{"id":327,"date":"2009-04-05T15:36:49","date_gmt":"2009-04-05T13:36:49","guid":{"rendered":"http:\/\/robert.kolatzek.org\/wblog\/?p=327"},"modified":"2009-04-05T15:36:49","modified_gmt":"2009-04-05T13:36:49","slug":"prof-bild-und-die-sache-mit-dem-copernicus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/327\/prof-bild-und-die-sache-mit-dem-copernicus","title":{"rendered":"Prof. Bild und die Sache mit dem Copernicus"},"content":{"rendered":"<p>Wir sind gewohnt Vieles zu Glauben und es trotzdem nicht &#8222;Glaube&#8220;, sondern &#8222;Wissen&#8220; zu nennen. Es reicht das ein &#8222;Prof.&#8220; \u00fcber die Wirksamkeit irgendeines Stoffes in der Gesichtskrem berichtet &#8211; schon wird die Krem munter gekauft. Dass dieser Professor seinen Titel in Pal\u00e4ontologie (das sind die, die Dinosaurier ausgraben) erworben hatte, st\u00f6rt die Damen beim Einkaufen wenig. So funktioniert unser Verstand. Man fragt nicht nach der Bedingung des Zustandekommens einer Aussage. Zurecht kritisieren auch (aber nicht nur) die \u00f6ffentlich-rechtlichen Sender einen Journalismus, der nicht imstande ist, zuverl\u00e4ssige und belastbare Aussagen zu formulieren. Leider haben auch diese Sender solche &#8218;Journalisten&#8216; in ihren Reihen&#8230;<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte Ihnen heute einen Professor vorstellen, den wir seiner Bildung wegen &#8222;Bild&#8220; nennen werden. Dieser Prof. Bild hat im Bayrischen Rundfunk eine Sendung, in welcher er die neuesten und manchmal \u00fcberraschenden Erkenntnisse der Astrophysik sehr einfach und leicht zug\u00e4nglich darlegt. Astrophysik &#8211; wie gesagt. Nicht Geschichte!<\/p>\n<p><!--more--><em>Ein Wort im Voraus: Ich m\u00f6chte mit diesem Beitrag niemandem schaden. Ich finde es nur notwendig, zu zeigen, dass man nicht einen &#8222;sauberen Journalismus&#8220; fordern und zugleich den Menschen Halbwahrheiten verkaufen kann. Es f\u00e4llt auf! (Sogar mir.)<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Neulich habe ich eine seiner Sendungen angeschaut und staunte nicht schlecht, wie er sein Halbwissen aus seiner &#8222;Oberstufen-Zeit&#8220; pr\u00e4sentierte. Ich frage nicht nach seinen Noten in Geschichte aus dieser Zeit, noch wann er dieses Fach abgew\u00e4hlt hat&#8230; &#8222;Ask someone who knows!&#8220; &#8211; hei\u00dft die Devise!<\/p>\n<p>Er behauptete, Galileo Galilei wurde aufgrund seiner heliozentrischen Ansichten von der Kirche verfolgt gewesen. Sein schlechter Charakter, undiplomatisches Benehmen und offensichtlichen religi\u00f6sen Fehlinterpretationen blieben unerw\u00e4hnt, wenn auch diese f\u00fcr diesen Ausgang der Geschichte entscheidend waren. Galilei war ein gl\u00e4ubiger Katholik und versuchte um jeden Preis &#8211; vor allem gegen die Kirche &#8211; eine Kirchenreform herbeizuf\u00fchren und nebenbei das heliozentrische Weltbild als ein christliches in ihr einzupflanzen. Seine wissenschaftlichen Erkenntnisse sind &#8211; wie wir heute wissen &#8211; zum Teil falsch! Hier hat Prof. Bild eine oft geh\u00f6rte Halbwahrheit best\u00e4tigt, statt sie genau zu recherchieren und aufzukl\u00e4ren. Es ist nicht gerade l\u00f6blich, aber nicht weiter schlimm. Doch was er \u00fcber Copernicus behauptete grenzte &#8211; meinem Empfinden nach &#8211; an Volksverdummung.