{"id":483,"date":"2009-12-01T17:21:07","date_gmt":"2009-12-01T15:21:07","guid":{"rendered":"http:\/\/robert.kolatzek.org\/wblog\/?p=483"},"modified":"2009-12-01T17:21:07","modified_gmt":"2009-12-01T15:21:07","slug":"und-wie-viel-ist-ihnen-der-sonntag-wert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/483\/und-wie-viel-ist-ihnen-der-sonntag-wert","title":{"rendered":"Und wie viel ist Ihnen der Sonntag wert?"},"content":{"rendered":"<p>Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts liegt erst einige Stunden zur\u00fcck&#8230; Und schon&#8220;bedr\u00e4ngt mich&#8220; das Gef\u00fchl, dass es keine Entscheidung war. &#8222;Entscheidung&#8220; meint etymologisch (der Herkunft entsprechend) &#8222;Ent-Scheiden&#8220;, &#8222;von etwas Abstand nehmen&#8220; und reiht sich im W\u00f6rterbuch zwischen die W\u00f6rter &#8222;entscheidend&#8220; oder &#8222;entschieden&#8220; ein. Doch so entschieden scheinen die Obersten Richter gar nicht zu sein&#8230;<\/p>\n<p><!--more-->Sie versuchen einen Spagat zwischen dem Volkswillen (also in etwa das gleiche wie die Schweizer mit Ihrer Volksabstimmung zu Minaretten) und dem was das Grundgesetz als Fundamente unserer Gesellschaft festlegt: Schutz des Sonntages als eines besonderen Tages, Freiheit der Religionsaus\u00fcbung oder Schutz der Ehe und Familie. Da ich die Materie nur so gut verstehe wie ein 08-15-Durschnittsb\u00fcrger (und vielleicht auch deshalb erst recht) kann ich aus meiner Sicht nur sagen: Es ist kein \u00fcberw\u00e4ltigend Salomonisches Urteil. Und das aus mehreren Gr\u00fcnden:<\/p>\n<ol>\n<li>Der Sonntag sticht nicht wirklich als besonders sch\u00fctzenswert heraus. Ich h\u00e4tte mir an dieser Stelle mehr erwartet. So etwas wie: &#8222;Verkaufsoffener Sonntag ist eine seltene Ausnahmeregelung, die nur zum Wohle der Menschen und im Einklang mit der ganzen Gesellschaft genutzt werden darf.&#8220; Lobenswert ist hingegen die R\u00fcckbesinnung auf die J\u00fcdisch-Christlichen Fundamente dieser Regelung.<\/li>\n<li>Die Freiheit der Religionsaus\u00fcbung kam aus meiner Sicht etwas zu kurz. Es h\u00e4tte klar darin stehen m\u00fcssen, dass kein Arbeitnehmer am Samstag nachmittags und Sonntags von fr\u00fch bis sp\u00e4t zur Arbeit gezwungen werden darf, so dass ihm die M\u00f6glichkeit offen bleibt, einen Gottesdienst wenigstens am Vorabend besuchen zu k\u00f6nnen. (Wer soll den Arbeitgeber daran hindern, seinen Angestellten gem\u00e4\u00df den Vorgaben morgens in die Gem\u00fcse-Abteilung und nachmittags zwischen die Anz\u00fcge, M\u00e4ntel und Jacken zu stecken?) Jetzt liegt es in einem solchen Fall an den\u00a0 Arbeitnehmern, sich\u00a0 &#8222;durchklagen&#8220; (wenn sie keine Angst vor Arbeitslosigkeit haben). In Zeiten, in denen zurecht (!) den gl\u00e4ubigen Muslimen-Jugendlichen erlaubt wird, auch in der Schule f\u00fcnf mal am Tag beten zu d\u00fcrfen, h\u00e4tte man ebenso entschieden bei christlichen Arbeitnehmern vorgehen k\u00f6nnen. Nicht zuletzt w\u00e4re ein Tausch mit den &#8222;Gott-Ergebenen&#8220; (w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt f\u00fcr &#8222;Muslim&#8220;) Freitag (&#8222;der Sonntag&#8220;im Islam) gegen Sonntag eine durchaus praktikable L\u00f6sung!<\/li>\n<li>Gem\u00e4\u00df dem ironischen aber sehr zutreffendem Spruch &#8222;Der Unterschied zwischen der Ehe und allen anderen Ehe-\u00e4hnlichen Lebensformen besteht darin, dass Ehe und Familie im Grundgesetz genannt werden&#8220; kann man die Entscheidung des Verfassungsgerichts als &#8222;gratis Aufwertung&#8220; der Ehe und Familie sehen. &#8222;Gratis&#8220; &#8211; weil es den Staat nichts kostet, au\u00dfer einer hypothetischen und nahezu wirkungslosen Anerkennung dieser kleinsten Gemeinschaft. Da oft junge Frauen (also auch junge M\u00fctter) uns in den Gesch\u00e4ften bedienen, m\u00fcsste man zurecht fragen: Ist ein Shopping-Marathon am Sonntag ein so hohes Rechtsgut, dass man in dessen Namen den Kindern das Recht auf eine entspannte Atmosph\u00e4re, Spiel und Spa\u00df mit der eigenen Mutter versagt? Aber zumindest sind die Interessen des Einzelhandels zur &#8222;Ausnahme&#8220; degradiert und das Recht auf Freizeit und dessen freie Ausgestaltung best\u00e4tigt worden! Mal sehen, wie dieses Wort so interpretiert\u00a0 wird in den Gesetzen der L\u00e4nder&#8230;<\/li>\n<\/ol>\n<p>Nat\u00fcrlich ist Sonntagsarbeit notwendig: bei \u00c4rzten, Polizisten, K\u00f6chen, Museumsw\u00e4chtern etc. Nur nutzen wir diese au\u00dferordentlichen Dienste in rechter Art und Weise? Ich bef\u00fcrchte, eher nicht. Die Museen sind nicht alle so hei\u00df begehrt. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Wenn nur ein Drittel offen h\u00e4tte, h\u00e4tten die Deutschen genug zu bestaunen. Auch nicht jeder Koch steht zurecht in der K\u00fcche, w\u00e4hrend seine Frau mit den Kindern aus dem Sonntag das Beste zu machen versucht. Am schlimmsten ist die Lage der \u00c4rzte. Jeder Doktor, der am Sonntag in der Klinik bis zu 10 Kollegen ersetzt (und dementsprechend f\u00fcr alle ihre Patienten die Verantwortung tr\u00e4gt) wird von vielen Menschen als der sprichw\u00f6rtliche &#8222;Depp vom Dienst&#8220; mit allerlei Zipperlein wie der gew\u00f6hnliche Hausarzt (der ja genauso wie Apotheker Dienstplan-gem\u00e4\u00df auch offen h\u00e4tte) bel\u00e4stigt. Es sind die Lieblingspatienten, die schon seit Dienstag Kopfschmerzen haben aber erst am Sonntag es merken und dann direkt in die Klinik fahren, weil sie ja sonst in der Zeitung nachschlagen m\u00fcssten, wer offen hat&#8230; Und vielleicht ist ja das Wartezimmer doch nicht leer&#8230; Die Medikamente gibt es f\u00fcr einen Tag gratis dazu! Warum soll man dann noch nach einer offenen Apotheke suchen?<\/p>\n<p>Diese Art und Weise der Nutzung des Sonntags offenbart nur eines: eine Geringsch\u00e4tzung diesem Gegen\u00fcber. Der Sonntag ist zum arbeitsfreien Alltag verkommen. Es ist der Tag der Wahrnehmung fremder Arbeit. F\u00fcr einige sogar ein halber Arbeitstag, weil man ja immer mehr leisten muss zu immer g\u00fcnstigeren Preisen. In einer Marktwirtschaft gibt es nur nur ein Gesetzt: Der Einkauf muss immer g\u00fcnstiger werden! So m\u00fcssen auch Handwerker g\u00fcnstiger sein &#8211; ihre Arbeit ist immer weniger Wert. Ergo: Um nicht weniger zu verdienen, muss er eben mehr leisten &#8211; auch Sonntags! Auf der anderen Seit gibt es auch welche, die gut verdienen und deshalb ihre Arbeit der Sonntagsruhe vorziehen &#8211; wie ein Roulettespieler, der sich an eine Gl\u00fccksstr\u00e4hne klammert. Auf diese Weise unterbietet er seine Konkurrenz und zwingt diese, gleiches zu tun. Auch derjenige, der Sonntags zum Arzt geht, hat einen Vorteil seiner Konkurrenz gegen\u00fcber: weniger warten, Arbeitsstunden zu 100% f\u00fcr die pure und besinnungslose Arbeit nutzen. Das gute an der Entscheidung ist, dass es f\u00fcr Inhaber-gef\u00fchrten L\u00e4den genauso gilt wie f\u00fcr Einzelhandel-Gro\u00dfkonzerne. So haben alle zumindest rein theoretisch die gleichen Chancen!<\/p>\n<p>Wer den Sonntag gering sch\u00e4tzt, nutzt ihn so, dass er mehr verdienen kann, weil Geld mehr wert ist als der Sonntag. Wer den Sonntag als wertlos betrachtet, nutzt ihn so, als w\u00e4re er die fehlende 25. Stunde des normalen Arbeitstages. Wer den &#8222;Sonntag nicht heiligt&#8220;, rechnet ihn als Zeitpuffer des Arbeitstages voll in die Auftragskalkulation ein. Wer den Sonntag so nutzt, verschafft sich selbst Vorteile und schadet oft der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Das Bundesverfassungsgericht hat etwas mutlos versucht aus dieser prek\u00e4ren Situation das beste zu machen und der Sonntags-Shopper oder der zeitlich beengte Selbst\u00e4ndige ist kein b\u00f6ser Mensch. Aber man wird ja doch fragen d\u00fcrfen: &#8222;Und wie viel ist Ihnen der Sonntag wert?&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>War die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes wirklich so &#8222;entschieden&#8220;? Warum stellt sich diese Frage eigentlich? Wer ist der Gewinner und wer ist der Verlierer der Sonntagsarbeit? Und vor allem: Welchen Wert hat der Sonntag noch?