{"id":1735,"date":"2025-12-23T21:12:33","date_gmt":"2025-12-23T20:12:33","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=1735"},"modified":"2025-12-23T23:37:47","modified_gmt":"2025-12-23T22:37:47","slug":"eine-ki-weihnachtsgeschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/1735\/eine-ki-weihnachtsgeschichte","title":{"rendered":"Eine KI-Weihnachtsgeschichte"},"content":{"rendered":"\n<p>Seit einigen Wochen setzte mein Gehirn eine Geschichte als Zusammenschnitt einiger Filme zusammen. Als mittelm\u00e4\u00dfig begabter Schriftsteller habe ich eine Rohfassung entworfen und verschiedene KIs als Vergleich gegeneinander antraten lassen. Der Sieger ist <a href=\"#GPT\" data-type=\"internal\" data-id=\"#GPT\">GPT 5.1 high<\/a> (liebevoll &#8222;GiaPeTto&#8220;) genannt. GPT hat die Rohfassung am besten verstanden und am blumigsten (umfangreich, viele Dialoge, poetisch) geschrieben. Am witzigsten &#8211; wohl nur f\u00fcr Informatiker &#8211; schrieb <a href=\"#QWEN\">qwen3-max-2025-09-26<\/a> eine sehr kurze Geschichte voller IT-Begriffe. Seine Schw\u00e4che waren nicht die typischen &#8222;Kowalski&#8220; sondern die Piroggen, welche keine \u00c4hnlichkeit mit Pfannkuchen haben. <a href=\"#Grok\">Grok 4.1 (beta) <\/a>war an sich nicht schlecht aber es fehlte ihm (genauso wie dem Expertenmodus von 4.0) eine ausgeglichene L\u00e4nge einzelner Abschnitte. Die Sprache ist auch nicht reichhaltig. <a href=\"#Sonnet\">Sonnet 4.5<\/a> von Claude hat mir zwischenzeitlich am besten gefallen, weil er viele Dialoge eingebaut hat und nicht zu detailliert geschrieben hat. Es ist eine ausgeglichene und nicht zu witzige Sprache mit kleinen Schw\u00e4chen: Marc wei\u00df sofort, dass Huggins anruft, obwohl er seine Nummer nicht kennt. (Das Zur\u00fcckhalten von Wissen vor dem Leser ist insgesamt eine Schw\u00e4che von allen KIs.) Abschnitte aus mehreren S\u00e4tzen ist auch etwas st\u00f6rend. Aber die Erz\u00e4hlweise ist wirklich sch\u00f6n. Entt\u00e4uschend war <a href=\"#Gemini\">Gemini von Google<\/a>. Unausgeglichen und mit einigen Fehlern und vor allem zu technisch. Manchmal fehlt ein \u00dcbergang zwischen Szenen oder Abschnitten. Aber insgesamt nicht wirklich schlecht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberraschend haben alle KIs den Stadtplan verstanden: Die Ringstra\u00dfen mit Primzahlen und und die Potenzzahlen als Strahlen. Leider ging es einigen unter, dass es nur Hoch-Zwei genannt wurde, doch einige haben h\u00f6her gez\u00e4hlt (wie Sonnet oder QWEN).  &#8222;Stra\u00dfe: S 4, Ring: 7, Stadt: wie bei ihm&#8220; bei Giapetto ist mit dem Ring vorgeprescht v\u00f6llig sinnlos. Sonnet kriegt es besser hin: &#8222;Stra\u00dfe 2, Hausnummer 16, Wohnung 7&#8220;. Gemini versteht aber nicht, dass das Jesaja-Zitat zum Verst\u00e4ndnis des Moments entscheidend ist. Darin steht, dass es um ein Kind geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nun \u00fcberlasse ich Euch die Bewertung. <a href=\"#Rohfassung\">Zum Vergleicht mein Prompt (Rohfassung der Geschichte mit Anweisungen)<\/a> eindiktiert als Test mit verschiedenen KIs mit Hilfe von <a href=\"https:\/\/github.com\/mkiol\/dsnote\">Speech Note<\/a><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"GPT\">GPT<\/h2>\n\n\n\n<p> Wenn an Heiligabend fr\u00fcher etwas abgest\u00fcrzt war, dann h\u00f6chstens die Laune seiner Eltern \u2013 nicht der CUDA\u2011Treiber der NVIDIA\u2011Grafikkarte, dachte S\u0142awek.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Bildschirm blinkte die Fehlermeldung wie ein trotziges Kind:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eCUDA driver error: unknown error. Device reset required.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>\u201eUnknown error\u201c, murmelte er. \u201eDas sagt ihr immer, wenn ihr keine Lust habt, nachzudenken.\u201c<br>Sein rechtes Augenlid zuckte. Seit drei Tagen trainierte er ein neuronales Netz, das menschliche Emotionen besser erkennen sollte als er selbst. Ironie des Jahrhunderts: Der Junge, der mit Menschen nicht klarkam, brachte Maschinen bei, Menschen zu verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinen Informatik\u2011Kreisen kannte ihn kaum jemand als S\u0142awomir oder S\u0142awek. Dort war er \u201eHiggins\u201c \u2013 ein Name, den man in jedem Land aussprechen konnte, ohne zu stolpern. Die Kollegen tippten \u201eHiggins\u201c schneller in den Chat als \u201eS\u0142awomir\u201c auch nur denken konnten. Seine Eltern h\u00e4tten es nicht gemocht. Sie hatten ihn nach einem Onkel in Katowice benannt, in der Hoffnung, irgendwann nach Polen zur\u00fcckzugehen. Sie waren kurz nach 2000 nach Deutschland eingewandert, mit Diplomen in Technik und Betriebswirtschaft und der \u00dcberzeugung, dass man hier mit Wissen weiterkomme als mit Beziehungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Klingeln an der Wohnungst\u00fcr schnitt durch seine Gedanken. Kurz, entschieden, sachlich \u2013 wie alles in dieser Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNat\u00fcrlich. Jetzt\u201c, sagte er leise. \u201eWenn der Treiber stirbt, kommt die Post.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Einen Moment lang blieb er sitzen. Der Reflex, sofort die Logs zu checken, war stark. Andererseits: Heiligabend, fr\u00fcher Nachmittag. Wenn jemand ihm etwas schicken wollte, dann heute. Vielleicht seine Eltern. Vielleicht ein alter Schulfreund, der noch nicht begriffen hatte, dass Higgins keine Geschenke mochte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es klingelte ein zweites Mal, dr\u00e4ngender.<\/p>\n\n\n\n<p>Er klappte das Laptop seufzend zu. Eine tiefe Analyse des Fehlers h\u00e4tte ohnehin Stunden gedauert, und im Moment wusste er nicht einmal, wo er anfangen sollte. Der Bildschirm erlosch, und mit ihm das bequeme Alibi, sich nicht mit der Au\u00dfenwelt befassen zu m\u00fcssen.<\/p>\n\n\n\n<p>An der T\u00fcr stand ein Mann in der standardisierten Uniform der Logistikbranche: M\u00fctze, Jacke, das Logo irgendeines Konzerns, der Pakete schneller bewegte als Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePaket f\u00fcr S\u0142awomir\u2026 eh\u2026 Schlawek\u2026?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHier\u201c, sagte S\u0142awek und nahm ihm das Paket ab. \u201eDanke.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSch\u00f6nen Heiligabend\u201c, murmelte der Bote schon im Weitergehen, ohne eine Antwort zu erwarten.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Paket war unscheinbar: grauer Karton, maschinell gedruckter Aufkleber, ein Barcode wie eine kleine Stadt aus schwarzen und wei\u00dfen Balken. Absender: ein Logistikzentrum mit kryptischem Namen, das ihm nichts sagte. Aber die Adresse stimmte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe doch gar nichts bestellt\u201c, sagte er in die leere Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr einen Moment zog es ihn zum Laptop zur\u00fcck. Nur kurz noch die Fehler\u2011Logs ansehen, nach \u201eunknown error\u201c suchen, vielleicht gab es ja schon einen Foreneintrag. Dann fiel sein Blick wieder auf das Paket.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Es ist Heiligabend. Wenn du jetzt den Debugger startest, bist du endg\u00fcltig verloren<\/em>, dachte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schnitt den Karton auf. Zwischen Luftpolsterfolie lag eine Packung mit sechs Babyflaschen, sorgf\u00e4ltig eingeschwei\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>Er starrte sie an, als h\u00e4tte jemand ihm ein Ersatzteil f\u00fcr ein fremdes Lebewesen geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSehr witzig\u201c, murmelte er. \u201eMaschinelles Lernen ja, aber so weit bin ich noch nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unter der Plastikverpackung knisterte ein Blatt. Eine Rechnung. Andere Bestellnummer, andere Adresse, anderer Name: Anne Kowalski, Stra\u00dfe: S 4, Ring: 7, Stadt: wie bei ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAha\u201c, sagte er. \u201eNicht mein Paket.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Das schlechte Gewissen setzte schneller ein als der \u00c4rger. Irgendwo in dieser Stadt sa\u00df wahrscheinlich eine Frau, die auf dieses Paket wartete. Vielleicht heute. Vielleicht war es wichtig. F\u00fcr ihn waren sechs Flaschen nur sechs Objekte aus Kunststoff. F\u00fcr jemand anders waren sie\u2026 etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<p>Er riss die T\u00fcr auf und lief in den Hausflur, die Packung unter den Arm geklemmt. Die Stufen nahm er in Zweierschritten. Unten vor der Haust\u00fcr war der Lieferwagen schon verschwunden. Kein gelbes, kein wei\u00dfes, kein irgendein Auto mehr. Nur die klare, kalte Luft des Dezember und der Geruch von nassem Beton.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Postfiliale lag vielleicht zwanzig Minuten entfernt. Die Adresse auf der Rechnung ebenfalls, nur in die andere Richtung. Wenn er die Flaschen bei der Post reklamierte, w\u00fcrden sie in irgendeinem Verteilzentrum verschwinden, um in ein, zwei, drei Tagen neu zugestellt zu werden. Wenn er sie selbst hinbrachte, w\u00e4ren sie in einer halben Stunde am Ziel.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Algorithmen optimieren Wege<\/em>, dachte er. <em>Menschen manchmal auch.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er trat auf den Gehweg. Der Stadtplan schrieb sich von selbst in sein Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Stadt war nicht gewachsen, sie war entworfen worden. Ein Informatiker \u2013 niemand erinnerte sich mehr an seinen Namen, nur an seinen Beruf \u2013 hatte das Stra\u00dfennetz konstruiert wie ein Datenschema. Namen waren ihm zu emotional, zu politisch, zu streitbar. Also hatte er sie abgeschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Rund um das k\u00fcnstlich gesetzte Zentrum lagen konzentrische Ringe, nummeriert mit Primzahlen: 2, 3, 5, 7, 11, 13 und so weiter, wie die Schalen eines Zwiebelsystems. Von dort aus f\u00fchrten Stra\u00dfen in die vier Himmelsrichtungen, bezeichnet mit einem Buchstaben und einer Zahl: N, S, O, W plus eine Potenz einer Primzahl. Man konnte eine Adresse lesen wie eine Formel.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek wohnte an der S 49, einem Ausl\u00e4ufer des 7er\u2011Rings. Die Frau auf der Rechnung, Anne, wohnte an der S 4, nahe der 2, also dicht am Zentrum.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Von S 49 zur 7, ein St\u00fcck auf dem 7er\u2011Ring bis zur S 4, die von der 2 abgeht, dann rein Richtung Zentrum<\/em>, rechnete er im Kopf. <em>Kein Problem.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die Navigation in dieser Stadt war trivial, wenn man multiplizieren und dividieren konnte. In gewisser Weise war das System genial. In gewisser Weise war es unmenschlich. Wer hier wohnte, war in erster Linie ein Koordinatenpaar.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zog seine Funktionsjacke \u00fcber \u2013 eine Jacke, die eher f\u00fcr Polarexpeditionen als f\u00fcr st\u00e4dtische Spazierg\u00e4nge gemacht war. Wie alles, was er mochte, war sie funktional, \u00fcberdimensioniert und ein bisschen \u00fcbertrieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Drau\u00dfen war es kalt, aber nicht dramatisch kalt. Die Stra\u00dfen waren sauber, vielleicht zu sauber. Die H\u00e4userbl\u00f6cke standen in ihren Rasterfeldern wie ordentlich abgelegte Datenpakete. Funktionalistische Fassaden, kubistische Balkone, wenig Farbe, keine \u00fcberfl\u00fcssige Verzierung. Die B\u00e4ume in den Vorg\u00e4rten waren zu Kugeln geschnitten, alle gleich gro\u00df, alle gleich weit auseinander. Es sah aus, als h\u00e4tte jemand ein gr\u00fcnes 3D\u2011Modell in den grauen Granit gepflanzt.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Stadt war Effizienz ein Gebot. Sch\u00f6nheit war ein Nebenprodukt, das man sich nur leistete, wenn es nicht st\u00f6rte.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek marschierte, das Paket unter dem Arm, und stellte fest, dass es ihm erstaunlich leichtfiel, eine Aufgabe zu erledigen, die nichts mit Computern zu tun hatte. Vielleicht, weil sie so klar definiert war: Nimm Objekt A, bringe es zu Koordinate B. Kein Interpretationsspielraum, keine Gef\u00fchle, keine Diskussion.<\/p>\n\n\n\n<p>Die S 4 lag in einem dieser Mehrparteienh\u00e4user, die alle gleich aussahen: vier Stockwerke, rechteckige Fenster, glatter Putz, pseudo\u2011Vorgarten mit exakt drei Kugelb\u00e4umchen auf grauen Steinplatten. Es gab ein Haustelefon an der T\u00fcr; es war n\u00f6tig, um \u00fcberhaupt hineinzukommen.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek sah auf die Rechnung. \u201eAnne Kowalski, S 4, 2. OG.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchnell abgeben und zur\u00fcck an den Rechner\u201c, dachte er und dr\u00fcckte auf die Klingel neben dem passenden Namen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es knackte im Lautsprecher. Eine M\u00e4nnerstimme meldete sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00c4hm, guten Tag\u201c, begann S\u0142awek und merkte im selben Moment, wie formell er klang. \u201eHier ist\u2026 S\u0142awomir. Also\u2026 Higgins. Ich habe ein Paket bekommen, das f\u00fcr Ihre Frau bestimmt ist, glaube ich. Sechs Babyflaschen. Falsch zugestellt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine kurze Stille. Dann:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie hei\u00dfen Sie?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eS\u0142awomir. Aber\u2026 meine Freunde nennen mich Higgins.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso, Higgins\u201c, sagte der Mann. \u201eWarten Sie, ich komm runter?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist okay, ich kann auch\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Surren unterbrach ihn. Die T\u00fcr entriegelte sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKommen Sie ruhig hoch, zweiter Stock\u201c, sagte die Stimme. \u201eIst einfacher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Treppe war aus demselben grauen Stein wie alles andere. Im zweiten Stock dr\u00fcckte S\u0142awek auf die einzige Wohnungst\u00fcrklingel im Flur. Schritte, ein leises Poltern, dann wurde die T\u00fcr ge\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ihm stand ein Mann Mitte zwanzig, blasse Haut, dunkle Augenringe, ein T\u2011Shirt mit einem ausgeleierten Aufdruck. Hinter ihm, im Halbdunkel der Wohnung, bewegte sich eine Frau. Sie hatte sich an den T\u00fcrrahmen gelehnt, als m\u00fcsste sie sich daran festhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch bevor er etwas sagen konnte, traf ihn ein Geruch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war, als h\u00e4tte jemand eine verschlossene Schublade seiner Kindheit ge\u00f6ffnet. Warmer Teig, Sauerkraut, Pilze, Zwiebeln, ein Hauch von getrockneten Pflaumen und etwas, das er nicht sofort einordnen konnte \u2013 vielleicht Piment, vielleicht Majoran. Der Duft schob sich an all den Jahren funktionaler Fertiggerichte und Mikrowellenpizza vorbei und setzte sich mitten in sein Bewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas\u2026 ist das?