{"id":664,"date":"2010-08-17T17:37:37","date_gmt":"2010-08-17T15:37:37","guid":{"rendered":"http:\/\/robert.kolatzek.org\/wblog\/?p=664"},"modified":"2010-08-17T17:37:37","modified_gmt":"2010-08-17T15:37:37","slug":"schisophrenie-und-paranoia-als-grund-fur-lex-google","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/664\/schisophrenie-und-paranoia-als-grund-fur-lex-google","title":{"rendered":"Schizophrenie und Paranoia als Grund f\u00fcr &#8222;Lex Google&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Wir Menschen sind voller Widerspr\u00fcche. Wir geben es nur nicht gerne zu. Manchmal entwickeln wir paranoide \u00c4ngste oder tun so, als h\u00e4tten wir das zuvor gesagte Wort nie ausgesprochen. Man muss daf\u00fcr nicht krank sein. Gewisse Verhaltensmuster sind &#8211; wie das &#8222;Irre&#8220;-Buch von Manfred L\u00fctz beweist &#8211; in jedem B\u00fcrger (aber vor allem in der Politik) gut zu erkennen. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr sind die seit Jahrzehnten anstehende Gesundheitsreform und das geforderte Gesetz gegen StreetView von Google (und vielleicht gegen Google selbst).<\/p>\n<p><!--more-->Fangen wir doch mit dem ersten an. Eine Solidargemeinschaft, der st\u00e4ndig das Geld auszugehen droht, leistet sich eine Deckelung der Beitr\u00e4ge der sehr gut bezahlten Angestellten, w\u00e4hrend die breite Masse der Mitglieder immer weniger verdient und somit immer weniger einzahlt. Seltsam, aber man kann es irgendwie verstehen: die &#8222;Reichen&#8220; sollen nicht alle &#8222;in die Private&#8220; abwandern (was ja schon ab ca 50 000 \u20ac Jahresbrutto \u00fcber drei Jahre hinweg m\u00f6glich sein soll). Als das Solidarit\u00e4tsprinzip durch Einf\u00fchrung von &#8222;Kopfpauschalen&#8220; (einkommensunabh\u00e4ngigen Pauschalbetr\u00e4gen) wegen des Wiederstandes von CSU nicht gebrochen werden konnte, hat man sich auf die Wechselbedingungen zur\u00fcck erinnert&#8230; Jetzt soll der <a title=\"Hoffen wir, dass es nur eine Ende war...\" href=\"http:\/\/www.news-eintrag.de\/news\/16750.html\">Ausstieg aus der Solidargemeinschaft erleichtert werden<\/a>? Statt f\u00fcr mehr Geld im System zu sorgen, ist man f\u00fcr weniger leistungsf\u00e4hige Beitragszahler? Entweder habe ich es im Radio und Fernsehen jedes mal missverstanden oder es liegt hier ein Fall von politischer Schizophrenie vor.<\/p>\n<p>Auch das Bundesverfassungsgericht sucht die reine juristische Gerechtigkeit und heizt so teils die demografische Fehlentwicklung an: Wer in einer eingetragenen Partnerschaft ein sch\u00f6nes kinderloses Leben f\u00fchrt, hat dieselben Rechte im Steuerwesen wie Ehen und Familien. So weit &#8211; so verfassungsgem\u00e4\u00df. &#8230;Wenn nicht eine Kleinigkeit. Die Kosten der Pflege im Alter lasten auf den Schulter der jungen Generation, die in Ehen und Familien erst m\u00fchevoll gepflegt und erzogen werden muss. Soll man also hinnehmen, dass die &#8222;teuren Investitionen in die eigene Zukunft im Alter&#8220; mit denjenigen geteilt werden m\u00fcssen, die ihr Leben lang nur auf die Rechte einer Ehe bzw. Familie gepocht, sich aber vor dieser Verantwortung gedr\u00fcckt haben? Oder darf man mehr ausgleichende Gerechtigkeit fordern? M\u00fcssten die Rechte nicht mehr an der tats\u00e4chlicher &#8222;Investition ins Gemeinwohl&#8220; ausgerichtet sein? Sieht so die Strategie gegen den demographischen Wandel aus? Dabei geht es nicht blo\u00df um&#8217;s Geld.\u00a0 <a title=\"...wirklich aller Bprger!