen Schutzrecht f\u00fchren (entsprechend der Anzahl der Kinder &#8211; versteht sich). Das Diskriminierungsverbot sollte zuerst f\u00fcr die Eltern, dann erst f\u00fcr Religions-, Geschlechts- oder Parteizugeh\u00f6rigkeit etc gelten. W\u00e4hrend eine \u00dcberzeugung oder ein bestimmter Glaube die moralischen Werte der Gesellschaft pr\u00e4gt, sichert die &#8211; genauso private &#8211; Entscheidung f\u00fcr ein Kind das \u00dcberleben einer solchen. Diesen besonderen Schutz brauchen die Eltern auch als Sicherheit. Im anderen Falle ist es eher eine Sicherheit f\u00fcr den Arbeitgeber, der wei\u00df, dass seine Angestellten alles tun w\u00fcrden, um Ihre Kinder ern\u00e4hrt zu bekommen&#8230; Was leicht zur unmoralischen Ausbeutung der &#8222;Schw\u00e4cheren&#8220; f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt ist die Gefahr, mit einem Kind &#8222;im Regen stehen gelassen&#8220; zu werden nicht unerheblich. Wer als Paar ein Kind betreut hat, wei\u00df wie m\u00fcde man am Ende des Tages sein kann. Wer es ganz alleine leisten soll, darf zurecht Angst davor haben. Diese ist nicht unbegr\u00fcndet. Die Scheidungsquote hat sich in den Jahren 1960 &#8211; 2008 verf\u00fcnffacht von knapp 10 auf \u00fcber 50%! Einerseits ist die Scheidung etwas so v\u00f6llig gew\u00f6hnliches geworden, dass man das Trauversprechen (&#8222;bis zum Tode&#8220;) als eine bedeutungslose Floskel verstehen darf. Andererseits hat man den Frauen im Falle einer Scheidung so viele Rechte einger\u00e4umt, dass die Frauen es eher in Erw\u00e4gung ziehen als ihre gut verdienenden Gatten. (Der Scheidungswunsch der Frauen \u00fcbersteigt den der M\u00e4nner um ca. 30%.) Da diese besonderen Rechte die Menschen davor nicht abhalten k\u00f6nnen, als Paar f\u00fcr ein Kind zu sorgen, muss man wohl andere \u00dcberlegungen anstellen. Die Absetzbarkeit von Scheidungskosten von der Steuer, ist (gelinde ausgedr\u00fcckt) eine Frechheit gegen\u00fcber den Heiratswilligen, die die Kosten der Hochzeit nicht steuerlich geltend machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Als letzter Grund gegen die Kinder (bewusst in Mehrzahl) spricht die Konstante in unserer Gesellschaft f\u00fcr das 2+1-Modell. Ist in diesem Modell mit der &#8222;1&#8220; kein Hund und kein Auto gemeint, handelt es sich um ein Elternpaar mit einem Kind. Davon haben wir mehr in Deutschland als vom Typ 2+2, 2+3 etc zusammen. Manchmal h\u00f6rt man ein leises &#8222;selber schuld&#8220;, wenn Menschen von Problemen oder Not wegen der h\u00f6heren Kinderzahl erz\u00e4hlen. Manchmal werden M\u00fctter mehrerer Kinder von anderen Frauen als &#8222;Geb\u00e4rmaschinen&#8220; beschimpft als ob es eine Krankheit w\u00e4re, die man meiden sollte. Ist es etwa w\u00fcnschenswert, eine Gesellschaft auf Tausenden schlecht sozialisierten oder egozentrischen kleinen B\u00fcrgern aufzubauen?