<\/p>\n<p>Entdecken Sie die Fehler in seinem Satz &#8222;Der polnische Domherr Nikolaus Copernicus&#8230;&#8220; Ganz klar: &#8222;polnisch&#8220; und &#8222;Domherr&#8220;. Im weiteren Verlauf wurde noch von Angst vor der Verfolgung seitens der Kirche berichtet. Schlimm!<\/p>\n<p>Copernicus (lateinisiert), Koppernigk (in Urkunden), vielleicht mit K\u00f6penick verwand oder &#8211; wie einige behaupten &#8211; eine Ableitung von Kupfer-Nickel (eine Kupferm\u00fcnze). Egal welchen dieser Namen man nimmt, es war und bleibt ein typisch untypischer polnischer Nachname. Versuchen wir vielleicht mit dem M\u00e4dchennamen seiner Mutter und seines Onkels (f\u00fcr den Copernicus t\u00e4tig war): Watzenrode &#8211; ebenfalls sehr &#8222;unpolnisch&#8220;. Sein Vater war Kaufmann und Beamter in der Hansestadt Thorn. Diese Stadt &#8211; vom Deutschen Orden gegr\u00fcndet &#8211; war eher nur auf dem Papier ein Teil des K\u00f6nigreichs Polen als in Wirklichkeit. Es war eine weltoffene Stadt wie Danzig oder Berlin heute. Nicht jeder, der in Berlin wohnt ist automatisch ein Deutscher. Dieser Pole Copernicus wurde von seinem Onkel m\u00fctterlicherseits gef\u00f6rdert (Studium im Ausland) und diente ihm sp\u00e4ter als &#8211; und hier f\u00fcr viele eine \u00dcberraschung &#8211; Leibarzt und treuer Verwalter. Ja, sogar als &#8222;Feldherr&#8220; ist der Astronom seit der Verteidigung Allensteins vor dem Deutschen Orden bekannt. Astronom war er auch. Ebenso wie ein Kanoniker (die richtige \u00dcbersetzung f\u00fcr das lateinische Wort &#8222;Canonicus&#8220;).<\/p>\n<p>Als Verwandter des Bischoft, geb\u00fcrtiger Preu\u00dfe und ranghoher Beamter des Bistums Ermland (ein Bistum mit eigenem F\u00fcrstbischof, zu dieser Zeit unter polnischer Herrschaft &#8211; &#8222;Regium Poloniae&#8220;) wurde er zum Kanonikern &#8222;geadelt&#8220;. Sein Titel wurde nur dem Klerus verliehen. Dabei z\u00e4hlte zum Klerus, wer eine Weihe (auch eine niedrige) empfangen hat. Heute ist Lektor oder Kommunionhelfer nicht mit einer &#8222;Niederen Weihe&#8220; verbunden. Damals hat man eine liturgische Aufgabe, einen Ehrentitel und meist eine gute Stellung im Bistum, wenn man &#8222;Canonicus&#8220; hie\u00df. Die \u00dcbersetzung &#8222;Domherr&#8220; ist grunds\u00e4tzlich falsch (wenn auch oft anzutreffen), da die Domherren Mitglieder des Domkapitels sind und den Bischof w\u00e4hlen durften (&#8230;damals).<\/p>\n<p>Ein Kleriker verfasst ein Buch, das der Bibelinterpretation der Katholischen Kirche offensichtlich widersprach. Da musste er sicher Angst vor der Verfolgung haben, der arme Copernicus&#8230; Oder vielleicht doch nicht? Sicher nicht vor dem Papst! Diesem berichtete Copernicus als Verwalter der Di\u00f6zese Ermland in Zeiten des Sedisvakanz, mit dem Papst war sich Copernicus einig, dass die Erde keine Scheibe ist. Das ber\u00fchmte Werk des Nikolaus Kopernikus ist dem Papst (Paul III.) gewidmet. Dass es mit dem Druck seines Buches (&#8222;De Revolutionibus Orbium Coelestium&#8220;) nicht so recht klappen wollte, h\u00e4ngt wohl eher mit der ablehnenden Haltung (dieser neuen Idee gegen\u00fcber) zusammen. Wer will schon ein Buch drucken, dessen Autor ein Arzt vom anderen Ende des Reiches ist und wo behauptet