\" href=\"http:\/\/www.amication.de\/wahlrecht_fuer_kinder_-_die_ueberlegungen.htm\">Das Wahlrecht aller B\u00fcrger<\/a> (auch der noch nicht vollj\u00e4hrigen &#8211; die durch ihre Eltern vertreten w\u00e4ren) ist eine sehr interessante Geschichte: \u00dcber die Zukunft des Landes enschieden diejenigen mit, denen die Zukunft auch geh\u00f6rt. Ist es nicht etwas schizophren und ungerecht, wenn ein Greis, der die Ausz\u00e4hlung seiner Stimme nicht mehr erlebt, bestimmen darf, w\u00e4hrend ein 12-j\u00e4hriger die Folgen solcher Entscheidung wom\u00f6glich \u00fcber Jahrzehnte tragen muss?<\/p>\n<p>Nicht anders sieht es im &#8222;Lex Google&#8220; aus. Die panische Angst vor Google, den wir so toll finden, dass wir kaum noch eine andere Suchmaschine im Internet kennen, ist ma\u00dflos und krank. Wir wollen andere im Netz finden, dort aber selber nicht gefunden werden. Die Paranoia, dass Google \u00fcber uns bestimmen k\u00f6nnte, nur weil unser Auto vor unserem Haus steht, hat dann ihren H\u00f6hepunkt erreicht, wenn man bedenkt, dass die meisten ohne Angst eben bei Google \u00fcber ihre Medikamente recherchiert. Wir installieren Software auf unseren Rechnern, von denen wir keine Ahnung haben, was sie wirklich tut. Wir haben Angst vor Cookies, sind aber alle unter echtem Namen in Facebook zu finden. Wir \u00e4rgern uns \u00fcber unerw\u00fcnschte Werbeanrufe, aber melden es nicht bei der Bundesnetzagentur. Wir w\u00fcnschen uns statistische Daten, aber keiner will den Mikrozensus freiwillig mitmachen.<\/p>\n<p>Wenn man bedenkt, welche Daten im Mokrozensus gefragt werden, muss es einem Angst und Bange sein. Man kann mit etwas Kenntnis der Lebensumst\u00e4nde einer Person (Arbeitgeber, Stand, Ort und Zahl der Kinder) anhand von 3-4 Fragen mit einer 100%tigen Sicherheit sagen, ob derjenige das Formular ausgef\u00fcllt hat oder nicht. Google k\u00f6nnte bestenfalls nur blind raten. Google fragt sie nicht, wie viel sie verdienen. Google ist es egal, ob sie mit ihrem Ehepartner in einem Haus leben. Google ist es wurscht, ob sie Arbeitslosengeld bezogen haben oder sonstige Leistungen vom Staat bekommen. Warum soll man verhindern, dass die Fassade des Hauses nicht erkennbar sein soll? Die lustigste Begr\u00fcndung, die ich geh\u00f6rt habe ist: &#8222;Damit ein Dieb das Haus nicht im Voraus auskundschaftet.&#8220; Hmmm&#8230; Kennen sie einen Dieb, der seine Hauseinbr\u00fcche per Internet vom anderen Ende der Republik her plant? W\u00fcrden sie einen Dieb \u00fcberhaupt erkennen, wenn er vor ihrer T\u00fcr st\u00fcnde?<\/p>\n<p>Es ist notwendig, dass Google gewisse Informationen \u00fcber sie speichert. Wenn sie stets nach &#8222;Bau&#8220;, &#8222;Architektur&#8220; und &#8222;Bergfried&#8220; suchen, wird Google schon erkennen, dass mit &#8222;Schloss&#8220; eine Burg gemeint war, statt sie dumm zu fragen: &#8222;Meinten sie das Synonym zum Absperrvorrichtung?&#8220; Stellen sie sich vor, sie fahren durch Paris: w\u00fcrden sie lieber eine schematische &#8222;in etwa &#8222;-Darstellung bevorzugen oder eine markierte Linie auf einem Foto? Manchmal muss es eben sein. Es muss bei weitem nicht alles sein. Die H\u00f6he der Kamera, der (sehr seltene) Blick in die R\u00e4ume hinein oder die gut erkennbaren Personen sind zurecht bem\u00e4ngelt worden.