{"id":710,"date":"2010-12-30T20:46:53","date_gmt":"2010-12-30T18:46:53","guid":{"rendered":"http:\/\/robert.kolatzek.org\/wblog\/?p=710"},"modified":"2010-12-30T20:46:53","modified_gmt":"2010-12-30T18:46:53","slug":"kategorienfehler-was-hat-ein-windrad-mit-dem-lebkuchen-gemeinsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/710\/kategorienfehler-was-hat-ein-windrad-mit-dem-lebkuchen-gemeinsam","title":{"rendered":"Kategorienfehler: &#8222;Was hat ein Windrad mit einem Lebkuchen gemeinsam?&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Der im Titel zitierte Spruch stammt aus dem Polnischen (&#8222;<a title=\"Wiktionary (en) \u00fcber dieses polnische Idiom\" href=\"https:\/\/secure.wikimedia.org\/wiktionary\/en\/wiki\/co_ma_piernik_do_wiatraka\">Co ma piernik do wiatraka?<\/a>&#8222;) und besagt, dass eine Aussage einen Zusammenhang zwischen zwei Sachverhalten herstellen will, wo es keinen gibt. So etwas nennt man in der Philosophie einen Kategorienfehler. Man k\u00f6nnte glauben, solche Missgeschicke k\u00f6nnen nur ungewollt passieren. Doch solche missgl\u00fcckten Argumentationen haben in unserer Gesellschaft Hochkonjunktur.<\/p>\n<p><!--more-->Ein Kategorienfehler entsteht, wenn man einen Begriff durch einen anderen Begriff unkritisch ersetzt, obwohl beide nicht deckungsgleich sind. Im weiteren Sinne ist eine \u00dcbertragung aller Eigenschaften eines Dinges auf ein anderes. Ein typisches Beispiel: &#8222;Obdachloser&#8220; und (verzeihen Sie den verbreiteten derben Ausdruck) &#8222;Penner&#8220;. Man kann obdachlos werden durch Hausbrand, Arbeitslosigkeit oder sonstige Schicksalsschl\u00e4ge. Man muss als Obdachloser nicht unter der Br\u00fccke schlafen oder betrunken mit zerfetzten Kleidern auf der Bushaltestelle kampieren. Das schlimme Wort &#8222;Penner&#8220; darf also nicht einfach durch &#8222;Obdachloser&#8220; ersetzt werden.<\/p>\n<p>In diesem Beispiel f\u00e4llt schnell auf, dass beide Begriffe nur eines gemeinsam haben: das Fehlen eines eigenen Heims (&#8222;Heim&#8220; ist hier nicht mit &#8222;Haus&#8220; oder &#8222;Pflegeeinrichtung&#8220; \u00e4quivalent). Aufgrund dieser einen gemeinsamen Eigenschaft kann man beide Begriffe nicht beliebig austauschen, da sich der Aussagewert des Satzes drastisch \u00e4ndert.<\/p>\n<p>Oft ist es jedoch so, dass wir einen B\u00fcndel an Eigenschaften, der statistisch gesehen besonders oft bei bestimmten Arten von Dingen vorkommt, mit dem Namen dieser Art bezeichnen. Man denke hierbei an den &#8222;Ossi&#8220;, den &#8222;Polen&#8220;, die &#8222;Rothaarige&#8220; &#8230; oder eben die &#8222;Frau&#8220;. Pauschal gesehen, haben es die Frauen schwerer als M\u00e4nner, wenn es um Karriere und Posten geht. Nicht zuletzt deshalb, weil sie f\u00fcr Ihre Kinder daheim bleiben und auf einen gro\u00dfen Teil der Aufstiegschancen verzichten. Genau betrachtet, m\u00fcsste man sagen: Wir sprechen von Menschen, die Eltern geworden sind und ihre Kinder in den ersten Jahren pflegen wollen. Das Wort &#8222;Frau&#8220; ist an dieser Stelle manchmal sogar passend aber keines Falls \u00e4quivalent. Es kann sich prinzipiell also nur um einen Kategorienfehler handeln, wenn man Frauen f\u00f6rdern will. Das Wort &#8222;Frau&#8220; wird stellvertretend f\u00fcr viele Eigenschaften verwendet. Es muss jedoch immer dieses Eigenschaftenb\u00fcndel gemeint sein.<\/p>\n<p>Beachtet man solche Missverst\u00e4ndnisse nicht, so bringt man Gesetze hervor, die pauschal ein Geschlecht oder eine Gruppe bevorzugen oder benachteiligen. Beispiele daf\u00fcr sind:<\/p>\n<ul>\n<li>die sog. &#8222;Frauenf\u00f6rderung&#8220;, die ohne gewichtigen Grund einem Geschlecht einige Vorteile gew\u00e4hrt und die Vertreter des anderen unn\u00f6tig benachteiligt (Den Job, den eine zwanzigj\u00e4hrige alleinstehende Mini-Fahrerin ohne famili\u00e4re Verpflichtungen bekommen hat, kann der von der Arbeitslosigkeit bedrohte einzige Familienern\u00e4hrer nicht bekommen!)