\u201c, fragte er, ohne dar\u00fcber nachzudenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann blinzelte. \u201eDas Essen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c, sagte S\u0142awek. \u201eEs riecht\u2026 nach meiner Kindheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mann l\u00e4chelte zum ersten Mal ein bisschen. \u201ePfannkuchen. Gef\u00fcllt mit Sauerkraut, Pilzen, Zwiebeln, Pflaumen\u2026 und Gew\u00fcrzen, die ich jedes Jahr neu vergesse, bis ich sie wieder in der Hand habe. Ein Rezept von meinen Gro\u00dfeltern. Sie kamen aus Schlesien und Polen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek nickte langsam. Nat\u00fcrlich. Genau das.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHier\u201c, sagte er abrupt und hielt ihm das Paket hin. \u201eEs ist f\u00fcr Anne Kowalski. Falsch bei mir abgegeben worden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin Marc\u201c, sagte der Mann und nahm das Paket. \u201eDas ist wirklich nett von dir. Normalerweise schicken die das zur\u00fcck ins Zentrum. Und heute\u2026 na ja, heute ist das alles schwierig. Frohe Weihnachten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa. Frohe Weihnachten\u201c, erwiderte S\u0142awek, halbherzig. Er hasste diesen Satz, weil er so viel voraussetzte. Dass man feierte. Dass es etwas zu w\u00fcnschen gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Er drehte sich um und ging die Treppe hinunter. Hinter ihm schloss sich leise die T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Eingangsbereich blieb er abrupt stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der grauen Steinplatte vor der Haust\u00fcr lag ein Paket, das vorher nicht dort gewesen war. Er h\u00e4tte es sehen m\u00fcssen, als er hereingekommen war. Es lag direkt neben der Fu\u00dfmatte, ordentlich ausgerichtet, als h\u00e4tte es dort schon immer gelegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Absender: wieder irgendein Logistikzentrum. Empf\u00e4nger: Marc und Anne Kowalski, S 4.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie\u2026?\u201c, murmelte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht war der Bote in den zwei, drei Minuten gekommen, in denen er oben gewesen war. Vielleicht war das Paket auch schon dagewesen und sein Gehirn hatte es herausgefiltert wie einen irrelevanten Pixel.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hob es auf. Es f\u00fchlte sich schwerer an als die Babyflaschen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wenn ich jetzt einfach gehe<\/em>, dachte er, <em>liegt es hier bis morgen fr\u00fch. Oder bis jemand es mitnimmt.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er sah zur Treppe hoch. Alles war still. \u00dcber ihm, in H\u00f6he des zweiten Stocks, brannte ein Lichtstreifen unter einer T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Ich kann es einfach abstellen und klingeln und wieder verschwinden<\/em>, dachte er. <em>Keine Konversation, kein\u2026<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er stieg die Treppe wieder hinauf, das zweite Paket im Arm. Vor der Wohnungst\u00fcr der Kowalskis blieb er stehen. Er z\u00f6gerte, dann dr\u00fcckte er die Klingel, stellte das Paket ab und drehte sich schon um, um leise zu verschwinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte gerade den ersten Schritt gemacht, als hinter ihm die T\u00fcr ruckartig ge\u00f6ffnet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHey! Higgins!\u201c, rief Marc. \u201eOder wie auch immer du hei\u00dft. Warte!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek blieb stehen. Er drehte sich langsam um.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc stand im T\u00fcrrahmen, barfu\u00df, mit dem ersten Paket noch auf dem Wohnzimmertisch sichtbar im Hintergrund. Aus der Wohnung drang weinerliches Schreien, dann das Schlagen einer T\u00fcr, dann wieder Stille. Die Luft war aufgeladen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\u2026 wollte nicht st\u00f6ren\u201c, sagte S\u0142awek. \u201eIch habe nur noch ein Paket f\u00fcr euch nach oben gebracht. Es lag unten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc sah ihn an, als w\u00fcrde er eine Entscheidung treffen, die \u00fcber mehr als Pfannkuchen entschied.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht mehr, wie du hei\u00dft\u201c, sagte er schlie\u00dflich. \u201eAber ich brauche deine Hilfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek h\u00e4tte \u201enein\u201c sagen k\u00f6nnen. Er h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, dass sein CUDA\u2011Treiber abgest\u00fcrzt war, dass er ein Netz neu trainieren musste, dass Systeme zusammenbrechen, wenn man sie allein l\u00e4sst. All das w\u00e4re nicht einmal gelogen gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber einem Hilferuf hatte er noch nie widerstehen k\u00f6nnen. Er war aufgewachsen in der stillen Zufriedenheit, Dinge zu reparieren: defekte Router, kaputte Handys, nicht bootende Rechner. Jedes \u201eEs geht wieder\u201c gab ihm mehr als jede Umarmung. Er f\u00fchlte sich nur dann wirklich gebraucht, wenn irgendwo ein Fehler war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOkay\u201c, sagte er. \u201eWas\u2026 genau?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm rein\u201c, sagte Marc und machte Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnung war klein, aber warm. Der Geruch aus der K\u00fcche war noch intensiver. Auf dem Herd brutzelten Pfannkuchen in einer Pfanne, im Backofen gratinierten einige bereits unter einer d\u00fcnnen K\u00e4seschicht. Auf dem Esstisch standen drei Teller, drei Gl\u00e4ser, drei Gabeln, drei Messer. Drei.<\/p>\n\n\n\n<p>Das fiel S\u0142awek sofort auf. Drei war eine mathematisch harmlose, aber symbolisch laute Zahl.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu musst nur auf das Essen aufpassen\u201c, sagte Marc hastig. \u201eDie Pfannkuchen wenden, wenn sie braun werden, die zweite Ladung in den Ofen schieben, sowas. Ich muss zu Anne. Sie\u2026 braucht mich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin kein besonders guter Koch\u201c, sagte S\u0142awek. \u201eEher im Gegenteil.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu musst nur verhindern, dass alles anbrennt\u201c, sagte Marc. \u201eMit deinem\u2026 Informatikerhirn schafft du das schon.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er verschwand im Bad, dessen T\u00fcr er halb hinter sich zuzog. Durch das d\u00fcnne Holz h\u00f6rte man erst leises Reden, dann wieder Weinen, dann Wasser, das lief.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek stand einen Moment unschl\u00fcssig in der K\u00fcche, als h\u00e4tte jemand ihn in ein fremdes Betriebssystem geworfen. Dann griff er zum Pfannenwender.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Br\u00e4unungsgrad von Pfannkuchen \u00fcberwachen<\/em>, dachte er. <em>Problemraum \u00fcberschaubar.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er hob vorsichtig den ersten Pfannkuchen an. Darunter war er goldbraun. Er wendete ihn, wiederholte den Vorgang bei den anderen. Der Rhythmus beruhigte ihn. F\u00fcr einen kulinarisch minderbemittelten Koch f\u00fchlte sich jede Sekunde wie ein kleiner \u00c4on an, aber es war eine beherrschbare Ewigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wohnzimmert\u00fcr stand offen. Er sah den Tisch mit den drei Gedecken. Es reizte ihn, dort hinzugehen und genauer hinzusehen, aber schon der Gedanke, in etwas so Intimes wie eine Weihnachtstafel aus Versehen hineinzutreten, lie\u00df ihn in der K\u00fcchent\u00fcr stehen bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Er h\u00f6rte Marc im Bad reden, dann wieder Stille. Als Marc schlie\u00dflich herauskam, waren die Pfannkuchen fertig und stapelten sich auf einem Teller im Ofen.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc hatte rote, leicht geschwollene Augen. Seine Nase war verschnupft, aber er versuchte, normal zu atmen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlles okay?\u201c, fragte S\u0142awek, obwohl \u201ealles okay\u201c offensichtlich eine falsche Kategorie war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein\u201c, sagte Marc schlicht. \u201eAber das Essen ist es, oder?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch glaube ja\u201c, sagte S\u0142awek. \u201eWas soll ich mit den Pfannkuchen im Ofen machen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc sah in den Ofen, nickte zufrieden, schaltete ihn aus.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201ePerfekt\u201c, sagte er. \u201eSetz dich doch schon mal. Wenn du magst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek sah wieder auf den Tisch. Drei Teller. Er konnte rechnen. Zwei Menschen in der Wohnung, drei Gedecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Er nahm all seinen Mut zusammen. \u201eWarum sind es drei Teller?\u201c, fragte er. \u201eIhr seid doch nur zu zweit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc atmete tief ein. Es war die Art Atemzug, die man macht, bevor man eine Geschichte beginnt, die man schon oft erz\u00e4hlt hat und trotzdem nicht erz\u00e4hlen will.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Gro\u00dfeltern\u201c, begann er, \u201ehaben immer so gedeckt. Sie kamen aus Schlesien und Polen. Dort stellt man zu Weihnachten immer ein Gedeck mehr auf den Tisch als Menschen im Haus sind. F\u00fcr den Gast, der unerwartet kommt. Oder f\u00fcr jemanden, der nicht mehr da ist. Manche sagen, es ist auch f\u00fcr Gott. Man kann es deuten, wie man will.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er strich unbewusst eine unsichtbare Falte aus der Tischdecke.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir machen das jedes Jahr so. Ein Teller mehr. Einfach, weil es sich falsch anf\u00fchlt, es nicht zu tun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek sah auf den dritten Teller. In seinem Kopf klickte etwas. Heute war er der Zufallsgast. Eine Funktion im System, die nie aufgerufen worden war und pl\u00f6tzlich lief.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd heute\u201c, sagte Marc leise, \u201eist der Teller\u2026 f\u00fcr mehrere Leute gleichzeitig, glaube ich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek h\u00e4tte sagen k\u00f6nnen, dass er gleich wieder gehen m\u00fcsste, wegen des Rechners, wegen des Jobs, wegen irgendeines fernen Projekts. Stattdessen h\u00f6rte er sich sagen:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSoll ich bleiben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es war die ehrlichste Frage, die er seit Langem gestellt hatte. Sie wurde ihm fast unheimlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc sah ihn an, \u00fcberrascht und zugleich erleichtert.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch w\u00fcrde mich freuen\u201c, sagte er. \u201eAnne\u2026 braucht gerade Ruhe. Aber ich\u2026 kann das hier nicht allein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine halbe Sekunde lang wollte S\u0142awek reflexhaft widersprechen, sich auf seine Arbeit zur\u00fcckziehen, auf seine gewohnte Rolle als Einzelg\u00e4nger. Doch er blieb sitzen.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vielleicht<\/em>, dachte er, <em>weil es hier nach Oma riecht.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Marc ging kurz ins Schlafzimmer. Ged\u00e4mpfte Stimmen, dann wieder Stille. Als er zur\u00fcckkam, waren seine Augen wieder klarer.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAnne kommt gleich\u201c, sagte er. \u201eWenn sie m\u00f6chte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie setzten sich an den Tisch. Marc servierte die Pfannkuchen. Der Duft war jetzt direkt vor S\u0142aweks Nase. Er hatte das Gef\u00fchl, das Zw\u00f6lfer\u2011Men\u00fc seiner Kindheit in einem einzigen Gericht konzentriert vor sich zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWei\u00dft du\u201c, sagte Marc, w\u00e4hrend er sich hinsetzte, \u201edie Babyflaschen, die du gebracht hast\u2026 die haben wir vor ein paar Wochen bestellt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek legte die Gabel, die er gerade in die Hand genommen hatte, wieder hin.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir wollten ein Kind\u201c, fuhr Marc fort. \u201eEs sollte kurz nach Weihnachten kommen. Alles lief gut. Alle Tests. Alle Untersuchungen. Und dann\u2026 kam es tot zur Welt. Keiner wei\u00df, warum.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er sprach sachlich, beinahe n\u00fcchtern. Nur an einer Stelle seiner Stimme h\u00f6rte man ein leichtes Brechen, als h\u00e4tte jemand eine Saite zu fest gespannt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeitdem ist es\u2026 schwer. F\u00fcr uns beide. Noch schwerer f\u00fcr Anne. Sie sitzt manchmal eine Stunde lang im Bad und weint, und danach geht es ihr wieder ein bisschen besser. Ich koche, weil meine Gro\u00dfeltern immer gekocht haben, wenn es schlimm war. Und heute\u2026\u201c Er zeigte mit einer kleinen Geste auf das Paket mit den Flaschen auf dem Sideboard. \u201e\u2026heute kommt das hier an. An Heiligabend.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek suchte nach etwas zu sagen. In seiner Welt l\u00f6ste man Probleme, indem man sie in kleinere Teile zerlegte, Kantenf\u00e4lle analysierte, Bugs lokalisierte. Hier gab es keinen Stacktrace, keine Fehlermeldung, kein Ticket.