{"id":504,"date":"2010-01-19T20:14:59","date_gmt":"2010-01-19T18:14:59","guid":{"rendered":"http:\/\/robert.kolatzek.org\/wblog\/?p=504"},"modified":"2010-01-19T20:14:59","modified_gmt":"2010-01-19T18:14:59","slug":"uber-minarette-und-raketenabschussrampen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/504\/uber-minarette-und-raketenabschussrampen","title":{"rendered":"Die Raketenabschussrampen und die Minarette"},"content":{"rendered":"<p>In der kleinen Stadt Wetter bei Marburg ist der Begriff &#8222;Raketenabschussrampe&#8220; fast allen Bewohnern gel\u00e4ufig. Dabei sind in der Umgebung des wundersch\u00f6nen St\u00e4dtchens keine Soldaten stationiert. Dieses Wort bezieht sich &#8211; \u00e4hnlich wie auf den Plakaten gegen Minarette in der Schweiz &#8211; auf den Turm eines Gebetsraumes: der katholischen Kirche (Baujahr 1982?). Der Unterschied besteht lediglich darin, dass die &#8222;Raketenabschussrampe&#8220; in Wetter keinem Wetteraner (so nennt man \u00fcblicherweise die Bewohner dieser Stadt) Angst macht, die spitzen T\u00fcrme an den Gebetsr\u00e4umen der Kinder Ismaels hingegen schon. Nur warum ist das so? Ist diese Angst berechtigt?<\/p>\n<p><!--more-->Wir sind als Europ\u00e4er in einer j\u00fcdisch-christlich-gepr\u00e4gten Gesellschaft aufgewachsen, in der die pers\u00f6nliche Freiheit, gutes oder b\u00f6ses, richtiges oder falsches, n\u00fctzliches oder sinnloses zu tun, \u00fcber allem steht. Einiges wird im Nachhinein sanktioniert (Strafe) anderes hingegen schon im Voraus unterbunden &#8211; jedoch nur in sehr seltenen F\u00e4llen, so dass die pers\u00f6nliche Freiheit nicht allzusehr eingeschr\u00e4nkt wird. Die christlichen Kirchen &#8211; so zerstritten sie fr\u00fcher mal waren &#8211; haben dieses Prinzip als das wertvollste Gut (&#8222;die Freiheit der Kinder Gottes&#8220;) und gemeinsames Erbe bis in unsere Zeit erhalten und gepflegt. Dabei musste auch das Christentum mit diesem Prinzip umgehen lernen. Schon zu Apostelzeiten gab es die erste Sozialgesetzgebung unter den Christen. Sp\u00e4ter lernten sie von den griechischen Philosophen, den Glauben mit dem Verstand zu reflektieren. Ab dem 4. Jh. f\u00fchrten sie auch zum Teil erbittert Streit um die richtige Deutung des Glaubens. Im 20. Jh. fanden sie nach und nach wieder zueinander.<\/p>\n<p>In den 2000 Jahren war das Christentum &#8211; wie die Architektur seiner Gottesh\u00e4user &#8211; immer wieder an die europ\u00e4ische Realit\u00e4t angepasst worden. Von den Germanen \u00fcbernahmen wir Eier und Hasen als Zeichen f\u00fcr das sich st\u00e4ndig erneuerndes Leben unter die Symbole des Osterfestes. Von den R\u00f6mern erbten wir die schwere aber dennoch imposante romanische Baukunst, den Archetyp der Basilika etc. Es gab keine Zeit, in der nicht das Sakrale des Christentums mit dem Sekul\u00e4ren im Europa nicht in sog. Interdependenz st\u00fcnden. Einfacher gesagt: sie beeinflussten sich stets gegenseitig. Auch heute k\u00e4me kein Bischof auf die Idee eine neobarocke Kirche mit einem Zwiebelturm zu bauen: Weder in Schleswig-Holstein, noch in Bayern. Auch die Kirche steht mit einem Bein im Hier und Jetzt (mit dem anderen in der Ewigkeit). Die Ausgestaltung und die Sprache der Gottesdienste in Togo ist somit selbstverst\u00e4ndlich anders als in Deutschland &#8211; trotz des gemeinsamen und unab\u00e4nderlichen Kerns der Botschaft oder der Liturgie.<\/p>\n<p>So wie das Christentum ist auch der Islam in einer bestimmten Kultur aufgewachsen und nahm sie auf. Die Kultur wird seitdem vom Islam gepr\u00e4gt. Die einzig zul\u00e4ssige Sprache f\u00fcr die Lesung aus dem Koran in Augen vieler Gelehrter ist Arabisch. Das niedergeschriebene Wort des Propheten ist direkte Rede Gottes und darf deshalb nicht \u00fcbersetzt werden (wenn man den konservativen Gl\u00e4ubigen glauben will). Die Gottesh\u00e4user des Islam sind ganz eng mit einer bestimmten Architektur verbunden &#8211; der arabisch-orientalen Kunst. Ohne Vorliebe f\u00fcr diese Kultur und Kenntnis dieser alten Sprache haben es die bekehrten Europ\u00e4er schwer in ihrem neuen Glauben. Cat Stevens (heute nennt er sich &#8222;Yusuf Islam&#8220;) hat leider (=meine pers\u00f6nliche Meinung) im Christentum den Weg zum Heil nicht finden k\u00f6nnen. In seiner ehrlichen Suche nach Gott fand er zum Islam. Einem solchen Schritt ist man auch als Christ sicherlich Respekt und Achtung schuldig. Doch seine musikalische Karriere passte nicht zu der strengen Auslegung der Offenbarung, die vor ca. 14 Jahrhunderten in einem anderen Kulturkreis zu den Menschen fand. So musste er auf die Begleitung der meisten Instrumente verzichten. Erst vor wenigen Jahren \u00f6ffnete sich f\u00fcr ihn ein neuer Weg: Als zu-jedem-Verzicht-Bereiter eingestuft fand er im Diskurs mit den Schriftgelehrten zu einer neuen Auslegung. Die Gitarre (die wir den Mauren = spanischen Muslimen verdanken) darf seitdem als Begleitung genutzt werden&#8230;<\/p>\n<p>Es scheint, als ob Islam um jeden Preis an der arabischen Kultur haften wollte. Unser deutsche Begriff &#8222;Islamisierung&#8220; meint auch nicht so sehr die Ausbreitung der dritten monotheistischen Religion. Es dr\u00fcckt bei vielen die Angst vor dem steigenden Einfluss einer ganz fremden Kultur. Genau hier ist der Streit um die Minarette anzusiedeln. Ein Minarett ist &#8211; genauso wie der Kirchenturm mit den Glocken &#8211; kein unverzichtbarer Teil einer Offenbarung. Es geh\u00f6rt jedoch zur religi\u00f6ser Praxis und Tradition. Deshalb darf der Atheist in der Osternacht von den Glocken der benachbarten Kirche geweckt werden. Ein Verbot des Minarett-Baus w\u00fcrde sicherlich von den Obersten Deutschen Richtern f\u00fcr Verfassungswidrig erkl\u00e4rt werden. Auflagen zur Ausgestaltung wohl nicht. Keine Stadt der Bundesrepublik w\u00fcrde es erlauben, mitten in der Altstadt z.B. neben dem Kirchenturm &#8222;das goldene M&#8220; des ber\u00fchmten &#8222;Feinschmeckerrestaurants&#8220; in 15 Metern H\u00f6he aufzustellen. Es passt einfach nicht dahin! Es ist einfach eine Geschmackssache.<\/p>\n<p>So ist es auch mit den Kirchent\u00fcrmen und Minaretten. Weder die Bibel noch der Koran machen genaue Angaben zum Bau des Gebetsraumes oder dessen Verzierung. Die modernen Kirchen sind ein Ausdruck des Zeit- und Ortsabh\u00e4ngigen &#8222;Gustus&#8220;. Warum soll es bei unseren Br\u00fcdern &#8211; den anderen S\u00f6hnen Abrahams &#8211; anders sein? Die &#8222;Raketenabschussrampe&#8220; aus Wetter wird bel\u00e4chelt, weil es einen nicht mehr zeitgem\u00e4\u00dfen Geschmack in Erinnerung ruft. Die Minarette finden so viele Feinde, weil sie Symbole des Fremden sind. Es fehlt hier meines Wissens auf beiden Seiten an Bereitschaft, einander zu begegnen. Auch in V\u00f6lklingen best\u00e4tigt sich diese Erkenntnis. Die Muslime (die meisten in Deutschland stammen aus D\u00f6rfern in der T\u00fcrkei) wollen den Tempel aus ihrer Heimat nach Deutschland &#8222;teleportieren&#8220; und die Nachbarn des k\u00fcnftigen Gotteshauses (meist ohne gr\u00f6\u00dfere Kenntnisse des fremden Glaubens) entwickeln Angst vor Allem, was nicht in das\u00a0 Auge des Betrachters hineinpasst: schlanke T\u00fcrme, Kuppeln, Teppichh\u00e4ndler, verschleierte Frauen, aufgemotzte BMW&#8217;s und und und&#8230;<\/p>\n<p>Ich finde es pers\u00f6nlich sehr schade, dass sich in unseren Breitengraden, die von Toleranz und Achtung der pers\u00f6nlichen Freiheit gepr\u00e4gt sind, genau das verwirklicht, was schon in den USA als Fehler l\u00e4ngst erkannt wurde: die &#8222;China-Towns&#8220;, die man auf deutsch als &#8222;Klein-Instambul&#8220; f\u00fcr gewisse Stadtteile \u00fcbersetzt &#8211; Orte der Abkapselung, ein sicheres Umfeld f\u00fcr die Pflege teils undemokratischen Riten (wie Zwangsheirat) und andererseits &#8222;eine M\u00fcllkippe&#8220; f\u00fcr eine Gesellschaft, die eine echte Begegnung mit dem Fremden scheut.<\/p>\n<p>Zum Schluss m\u00f6chte ich betonen, dass es nicht meine Absicht war, die Gef\u00fchle der Leser zu verletzen. Ich w\u00e4re \u00fcber jeden Widerspruch und Kommentar froh, da dieser ein Zeichen daf\u00fcr w\u00e4re, dass man sich mit diesen Problemen auseinandersetzt, sich Gedanken macht oder eigene Meinung bildet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der kleinen Stadt Wetter bei Marburg ist der Begriff &#8222;Raketenabschussrampe&#8220; fast allen Bewohnern gel\u00e4ufig. Dabei sind in der Umgebung des wundersch\u00f6nen St\u00e4dtchens keine Soldaten stationiert. Dieses Wort bezieht sich &#8211; \u00e4hnlich wie auf den Plakaten gegen Minarette in der Schweiz &#8211; auf den Turm eines Gebetsraumes: der katholischen Kirche (Baujahr 1982?). 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