<\/p>\n<p>Wenn man so \u00fcberlegt, wie ung\u00fcnstig es ist, heute Vater, Muter oder ein neuer Mensch zu werden, m\u00fcsste man sich der Phrase mit dem Kindersegen eher enthalten. Andererseits ist das Vater- oder Muttersein eine wichtige Lebenserfahrung. Man wird dadurch reifer, erfahrener, g\u00fctiger, r\u00fccksichtsvoller&#8230; Manchmal verzweifelt oder scheitert man an dem eigenen Anspruch. Das bedeutet aber auch, das man wei\u00df, wie man sein will &#8211; auch wenn man es nicht erreichen kann. F\u00fcr dieses Wachstum im Erwachsenenalter ist die Nachkommenschaft zust\u00e4ndig&#8230;<\/p>\n<p>Da man nicht nur gibt\/geben muss, sonder auch sehr viel zur\u00fcck bekommt, sollte man den &#8222;Kindersegen&#8220; auf der Gl\u00fcckwunschkarte vielleicht doch nicht vergessen&#8230; Das Urvertrauen eines Babys, das einem Erwachsenen &#8222;Wundertaten&#8220; entlockt, best\u00e4tigt ihn auch in seiner Existenz: &#8222;Was du kannst, ist toll!&#8220; sagt es jeden Tag aufs Neue. Man f\u00fcllt sich nicht nur gebraucht. (Gegenst\u00e4nde brauchen und gebrauchen wir t\u00e4glich &#8211; ohne sich bei ihnen zu bedanken.) Man wird unentbehrlich. Und das L\u00e4cheln ist der Dank. Ein Kind kann den gr\u00f6\u00dften Pechvogel lieben &#8211; nur weil er sein Vater ist. Einem Kind schmeckt es, auch wenn die Mutter gar nicht kochen kann. Man wird geliebt nicht daf\u00fcr was man leisten kann, sondern daf\u00fcr, dass man da ist und sich liebevoll bem\u00fcht. Die kleinen Kinder sehen meist mit dem Herzen ;-)\u00a0 (&#8230;wie es der Kleine Prinz formulieren w\u00fcrde.)<\/p>\n<p>Gl\u00e4ubige Eltern sehen zudem in ihren Kindern ihre Sch\u00f6pfung (die sie sch\u00fctzen und vor B\u00f6sem bewahren wollen) &#8211; so wie Gott es in Ihnen sieht. Man muss nicht ins Kloster, um in der Seele Gott so nahe zu kommen.<\/p>\n<p>Ich denke, es ist mir selbst klar geworden, was zu tun ist: Den Kindersegen w\u00fcnsche ich den Brautleuten und von den deutschen Politikern w\u00fcnsche ich mir und unserer Gesellschaft den Rest.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p>* Diese Angaben beruhen auf einer Deutung des Statistischen Jahresbuchs 2010. Ich nehme grob an, dass alle 20- bis 65-j\u00e4hrigen Arbeitnehmer sind. In Wirklichkeit sind es viel weniger: Arbeitslose, Studenten und Selbst\u00e4ndige (sowie Anw\u00e4lte, \u00c4rzte etc) m\u00fcsste man davon im Bezug auf Renten abziehen.<\/p>\n<p>Quellen: <a title=\"Statistisches Jahresbuch 2010 als PDF\" href=\"http:\/\/www.destatis.de\/jetspeed\/portal\/cms\/Sites\/destatis\/SharedContent\/Oeffentlich\/B3\/Publikation\/Jahrbuch\/StatistischesJahrbuch,property=file.pdf\" target=\"_blank\">Statistisches Jahresbuch 2010<\/a> 2.17, 2.33, 2.34, 2.35<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin in einem Dilemma:\u00a0 Gerne w\u00fcrde ich Bekannten, die demn\u00e4chst heiraten, wie jedem anderem auch Kinder w\u00fcnschen. Andererseits wei\u00df ich, dass dies nicht immer gut ankommt. Ich kenne gen\u00fcgend Menschen in meiner Umgebung, die sich ausdr\u00fccklich keine Kinder w\u00fcnschen&#8230; oder wenn \u00fcberhaupt, dann ein einziges. 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