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_sitemap_exclude":false,"_sitemap_priority":"","_sitemap_frequency":"","ocean_post_layout":"","ocean_both_sidebars_style":"","ocean_both_sidebars_content_width":0,"ocean_both_sidebars_sidebars_width":0,"ocean_sidebar":"","ocean_second_sidebar":"","ocean_disable_margins":"enable","ocean_add_body_class":"","ocean_shortcode_before_top_bar":"","ocean_shortcode_after_top_bar":"","ocean_shortcode_before_header":"","ocean_shortcode_after_header":"","ocean_has_shortcode":"","ocean_shortcode_after_title":"","ocean_shortcode_before_footer_widgets":"","ocean_shortcode_after_footer_widgets":"","ocean_shortcode_before_footer_bottom":"","ocean_shortcode_after_footer_bottom":"","ocean_display_top_bar":"default","ocean_display_header":"default","ocean_header_style":"","ocean_center_header_left_menu":"","ocean_custom_header_template":"","ocean_custom_logo":0,"ocean_custom_retina_logo":0,"ocean_custom_logo_max_width":0,"ocean_custom_logo_tablet_max_width":0,"ocean_custom_logo_mobile_max_width":0,"ocean_custom_logo_max_height":0,"ocean_custom_logo_tablet_max_height":0,"ocean_custom_logo_mobile_max_height":0,"ocean_header_custom_menu":"","ocean_menu_typo_font_family":"","ocean_menu_typo_font_subset":"","ocean_menu_typo_font_size":0,"ocean_menu_typo_font_size_tablet":0,"ocean_menu_typo_font_size_mobile":0,"ocean_menu_typo_font_size_unit":"px","ocean_menu_typo_font_weight":"","ocean_menu_typo_font_weight_tablet":"","ocean_menu_typo_font_weight_mobile":"","ocean_menu_typo_transform":"","ocean_menu_typo_transform_tablet":"","ocean_menu_typo_transform_mobile":"","ocean_menu_typo_line_height":0,"ocean_menu_typo_line_height_tablet":0,"ocean_menu_typo_line_height_mobile":0,"ocean_menu_typo_line_height_unit":"","ocean_menu_typo_spacing":0,"ocean_menu_typo_spacing_tablet":0,"ocean_menu_typo_spacing_mobile":0,"ocean_menu_typo_spacing_unit":"","ocean_menu_link_color":"","ocean_menu_link_color_hover":"","ocean_menu_link_color_active":"","ocean_menu_link_background":"","ocean_menu_link_hover_background":"","ocean_menu_link_active_background":"","ocean_menu_social_links_bg":"","ocean_menu_social_hover_links_bg":"","ocean_menu_social_links_color":"","ocean_menu_social_hover_links_color":"","ocean_disable_title":"default","ocean_disable_heading":"default","ocean_post_title":"","ocean_post_subheading":"","ocean_post_title_style":"","ocean_post_title_background_color":"","ocean_post_title_background":0,"ocean_post_title_bg_image_position":"","ocean_post_title_bg_image_attachment":"","ocean_post_title_bg_image_repeat":"","ocean_post_title_bg_image_size":"","ocean_post_title_height":0,"ocean_post_title_bg_overlay":0.5,"ocean_post_title_bg_overlay_color":"","ocean_disable_breadcrumbs":"default","ocean_breadcrumbs_color":"","ocean_breadcrumbs_separator_color":"","ocean_breadcrumbs_links_color":"","ocean_breadcrumbs_links_hover_color":"","ocean_display_footer_widgets":"default","ocean_display_footer_bottom":"default","ocean_custom_footer_template":"","ocean_post_oembed":"","ocean_post_self_hosted_media":"","ocean_post_video_embed":"","ocean_link_format":"","ocean_link_format_target":"self","ocean_quote_format":"","ocean_quote_format_link":"post","ocean_gallery_link_images":"on","ocean_gallery_id":[],"footnotes":""},"categories":[6,7],"tags":[12,35,47,92,103,121],"class_list":["post-483","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-philosophie-und-religion","category-politik","tag-arbeit","tag-ethik","tag-grundgesetz","tag-religion","tag-sonntag","tag-verfassung","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=483"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/483\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=483"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=483"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=483"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}