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMann\u201c, brachte er schlie\u00dflich heraus. \u201eDas tut mir aber leid f\u00fcr euch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Es war kein besonders tiefes oder geistreiches Statement. Aber es war ehrlich, und Marc schien genau das zu h\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke\u201c, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Badt\u00fcr \u00f6ffnete sich leise. Anne kam heraus. Sie hatte sich umgezogen, trug jetzt ein schlichtes Kleid. Ihr Gesicht war dezent geschminkt, als h\u00e4tte sie versucht, die letzte Stunde zu \u00fcberschreiben \u2013 nicht zu verleugnen, nur zu kaschieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc stand auf. \u201eAnne, das ist\u2026 \u00e4h\u2026 Higgins. Er hat uns das Paket gebracht. Beide Pakete, eigentlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eS\u0142awek\u201c, korrigierte er automatisch. \u201eAlso\u2026 Higgins. Wie ihr wollt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anne nickte. Ihre Augen waren ger\u00f6tet, aber wach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke\u201c, sagte sie leise. \u201eDass du das Paket gebracht hast. Sonst\u2026 keine Ahnung, wann wir es bekommen h\u00e4tten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\u2026 wusste nicht, dass es\u2026 so ein Paket ist\u201c, sagte S\u0142awek unbeholfen. \u201eSonst h\u00e4tte ich vielleicht\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist nicht deine Schuld\u201c, unterbrach sie ihn. \u201eEs ist\u2026 vieles nicht deine Schuld.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie setzte sich, ber\u00fchrte den dritten Teller, zog ihn ein kleines St\u00fcck zu sich heran und schob ihn dann wieder in die Mitte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIss ruhig\u201c, sagte Marc zu S\u0142awek. \u201eSonst wird das kalt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie begannen zu essen. Der Pfannkuchen schmeckte so, wie er roch. Nach etwas, das schon lange da gewesen war, bevor er es benennen konnte. Nach seiner Oma in einem Dorf hinter der polnischen Grenze, nach engen K\u00fcchen und beschlagenen Fenstern, nach Stimmen, die durcheinander redeten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu bist Pole?\u201c, fragte Anne nach einer Weile.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Eltern sind Polen\u201c, sagte er. \u201eIch bin\u2026 irgendwas dazwischen. Sie sind um die Jahrtausendwende hierhergezogen. Bessere Arbeit, bessere Chancen. Sie wollten irgendwann zur\u00fcck, aber dann blieben sie doch. Klassische Geschichte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd du?\u201c, fragte Marc. \u201eDu hast keinen polnischen Akzent.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin hier aufgewachsen\u201c, sagte S\u0142awek. \u201eZuhause Polnisch, drau\u00dfen Deutsch. In der Uni Englisch. Und im Internet sowieso. Deswegen nennen mich die Leute meistens Higgins. Das versteht jede Maschine beim ersten Mal.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc grinste schwach. \u201eMein Opa h\u00e4tte gesagt, Namen sind wichtig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn dieser Stadt nicht\u201c, erwiderte S\u0142awek. \u201eHier z\u00e4hlen nur Koordinaten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anne l\u00e4chelte schmal. \u201eUnd trotzdem sitzt du an unserem Tisch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Weile a\u00dfen sie schweigend. Dann sagte Marc:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFeierst du sonst Weihnachten?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFr\u00fcher\u201c, sagte S\u0142awek. \u201eMit meinen Eltern. Polnisch. Zw\u00f6lf Gerichte, keiner darf Fleisch essen, bis der erste Stern am Himmel steht, so Zeug. Weihnachtsgeschichte, Oblaten teilen, sich gegenseitig Dinge w\u00fcnschen, die nie genau so eintreten, aber manchmal \u00fcberraschenderweise doch. Sp\u00e4ter\u2026 war mir das alles zu viel. Zu viele Emotionen, zu viel Religion, zu viel Erwartung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er hielt inne. \u201eSeit ein paar Jahren\u2026 ignoriere ich es einfach.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anne sah ihn \u00fcber den Tisch hinweg an. \u201eUnd heute?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHeute bin ich hier\u201c, sagte er. \u201eWegen eines Logistikfehlers.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc lachte kurz, trocken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Softwarebug im Logistikzentrum\u201c, sagte er. \u201eVertauschte Rechnungen, falsche Etiketten. Und zack, sitzt ein Fremder an unserem Weichnachtstisch. Meine Gro\u00dfeltern h\u00e4tten gesagt, Gott hat seine Hand im Spiel. Ich w\u00fcrde sagen, die Datentypen waren nicht sauber gepr\u00fcft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMan k\u00f6nnte auch beides sagen\u201c, meinte Anne.<\/p>\n\n\n\n<p>Es entstand eine kleine, nicht unangenehme Stille.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLest ihr\u2026 normalerweise die Weihnachtsgeschichte?\u201c, fragte S\u0142awek z\u00f6gernd. \u201eAlso, aus der Bibel?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er wusste, dass das ein Minenfeld sein konnte. Die Geschichte handelte schlie\u00dflich von einer Geburt. Von einem Kind. Von dem, was ihnen fehlte.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eNicht wirklich. Meine Gro\u00dfeltern schon. Wir\u2026 sind eher so Kultur\u2011Christen. Baum, Essen, Geschenke, aber ohne Programm.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum fragst du?\u201c, fragte Anne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWeil\u2026 bei uns fing Heiligabend immer damit an\u201c, sagte S\u0142awek. \u201eBevor wir gegessen haben. Jemand hat aus dem Lukas\u2011Evangelium vorgelesen. \u00dcber Maria und Josef, Bethlehem, Stall, Engel, Hirten. Ich kenne die Geschichte auswendig. Trotzdem\u2026 war es jedes Mal irgendwie neu. Auch wenn ich nicht gl\u00e4ubig bin.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er sah kurz zu Anne, dann wieder auf seinen Teller. \u201eIch dachte nur\u2026 vielleicht ist das heute nicht so eine gute Idee.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anne sah auf den dritten Teller, dann auf Marc, dann wieder auf S\u0142awek.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht doch\u201c, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc runzelte die Stirn. \u201eBist du sicher?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn ich noch eine Stunde im Bad sitze, bringt das auch nichts\u201c, sagte sie leise. \u201eVielleicht hilft es, eine Geschichte zu h\u00f6ren, in der\u2026 ein Kind vorkommt, das es gibt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc griff z\u00f6gernd nach seinem Smartphone. \u201eWie war das nochmal? Lukas\u2026?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLukas 2\u201c, sagte S\u0142awek automatisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc tippte. \u201eDa. \u201aDie Geburt Jesu\u2018.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er reichte das Handy Anne. Sie atmete tief ein und begann zu lesen. Ihre Stimme war anfangs etwas br\u00fcchig, wurde aber zunehmend klar.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek kannte jeden Satz. Trotzdem h\u00f6rte er zu, als w\u00fcrde er sie zum ersten Mal h\u00f6ren. Maria, hochschwanger. Kein Platz in der Herberge. Ein Stall. Eine Krippe. Ein neugeborenes Kind, das zugleich alles und nichts war. Hirten, die sich f\u00fcrchteten, Engel, die \u201eF\u00fcrchtet euch nicht\u201c sagten.<\/p>\n\n\n\n<p>Anne stockte, als sie zu der Stelle kam: \u201e\u2026denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie legte das Handy kurz ab, wischte sich \u00fcber die Augen, l\u00e4chelte dann schwach und las weiter. Als sie fertig war, legte sie das Telefon auf den Tisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war still. Sogar das Summen des K\u00fchlschranks schien leiser geworden zu sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Anne atmete noch einmal tief durch. \u201eDas tut weh\u201c, sagte sie. \u201eAber anders als vorher.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc legte seine Hand auf ihre.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillst du was essen?\u201c, fragte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nickte. \u201eGib mir zwei Pfannkuchen. Sonst h\u00e4ltst du mich wieder f\u00fcr krank.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc lachte leise und legte ihr zwei Pfannkuchen auf den Teller. S\u0142awek sah, wie sie den ersten Bissen nahm, vorsichtig, als w\u00e4re das Essen ein Test. Ihr Gesicht entspannte sich ein wenig.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie redeten weiter. \u00dcber Kleinigkeiten zuerst. \u00dcber die Stadt und ihr Stra\u00dfensystem, \u00fcber die Idee, dass Primzahlen wichtiger waren als Heilige. \u00dcber S\u0142aweks Arbeit \u2013 soweit er sie in menschlichen Begriffen ausdr\u00fccken konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso erkl\u00e4r mir das nochmal\u201c, sagte Marc. \u201eDu bringst Maschinen bei, Gesichter zu lesen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVereinfacht gesagt, ja\u201c, antwortete S\u0142awek. \u201eSie sollen Emotionen erkennen. Freude, Trauer, Angst, Wut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd bei dir selbst?\u201c, fragte Anne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBei mir selbst funktioniert der Algorithmus nicht so gut\u201c, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lachten. Es war kein lautes, freies Lachen, aber es war da.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie merkten nicht, wie die Stunden vergingen. Drau\u00dfen wurde es dunkel, drinnen brannten irgendwann nur noch Kerzen. Das dritte Gedeck blieb benutztlos und doch nicht ungenutzt. Es war da, hatte seinen Zweck erf\u00fcllt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als S\u0142awek schlie\u00dflich auf die Uhr sah, war es weit sp\u00e4ter, als er gedacht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch\u2026 sollte gehen\u201c, sagte er. \u201eMein Rechner\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er brach ab. Zum ersten Mal an diesem Abend f\u00fchlte sich der Hinweis auf einen Computer albern an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke, dass du geblieben bist\u201c, sagte Marc. \u201eEhrlich. Ohne dich w\u00e4re der Abend\u2026 anders geworden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anne nickte. \u201eVielleicht w\u00e4re er gar nicht geworden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrohe Weihnachten\u201c, sagte S\u0142awek diesmal ohne Z\u00f6gern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrohe Weihnachten, Higgins\u201c, sagte Marc. \u201eOder S\u0142awek.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrohe Weihnachten\u201c, sagte Anne leise.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er auf die S 4 hinaustrat, war die Luft klarer geworden. Ein paar vereinzelte Sterne waren zwischen den Wohnbl\u00f6cken zu sehen. Er ging die S 4 entlang bis zur 7, dann die 7 zur S 49 hinunter, wie auf einer unsichtbaren Gleichung. Der Weg, den er in einer Viertelstunde zur\u00fccklegte, reichte f\u00fcr eine ganze Anzahl von Gedanken.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Warum ist Weihnachten nicht mehr mein Fest?<\/em>, fragte er sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Antwort war nicht technisch. Es war nicht, weil er Religion unlogisch fand. Nicht, weil er das Konsumtheater verachtete. Am Ende war es, weil alles zu nah war. Zu viel N\u00e4he, zu viel Erwartung, zu viel \u201eWie geht es dir wirklich?\u201c. Dinge, auf die es keine sauberen, bin\u00e4ren Antworten gab.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber als er an seine Oma dachte, an ihre K\u00fcche, an die \u00fcberf\u00fcllten Tische, an das Lachen, das fr\u00fcher einmal selbstverst\u00e4ndlich gewesen war, merkte er, dass es da etwas gab, das fehlte. Nicht Gott. Nicht einmal unbedingt die Rituale. Sondern die schlichte Tatsache, dass Menschen beieinander sa\u00dfen, ohne dass einer den anderen abschalten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause angekommen, sah er seinen Laptop auf dem Tisch liegen. Das Ger\u00e4t wirkte pl\u00f6tzlich klein, fast harmlos. Er klappte es nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen nahm er sein Telefon in die Hand, z\u00f6gerte lange, suchte dann den Kontakt \u201eMama + Papa\u201c heraus, den er seit Jahren nicht gew\u00e4hlt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er dr\u00fcckte auf \u201eAnrufen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Es klingelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHalo?\u201c, meldete sich seine Mutter, noch halb im Polnischen, halb im Deutschen. Dann, nach einem kurzen Z\u00f6gern: \u201eS\u0142awek?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er musste schlucken. \u201eFrohe Weihnachten, Mama\u201c, sagte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie fing an zu reden, schnell, \u00fcberrascht, erfreut, verwundert. Sein Vater kam dazu. Es war nicht wie fr\u00fcher, es konnten nicht einfach Jahre ausgelassen werden, als w\u00e4ren sie nie gewesen. Aber es war ein Anfang. Ein Datenstrom, den er wieder freigeschaltet hatte.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:55px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Fast genau ein Jahr sp\u00e4ter fand S\u0142awek in seinem Briefkasten etwas, das er f\u00fcr historisch hielt: einen Brief. Echte Post, auf Papier, mit einer handgeschriebenen Adresse. Er bekam sonst nur noch E\u2011Mails und Benachrichtigungen, niemals Umschl\u00e4ge.<\/p>\n\n\n\n<p>Absender: Marc und Anne Kowalski.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erinnerung an den vergangenen Heiligabend kehrte zur\u00fcck wie ein gespeicherter Zustand, der wieder geladen wurde. Er riss den Umschlag auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen lag eine einfache Klappkarte. Auf der Vorderseite stand: \u201eFrohe Weihnachten\u201c. Nichts Goldgl\u00e4nzendes, kein Kitsch. Klare Buchstaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der Innenseite stand mit blauer Tinte nur eine kurze Zeile:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJes 9,5\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Darunter hatten sie unterschrieben. Und daneben, sauber mit Fineliner gezeichnet, ein QR\u2011Code. Die Linien waren ein wenig zittrig, aber pr\u00e4zise genug.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek setzte sich, zog sein Smartphone aus der Tasche und tippte den Code \u201eJes 9,5\u201c in die Suchzeile ein. Ein Bibelvers erschien.<\/p>\n\n\n\n<p>Er las:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eDenn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.<br>Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter;<br>man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, F\u00fcrst des Friedens.