{"id":1865,"date":"2026-09-20T14:55:46","date_gmt":"2026-09-20T12:55:46","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=1865"},"modified":"2026-09-20T14:55:48","modified_gmt":"2026-09-20T12:55:48","slug":"eine-kirche-der-befindlichkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/1865\/eine-kirche-der-befindlichkeiten","title":{"rendered":"Eine Kirche der Befindlichkeiten"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>\u201eHerr, ich leide. Hilf mir.\u201c<\/em> \u2013 Ein Ruf nach Hilfe, eine Hingabe an Gott.<br><em>\u201eHerr, deine F\u00fchrung ist schlecht; ich misstraue dir.\u201c<\/em> \u2013 Ein Murren, ein Vorwurf an Gott.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Unterschied zwischen diesen beiden S\u00e4tzen ist gewaltig. Der erste ist ein Gebet, der zweite ist ein Murren. Und gerade dieses (oft \u00fcbersehene\/\u00fcbergangene) Wort \u201eMurren\u201c f\u00fchrt uns heute im Evangelium nach Matth\u00e4us (20,1\u201316) zu einer sehr aktuellen und herausfordernden Frage f\u00fcr unsere Kirche heute: Wo liegt die Grenze zwischen legitimer Sorge und einer Haltung, die den Blick auf Gottes Gnade verstellt?<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Wurzel des Murrens: Vergleich statt Dankbarkeit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Gleichnis von den Arbeitern in den Weinbergen offenbart Jesus eine bestimmte Haltung, die unter dem Begriff \u201eMurren\u201c zusammengefasst wird. Die Arbeiter, die zuerst kamen, beschwerten sich nicht \u00fcber ihren Lohn \u2013 sie waren zufrieden mit dem, was sie erhielten. Ihr Problem begann erst beim Vergleich. Sie sahen nicht mehr auf die G\u00fcte des Herrn, sondern auf die Leistung der anderen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Murren ist eine Haltung des <strong>Vergleichs<\/strong>, des <strong>Neids<\/strong> und des <strong>Anspruchsdenkens<\/strong>. Es ist die Weigerung, Gottes Gnade als unverdientes Geschenk anzunehmen. Wer murmelt, macht seine eigene Leistung zum Ma\u00dfstab f\u00fcr Gottes G\u00fcltigkeit. Er fordert eine Gerechtigkeit ein, die auf menschlicher Logik basiert, und verpasst dabei die Gnade, die Gott jedem schenkt \u2013 egal ob am Morgen oder am Abend.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Das Murren in der heutigen Kirche<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Diese Dynamik ist keine Geschichte aus der Vergangenheit. Seit der Zeit des Moses ist das Murren (gtiechisch: <em>\u03b3\u03bf\u03b3\u03b3\u03cd\u03b6\u03c9 \u2013 gong\u00fdz\u014d<\/em>: grollen, sich heimlich oder halblaut beschweren; lateinisch: <em>murmurare<\/em>) ein Begleiter des Volkes Gottes. (Das &#8222;Lasst uns einen Anf\u00fchrer w\u00e4hlen und nach \u00c4gypten zur\u00fcckkehren.&#8220; in Exodus 14,4 bestraft Gott mit Pest. In Exodus 16 wird Gott sogar gn\u00e4dig, als er das Murren mitbekommt: &#8222;W\u00e4ren wir doch im Land \u00c4gypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischt\u00f6pfen sa\u00dfen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese W\u00fcste gef\u00fchrt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.&#8220; 16,3. In Numeri 12 murren der Schwager und die Schwester gegen Mose, wof\u00fcr sie Gott mit Aussatz bestraft und nach gezeigter Reue vom Mose heilen l\u00e4sst. Numeri 14: Das Volk murrt nach dem Bericht der Kundschafter und weigert sich, in das verhei\u00dfene Land einzuziehen. Bis in die Zeiten Jesu: Joh 6,41-42: &#8222;Da murrten die Juden gegen ihn, weil er gesagt hatte: Ich bin das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Und sie sagten: Ist das nicht Jesus, der Sohn Josefs, dessen Vater und Mutter wir kennen? Wie kann er jetzt sagen: Ich bin vom Himmel herabgekommen?