{"id":724,"date":"2011-03-07T20:15:07","date_gmt":"2011-03-07T16:15:07","guid":{"rendered":"http:\/\/robert.kolatzek.org\/wblog\/?p=724"},"modified":"2011-03-07T20:15:07","modified_gmt":"2011-03-07T16:15:07","slug":"dr-k-t","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/724\/dr-k-t","title":{"rendered":"Dr. K.-T."},"content":{"rendered":"<p>Es regt sich auf, wer nur kann. Die einen sehen einen riesigen S\u00fcndenfall, die anderen wollen den S\u00fcnder um jeden Preis st\u00fctzen. Jeder Sammelt Unterschriften. Nur wenige hinterfragen die Kampagnen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Solch plakative Grabenk\u00e4mpfe sind sehr medienwirksam, weil sie die Neugier und News-Sucht der Medien-Macher befriedigen. Einem politisch ambivalenten B\u00fcrger f\u00e4llt in dem Get\u00f6se etwas v\u00f6llig anderes auf: Es geht hier weder um die richtige Politik, noch um das Beste f\u00fcr unser Land. Rauchschwaden verbergen unsere wahren Probleme. Ich habe mit die M\u00fche gemacht, mich nicht auf dies oder jenes festzulegen, sondern die Fakten und Stimmen im Falle des Nichtdoktors zu sammeln und aus einer gewissen Entfernung anzuschauen, so als ob ich in Monaten und nicht in Stunden rechnen w\u00fcrde. Folgendes ist dabei herausgekommen:<\/p>\n<ol>\n<li>Wie die Frau Dr. Merkel richtig bemerkte, handelte es sich um einen Verteidigungsminister, nicht um einen wissenschaftlichen Assistenten (grober Kategorienfehler der Kritiker).<\/li>\n<li>Die Vorw\u00fcrfe sind schwerwiegend, aber im wissenschaftlichen Umfeld nicht wirklich erschreckend.<\/li>\n<li>Die Anti-Gutenberg-Kampagne begann schon fr\u00fcher und scheint ihren Ursprung im Popularit\u00e4tsneid zu haben.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese drei Punkte reichen.<\/p>\n<p>Wenn es um den &#8222;wissenschaftlichen Assistenten&#8220; geht, muss man auf die sachlich sehr lose Zusammenh\u00e4nge denken. Es ging ja niemals um Sachen wie Abschaffung \/ Aussetzung des Wehrdienstes oder darum, dass man mit diesem Schritt nicht so viel Geld sparen kann, wie anfangs angenommen. Die Argumente ad res wurden kaum geh\u00f6rt oder scheinen den meisten gleichg\u00fcltig (wohl angesichts der Mehrheitsverh\u00e4ltnisse im Parlament). Vielmehr wurde von beiden Seiten auf der Popularit\u00e4t des Adligen &#8222;geritten&#8220;. (Diese gab es angeblich zun\u00e4chst unter bayrischen Soldaten und Reservisten, die verst\u00e4rkt durch eine smarte Erscheinung in die ganze Republik ausstrahlte.) Dass ein gut aussehender Mann keine fortschrittliche, b\u00fcrgernahe oder nachhaltige Politik anzubieten braucht, um in der Politik gro\u00df rauszukommen, wissen wir sp\u00e4testens seit dem Vorg\u00e4nger der amtierenden Bundeskanzlerin. Genauso unsinnig waren die Vorw\u00fcrfe im Zusammenhang mit der Doktorarbeit. Anfang 90er Jahre gab es einen \u00e4hnlichen Fall bei den polnischen Pr\u00e4sidentenwahlen: der Gewinner der Direktwahl gab an, Akademiker zu sein, obwohl er sein Studium nicht wirklich mit dem Magister abgeschlossen hatte. Das oberste polnische Gericht entschied, dass die Wahl g\u00fcltig sei, weil der Kandidat nicht nur wegen seiner Ausbildung gew\u00e4hlt wird. Da diese Entscheidung nahezu allgemeing\u00fcltig ist, wurde ein anderer Scheinargument erfunden: Jemand der bei der wissenschaftlichen Arbeit unredlich sei, w\u00e4re auch als Politiker unglaubw\u00fcrdig und somit untragbar. (Das bedeutet \u00fcbersetzt: &#8222;Wer aus Nachbars Garten einen Apfel gestohlen hat, w\u00fcrde sicher auch im Supermarkt den gro\u00dfen LCD-Fernseher klauen&#8220; &#8211; purer Unsinn!).