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ein L\u00e4cheln schob sich \u00fcber sein Gesicht, wider Willen. Er wusste, was es bedeutete, ohne dass jemand es ihm erkl\u00e4rte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann \u00f6ffnete er die Kamera\u2011App und hielt sie \u00fcber den QR\u2011Code. Der Scanner piepte. Eine Telefonnummer erschien.<\/p>\n\n\n\n<p>Er dr\u00fcckte auf \u201eAnrufen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa?\u201c, meldete sich eine m\u00fcde, aber fr\u00f6hliche Stimme. Im Hintergrund war ein leises, unregelm\u00e4\u00dfiges Weinen zu h\u00f6ren \u2013 das besondere Weinen eines neuen Menschen, der noch nicht wusste, wie laut er sein durfte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHier ist S\u0142awek\u201c, sagte er. \u201eOder Higgins.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHiggins!\u201c, rief Marc. \u201eDu glaubst nicht, wie sehr wir uns gefreut haben, als wir deine Nummer wiedergefunden haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer QR\u2011Code war beeindruckend\u201c, sagte S\u0142awek. \u201eHandgezeichnet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc lachte. \u201eKreativer Umgang mit begrenzten Mitteln. Das kennst du doch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann wurde seine Stimme ernster, aber auf eine helle Art.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDu erinnerst dich an letztes Weihnachten\u201c, sagte er. \u201eAn\u2026 alles.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c, sagte S\u0142awek.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs wurde langsam besser\u201c, fuhr Marc fort. \u201eNicht von heute auf morgen, aber St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck. Wir haben geredet, wir haben geschwiegen, wir haben gestritten. Und irgendwann, Ende Mai\u2026 hat der Arzt gesagt, dass wir wieder Eltern werden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hintergrund verstummte das Weinen f\u00fcr einen Moment, dann begann es von neuem, emp\u00f6rt, lebenshungrig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDieses Mal\u201c, sagte Marc, \u201eging alles gut. Alles. Ein Junge. Er ist inzwischen fast vier Monate alt. Und\u2026 wir sind m\u00fcde. Und gl\u00fccklich. Und m\u00fcde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek sp\u00fcrte, wie sich etwas in ihm entspannte, von dem er nicht einmal gewusst hatte, dass es noch angespannt war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas freut mich f\u00fcr euch\u201c, sagte er. \u201eWirklich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAnne wollte unbedingt, dass wir dir schreiben\u201c, sagte Marc. \u201eDamit du wei\u00dft, dass\u2026 na ja, dass nicht jeder Fehler im System nur Schaden anrichtet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Logistik\u2011Bug\u201c, sagte S\u0142awek.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c, sagte Marc. \u201eDer \u00fcbrigens inzwischen behoben ist. Hat man uns erz\u00e4hlt. Rechnungen und Etiketten werden jetzt nicht mehr vertauscht. Effizienz \u00fcberall.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNat\u00fcrlich\u201c, sagte S\u0142awek. \u201eDie Welt darf keinen Fehler haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber dieser eine war\u2026 hilfreich\u201c, sagte Marc.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek sah aus dem Fenster. Es war wieder Heiligabend. Die Stadt lag noch immer gleichm\u00e4\u00dfig da, mit ihren nummerierten Ringen und Achsen, mit ihrer funktionalen K\u00e4lte. Und doch war sie nicht mehr ganz dieselbe wie vor einem Jahr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWillst du heute zu uns kommen?\u201c, fragte Marc pl\u00f6tzlich. \u201eWir haben wieder f\u00fcr drei Personen gedeckt. Plus Hochstuhl.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek z\u00f6gerte kurz. Nicht, weil er nicht wollte, sondern weil er bereits einen anderen Bruch mit seiner Routine geplant hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke\u201c, sagte er. \u201eAber dieses Jahr\u2026 feiere ich wieder mit meinen Eltern. Ich nenne es inzwischen Familienfest. Das klingt harmloser.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist gut\u201c, sagte Marc. \u201eDas ist sehr gut.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht n\u00e4chstes Jahr\u201c, f\u00fcgte S\u0142awek hinzu. \u201eDann kann ich euren F\u00fcrst\u2011des\u2011Friedens\u2011Nachwuchs auch mal kennenlernen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAbgemacht\u201c, sagte Marc.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie verabschiedeten sich. Das Weinen im Hintergrund ging nahtlos in ein zufriedenes Glucksen \u00fcber, als h\u00e4tte jemand kurz die Parameter ge\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek legte auf und blieb einen Moment sitzen. Er dachte an ein Logistikzentrum irgendwo weit drau\u00dfen, in dem ein anonymes St\u00fcck Software einmal f\u00fcr ein paar Wochen nicht getan hatte, was es sollte. Rechnungen waren verrutscht, Paketaufkleber vertauscht worden. Menschen hatten sich beschwert, Manager hatten Memos geschrieben, Entwickler hatten Patches ausgerollt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Fehler war gefunden und behoben worden. Die Welt lief wieder ein St\u00fcck reibungsloser.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber in einer kleinen Wohnung an der S 4 hatte dieser Fehler etwas ausgel\u00f6st, das kein Algorithmus geplant hatte. Ein unerwarteter Gast war gekommen. Ein Essen war nicht angebrannt. Eine Geschichte war gelesen worden. Jemand hatte zum ersten Mal seit Langem wieder gegessen, geweint und gel\u00e4chelt in einem einzigen Abend.<\/p>\n\n\n\n<p>Und irgendwo zwischen einem abgest\u00fcrzten CUDA\u2011Treiber und sechs falsch zugestellten Babyflaschen hatte S\u0142awek \u2013 Higgins, Sohn polnischer Eltern, Bewohner einer nummerierten Stadt \u2013 entdeckt, dass es Dinge gab, die sich nicht debuggen, sondern nur teilen lie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zog seine Jacke an, nahm das Telefon und machte sich auf den Weg zur 2, dem inneren Ring, wo seine Eltern inzwischen wohnten. Die Luft war kalt, aber nicht unfreundlich. \u00dcber der Stadt standen ein paar Sterne, nicht viele, aber genug.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf der S 49 dachte er daran, dass die Stadt so gebaut war, dass niemand sich verlaufen musste, solange er rechnen konnte. Trotzdem war es ganz gut zu wissen, dass man gelegentlich irgendwo ankommen konnte, wo man nie hinwollte \u2013 und dort willkommen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Richtung der S 4 h\u00e4tte man, wenn man sehr genau hingeh\u00f6rt h\u00e4tte, leises Babygeschrei h\u00f6ren k\u00f6nnen. Es war das unsauberste, unregelm\u00e4\u00dfigste, ineffizienteste Ger\u00e4usch der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zugleich das verl\u00e4sslichste Zeichen daf\u00fcr, dass etwas in Ordnung geraten war.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"QWEN\">QWEN<\/h2>\n\n\n\n<p><strong>Weihnachten in der Stadt der Zahlen<\/strong><br><em>von Higgins (eigentlich: S\u0142awomir)<\/em><\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em>\u201eDer CUDA-Treiber ist wieder abgest\u00fcrzt. Warum zum Teufel kann NVIDIA nicht mal einen Treiber schreiben, der l\u00e4nger h\u00e4lt als ein Weihnachtsbaum in der Sonne?\u201c<\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>S\u0142awek starrte auf den schwarzen Bildschirm seines Laptops. Der Kernel-Panic-Log war noch im Terminal zu sehen \u2013 eine endlose Kaskade aus Speicheradressen, Segmentierungsfehlern und dem immer wiederkehrenden Hinweis: <em>nvidia-uvm: GPU fault on device 0<\/em>. Er seufzte. Es war Heiligabend, 14:17 Uhr. Drau\u00dfen lag Schnee, aber nicht der romantische, flauschige, sondern der graue, matschige, der sich an den R\u00e4ndern der Gehwege sammelte wie ein vergessener Bug in einem schlecht gewarteten System.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade als er \u00fcberlegte, ob er den Kernel neu kompilieren oder doch lieber auf den propriet\u00e4ren Treiber verzichten sollte, klingelte es an der T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Paketbote.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnterschrift, bitte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek nahm das Paket entgegen, ohne zu fragen, was es war. Er bestellte selten etwas \u2013 schon gar nicht an Weihnachten. Die Welt war voller unn\u00f6tiger Objekte, und er bevorzugte die Welt hinter dem Bildschirm, wo alles logisch war, wo man Fehler isolieren, debuggen und beheben konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck am Schreibtisch, z\u00f6gerte er. Sollte er zuerst den Absturz analysieren \u2013 vielleicht war es ein Speicherleck in seinem selbstgeschriebenen Raytracer \u2013 oder das Paket \u00f6ffnen? Er blickte auf den Monitor. Die Logs sagten ihm nichts Neues. Kein Hinweis auf Hardwareversagen, kein Hinweis auf falsche Bibliotheksversionen. Nur: <em>GPU fault<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZu lange\u201c, murmelte er. \u201eDas dauert mir zu lange.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er klappte den Laptop zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Paket war grau, kantig, mit einem Aufkleber eines Logistikzentrums, das er noch nie geh\u00f6rt hatte. Kein Absendername. Nur eine kryptische Nummer: <em>LZ-7349-2\u00b2\u00b73\u00b75<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Er schnitt das Klebeband auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Innen: sechs Babyflaschen. Steril verpackt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas zum\u2026?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er hob die Flaschen heraus. Darunter lag eine Rechnung. Empf\u00e4nger: <em>Anne Weber, S 4 \/ 2<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch hab keine Kinder. Ich hab nicht mal einen Ficus.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er rannte zur T\u00fcr, doch der Bote war bereits weg. Die Post lag am anderen Ende der Stadt \u2013 oder zumindest so weit entfernt wie die S 4. Und wenn er schon unterwegs war\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Er zog seine Funktionsjacke an \u2013 jene mit den zw\u00f6lf Taschen, dem winddichten Membran und der Aufschrift <em>Arctic Expedition Grade<\/em>. \u00dcbertrieben, ja. Aber in dieser Stadt war \u00dcbertriebenheit Teil des Designs.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stadt war ein Meisterwerk rationaler Planung. Keine Stra\u00dfennamen. Keine historischen Anspielungen. Keine politischen Kompromisse. Nur Zahlen. Primzahlen als Ringe um das Zentrum: 2, 3, 5, 7, 11\u2026 Und von ihnen gingen die Potenzstra\u00dfen ab: S 4, S 8, S 16\u2026 N 9, N 27\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek lebte in S 49 \u2013 also 7\u00b2. Um zur S 4 zu gelangen, musste er zur Ringstra\u00dfe 7, dann Richtung Zentrum bis zur 2, dann abbiegen auf S 4 = 2\u00b2.<\/p>\n\n\n\n<p>Er mochte diese Stadt. Alles war berechenbar. Niemand fragte nach deinem Namen. Niemand fragte nach deinen Gef\u00fchlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch als er durch die kubistischen H\u00e4userzeilen ging \u2013 alle aus grauem Beton, mit kahlen Kugelb\u00e4umen und Granitplatten als Gehweg \u2013 sp\u00fcrte er etwas, das er lange verdr\u00e4ngt hatte: eine Leere. Kein Bug, den man beheben konnte. Kein Logfile, das half.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Haus S 4 \/ 2 blieb er stehen. Ein Mehrparteienhaus wie alle anderen. Ein Vorgarten, der keiner war. Nur ein paar Quadratmeter Moos und ein Baum, der aussah, als sei er per CAD-Modell generiert worden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er dr\u00fcckte die Klingel.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Knacken im Lautsprecher.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00c4h\u2026 Higgins hier. Ich hab ein Paket bekommen, das an Sie adressiert ist. Babyflaschen. Ich glaube, da ist ein Fehler passiert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Stille. Dann: \u201eKommen Sie rauf. Zweiter Stock.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr summte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Stock \u00f6ffnete ein Mann Mitte zwanzig \u2013 Marc. Hinter ihm: ged\u00e4mpftes Licht, ein Geruch, der S\u0142awek mitten ins Herz traf.<\/p>\n\n\n\n<p>Sauerkraut. Pilze. Zwiebeln. Pflaumen. Gew\u00fcrze, die er nicht benennen konnte, die aber in seiner Erinnerung sofort ein Bild heraufbeschworen: seine Oma, eine Sch\u00fcrze umgebunden, am Herd in Breslau.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas ist das f\u00fcr ein Geruch?\u201c, fragte er, fast unh\u00f6flich direkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc l\u00e4chelte m\u00fcde. \u201eSchlesische Weihnachtspfannkuchen. Tradition.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek nickte. \u201eAh. <em>Pierogi ruskie<\/em>, aber gebraten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo \u00e4hnlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er wollte gehen. Wollte zur\u00fcck zu seinem Rechner, zu seinem Problem, zu seiner Welt der klaren Zust\u00e4nde. Doch bevor er sich verabschieden konnte, fragte Marc: \u201eBleiben Sie doch kurz. Ich hol Ihnen einen Kaffee.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek z\u00f6gerte. \u201eIch\u2026 hab nicht viel Zeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann sah er die Frau im Hintergrund. Anne. Sie sa\u00df am K\u00fcchentisch, den Kopf in die H\u00e4nde gest\u00fctzt. Ihre Schultern zitterten leicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum war er wieder im Treppenhaus, sah er ein zweites Paket. Diesmal adressiert an <em>Marc &amp; Anne Weber<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerdammt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>War der Bote nochmal da gewesen? Hatte er das Paket \u00fcbersehen? Er nahm es und stieg erneut hinauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal h\u00f6rte er Weinen hinter der T\u00fcr. Und T\u00fcren, die zugeschlagen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er klingelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hatte er sich umgedreht, rief Marc: \u201eIch wei\u00df nicht mehr, wie Sie hei\u00dfen\u2026 aber ich brauche Ihre Hilfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek erstarrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Hilfe war etwas, das er geben konnte. Code reparieren. Systeme stabilisieren. Aber Menschen?