&#8220;) Es ist eine menschliche Neigung: Wenn Dinge nicht nach unseren Vorstellungen verlaufen oder wenn unsere Befindlichkeiten nicht sofort Geh\u00f6r finden, gegen wir zum Murren \u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In unserer heutigen Kirche in Deutschland zeigt sich dies in einer ganz konkreten Dynamik. Die Bist\u00fcmer und Di\u00f6zesen erhalten fortw\u00e4hrend Nachrichten und R\u00fcckmeldungen. Oft sind dies Klagen \u00fcber die Organisation, die Leitung oder die Umsetzung von Entscheidungen. Es ist wichtig und richtig, auf die Menschen und ihre Wahrnehmungen zu achten. Es ist eine Pflicht der Hirten, zuh\u00f6ren zu k\u00f6nnen &#8211; auch und vor allem, um Missst\u00e4nde zu entdecken und ein &#8222;Bild der Lage&#8220; zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Doch hier liegt eine gro\u00dfe Gefahr: Wenn die Kirche beginnt, zu sehr auf die \u201eMurrer\u201c zu reagieren, l\u00e4uft sie Gefahr, die eigentliche Identit\u00e4t der Kirche zu verlieren. Wenn das individuelle Befinden und der Ruf nach Anpassung an den Zeitgeist wichtiger werden als die Lehren der Heiligen Schrift, der Dogmatik, des Kirchenrechts und der Morallehre, dann wird die Kirche zu einer Institution, die sich nach au\u00dfen hin verstellt, statt nach innen hin fest in der Wahrheit zu stehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die zwei Gefahren der einseitigen Aufmerksamkeit<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wenn wir das Murren nicht als Laster erkennen und bek\u00e4mpfen, entstehen zwei gef\u00e4hrliche Pfade:<\/p>\n\n\n\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li><strong>Die Gefahr der \u201eLauten\u201c:<\/strong> Man h\u00f6rt nur noch denjenigen, die am lautesten schreien. Man passt die Kirchenpraxis an die spezifischen Forderungen derjenigen an, die am lautesten murren, und ignoriert dabei die tieferen, best\u00e4ndigen Wahrheiten unseres Glaubens. Die Kirche wird dann von den Befindlichkeiten der Gegenwart gesteuert statt von der Wahrheit der Ewigkeit. Die Lauten werden oft noch medial und innerkirchlich unn\u00f6tig verst\u00e4rkt, weil es politisch opportun erscheint. (Die immerw\u00e4hrende Gefahr der zu gro\u00dfen ideologischen N\u00e4he zum Staat spiel hier auch hinein.)<\/li>\n\n\n\n<li><strong>Die Gefahr der \u201eStummen\u201c:<\/strong> Wenn man den Murrern zu viel Raum gibt, w\u00e4hrend man die stillen, treuen Gl\u00e4ubigen vernachl\u00e4ssigt oder ihre Anliegen links liegen l\u00e4sst, f\u00fchrt dies zu einer einseitigen Wahrnehmung der Kirche. Diejenigen, die stiller folgen, f\u00fchlen sich nicht mehr geh\u00f6rt oder abgeh\u00e4ngt. Wenn dann Entscheidungen auf Basis eines verzerrten Bildes getroffen werden, entt\u00e4uschen sie die treue Herde und spalten die Gemeinschaft.<\/li>\n<\/ol>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Der Ausweg: Mut zur Treue<\/h3>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Murren ist ein Gift f\u00fcr die Gemeinschaft. Es ersetzt Dankbarkeit durch Anspruch und Vertrauen durch Misstrauen. Um dieses Gift zu besiegen, braucht es eine R\u00fcckkehr zu zwei zentralen Tugenden: <strong>Ehrlichkeit<\/strong> und <strong>Mut<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ehrlichkeit<\/strong> bedeutet, dass wir unsere Not vor Gott aussprechen, ohne dabei die Souver\u00e4nit\u00e4t Gottes infrage zu stellen. <strong>Mut<\/strong> bedeutet, dass wir als Kirche und als Gl\u00e4ubige die Standhaftigkeit wahren, den Lehren der Kirche und den bestellten Vertretern der Kirche zu folgen \u2013 auch wenn die Umst\u00e4nde herausfordernd sind.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Heilung des Murrens liegt in einer &#8222;Bekehrung des Blickes&#8220;: Weg vom st\u00e4ndigen Vergleich mit dem \u201eAnderen\u201c und hin zur Freude \u00fcber die Gnade Gottes, die f\u00fcr uns alle bereitsteht. Die Kirche muss nicht die Meinung von jedem im Moment der Lautst\u00e4rke bedienen, sondern die Wahrheit des Evangeliums verk\u00fcnden, die alle anerkennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nicht ohne Grund mahnt Apostel Paulus in Philipper 2,14 \u2013 \u201eTut alles ohne Murren und Bedenken\u201c beziehungsweise \u201eohne Murren und Streit\u201c. Hier ist das Kirchenvolk genauso gefragt, wie die Kirchenleitung. Interessant finde ich auch, dass Jesus im Weinberg-Arbeiter-Gleichnis zwar die Forderung nach mehr Lohn kritisiert aber auch das Wort &#8222;murren&#8220; verwendet. Das Wort findet zu wenig Beachtung. Ich glaube auch, dass genau dieses Murren den Weinbergbesitzer auf die Palme bringt, welches statt einer freundlichen direkten Anfrage nach der Lohngerechtigkeit entsteht. Hinter dem R\u00fccken l\u00e4stern ist keine christliche Art des Umgangs untereinander.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHerr, ich leide. 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