<\/li>\n<li>die Rasterfahndung, die z.B. Menschen arabische oder osmanischer Herkunft generell unter Verdacht stellt, obwohl die Konvertiten &#8211; deutsch-st\u00e4mmige B\u00fcrger viel militanter zu sein scheinen<\/li>\n<li>die statistische Verallgemeinerung: Was f\u00fcr die Mehrheit gilt, muss nicht f\u00fcr einen bestimmten Menschen gelten. (Die Menschen setzen f\u00fcr gew\u00f6hnlich eigenes Leben nicht dazu ein, um andere zu t\u00f6ten. Auf Selbstmordatent\u00e4ter gilt diese Verallgemeinerung nicht zu.)<\/li>\n<li>die Frauenquote, die blind eine nicht weiter begr\u00fcndete Zahl zum Scheidepunkt und f\u00fcr einige M\u00e4nner zum schicksalhaften Scheiterpunkt erhebt (25% der Psychotherapeuten m\u00fcssen angeblich weiblich sein. Warum gerade 25%? Und was ist mit &#8222;weiblich&#8220; gemeint? W\u00fcrde ein weiblich wirkender Mann auch ausreichen?)<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die pauschale Bevorzugung oder Benachteiligung steht im Widerspruch zum Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz und zum Verbot der Diskriminierung von Rassen und Geschlechtern. Bevorzugung aufgrund einer Funktion oder einer Eigenschaft wie &#8222;Bundeskanzler-Sein&#8220; oder &#8222;Mutter-Sein&#8220; oder &#8222;nicht laufen k\u00f6nnen&#8220; sind hingegen legitim, solange sie diese Eigenschaft im Blick behalten. (Den Bundeskanzler von allen Paragraphen des BGB zu befreien, nur weil er das Amt inne hat, w\u00e4re ein kompletter Nonsens. Ihm einen Fahrer und ein Auto mit Sicherheitvorrichtungen zuzugestehen ist sicherlich sinnvoll.)<\/p>\n<p>Die F\u00e4higkeit, Kategorienfehler zu entdecken, ist leider selten angeboren. Sie muss ge\u00fcbt werden!<\/p>\n<p>Nachtrag:<\/p>\n<p><em>[Einfacher gesagt ist ein Kategorienfehler eine misslungene Ersetzung des Begriffes aus der Kategorie &#8222;A&#8220; durch einen anderen Begriff aus der Kategorie &#8222;B&#8220;. Kategorien sind: L\u00e4nge, Farbe, Zeit, Geruch, Geschmack, Dauer etc&#8230; &#8222;Ich habe die\u00a0 Wand salzig angestrichen&#8220; w\u00e4re falsch, &#8222;Ich habe die Wand rot angestrichen&#8220; richtig. Begriffe die mehr als einer Kategorie angeh\u00f6ren eignen sich besonders gut f\u00fcr Sprachwitze, weil &#8222;schwere Schuld&#8220; nicht gewogen werden kann&#8230;]<\/em><\/p>\n<p><em>Und f\u00fcr alle die Witze lieben hier noch ein thematisch passendes Lachmuskeltraining: In Polen erz\u00e4hlt man den folgenden Witz, der auf einem sch\u00f6nen Kategorienfehler basiert.<br \/>\n&#8222;Wir haben das Jahr 1635. Der Dorfvorsteher ruft alle Bewohner zusammen und erkl\u00e4rt: &#8218;Der Schmied hat seine Frau umgebracht. Darauf steht die Todesstrafe. Wir m\u00fcssen ihn an den Henker ausliefern.&#8216; &#8218;Halt&#8216; &#8211; ruf einer der Bauern &#8211; &#8218;wir haben ja nur den einen Schmied, wir k\u00f6nnen auf ihn nicht verzichten!&#8216; Alle Dorfbewohner geben ihm Recht. &#8218;Was machen wir dann?&#8216; &#8211; fragt der B\u00fcrgermeister verzweifelt. Stille im Saal. Nach einigen Minuten meldet sich der d\u00fcmmste Bauer und sagt: &#8218;Lasst uns einen der B\u00e4cker hinrichten, davon haben wir zwei.'&#8220;<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der im Titel zitierte Spruch stammt aus dem Polnischen (&#8222;Co ma piernik do wiatraka?&#8222;) und besagt, dass eine Aussage einen Zusammenhang zwischen zwei Sachverhalten herstellen will, wo es keinen gibt. So etwas nennt man in der Philosophie einen Kategorienfehler. Man k\u00f6nnte glauben, solche Missgeschicke k\u00f6nnen nur ungewollt passieren. 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