<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Marc sah ihn an wie jemand, der gerade einen Kernel-Panic hat \u2013 und S\u0142awek war der einzige, der den Stack Trace lesen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er trat ein.<\/p>\n\n\n\n<p>In der K\u00fcche stand ein Topf mit Pfannkuchen. Der Tisch war f\u00fcr drei gedeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum drei?\u201c, fragte S\u0142awek.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc seufzte. \u201eIn unserer Familie\u2026 man deckt immer einen Teller mehr. F\u00fcr den Gast, der unerwartet kommt. Oder f\u00fcr die, die nicht mehr da sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek nickte langsam. Das kannte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc verschwand im Bad. Kam nach zehn Minuten zur\u00fcck \u2013 mit roten Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnser Kind\u2026\u201c, begann er. \u201eEs sollte nach Weihnachten kommen. Aber\u2026 es kam tot zur Welt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek suchte nach Worten. Fand nur: \u201eMann. Das tut mir leid.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr ging nicht. Emotionen waren wie Legacy-Code: unleserlich, ungetestet, gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann kam Anne aus dem Schlafzimmer. Frisch geschminkt. Festlich gekleidet. Als wollte sie das Schicksal t\u00e4uschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie setzte sich. Sagte nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis Marc fragte: \u201eHaben Sie Weihnachten heute Abend allein?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek z\u00f6gerte. \u201eJa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd Ihre Familie?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIn Polen. Ich\u2026 zieh das Alleinsein vor.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWeil Menschen\u2026 kompliziert sind. Und Weihnachten\u2026 ist voller Emotionen. Und Emotionen sind schwer zu debuggen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc lachte leise. Anne l\u00e4chelte zum ersten Mal.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann fragte sie: \u201eWie feiert man Weihnachten bei Ihnen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek z\u00f6gerte. Die Weihnachtsgeschichte\u2026 die Geburt\u2026 das war gef\u00e4hrlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch Marc suchte bereits auf seinem Tablet nach <em>Lukas 2<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lasen gemeinsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Als sie bei <em>\u201e\u2026und sie gebar ihren ersten Sohn\u2026\u201c<\/em> ankamen, begann Anne zu weinen. Aber anders. Leise. Befreit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch hab Angst, dass ich nie wieder gl\u00fccklich sein kann\u201c, sagte sie.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek schwieg. Dann: \u201eVielleicht\u2026 braucht man manchmal einen Bugfix. Und manchmal\u2026 braucht man einfach jemanden, der mitliest.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie a\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek dachte an seinen Rechner. An den Absturz. Aber seltsam \u2013 es war ihm egal.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er ging, sagte Marc: \u201eDanke, Higgins.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eS\u0142awek\u201c, korrigierte er. \u201eEigentlich S\u0142awomir. Aber Higgins geht auch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause angekommen, lie\u00df er den Laptop geschlossen.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen griff er zum Telefon.<\/p>\n\n\n\n<p>Rief seine Eltern an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWeso\u0142ych \u015awi\u0105t\u201c, sagte er leise.<\/p>\n\n\n\n<p>Am anderen Ende h\u00f6rte er seine Mutter weinen.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:44px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Brief im Briefkasten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ungew\u00f6hnlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Absender: <em>Marc &amp; Anne Weber<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Karte: <em>Jes 9,5<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein QR-Code.<\/p>\n\n\n\n<p>Er scannte ihn. Eine Telefonnummer.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc meldete sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr hei\u00dft S\u0142awomir\u201c, sagte er lachend. \u201eNach dir.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek schwieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann: \u201eIst er\u2026 stabil?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBis jetzt kein Absturz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek l\u00e4chelte.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Ferne h\u00f6rte er Schreie.<\/p>\n\n\n\n<p>Lebendige.<\/p>\n\n\n\n<p>Unberechenbare.<\/p>\n\n\n\n<p>Wunderbare.<\/p>\n\n\n\n<p>Und zum ersten Mal seit Jahren dachte er: <em>Vielleicht ist Weihnachten doch kein Bug. Vielleicht ist es ein Feature.<\/em><\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"Grok\">Grok <\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein unerwarteter Gast<\/h3>\n\n\n\n<p>S\u0142awek starrte auf den Bildschirm seines Laptops, wo eine Fehlermeldung in kalter, wei\u00dfer Schrift prangte: \u201eCUDA-Treiber abgest\u00fcrzt\u201c. Er murmelte vor sich hin \u2013 nicht laut, aber mit der Intensit\u00e4t eines Menschen, der wei\u00df, dass Maschinen ihn verstehen sollten. \u201eImmer dasselbe an den falschen Tagen\u201c, dachte er. \u201eAls ob das System selbst w\u00fcsste, dass heute niemand Zeit f\u00fcr solche St\u00f6rungen hat.\u201c Heiligabend. Fr\u00fcher Nachmittag. Die Stadt drau\u00dfen lag in einer Stille, die nicht friedlich, sondern funktional war \u2013 wie alles hier.<\/p>\n\n\n\n<p>Da klingelte es an der T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Er z\u00f6gerte. Der Cursor blinkte vorwurfsvoll. Doch das Klingeln wiederholte sich, beharrlich, aber nicht aufdringlich. S\u0142awek klappte den Laptop zu \u2013 nicht aus Resignation, sondern aus einer pl\u00f6tzlichen, unerkl\u00e4rlichen Neugier \u2013 und \u00f6ffnete.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Postbote in grauer Uniform hielt ein Paket hoch. \u201eS\u0142awek\u2026 Higgins?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa\u201c, sagte er automatisch. Higgins. Der Name, den er sich selbst gegeben hatte, weil er besser in Foren passte, besser in Mailinglisten, besser in einer Welt, die keine Akzente und keine Herkunftsgeschichten mochte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Paket war leicht, fast zu leicht. Kein Absender, den er kannte. Er trug es in die K\u00fcche, stellte es auf den Tisch und starrte es an. \u201eWer schickt mir etwas an Heiligabend?\u201c dachte er. \u201eNiemand. Ich habe nichts bestellt. Und niemand aus der Familie w\u00fcrde\u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er schnitt den Karton auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Sechs Babyflaschen. Sauber verpackt, mit einer Rechnung darunter. Name: Anne Kowalski. Adresse: einige Stra\u00dfen entfernt, in der gleichen logischen Zone der Stadt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Fehler. Offensichtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Er blickte aus dem Fenster. Der Lieferwagen war bereits verschwunden. Zur Post gehen w\u00fcrde Stunden dauern \u2013 und die Zustellung nur verz\u00f6gern. Die Adresse war nicht weit. In dieser Stadt, die von einem Informatiker entworfen worden war, war nichts wirklich weit, wenn man die Regeln verstand.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen hatten keine Namen \u2013 Namen trugen immer eine Wertung, eine Geschichte, eine Parteilichkeit. Stattdessen Primzahlen als konzentrische Kreise um das Zentrum: 2, 3, 5, 7, 11\u2026 Und die radialen Achsen als Potenzen, gekennzeichnet mit N, S, O, W. Wer rechnen konnte, fand sich zurecht. S\u0142awek konnte rechnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Er zog seine schwere Funktionsjacke an \u2013 die Art, die f\u00fcr minus vierzig Grad gemacht war, aber hier nur gegen die trockene K\u00e4lte half \u2013 und machte sich auf den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4userblocks waren kubistisch, funktional, grau mit wenigen Akzenten. Niedrige Kugelb\u00e4ume warfen exakte Schatten auf die Granitwege. Keine \u00fcberfl\u00fcssige Verzierung. Alles diente einem Zweck.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ziel angekommen, suchte er den Namen auf dem Klingelschild. Kowalski. Er dr\u00fcckte die Taste.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Knacken. Dann eine M\u00e4nnerstimme: \u201eJa?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEntschuldigung. Hier spricht\u2026 Higgins. Ich habe ein Paket erhalten, das eigentlich f\u00fcr Sie bestimmt ist. Babyflaschen. Falsche Zustellung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Pause. \u201eKommen Sie hoch. Zweiter Stock.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Summer ert\u00f6nte.<\/p>\n\n\n\n<p>Oben \u00f6ffnete ein junger Mann die T\u00fcr. Mitte zwanzig, m\u00fcde Augen, aber freundlich. \u201eMarc\u201c, sagte er und streckte die Hand aus. \u201eKomm rein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Hintergrund sah S\u0142awek eine Frau auf dem Sofa sitzen, das Gesicht abgewandt. Und dann traf ihn ein Duft \u2013 schwer, warm, vertraut. Sauerkraut, Pilze, Pflaumen, Gew\u00fcrze, die er seit Jahren nicht mehr gerochen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas\u2026 kochen Sie da?\u201c fragte er, bevor er sich bremsen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc l\u00e4chelte schwach. \u201ePfannkuchen mit F\u00fcllung. Rezept meiner Gro\u00dfmutter. Schlesisch-polnisch. Go\u0142\u0105bki in Pfannkuchenform, sozusagen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek nickte. \u201eDanke f\u00fcr die Info. Und\u2026 frohe Weihnachten.\u201c Er reichte das Paket.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc nahm es entgegen. \u201eDanke, dass Sie es gebracht haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek drehte sich um. Die T\u00fcr schloss sich hinter ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Treppenhaus, auf dem Weg nach unten, blieb er stehen. Dort lag ein weiteres Paket. Adressiert an Marc und Anne Kowalski. Es war vorher nicht da gewesen. Er war sich sicher.<\/p>\n\n\n\n<p>Er hob es auf. Schlechtes Gewissen. Sie w\u00fcrden es nicht bemerken, wenn es unten blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Er stieg wieder hoch. Klingelte.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus der Wohnung drang leises Weinen. Ein Klappern. Dann Schritte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich schnell. Marc sah ihn an \u2013 verzweifelt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht mehr, wie Sie hei\u00dfen\u2026 aber ich brauche Hilfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek z\u00f6gerte nur eine Sekunde. \u201eHiggins. S\u0142awek, eigentlich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKomm rein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc f\u00fchrte ihn in die K\u00fcche. \u201eKannst du das Essen im Auge behalten? Ich\u2026 muss kurz\u2026\u201c Er verschwand im Bad.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek stand allein vor dem Herd. Er wusste nicht viel \u00fcber Kochen, aber er wusste, wann etwas fertig war. Er r\u00fchrte, wartete.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Marc zur\u00fcckkam, waren seine Augen rot.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen war fertig. Der Tisch gedeckt \u2013 f\u00fcr drei Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek runzelte die Stirn. \u201eDrei Gedecke?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc setzte sich. \u201eTradition. Bei uns zu Hause immer ein Gedeck mehr. F\u00fcr den unerwarteten Gast. Oder f\u00fcr die, die nicht mehr da sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er deutete auf den freien Stuhl. \u201eSetz dich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek wollte ablehnen. Der Rechner wartete. Der Treiber. Die Fehleranalyse. Aber der Duft. Die Erinnerung an seine Gro\u00dfmutter. Er setzte sich.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc erz\u00e4hlte leise. Von den Babyflaschen, die sie vor Wochen bestellt hatten. Von dem Kind, das kurz nach Weihnachten kommen sollte. Das nicht gekommen war. Tot. Von Anne, die seitdem zerbrechlich war wie Glas.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek nickte. \u201eDas\u2026 tut mir leid.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr fiel ihm nicht ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter kam Anne dazu. Blass, aber gefasst. Geschminkt, als wollte sie die letzte Stunde ungeschehen machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie sprachen \u00fcber das Paket. \u00dcber die Stadt. \u00dcber Herkunft. S\u0142awek erz\u00e4hlte \u2013 z\u00f6gernd \u2013 von seinen Eltern, von Polen, vom Wegziehen, vom Namen Higgins, weil S\u0142awomir zu schwer auszusprechen war in einer Welt, die Einfachheit bevorzugte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd Weihnachten?\u201c fragte Anne leise.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFr\u00fcher ja. Mit Oma. Oblaten. W\u00fcnsche. Die Geschichte aus dem Evangelium.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc holte sein Telefon. \u201eLukas 2\u201c, sagte er. Sie lasen gemeinsam.<\/p>\n\n\n\n<p>Anne weinte. Aber diesmal anders. Nicht verzweifelt. Ber\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie a\u00df. Zwei Pfannkuchen. Wie immer, sagte Marc.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stunden vergingen. S\u0142awek bemerkte es kaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er ging, war es dunkel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrohe Weihnachten\u201c, sagte er an der T\u00fcr. Diesmal meinte er es.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause lie\u00df er den Laptop zugeklappt. Nahm das Telefon. W\u00e4hlte die Nummer seiner Eltern. Seit Jahren nicht mehr getan.