{"id":525,"date":"2010-03-14T13:32:22","date_gmt":"2010-03-14T09:32:22","guid":{"rendered":"http:\/\/robert.kolatzek.org\/wblog\/525\/gesitges-eigentum-oder-geistige-vaterschaft"},"modified":"2010-03-14T13:32:22","modified_gmt":"2010-03-14T09:32:22","slug":"gesitges-eigentum-oder-geistige-vaterschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/525\/gesitges-eigentum-oder-geistige-vaterschaft","title":{"rendered":"Gesitges Eigentum oder geistige Vaterschaft?"},"content":{"rendered":"<p>Jemand hat auf der CeBIT nebenbei erw\u00e4hnt, dass es in der europ\u00e4ischen Tradition den urspr\u00fcnglich englischen (amerikanischen) Begriff &#8222;<strong>geistiges Eigentum<\/strong>&#8220; gar nicht gibt. &#8222;<strong>Vaterschaft<\/strong>&#8220; beschreibe das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Werk und seinem Sch\u00f6pfer viel exakter. In der Tat, scheint mir diese Begrifflichkeit besser geeignet, zumal der Begriff &#8222;geistiges Eigentum&#8220; sp\u00e4testens seit den <a title=\"Das geheime Abkommen, von dem die B\u00fcrger nichts wissen sollen.\" href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anti-Counterfeiting_Trade_Agreement\" target=\"_blank\">ACTA-Verhandlungen<\/a> zur Gelddruckmaschine verkommen ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wenn man den <strong>Begriff des Eigentums<\/strong> w\u00f6rtlich nimmt, ergeben sich daraus Deutungszusammenh\u00e4nge, die keinesfalls auf ein Gedicht, Lied oder Patent anwendbar sind. Nehmen wir das Beispiel der Zerst\u00f6rung des Werkes durch seinen Sch\u00f6pfer. Dies kam sehr oft unter Malern oder Dichtern vor: ein Werk, das in den Augen seine Sch\u00f6pfers f\u00fcr ungen\u00fcgend gehalten wurde, musste einem neuen &#8211; nicht immer einem besseren &#8211; weichen. Doch ein Wort &#8211; einmal in der \u00d6ffentlichkeit ausgesprochen &#8211; l\u00e4sst sich nicht vernichten. &#8222;Sozial ist, was Arbeit schafft&#8220; wird in die Geschichte als Ansicht der ersten deutschen Bundeskanzlerin eingehen. Die \u00c4u\u00dferung und ihr Sch\u00f6pfer geh\u00f6ren unvermeidbar zusammen. Wenn ich jemanden in der \u00d6ffentlichkeit beschimpfe, kann ich es nicht mehr ungeschehen machen &#8211; ich kann es nicht vernichten. Ich bin f\u00fcr mein Wort verantwortlich.<\/p>\n<p>Gleiches gilt f\u00fcr die Technik: Die Entdecker der Kernspaltung und somit ungewollt &#8222;Erfinder&#8220; der sog. Atombombe haben ihr Lebenswerk und dessen Fortentwicklung kritisch begleitet. So wandte sich Einstein an den US-Pr\u00e4sidenten in einem Brief und bat um die Nichtanwendung der Kernspaltung als Massenvernichtungswaffe. Leider ohne Erfolg.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen &#8222;Eigentum&#8220; und der &#8222;Vaterschaft&#8220; ist das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Urheber und einem Werk: &#8222;produziere&#8220; ich etwas, um es einfach weiter zu verkaufen oder &#8222;erschaffe&#8220; ich etwas, was von mir herausgeht und ein Teil meiner selbst ist? Interessanter Weise kann ich meine Urheberschaft nicht loswerden: Auch wenn ich etwas unter Public Domain = als Gemeingut ver\u00f6ffentliche, bin ich trotzdem sein Sch\u00f6pfer und gebe lediglich allen Menschen das Recht zur freien Nutzung. Meinen Besitz kann ich &#8222;anonymisieren&#8220;. Wenn ich einen Gegenstand auf der Strasse ablege, wird es irgendwann von jemandem mitgenommen, weil es nicht zu erkennen ist, wer der Besitzer ist &#8211; das Besitzverh\u00e4ltnis wechselt.<\/p>\n<p>Die &#8222;<strong>geistige Vaterschaft<\/strong>&#8220; steht in keinem Widerspruch zu Tantiemen, die man davon ableitet: Ich kann f\u00fcr das Vortragen von Gedanken und Wissen zu einem bestimmten Thema Honorar erhalten oder f\u00fcr das Zug\u00e4ngnlichmachen des Vortrags in schriftlicher Form Geld verlangen (und das von jeder Person, die es lesen will). Entwickelt es sich jedoch zum Allgemeingut &#8211; weil es f\u00fcr alle interessant oder gar notwendig ist &#8211; m\u00fcsste ich es akzeptieren, dass ich durch das Verlangen solcher Geb\u00fchren vom Zugang zu diesem Gut ausschlie\u00dfe. Das ist aber in meinen Augen unmoralisch, weil hier die Armen benachteiligt werden. Die konkrete Realisierung, die mit Kosten verkn\u00fcpft ist wie die Druck-Kosten oder die Kosten elektronischer Lieferung (Strom-, Vorhaltungs- und \u00dcbertragungskosten) &#8211; die in den meisten F\u00e4llen nur einen Bruchteil der gegenw\u00e4rtig verlangten Kosten darstellen &#8211; muss in diesem Fall der Konsument (oder eine \u00f6ffentliche Einrichtung) tragen.<\/p>\n<p>Die Idee der kommunalen Bibliothek, die solche Werke in einer konkreten Realisierung kostenfrei bereitstellen, kann nicht als Entschuldigung f\u00fcr den Ausschluss breiter Ma\u00dfe vom Zugang zu eben diesem Werk angef\u00fchrt werden. Auch die Kommunen k\u00f6nnen die notwendigen Kosten kaum tragen. Eine ethisch vertretbare L\u00f6sung best\u00fcnde darin, die Lizenzgeb\u00fchren an den finanziellen M\u00f6glichkeiten der Interessenten auszurichten. Es kann doch nicht sein, dass den meisten Afrikanern der Zugang zu lebensrettenden Medikamenten nur deshalb verwehrt wird, weil sie die auf Europ\u00e4er ausgerichtete Preise nicht tragen k\u00f6nnen. Was seit einigen Jahren (in Form eines Almosens von Seiten der Pharma-Gro\u00dfkonzerne) mit afrikanischen Staaten praktiziert wird, konnte nur durch starken Druck der Gesellschaft passieren: Einige AIDS-Medikamente werden nahezu zu Herstellungskosten verkauft (behauptet zumindest mal das Fernsehen). Es ist immer noch kein Vertrag auf gleicher Augenh\u00f6he &#8211; Eher ein Almosen, der jederzeit enden kann.<\/p>\n<p>Aus eben diesen Gr\u00fcnden postuliere auch ich f\u00fcr die Verwendung des Begriffen der &#8222;geistigen Vaterschaft&#8220;, die nicht nur Rechte, sonder auch moralische Pflichten beinhaltet, an stelle des verk\u00fcrzten &#8222;geistigen Eigentums&#8220;, das nur zum Geld-Machen zu verpflichten scheint&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jemand hat auf der CeBIT nebenbei erw\u00e4hnt, dass es in der europ\u00e4ischen Tradition den urspr\u00fcnglich englischen (amerikanischen) Begriff &#8222;geistiges Eigentum&#8220; gar nicht gibt. &#8222;Vaterschaft&#8220; beschreibe das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Werk und seinem Sch\u00f6pfer viel exakter. 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