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte ebenfalls das Blog schlie\u00dfen und in Angst leben, dass mein Arbeitgeber irgendwas im Internet \u00fcber mich f\u00e4nde, was ihm nicht gef\u00e4llt. Die Deutschen gelten <a title=\"und pedantisch\" href=\"http:\/\/www.maerkischeallgemeine.de\/cms\/beitrag\/11638195\/492531\/Ein-Blick-durch-die-franzoesische-Brille-Wie-nehmen.html\">bei den meisten Nationen als die kleinkariertesten<\/a> und <a title=\"ost wie west\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,129019,00.html\">nur wenig toleranten<\/a>. Ich m\u00fcsste ich es also fast bef\u00fcrchten&#8230; Doch ich tue es nicht. Politisch bin ich weder zu weit links noch rechts, ich habe eine Meinung, die auf Fakten und \u00dcberlegungen basiert. Wen sie nicht interessiert, kann auf die Wahrnehmung verzichten, ohne daf\u00fcr zahlen zu m\u00fcssen (ich bin kein \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk). Ich bin meinem Arbeitgeber gegen\u00fcber loyal und eigne mir in der Freizeit F\u00e4higkeiten an, die ich f\u00fcr meinen Beruf brauche. Ich bin am Arbeitsplatz sachlich und kollegial. Politik und Lebensweisen spielen f\u00fcr mich dort keine Rolle. Jeder Benutzer und jedes Problem hat anfangs immer die gleiche Priorit\u00e4t. Es gibt in meinem Blog kaum etwas, was mit meinem Beruf in Verbindung st\u00fcnde. Vielleicht verr\u00e4t mein Schreibstil, dass ich &#8211; abgesehen von kleinen Fehlern &#8211; ein ganz gutes Deutsch anzubieten habe und \u00fcber einen weiteren Blick verf\u00fcge, als nur vom Bit zum Byte. Das war&#8217;s. Die paranoide Angst vor dem b\u00f6sen allwissenden Internet habe ich nicht. Ich finde es gut, wenn Google manchmal &#8222;f\u00fcr mich denkt&#8220; und die richtige Schreibweise sucht. Ich w\u00fcnsche es mir, dass sie diese Zeilen lesen und nicht anderswo einen Haufen von Vermutungen mit den gel\u00e4ufigen Vorurteilen abgleichen. Wenn ich w\u00fcsste, wann das Google-Auto in meiner Stra\u00dfe erscheint, w\u00fcrde ich mich hinstellen und freundlich winken. Ich habe keine Angst davor, f\u00fcr meine Eltern, Freunde oder Bekannte in Google nach Medikamenten zu recherchieren: Ich kann gar nicht 30 Krankheiten auf einmal haben. Und diese Erkenntnisse sind ohne einen Namen auch f\u00fcr Versicherer uninteressant. Wenn ich mich vor zu viel Neugier sch\u00fctzen will, mache ich folgendes:<\/p>\n<ul>\n<li>im privaten Modus surfen (wenn es wirklich sehr privat sein soll)<\/li>\n<li>manchmal Cookies l\u00f6schen<\/li>\n<li>\u00f6fters den Browser wechseln (Firefox, Chrome, Opera &#8211; niemals Internet Explorer)<\/li>\n<li>keine unbekannte Software installieren, OpenSource bevorzugen<\/li>\n<li>mehrere Anbieter nutzen (vor allem keine Software-Monokulturen bilden)<\/li>\n<li>mit mehreren Nicknames operieren<\/li>\n<li>Konten sozialer Netzwerke nicht miteinander verkn\u00fcpfen<\/li>\n<li>niemals richtiges Geburtsdatum hinterlassen<\/li>\n<li>verschiedene E-Mail-Aliasse verwenden (ist ein Anbieter suspekt, wird nur dieser durch Abschaltung des Aliases ausgesperrt)<\/li>\n<li>keine gut erkennbaren Bilder (die Polizei freute sich bereits bei Arbeitskollegen bei der Zustellung von Kn\u00f6llchen \u00fcber derartige Amtshilfe)<\/li>\n<li>nur \u00fcberlegte Meinungen schreiben und an Fakten ausrichten; notfalls Fehltritte l\u00f6schen<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich f\u00fchle mich im Internet wohl. Ich brauche keinen gesetzlichen Schutz vor Google &amp; Co. Vielmehr vor einem Staat, der seine Gesetze auf der Grundlage von Paranoia-getriebenen widerspr\u00fcchlichen Entscheidungen seiner Politiker bildet und selber den Datenschutz mit F\u00fc\u00dfen tritt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir Menschen sind voller Widerspr\u00fcche. Wir geben es nur nicht gerne zu. Manchmal entwickeln wir paranoide \u00c4ngste oder tun so, als h\u00e4tten wir das zuvor gesagte Wort nie ausgesprochen. Man muss daf\u00fcr nicht krank sein. 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