{"id":414,"date":"2009-06-06T18:11:34","date_gmt":"2009-06-06T16:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/robert.kolatzek.org\/wblog\/?p=414"},"modified":"2009-06-06T18:11:34","modified_gmt":"2009-06-06T16:11:34","slug":"die-empirie-als-wahrheitskriterium","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/414\/die-empirie-als-wahrheitskriterium","title":{"rendered":"Die Empirie als Wahrheitskriterium"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt einen neuen Anlass, die plumpe Art und Weise der Wahrheitssuche &#8211; wie wir ihr immer wieder in den Medien begegnen &#8211; an den Pranger zu stellen. Bevor wir an den Anf\u00fchrer dieser naiven Weltanschauung zu sprechen kommen, m\u00f6chte ich einen Mann vorstellen, der im Zusammenhang mit dieser Situation durchaus interessantes zu sagen hat&#8230;<\/p>\n<p><!--more-->Mein <a title=\"Dogmatiker aus Innsbruck\" href=\"http:\/\/www.uibk.ac.at\/systheol\/niewiadomski\/index.html\" target=\"_blank\">Professor f\u00fcr dogmatische Theologie J\u00f3zef Niewiadomski<\/a> hat gerne einen adventlichen Katalog einer gro\u00dfen &#8222;Edel-Supermarkt-Kette&#8220; w\u00e4hrend seiner Vorlesung herumreichen lassen und erz\u00e4hlte zu diesem folgendes: Es m\u00f6ge sein, dass man fr\u00fcher im einfachen Volk glaubte, durch den Kauf von Devotionalien, Abl\u00e4ssen etc (also das Ausgeben des Geldes) das Heil der Seele erwerben zu k\u00f6nnen. Heute g\u00e4be es keine Seele und kein Jenseits. Deshalb kaufe man sich das Heil f\u00fcr Diesseits. Dabei entspr\u00e4chen die Weihnachts-Kataloge der Superm\u00e4rkte den bunten Heiligenbildchen, die die Geistlichkeit fr\u00fcher den Gl\u00e4ubigen verschenkte. Statt Abla\u00df g\u00e4be es die Verj\u00fcngungskur oder Vitaminbrause.<\/p>\n<p>Diese Idee hat viele von uns &#8211; seinen Studenten &#8211; gepr\u00e4gt. Sie ist genial und ber\u00fccksichtigt dabei die neuste Forschung der Psychologie. Der Mensch sucht sein Leben lang nach einer Art Erl\u00f6sung. Er will aus dem mit eigenen Fehlern zugepflasterten Alltag heraus, in eine Welt, in der man j\u00fcnger statt \u00e4lter wird etc&#8230;<\/p>\n<p>Dieses Bed\u00fcrfnis dr\u00e4ngt uns Menschen zu Sachen, die so weit weg von unseren allt\u00e4glichen Bed\u00fcrfnissen entfernt sind, dass es fast sinnlos erscheint. Ein gutes Beispiel daf\u00fcr ist die Astronomie: Was bringt mir morgen fr\u00fch das Wissen, aus welchen Gasen sich unsere Sonne zusammensetzt wenn es eh regnet? Oder: Wie hilft es einem leidendem Menschen, dass er um die Entstehung der Kometen wei\u00df? Gar nicht. Wenn man berecht welche Geldmengen in die Atom-Forschung oder die Astronomie flie\u00dfen, muss man eindeutig zu dem Schluss kommen: Mit diesem Geld h\u00e4tten wir erfolgreich den Hunger in allen L\u00e4ndern dieser Welt bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen! Doch wir sind zu forschungsgl\u00e4ubig. Dabei wurde &#8222;die Forschung&#8220; (also das, was die meisten Menschen mit dem Wort &#8222;Forscher&#8220; verbinden) bis auf Physik und Chemie kastriert. Es ist anscheinend v\u00f6llig irrelevant, wie eine Gesellschaft mit ihrer Spaltung in Arm und Reich umgehen soll oder wie man effektiv Depressionen (und damit oft Selbstmord) im stressvollen Alltag bek\u00e4mpft &#8211; und das als Arbeitnehmer und als Arbeitgeber.<\/p>\n<p>Diese Verk\u00fcrzung der Wissenschaft auf die empirisch-physikalischen Wissenschaften hat schon lange &#8222;in meinem Schuh gedr\u00fcckt&#8220;. Seit einigen Tagen habe ich aber auch einen Grund und die innere Notwendigkeit, zu zeigen, dass Empirie alleine die Wahrheit sogar verdunkeln kann und nicht \u00fcber anderen Wissenschaften steht. Davon wissen aber die meisten jungen Physiker gar nichts. Ein Beispiel daf\u00fcr ist ein diplomierter Physiker, der mit dem folgenden &#8222;Witz&#8220; durch etliche deutsche Talk-Shows kreist:<\/p>\n<p>Es geht um Bier im K\u00fchlschrank. Wie stellen unterschiedliche Menschen fest, ob sie wirklich Bier im K\u00fchlschrank stehen haben?<\/p>\n<ol>\n<li>Der Physiker geht an den K\u00fchlschrank und schaut rein.<\/li>\n<li>Der Theologe behauptet, er h\u00e4tte Bier im K\u00fchlschrank, ohne an den K\u00fchlschrank zu gehen.<\/li>\n<li>Der Esoteriker behauptet, er h\u00e4tte Bier im K\u00fchlschrank, obwohl er wei\u00df, dass er keines hat.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Auf diese Art und Weise dargestellt erscheint der Theologe auf den ersten Blick wie ein kleiner Idiot. Dabei ist der Physiker das naive Kind. Dieser pr\u00fcft lediglich, ob in seinem K\u00fchlschrank Flaschen zu finden sind, die Bier enthalten k\u00f6nnten. Ob dies wirklich der Fall ist, wei\u00df er nicht. Wenn er sicher gehen wollte, m\u00fcsste er jede Flasche aufmachen und daraus probieren. Damit kann ein Physiker mit Sicherheit unz\u00e4hlige offene Bierflaschen im K\u00fchlschrank stehen haben &#8211; wenn der Inhalt auch tats\u00e4chlich Bier ist und nicht nur so schmeckt.<\/p>\n<p>Der Theologe braucht ja gar nicht an den K\u00fchlschrank zu laufen. Er arbeitet mit Verstand und Vertrauen. Er vertraut dem Gesch\u00e4ft, in dem er seine Bierflaschen gekauft hat, sowie dem Brauhaus. So kann er behaupten, in seinen Flaschen w\u00e4re Bier drin. Ob diese auch in seinem K\u00fchlschrank noch zu finden sind kann er mit reinem Verstand erkennen: Wenn niemand au\u00dfer ihm in der Wohnung war und er selbst das Bier nicht getrunken hat, dann muss noch welches im K\u00fchlschrank zu finden sein. Nat\u00fcrlich glaubt er dem Physiker, welcher behauptet, dass in der Natur keine Materie verschwindet (au\u00dfer bei atomaren Kernspaltung &#8211; die ja nie im K\u00fchlschrank stattfindet). So erspart sich der Theologe den Weg zum K\u00fchlschrank, w\u00e4hrend der Physiker vor der K\u00fchlschrankt\u00fcr besoffen auf dem Boden liegt und die angebrochenen Flaschen z\u00e4hlt :-)<\/p>\n<p>Und die Moral von der Geschicht? Dem Physiker kann man glauben oder auch nicht!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einen neuen Anlass, die plumpe Art und Weise der Wahrheitssuche &#8211; wie wir ihr immer wieder in den Medien begegnen &#8211; an den Pranger zu stellen. 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