<\/p>\n<p>Wenn es um die wissenschaftliche Arbeit des Mannes geht, dann muss ich vor der Arbeit des Mannes (wie auch vieler anderer) Respekt zollen. Eine so umfangreiche Arbeit mit \u00fcber Tausend Fu\u00dfnoten als junger Vater zu verfassen \u00fcbersteigt auch meine F\u00e4higkeiten. Ich begrenze mich auf ca 250 Seiten und ca 200 Quellenangaben. Wenn K.-T. wirklich seine Arbeit selber geschrieben hat, h\u00e4tte er es auch wissen m\u00fcssen, was in seiner Arbeit steckt. Da er es nicht wusste, muss man davon ausgehen, dass er diese entweder nicht selber geschrieben hat oder durch Pech (&#8222;verschlucken&#8220; der Fu\u00dfnoten durch die Software) bzw. durch starke Ablenkung durch seinen Nachwuchs etwas anderes abgegeben hat, als er beabsichtigte. Welche Version man glaubt, ist jedem selber \u00fcberlassen. Die Wissenschaft (oder genauer &#8222;das wissenschaftliche Arbeiten&#8220;) kennt schlimmere F\u00e4lle, die bestenfalls unter Freunden erw\u00e4hnt werden: Poster oder Pr\u00e4sentationen, die eine Professorin als eigen auf einem Kongress vorstellt, obwohl sie aus dem Netzlaufwerk der Assistentin stammen&#8230; oder abgelehnte Versionen einer Doktorarbeit (bzw. Forschungsergebnisse), die kurze Zeit sp\u00e4ter in das Buch des Doktorvaters Einzug finden. Die Wissenschaft ist nicht die Insel der Reinen und Frommen. Auf einem Uni-Campus werden auch keine wei\u00dfen T\u00e4ubchen gez\u00fcchtet. Der moralische Verfall ist hier genauso schlimm, wie anderswo auch. Wenn die 20 000 Doktoren und Doktoranden &#8211; die Unterzeichner des offenen Briefes an die Bundeskanzlerin &#8211; nicht sehen, dass haben sie das Gl\u00fcck einer selektiven Wahrnehmung oder einen Promotions- \/ Arbeitsort, an dem so etwas noch nicht publik geworden ist. Meine Kritik an diesem Offenen Brief bedeutet nicht, dass ich Plagiate guthei\u00dfe. Im Gegenteil. Ich erwarte, dass jede unethische Zug\u00e4nglichmachung oder Aneignung fremder Arbeit, gleich behandelt wird: ob zw\u00f6lfj\u00e4hriger Filesharer, drei\u00dfigj\u00e4hriger Doktor oder f\u00fcnfzigj\u00e4hriger Professor.<\/p>\n<p>Als drittes fiel auf, dass zuerst ein Vorfall von der Gorch Fock auftauchte (obwohl er zeitlich gar nicht in den Bericht des Bundeswehrbeauftragten hinein passte). \u00dcber die Tatsachen wissen wir bis heute sehr wenig. Aber an die Aufregung, die sich daraus ergeben hat, kann sich jeder gut erinnern. Man arbeitete seit langem im Hintergrund daran, dem beliebtesten Politiker Deutschlands, zu schaden. Dabei h\u00e4tte es gar nicht so pers\u00f6nlich sein m\u00fcssen. Das scheibchenweise Ausr\u00fccken der Wahrheit kam es auch bei Themen wie Kundus. Das w\u00e4re der Ort, einem Minister (in seiner Rolle als Minister) auf die Finger zu klopfen. Warum man das vers\u00e4umt hat, ist mir unbegreiflich. Vielleicht aus Kollegialit\u00e4t unter Politikern.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte das Rad nicht zur\u00fcckdrehen und auch nicht unbedingt den Frauenschwarm als Minister zur\u00fcck. (Auch wenn ich ihn pers\u00f6nlich sehr sympatisch finde und f\u00fcr gebildet und eloquent halte.) Ich hoffe inst\u00e4ndig auf die R\u00fcckkehr der sachlichen Debatten und Vorschl\u00e4ge zur L\u00f6sung unserer Probleme. Ich bin schon gespannt, welche realistische (!) Antwort die Volksvertreter sich einfallen lassen, nachdem es 2012 90% zu wenig Zivis und um 90% zu viel Erstsemestler gibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es regt sich auf, wer nur kann. Die einen sehen einen riesigen S\u00fcndenfall, die anderen wollen den S\u00fcnder um jeden Preis st\u00fctzen. Jeder Sammelt Unterschriften. 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