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrohe Weihnachten\u201c, sagte er, als abgehoben wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter kam ein Brief. Papier. Selten.<\/p>\n\n\n\n<p>Absender: Marc und Anne Kowalski.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Karte. \u201eFrohe Weihnachten\u201c. Darin ein Bibelvers: Jesaja 9,5.<\/p>\n\n\n\n<p>Und ein handgezeichneter QR-Code.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek scannte ihn.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Telefonnummer.<\/p>\n\n\n\n<p>Er rief an.<\/p>\n\n\n\n<p>Marcs Stimme, voller Freude: \u201eEs hat geklappt. Ende Mai. Ein Sohn. Gesund.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Einladung zum Heiligabend.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek l\u00e4chelte. \u201eDanke. Aber dieses Jahr\u2026 feiere ich bei meiner Familie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Stadt, deren Stra\u00dfen nach Primzahlen und Potenzen geordnet waren, hatte ein kleiner Fehler im Logistiksystem etwas in Gang gesetzt, das kein Algorithmus vorhersehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein unerwarteter Gast war gekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und geblieben war etwas, das gr\u00f6\u00dfer war als Funktionalit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"Sonnet\">Sonnet<\/h2>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Babyflaschen<\/h3>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Eine Weihnachtsgeschichte im Stile von George Orwell<\/h4>\n\n\n\n<p><em>Verdammter CUDA-Treiber<\/em>, dachte S\u0142awek und starrte auf den eingefrorenen Bildschirm seines Laptops. Die Fehlermeldung leuchtete ihm entgegen wie eine Verh\u00f6hnung: <em>Driver crashed and failed to recover<\/em>. Ausgerechnet heute, an Heiligabend, wenn niemand Support leistete und alle Foren tot waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Es klingelte an der T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek \u2013 der sich selbst lieber Higgins nannte, weil dieser Name in seinen Informatikkreisen einfacher auszusprechen war als sein polnischer Vorname \u2013 seufzte. Der Postbote. Ein graues Paket. Keine Absenderangabe au\u00dfer einem anonymen Logistikzentrum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke&#8220;, murmelte er und nahm das Paket entgegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr fiel ins Schloss. S\u0142awek stand im Flur, das Paket in der einen, den Blick auf dem Monitor in der anderen Hand \u2013 metaphorisch gesprochen. <em>Erst das System reparieren oder das Paket \u00f6ffnen?<\/em> Er hatte nichts bestellt. Vielleicht ein Geschenk? Seine Eltern schickten ihm seit Jahren nichts mehr, seit er den Kontakt minimiert hatte. Freunde? Die meisten seiner Kontakte waren digital.<\/p>\n\n\n\n<p>Er blickte noch einmal auf den Bildschirm. Die Analyse w\u00fcrde Stunden dauern. <em>Verdammt.<\/em> Er klappte das Laptop zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Paket war leicht. Er schnitt den grauen Karton auf. Sechs Babyflaschen. Durchsichtiges Plastik, Silikonaufs\u00e4tze, in einer ordentlichen Reihe verpackt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas zum&#8230;?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den Flaschen lag eine Rechnung. <em>Anne Kowalski, Stra\u00dfe 2, Hausnummer 16, Wohnung 7.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Fehler. Offensichtlich. S\u0142awek lief zur T\u00fcr, riss sie auf \u2013 der Postbote war bereits weg. Sein Transporter verschwand gerade um die Ecke der Stra\u00dfe S 49.<\/p>\n\n\n\n<p>Er \u00fcberlegte. Die Post w\u00fcrde die Zustellung nur verz\u00f6gern. Heiligabend. Vielleicht brauchte diese Anne Kowalski die Flaschen dringend. Ein Baby. Weihnachten. Er sah auf die Adresse. Stra\u00dfe 2, nicht weit von hier.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Pers\u00f6nliche \u00dcbergabe<\/em>, entschied er. <em>Schnell hin, schnell zur\u00fcck, dann den Rechner reparieren.<\/em><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:56px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Die Stadt, in der S\u0142awek lebte, war von einem Informatiker entworfen worden. Kein Name w\u00fcrde jemals eine Stra\u00dfe zieren \u2013 Namen waren politisch, ideologisch belastet. Stattdessen: Primzahlen, konzentrisch um das Zentrum. Die Stra\u00dfen 2, 3, 5, 7, 11 bildeten Ringe. Die Potenzen \u2013 4, 8, 16 oder 9, 27 \u2013 liefen radial nach au\u00dfen: S f\u00fcr S\u00fcd, N f\u00fcr Nord, O f\u00fcr Ost, W f\u00fcr West.<\/p>\n\n\n\n<p>Navigation? \u00dcberfl\u00fcssig f\u00fcr jeden, der multiplizieren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek zog seine Funktionsjacke an \u2013 ein Modell, das eher f\u00fcr Polarexpeditionen gedacht war \u2013 und machte sich auf den Weg. Von S 49 zur 7, dann entlang der 7 bis zur S 4, die von der 2 abging. Simpel.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Stra\u00dfen waren funktionalistisch, kubistisch, grau. Wenig Farbe, keine Verzierungen. Die Geb\u00e4ude wirkten wie aus einem Baukasten: effizient, identisch, austauschbar. Niedrige Kugelb\u00e4ume s\u00e4umten die mit grauem Granit gepflasterten Wege. Alles war auf Funktion reduziert.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Genau deshalb bin ich hierher gezogen<\/em>, dachte S\u0142awek. <em>Keine unn\u00f6tigen Emotionen. Nur Vernunft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er erreichte das Mehrparteienhaus. Nummer 16. Ein Pseudo-Vorgarten, die \u00fcblichen Kugelb\u00e4ume. Er dr\u00fcckte die Klingel bei \u201eKowalski&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Knacken. Eine m\u00e4nnliche Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00c4h, hallo. Hier ist&#8230; ich hei\u00dfe Higgins. Ich habe ein Paket bekommen, das eigentlich f\u00fcr Anne Kowalski bestimmt ist. Babyflaschen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Pause. Dann: \u201eBabyflaschen? Moment. Kommen Sie hoch. Zweiter Stock.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Der T\u00fcrsummer ert\u00f6nte. S\u0142awek dr\u00fcckte die T\u00fcr auf und stieg die Treppen hinauf.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:69px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Im zweiten Stock \u00f6ffnete ein Mann um die drei\u00dfig die T\u00fcr. Dunkle Haare, m\u00fcde Augen, ein gezwungenes L\u00e4cheln.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin Marc. Danke, dass Sie hergekommen sind.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek reichte ihm das Paket. Im Hintergrund sah er eine Frau \u2013 Anne, vermutete er \u2013 die auf dem Sofa sa\u00df. Sie sah blass aus, ihre Augen waren rot.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch dann traf ihn etwas anderes: ein Geruch. Ein Duft, der aus der Wohnung str\u00f6mte. Pilze, Sauerkraut, Pflaumen. Gew\u00fcrze, die er seit Jahren nicht mehr gerochen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas&#8230; was kochen Sie da?&#8220;, fragte S\u0142awek, direkter als beabsichtigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc l\u00e4chelte schwach. \u201ePfannkuchen. Gef\u00fcllt mit Sauerkraut, Pilzen, Zwiebeln, Pflaumen. Schlesische Tradition. Meine Gro\u00dfeltern haben das immer gemacht.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek nickte langsam. Seine Oma hatte das Gleiche gekocht. Jedes Jahr. Das Essen seiner Kindheit.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDanke&#8220;, sagte er schnell. \u201eFrohe Weihnachten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er drehte sich um und ging die Treppe hinunter. Hinter ihm fiel die T\u00fcr ins Schloss.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:79px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Im Eingangsbereich blieb S\u0142awek stehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Paket. Es lag direkt neben der Haust\u00fcr. Adressiert an Marc und Anne Kowalski.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Das war vorher nicht da.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Oder doch? War der Postbote gerade hier gewesen, w\u00e4hrend er oben mit Marc gesprochen hatte? Er war sich sicher, dass der Flur leer gewesen war, als er hochgegangen war.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek seufzte. <em>Schlechtes Gewissen.<\/em> Die beiden w\u00fcrden nicht wissen, dass ein Paket f\u00fcr sie da war. Er nahm es in die Hand und stieg erneut die Treppen hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor er klingeln konnte, h\u00f6rte er es: Weinen. Ein unterdr\u00fccktes Schluchzen, dann ein T\u00fcrknallen. Aus der Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vielleicht sollte ich einfach klingeln, das Paket abstellen und verschwinden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er klingelte. Drehte sich um, um zu gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarte!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die T\u00fcr flog auf. Marc stand da, die Augen feucht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wei\u00df nicht mehr, wie du hei\u00dft, aber ich brauche deine Hilfe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek konnte Hilferufen nie widerstehen. Es war seine Schw\u00e4che, sein Antrieb. Anderen zu helfen, gebraucht zu werden \u2013 das war das Einzige, was ihm wirklich Freude bereitete. Nicht Menschen an sich. Menschen verwirrten ihn. Ihre Emotionen waren chaotisch, unlogisch, anstrengend. Aber gebraucht werden? Das verstand er.<\/p>\n\n\n\n<p>Er folgte Marc in die Wohnung.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:82px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Marc f\u00fchrte ihn in die K\u00fcche. Die Pfannkuchen brutzelten leise in der Pfanne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKannst du&#8230; kannst du das hier im Auge behalten? Nur f\u00fcr ein paar Minuten. Ich muss nach Anne sehen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKlar&#8220;, sagte S\u0142awek.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc verschwand im Bad. S\u0142awek h\u00f6rte ged\u00e4mpfte Stimmen, dann Stille.<\/p>\n\n\n\n<p>Er stand in der K\u00fcche, umgeben vom Duft seiner Kindheit, und wusste nicht, was er tun sollte. Die Pfannkuchen mussten gewendet werden. Er tat es, unbeholfen, aber erfolgreich.<\/p>\n\n\n\n<p>Minuten vergingen. Viele Minuten. Ein halber \u00c4on, gemessen an der Zeit eines kulinarisch minderbemittelten Kochs.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc kam heraus. Seine Augen waren rot, die Nase verschnupft. Er hatte geweint.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek wollte fragen, aber er traute sich nicht. Er war noch nie gut darin gewesen, in die Privatsph\u00e4re anderer einzudringen. Das war nie sein Ding.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Essen war fertig. Der Tisch war gedeckt. F\u00fcr drei Personen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum&#8230; warum sind es drei Gedecke?&#8220;, fragte S\u0142awek.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc l\u00e4chelte traurig. \u201ePolnische Tradition. Man deckt immer ein Gedeck mehr, als Personen anwesend sind. Falls ein Gast kommt. Oder als Symbol f\u00fcr die, die nicht mehr unter uns sind.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er machte eine Pause. \u201eMeine Gro\u00dfeltern haben das immer gemacht. Sie kamen aus Schlesien.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek nickte langsam. Er kannte die Tradition. Seine Eltern hatten es genauso gemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eM\u00f6chtest du mit uns essen?&#8220;, fragte Marc. \u201eAnne braucht noch etwas Ruhe. Aber du&#8230; du bist willkommen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek z\u00f6gerte. Sein Rechner wartete. Der CUDA-Treiber. Die Reparatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber er blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wusste selbst nicht, warum.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:76px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Marc servierte die Pfannkuchen. Er erz\u00e4hlte, langsam, z\u00f6gernd.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Babyflaschen&#8230; wir haben sie vor Wochen bestellt. Anne und ich, wir haben ein Kind erwartet. Es sollte kurz nach Weihnachten kommen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er hielt inne.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber es kam tot zur Welt.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek erstarrte. Er wusste nicht, was er sagen sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMann, das tut mir aber leid f\u00fcr euch&#8220;, brachte er heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Es waren die einzigen Worte, die ihm einfielen. Sein Wortschatz f\u00fcr Empathie war begrenzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc nickte. \u201eAnne&#8230; sie kommt nicht dar\u00fcber hinweg. Sie ist sehr reizbar. Manchmal sitzt sie stundenlang im Bad und weint. Diese Babyflaschen waren ein Trigger.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek nickte stumm.<\/p>\n\n\n\n<p>Anne verlie\u00df das Bad, ging ins Schlafzimmer. Marc folgte ihr. Minuten vergingen. Dann kam Marc zur\u00fcck. Kurz darauf kam Anne heraus.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie war geschminkt, trug ein sch\u00f6nes Kleid. Ein Versuch, die letzte Stunde wettzumachen. Ein Versuch, Marc zu zeigen, dass sie es versuchte.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc stellte sie vor. Anne setzte sich an den Tisch. Sie wollte nichts essen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber dann begannen sie zu reden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVerbringst du Weihnachten allein?&#8220;, fragte Anne leise.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa&#8220;, sagte S\u0142awek. \u201eIch&#8230; ich feiere nicht mehr. Nicht seit Jahren.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWarum nicht?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er z\u00f6gerte. \u201eIch komme aus einer polnischen Familie. Weihnachten war immer gro\u00df. Die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium, das Teilen der Oblaten, die W\u00fcnsche. Aber&#8230; irgendwann wurde es mir zu viel. Die Emotionen, die Erwartungen. Ich wollte einfach nur Ruhe.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Marc und Anne sahen einander an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sind auch nicht besonders gl\u00e4ubig&#8220;, sagte Marc. \u201eAber&#8230; magst du uns erz\u00e4hlen, wie deine Familie es gemacht hat?