wird, alles w\u00e4re anders als wir es kennen&#8230; Erst Georg Joachim Rheticus als anerkannter Mathematiker sorgte f\u00fcr mehr Vertrauen in diese Idee. Was wir heute in der Wissenschaftswelt als Peer-Review kennen, funktionierte auch damals genauso. Wenn ein Kollege vom selben Fach behauptet, dieser oder jener Artikel w\u00e4re interessant, stehen die Verlage beim k\u00fcnftigen Autor Schlange. Vorher m\u00fcht sich der potenzielle Autor wissenschaftlich umsonst ab. So war es auch beim Kopernikus. Ein mutiger Verleger tat es auf die Empfehlung eines ihm bekannten &#8222;Professors&#8220; hin. Von der allgegenw\u00e4rtigen Angst vor der Kirche keine Spur!<\/p>\n<p>&#8222;De Revolutionibus Orbium Coelestium&#8220; stand nie auf dem Index der verbotenen B\u00fccher. Als rein mathematisch-astronomisch hat es die Kirche nicht gest\u00f6rt. Doch aus Angst, man k\u00f6nnte irgend etwas auf dieser Welt \u00fcber den Menschen (die Krone der Sch\u00f6pfung) stellen, wurden von einigen Kirchenm\u00e4nnenrn Korrekturw\u00fcnsche ge\u00e4u\u00dfert. In diesem Streit um den Heliozentrismus war die Stellung des Menschen immer der Streitpunkt. So muss man das verstehen. Es ist in etwa mit einer Situation vergleichbar, in der in unserer deutsche Verfassung der erste Satz den Ausdruck &#8222;die W\u00fcrde des Menschen&#8220; durch &#8211; sagen wir &#8211; &#8222;die Macht des Geldes&#8220; ersetzt bekommen sollte. Danach st\u00fcnde am Anfang unserer Verfassung &#8222;Die Macht des Geldes ist unantastbar.&#8220; W\u00fcrden Sie sich nicht gegen eine solche Ausrichtung unserer Gesetze stellen? Die Kirche hat \u00c4hnliches gewollt. Den Menschen als Zentrum des Lebens sowie des G\u00f6ttlichen Handelns zu sehen. Tragisch ist nur, dass sie selten und dennoch viel zu oft den Menschen Schaden hinzuf\u00fcgte, um den Menschen als das Allerwichtigste im Universum zu erhalten.<\/p>\n<p>Unser &#8222;Prof. Bild&#8220; hat davon anscheinend keine Ahnung. Er kennt sich in der Astrophysik gut aus. Und in der Geschichte des eigenen Fachs? Er wiederholt allgemein bekannte Phrasen und versucht nicht einmal die Geschichte ganz darzustellen. Ich vermute, dass er davon kaum eine Ahnung hat. Denn wenn er die Geschichte kannte und genau w\u00fcsste, dass im &#8222;Fall Copernicus&#8220; von keiner Angst oder Verfolgung die Rede sein kann, m\u00fcsste man ihm unterstellen, dass er mit seinen Worten nur der Katholischen Kirche schaden wollte. Dies ist n\u00e4mlich gegenw\u00e4rtig sehr beliebt: egal ob in obskuren pseudo-mittelalterlichen Romanen f\u00fcr 1,99\u20ac\/100 Seiten, im Internet oder im Fernsehn. Es ist schon traurig zuzuschauen, wie den Menschen unter dem Deckmantel der\u00a0 Wissenschaft L\u00fcgenb\u00fcndel verkauft werden. Die Leser \/ Zuschauer bel\u00fcgen sich quasi selbst und f\u00fcllen sich immer in ihrem gesellschaftlich akzeptierten Irrtum best\u00e4tigt&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir sind gewohnt Vieles zu Glauben und es trotzdem nicht &#8222;Glaube&#8220;, sondern &#8222;Wissen&#8220; zu nennen. Es reicht das ein &#8222;Prof.&#8220; \u00fcber die Wirksamkeit irgendeines Stoffes in der Gesichtskrem berichtet &#8211; schon wird die Krem munter gekauft. 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