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek erz\u00e4hlte. Von der Weihnachtsgeschichte, von den Oblaten, von seiner Oma und den Pfannkuchen. Marc \u00f6ffnete sein Smartphone, suchte das Lukas-Evangelium, las es vor.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte von Maria und Josef. Von der Geburt in Bethlehem. Von der Herbergssuche.<\/p>\n\n\n\n<p>Anne weinte. Aber diesmal anders. Ihre Tr\u00e4nen waren sanfter, stiller. Sie h\u00f6rten schnell auf. Ihr Gesicht wirkte befreit.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie nahm die restlichen zwei Pfannkuchen auf ihren Teller.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:68px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>S\u0142awek sp\u00fcrte einen Widerspruch in sich. Er wollte bleiben. Die Gesellschaft der beiden gefiel ihm. Aber gleichzeitig dr\u00e4ngte der Rechner, der zu Hause wartete.<\/p>\n\n\n\n<p>Stunden waren vergangen. Er hatte es nicht gemerkt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch muss gehen&#8220;, sagte er. \u201eDanke. F\u00fcr&#8230; f\u00fcr alles.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrohe Weihnachten&#8220;, sagte Anne und l\u00e4chelte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eFrohe Weihnachten&#8220;, wiederholte S\u0142awek.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:65px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Auf dem Heimweg dachte er nach. Warum war Weihnachten nicht mehr sein Fest? Als Kind hatte er es geliebt. Das Essen der Oma, das Zusammensein, die Geschenke, die Stimmung.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause lie\u00df er den Rechner liegen. Stattdessen nahm er sein Telefon und rief seine Eltern an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMama? Ich bin&#8217;s. Ich wollte nur&#8230; frohe Weihnachten w\u00fcnschen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte es seit Jahren nicht mehr getan.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:57px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter fand S\u0142awek einen Brief in seinem Briefkasten. Das war ungew\u00f6hnlich. Alles kam digital.<\/p>\n\n\n\n<p>Absender: Marc und Anne Kowalski.<\/p>\n\n\n\n<p>Er riss den Umschlag auf. Eine Klappkarte. \u201eFrohe Weihnachten.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Innen stand: <em>Jes 9,5<\/em>. Darunter ihre Unterschriften. Und ein handgezeichneter QR-Code.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek tippte das K\u00fcrzel in sein Smartphone. Der Text erschien:<\/p>\n\n\n\n<p><em>\u201eDenn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, F\u00fcrst des Friedens.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Er l\u00e4chelte. Dann scannte er den QR-Code. Eine Telefonnummer.<\/p>\n\n\n\n<p>Er rief an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHiggins!&#8220;, rief Marc voller Freude. \u201eIch freue mich so, von dir zu h\u00f6ren!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Marc erz\u00e4hlte. Wie es Anne allm\u00e4hlich besser gegangen war. Wie sie im Mai erfahren hatten, dass sie erneut schwanger war. Wie alles dieses Mal glatt gelaufen war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Baby ist gesund. Es ist ein Junge. Willst du uns an Heiligabend besuchen?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek l\u00e4chelte. \u201eDanke, aber ich feiere dieses Jahr mit meiner Familie.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas freut mich&#8220;, sagte Marc.<\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:66px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>In diesem Jahr war vieles anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Softwarebug im Logistikzentrum, der Rechnungen und Paketetiketten vertauscht hatte, war gefunden und beseitigt worden.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek hatte das Familienfest f\u00fcr sich wiederentdeckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in der Wohnung von Marc und Anne war nun \u00f6fter Weinen und Schreien zu h\u00f6ren \u2013 die Zeichen des Lebenswillens eines neuen Menschen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p><strong>Ende<\/strong><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"Gemini\">Gemini<\/h2>\n\n\n\n<p>Hier ist die Geschichte, geschrieben im gew\u00fcnschten Stil und mit den vorgegebenen Handlungselementen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war vierzehn Uhr zweiunddrei\u00dfig an einem vierundzwanzigsten Dezember, als S\u0142awek \u2013 der sich in der digitalen Welt und auch in der analogen, wann immer es sich nicht vermeiden lie\u00df, \u201eHiggins\u201c nannte \u2013 zu der Schlussfolgerung kam, dass die Welt ein Ort fundamentaler Fehlerhaftigkeit war. Auf seinem Monitor starrte ihn der eingefrorene Pixelbrei eines abgest\u00fcrzten Grafiktreibers an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSpeicherzugriffsfehler\u201c, murmelte er. Es war eine Feststellung, keine Klage. Emotionen waren ineffizient, genau wie der CUDA-Treiber seiner NVIDIA-Karte, der sich soeben ohne Vorwarnung verabschiedet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Higgins, eigentlich S\u0142awomir, war ein Produkt pragmatischer Migration. Seine Eltern, Akademiker aus Polen, waren um die Jahrtausendwende nach Deutschland gekommen, getrieben von der rationalen Analyse \u00f6konomischer Opportunit\u00e4ten. Sie hatten ihm einen Namen gegeben, der Heimat bedeutete, und er hatte sich einen Namen gegeben, der Kompatibilit\u00e4t bedeutete. \u201eHiggins\u201c war international, phonetisch eindeutig und frei von den Zischlauten, die deutsche Zungen verknoteten. Er hatte sich von seinen Eltern und ihrer sentimentalen Anh\u00e4nglichkeit an Traditionen getrennt, um in dieser Stadt zu leben \u2013 einer Stadt, die nicht gewachsen, sondern entworfen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Klingeln an der Wohnungst\u00fcr unterbrach seinen Versuch, den Kernel-Log zu analysieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Higgins sa\u00df regungslos. Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um einen willkommenen Besuch handelte, ging gegen Null. Er hatte nichts bestellt. Es war Heiligabend. Die soziale Konvention diktierte, dass man jetzt bei Familien war oder Vorbereitungen traf. Er wollte den Fehler beheben. Doch die Neugier, jene unlogische Variable im menschlichen Algorithmus, siegte. Er klappte den Laptop zu, dessen L\u00fcfter noch immer leise heulte, und ging zur T\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Postbote war bereits im Begriff zu gehen, dr\u00fcckte ihm jedoch wortlos einen grauen Karton in die Hand und verschwand im Treppenhaus. Higgins betrachtete das Paket. Ein unbekanntes Logistikzentrum. Seine Adresse war korrekt: Sektor Nord, Potenzstra\u00dfe 16. Er nahm ein Cuttermesser und schnitt das Klebeband mit chirurgischer Pr\u00e4zision auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Inhalt entbehrte jeder Logik. Sechs Babyflaschen, steril verpackt, Kunststoff, BPA-frei.<\/p>\n\n\n\n<p>Higgins starrte auf die Flaschen wie auf einen fehlerhaften Code. Er hatte keine Verwendung f\u00fcr S\u00e4uglingsnahrungshardware. Er zog die Rechnung unter dem F\u00fcllmaterial hervor. Empf\u00e4nger: Anne. Sektor S\u00fcd, Stra\u00dfe 49. Ein Routing-Fehler. Ein klassisches Versagen der Datenbanklogik.<\/p>\n\n\n\n<p>Er lief zum Fenster, doch der gelbe Transporter war bereits ein kleiner Punkt am Ende der Stra\u00dfe. Eine R\u00fccksendung \u00fcber die Post w\u00fcrde Tage dauern. Tage, in denen der rechtm\u00e4\u00dfige Empf\u00e4nger auf diese Lieferung wartete. Higgins berechnete kurz die Distanz. Die Postfiliale war in Sektor West. Die Adresse auf der Rechnung in Sektor S\u00fcd. Die Entfernung war \u00e4quivalent.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIneffizient\u201c, dachte er, zog aber seine Funktionsjacke an. Sie war f\u00fcr arktische Expeditionen zertifiziert, was in dieser gem\u00e4\u00dfigten Klimazone absurd war, aber Higgins sch\u00e4tzte die Redundanz an Taschen und die absolute Winddichte.<\/p>\n\n\n\n<p>Er trat hinaus in die Stadt. Sie war das Werk eines Informatikers, der Ordnung \u00fcber alles liebte. Keine Namen, keine politische Historie, nur reine Mathematik. Das Zentrum war der Ursprung. Darum legten sich die Ringe der Primzahlen: Zwei, Drei, F\u00fcnf, Sieben. Von diesen Ringen gingen die Potenzstra\u00dfen ab. Wer das kleine Einmaleins beherrschte, ben\u00f6tigte kein GPS. Higgins musste von der S-49 zur 2.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ging die grauen Gehwegplatten entlang. Die Architektur war kubistisch, funktional, eine Hymne an den Beton. Die B\u00e4ume in den Vorg\u00e4rten waren kugelf\u00f6rmig geschnitten, uniform und standen in exakten Abst\u00e4nden zueinander, als w\u00e4ren sie geklont. Es gab keine wildwuchernde Natur, nur berechnetes Gr\u00fcn.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchnell abgeben und zur\u00fcck an den Rechner\u201c, dachte Higgins. Die K\u00e4lte kroch ihm trotz der Jacke ins Gesicht. Er erreichte das Zielgeb\u00e4ude. Ein Mehrparteienhaus, identisch mit seinem eigenen, nur gespiegelt. Er dr\u00fcckte die Klingel, die den Namen auf der Rechnung trug.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Haustelefon knackte.<br>\u201eJa?\u201c Eine m\u00e4nnliche Stimme.<br>\u201eHiggins hier. Ich habe ein Paket, das Ihnen geh\u00f6rt. Falschzustellung.\u201c<br>\u201eOh. \u00c4h, ja. Komm hoch. Zweiter Stock.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Summer ert\u00f6nte. Higgins stieg die Treppen hinauf. Die T\u00fcr \u00f6ffnete sich, und ein junger Mann stand dort. Das musste Marc sein. Doch was Higgins viel st\u00e4rker traf als der Anblick des Mannes, war der Geruch, der aus der Wohnung str\u00f6mte.<\/p>\n\n\n\n<p>Es war eine olfaktorische Anomalie in dieser sterilen Stadt. Sauerkraut. Getrocknete Pilze. Zwiebeln. Pflaumen. Piment.<br>Es roch wie fr\u00fcher. Es roch nach seiner Gro\u00dfmutter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas ist f\u00fcr\u2026 Anne?\u201c fragte Higgins und reichte das Paket. Im Flur sah er eine Frau, Anne, die blass und abwesend wirkte.<br>\u201eJa, danke\u201c, sagte Marc leise.<br>Higgins konnte sich nicht zur\u00fcckhalten. \u201eWas\u2026 was ist das f\u00fcr ein Gericht?\u201c<br>Marc blinzelte \u00fcberrascht. \u201eDas? Pfannkuchen mit Bigos-F\u00fcllung. Sauerkraut, Pilze\u2026 altes Rezept.\u201c<br>\u201eVerstehe\u201c, sagte Higgins. \u201eFrohes Fest.\u201c<br>Er drehte sich um. Die T\u00fcr fiel ins Schloss.<\/p>\n\n\n\n<p>Unten im Hausflur blieb Higgins stehen. Auf dem Boden, direkt neben den Briefk\u00e4sten, lag ein weiteres Paket. Es war an Marc und Anne adressiert.<br>Higgins runzelte die Stirn. War der Bote zur\u00fcckgekommen? Hatte er es \u00fcbersehen? Unm\u00f6glich. Seine Wahrnehmung arbeitete pr\u00e4zise.<br>Er hob es auf. Er konnte es nicht einfach liegen lassen. Das Pflichtbewusstsein, das tief in seiner polnischen Erziehung verwurzelt war und das er nie ganz hatte l\u00f6schen k\u00f6nnen, meldete sich. Seufzend trat er den Weg zur\u00fcck in den zweiten Stock an.<\/p>\n\n\n\n<p>Er stand vor der T\u00fcr und h\u00f6rte Ger\u00e4usche. Ein Weinen. Laut, verzweifelt. Das Klappern von T\u00fcren.<br>Er wollte das Paket ablegen und fliehen. Soziale Interaktionen unter emotionalem Stress waren Fehlerquellen, die er mied. Er hob die Hand, um zu klingeln, da wurde die T\u00fcr aufgerissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc stand da, die Augen weit aufgerissen. \u201eIch wei\u00df nicht mehr, wie du hei\u00dft, aber ich brauche deine Hilfe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Higgins erstarrte. Ein direkter Hilferuf war ein Befehl mit h\u00f6chster Priorit\u00e4t. Er konnte nicht anders. Er nickte und folgte Marc in die Wohnung.<br>\u201eDie K\u00fcche\u201c, sagte Marc hastig und zeigte auf den Herd. \u201ePass auf das Essen auf. Nichts anbrennen lassen. Ich muss\u2026 ich muss zu ihr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Marc verschwand im Badezimmer. Higgins stand allein in der fremden K\u00fcche, umgeben vom Duft seiner Kindheit, und \u00fcberwachte Pfannkuchen. Er f\u00fchlte sich wie ein Fremdk\u00f6rper in einem intimen Systemabsturz.<\/p>\n\n\n\n<p>Es verging eine Ewigkeit. Oder zwanzig Minuten. F\u00fcr Higgins, der Zeit in Taktzyklen ma\u00df, war es ein halber \u00c4on. Schlie\u00dflich kam Marc heraus. Seine Augen waren rot, die Nase lief. Er sah ersch\u00f6pft aus.<br>Higgins schwieg. Er fragte nicht. Er wusste, dass Menschen ihre Firewalls manchmal herunterfahren mussten, aber er wollte nicht in die Logs schauen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas Essen ist fertig\u201c, sagte Marc tonlos. Er deckte den Tisch.<br>Ein Teller. Zwei Teller. Drei Teller.<br>Higgins rechnete nach. Zwei Anwesende Bewohner plus ein Gast?<br>\u201eWarum drei?\u201c fragte er, in der Hoffnung, eine logische Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Variable zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc l\u00e4chelte schwach. \u201eMeine Gro\u00dfeltern kamen aus Schlesien. Und Polen. Wir halten die Tradition. Ein Gedeck mehr als Personen. F\u00fcr einen unerwarteten Gast. Oder f\u00fcr die Verstorbenen. Oder f\u00fcr Gott. Je nachdem, wie man es sieht.\u201c Er sah Higgins an. \u201eSetz dich. Bitte. Anne braucht noch Zeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Higgins wollte widersprechen. Sein Rechner wartete. Der Bug wartete. Doch er setzte sich. Vielleicht war es der Geruch.<br>Marc servierte die gef\u00fcllten Pfannkuchen. Dann erz\u00e4hlte er.<br>\u201eDie Flaschen\u201c, sagte er und stocherte im Essen. \u201eWir haben sie vor Wochen bestellt. Wir\u2026 wir erwarteten ein Kind. Nach Weihnachten.\u201c Er schluckte. \u201eEs kam tot zur Welt. Vor zwei Tagen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Higgins sp\u00fcrte eine K\u00e4lte, die nichts mit der Au\u00dfentemperatur zu tun hatte. Sein Wortschatz, optimiert f\u00fcr technische Spezifikationen, bot keine passenden Parameter f\u00fcr diesen Ausnahmezustand.<br>\u201eDas Paket\u2026 war der Trigger\u201c, fuhr Marc fort. \u201eAnne ist zusammengebrochen. Sie sitzt im Bad. Sie weint.\u201c<br>\u201eDas tut mir leid\u201c, sagte Higgins. Es klang mechanisch, aber es war das einzige Output, das er generieren konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann \u00f6ffnete sich die T\u00fcr. Anne kam herein. Sie hatte sich geschminkt, trug ein festliches Kleid, obwohl ihre Augen noch gl\u00e4nzten. Es war eine Maske, eine GUI, die St\u00e4rke simulieren sollte. Marc sprang auf, f\u00fchrte sie zum Tisch.<br>\u201eDas ist Higgins\u201c, sagte Marc. \u201eEr hat das Paket gebracht. Und er ist geblieben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anne nickte ihm zu und setzte sich. Sie a\u00df nichts. Die Stille im Raum war schwer wie Blei.<br>\u201eIch\u2026 kenne diese Tradition\u201c, sagte Higgins pl\u00f6tzlich. Seine eigene Stimme \u00fcberraschte ihn. \u201eMeine Eltern\u2026 sie machen das auch. Den leeren Teller.\u201c<br>Anne sah auf. \u201eWirklich?\u201c<br>\u201eJa. Und man teilt die Oblate. W\u00fcnscht sich was.\u201c<br>\u201eWir haben keine Oblaten\u201c, fl\u00fcsterte Anne.<br>\u201eAber wir haben die Geschichte\u201c, sagte Marc. \u201eSollen wir?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie baten ihn zu bleiben. Higgins, der Einsiedler, der die rationale K\u00fchle der Primzahl-Stadt der W\u00e4rme menschlicher Unzul\u00e4nglichkeit vorzog, blieb. Auf ihren Wunsch hin begann er zu erz\u00e4hlen, wie es bei ihm zu Hause war. Rational, beschreibend, aber es reichte. Sie suchten das Lukas-Evangelium auf einem Tablet. Higgins las vor.<br>Als er an die Stelle mit der Geburt kam, stockte er. Er f\u00fcrchtete einen erneuten Absturz bei Anne. Doch sie h\u00f6rte zu. Sie weinte, aber leise. Es waren keine Tr\u00e4nen der Hysterie mehr, sondern die der Resignation und vielleicht eines kleinen Friedens.<br>Sie a\u00df zwei Pfannkuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter am Abend, als Higgins ging, f\u00fchlte er einen inneren Konflikt. Er wollte bleiben, in dieser seltsamen, traurigen W\u00e4rme. Aber der Drang nach Ordnung, nach seinem Rechner, war stark.<br>\u201eFrohe Weihnachten\u201c, sagte er an der T\u00fcr.<br>\u201eDanke\u201c, sagte Marc.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Heimweg durch die geometrischen Stra\u00dfen dachte Higgins nicht an den Grafikkartentreiber. Er dachte an den leeren Teller. An die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Menschen in einer Stadt aus Zahlen genau ihn brauchten, um nicht zu zerbrechen.<br>In seiner Wohnung ignorierte er den Laptop. Er nahm sein Smartphone. W\u00e4hlte eine Nummer, die er seit Jahren nicht gew\u00e4hlt hatte.<br>\u201eMama?\u201c, sagte er, als abgenommen wurde. \u201eJa, ich bin&#8217;s. S\u0142awek. Frohe Weihnachten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ziemlich genau ein Jahr sp\u00e4ter, die Stadt war immer noch grau und mathematisch korrekt, fand Higgins einen Brief in seinem Briefkasten. Analoge Post war eine Rarit\u00e4t.<br>Absender: Marc und Anne.<\/p>\n\n\n\n<p>Er \u00f6ffnete den Umschlag. Eine Karte. Frohe Weihnachten.<br>Innen stand nur ein K\u00fcrzel: Jes 9,5.<br>Darunter eine krakelige, handgezeichnete Grafik. Ein QR-Code, mit schwarzem Fineliner auf das Papier gemalt. Ein analoger Link.<\/p>\n\n\n\n<p>Higgins l\u00e4chelte \u00fcber den Aufwand. Er scannte die Zeichnung mit seinem Handy. Der Code wurde erkannt. Es war ein W\u00e4hl-Befehl f\u00fcr eine Telefonnummer. Marcs Nummer.<br>Er dr\u00fcckte auf Anruf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHiggins!\u201c, rief Marc, als h\u00e4tte er neben dem Telefon gewartet. Im Hintergrund h\u00f6rte Higgins etwas. Ein Schreien. Laut, fordernd, vital.<br>\u201eH\u00f6rst du das?\u201c, lachte Marc. \u201eWir sind Eltern. Ende Mai hat es geklappt. Alles gut gegangen. Ein Junge.\u201c<br>Higgins griff nach dem Bibeltext, den er im Browser ge\u00f6ffnet hatte. Jesaja 9,5. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKommst du heute Abend?\u201c fragte Marc. \u201eDer Teller steht bereit.\u201c<br>Higgins blickte auf seine gepackte Tasche im Flur.<br>\u201eIch kann nicht\u201c, sagte S\u0142awek sanft. \u201eIch fahre zu meinen Eltern. Wir feiern zusammen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Jahr funktionierte das Logistiksystem der Stadt fehlerfrei. Der Bug im Verteilzentrum war behoben worden. Aber S\u0142awek wusste, dass manche Fehler notwendig waren, um das System Mensch am Laufen zu halten. Er schloss die T\u00fcr hinter sich ab und trat hinaus in die K\u00e4lte, bereit f\u00fcr die W\u00e4rme.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\" id=\"Rohfassung\">Rohfassung<\/h2>\n\n\n\n<p>Schreibe eine Weihnachtsgeschichte im Stile von George Orwell, aber nicht ganz so pessimistisch. Da ist ein junger Mann, um die 20 Jahre alt, der mit dem richtigen Namen S\u0142awek (eigentlich: S\u0142awomir) hei\u00dft. Er bevorzugt jedoch das Pseudonym &#8222;Higgins&#8220;, weil er es internationaler ist und in seinen Kreisen der Informatiker besser gesprochen und besser zu merken ist, als ein polnischer Vorname, denn seine Eltern stammen von aus Polen und wollten wieder dorthin zur\u00fcckkehren. Sie wanderten um das Jahr 2000 nach Deutschland ein, weil sie hier bessere M\u00f6glichkeiten hatten, um mit ihrem technischem und betriebswissenschaftlichem Hochschulabschluss Geld zu verdienen und mehr zu erreichen als vor Ort. In der Geschichte werden sp\u00e4ter noch Marc und Anne vorkommen, die in derselben Stadt wohnen, aber einige Stra\u00dfen entfernt sind und ein junges Ehepaar sind, zusammen in einer Wohnung in einem Mehrparteienhaus. An der Eingangst\u00fcr des Hauses gibt&#8217;s ein Haustelefon, \u00fcber das man sich erst ank\u00fcndigen muss, um da reinzukommen. Die Geschichte sollte mit einem Gedanken von S\u0142awek anfangen. Baue im Text mehr Dialoge und \u00dcberlegungen ein, die der Leser dann nachvollziehen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Weihnachtsgeschichte beginnt damit, dass der Junge \u00fcber den Absturz des CUDA-Treibers von seiner NVIDIA-Grafikkarte schimpft. Gleichzeitig klingelt es an der T\u00fcr. Es ist ein Postbote, der ihm ein Paket \u00fcbergibt. S\u0142awek ist hin und her gerissen, ob er zuerst das Paket aufmachen soll oder sich an den Rechner setzen soll und das zu reparieren, was der Absturz verursacht hat. Da es fr\u00fcher Nachmittag von Heiligabend ist, denkt er, dass vielleicht jemand seiner Freunde oder Familie ein Geschenk ihm zuschicken wollte. Kurz blickt er auf den Monitor, um schnell noch Fehler zu analysieren. Da er aber kein Rat wei\u00df und es w\u00fcrde zu lange dauern, eine tiefe Analyse zu machen, klappt er sein Laptop zu. Er hat kein Paket erwartet, weil er nichts bestellt hat. Er schneidet den grauen Karton auf. Dabei f\u00e4llt ihm auf, dass der Absender ein unbekanntes Logistikzentrum ist, doch seine Adresse scheint zu stimmen. Der Inhalt ist v\u00f6llig \u00fcberraschend. Es ist eine Packung mit 6 Babyflaschen. Dieser hat er sicherlich nicht bestellt und es ist auch kein bekannte Absender. Es muss sich also um einen Fehler handeln. Unter der Verpackung der Flaschen liegt eine Rechnung mit einer anschrift einer v\u00f6llig unbekannten Person bei. Er will dem Paketboten noch schnell hinterherlaufen, um das Paket zu reklamieren. Hofft, dass der richtige Empf\u00e4nger dieses Paket noch rechtzeitig bekommt. Jedoch vergeblich. Der Paketbote ist schon weggefahren. Ein Gang zur Post w\u00fcrde die Zustellung nur verz\u00f6gern. Da die Entfernung zur post in etwa die gleiche ist wie zu der Frau, die das Paket bestellt hat, entscheidet er sich f\u00fcr die pers\u00f6nliche \u00dcbergabe.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie leben in einer Stadt, die von einem Informatik entwerfen wurde. Das Stra\u00dfennetz ist in einem ganz bestimmten System angelegt. Die Stra\u00dfen haben keine Namen, da mit jedem Namen immer eine politische Wertung verbunden w\u00e4re. Deshalb haben die Stra\u00dfen nur Nummern. Die Primzahlen sind konzentrisch um das Zentrum angelegt. Zwei, drei, f\u00fcnf, sieben, elf und so weiter sind die Kreise um die Mitte. Die Potenzen dieser Zahlen sind die Stra\u00dfen, die in Richtung Nord, S\u00fcd, Ost und West f\u00fchren. Diese Stra\u00dfen fangen mit einem S, einem N, einem O oder einem W an. Damit ist eine Navigation in dieser Stadt v\u00f6llig \u00fcberfl\u00fcssig, denn wer multiplizieren und dividieren kann, findet sehr schnell heraus von wo nach wo er \u00fcber welche Stra\u00dfen gehen muss. Es ist keine gro\u00dfe Stadt, also muss man auch nicht viel rechnen und wei\u00df sehr schnell, dass man von der S 49 zur 7 muss, dann ein St\u00fcck 7 entlang, bis man die S 4 antrifft, die ja von der 2 abgeht. So gelangt man schnell von der S 49 zur 2. Als begabter Mathematiker und Informatiker hat er damit nat\u00fcrlich gar keine Probleme. Er zieht schnell seine Funktionsjacke \u00fcber, die man sonst eigentlich nur f\u00fcr Polarexpeditionen verwenden w\u00fcrde, um sich auf den Weg zu machen. Die Stra\u00dfenz\u00fcge, die hier an diesem Nachmittag entlang geht, sind alle funktionalistisch, etwas kubistisch angehaucht, aber mit wenig Farbe und Verzierung versehen. Die Funktionalit\u00e4t ist in dieser Stadt etwas der Gebot. Schnell erreicht der sein Ziel. Ein Haus wie es sie dort zuhauf gibt in dieser Stadt. Ein Mehrparteienhaus mit einem pseudo-Vorgarten, der f\u00fcr eine minimale Ber\u00fcnung und ein wenig Schatten f\u00fcr die mit grauem Granit gepflasterten Wege durch niedrige und wie geklont gleichm\u00e4ssige Kugelb\u00e4ume sorgt. &#8222;Schnell abgeben und zur\u00fcck an den Rechner!&#8220; denkt S\u0142awek als er die Klingel passend zum Namen auf der Rechnugn aus dem Paket dr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem kurzen Dialog am Haustelefon unterh\u00e4lt sich S\u0142awek nicht mit der Anne aus der Rechnungsadresse, sondern mit Marc &#8211; ihrem Ehemann &#8211; \u00fcber das Paket und die seltsame Zustellung. Marc dr\u00fcckt die T\u00fcr\u00f6ffnertaste und l\u00e4dt ihn in den zweiten Stock ein. Im zweiten Stock angekommen. Dr\u00fcckt Marc die Klingel an der T\u00fcr. Es \u00f6ffnet Marc. Im Hintergrund sieht er eine Frau, die nicht in bester Verfassung zu sein scheint. Der Duft, der aus der Wohnung rauskommt, ist ein Duft, den S\u0142\u00e6wek schon lange vermisst hat. Es F\u00fchlt sich an wie seine Kindheit und erinnert an seine Oma, die scheinbar das gleiche gekocht haben muss. Er m\u00f6chte nicht unfreundlich sein, aber er fragt Marc recht direkt, was das f\u00fcr eine Gericht sein soll. Es ist ein Pfannkuchen gef\u00fchlt mit einer F\u00fcllung aus Sauerkraut, Pilzen, Zwiebeln , Pflaumen und vielen Gew\u00fcrzen, die man sonst nur selten verwendet. Der bedankt sich bei Marc f\u00fcr die Auskunft, w\u00fcnscht noch halbherzig &#8222;ein frohes Weihnachtsfest&#8220; und geht die Treppe herunter. Die T\u00fcr wird hinter ihm zugemacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Eingangsbereich des Hauses angekommen sieht ein Paket, das scheinbar vorher noch nicht da war. Es ist an Marc und Anne adressiert. Er fragt sich, ob der Postbote genau in der Zeit dort war, als er mit Marc an der T\u00fcr gesprochen hat, oder wie dieses Paket dort hingekommen sein soll. Denn er m\u00fcsste es ja gesehen haben, als er auf dem Weg nach oben den Flur entlang gelaufen ist. Mit schlechtem Gewissen, dass Marc und Anne das Paket nicht bekommen, weil sie ja nicht mitbekommen haben, dass es unten abgelegt worden ist, nimmt er das Paket in die H\u00e4nde und tritt den Weg nach oben an. Er klingelt erneut an der T\u00fcr und erwartet eine kurze \u00dcbergabe. Bereits vor der T\u00fcr wird er schon weinerliches Schreieb und T\u00fcrklappern aus der Wohnung dringen. Er denkt sich: &#8222;hoffentlich komme ich nicht ungelegen. Vielleicht klinge ich lieber, lege es ab und verschwinde.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum hat er geklingelt und sich umgedreht, um wieder wegzugehen, ging die T\u00fcr auf. Marc rief ihm hinterher. &#8222;Ich wei\u00df nicht mehr, wie du hei\u00dft, aber ich brauche deine Hilfe.&#8220; Einem Hilferuf konnte S\u0142awek noch nie widerstehen. Er f\u00fchlte sich sofort gebraucht, und das war das, was ihm am meisten im Leben Spa\u00df gemacht hat &#8211; anderen zu helfen. Er war ein typischer Nerd, der nur Computer kennt und mit Menschen schlecht zurechtkommt. Er versteht die Menschen nicht und er m\u00f6chte mit ihnen m\u00f6glichst wenig zu tun haben, weil das emotionale Leben der anderen einfach viel zu verwirrend f\u00fcr ihn ist. Sogar seine eigene Familie war f\u00fcr ihn eine Last. Deshalb trennte er sich von seinen Eltern und zog in diese moderne Stadt, wo er sich weniger Emotionen und mehr Vernunft gehofft hatte. Er folgte Marc in die Wohnung, wo dieser ihm mit einer kurzen Einweisung das Essen in der K\u00fcche anvertraut hat. Danach verschwand Marc im Bad und kam minutenlang nicht heraus. Einen halben \u00c4on sp\u00e4ter &#8211; gez\u00e4hlt die der Zeit eines kulinarisch minderbemittelten Kochs &#8211; kam Marc traurig heraus. Er scheint geweint zu haben. Die rot angelaufenen Augen und die verschnupfte Nase haben es verraten. S\u0142awek war sehr neugierig, darauf zu erfahren, was passiert ist, aber traute sich nicht, in die Privatsph\u00e4re anderer Menschen so tief einzudr\u00e4ngen. Es war ja schlie\u00dflich nie sein Ding. Das Essen war fertig und der Tisch war f\u00fcr drei Personen gedeckt. Das war f\u00fcr S\u0142awek zu viel. Er konnte rechnen und diese zwei haben niemals drei Gedecker gebraucht. Also fragte er Marc, was das bedeuten soll. Dadurch erhoffte er sich, ein wenig Informationen zur Situation zu bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc gab sich sehr auskunftsfreudig und fing damit an zu erz\u00e4hlen, dass seine Gro\u00dfeltern das Essen in der K\u00fcche immer an Weihnachten gekocht haben. Da beide aus Schlesien und Polen stammten, kannten wohl deshalb beide auch die polnische Tradition. Man stelle immer ein Gedeck mehr auf dem Tisch, als Personen im Haus sind, denn es k\u00f6nnte immer sein, dass ein Gast vorbeikommt. Und dieser soll auch zu Essen bekommen. Gleichzeitig stand der Teller als Symbol f\u00fcr Menschen, die nicht mehr unter uns sind oder f\u00fcr Gott, der kommen soll. Wie man es auch deuten will.<\/p>\n\n\n\n<p>Marc lud S\u0142awek ein, am Tisch Platz zu nehmen und mit ihm zu essen. Denn seine Frau Anne br\u00e4uchte jetzt Ruhe von dem, was sie gerade erlebt hat. Eine halbe Sekunde lang wollte S\u0142awek widersprechen und wieder nach Hause gehen, um seinen Rechner zu reparieren. Doch er blieb. Er wusste selber nicht, Warum. Vielleicht war es das Essen, auf das er sich schon nach Jahren so gefreut hat. Das Essen von seiner Oma. Das Essen und die polnisch-schlesische Abstammung der beiden waren Schnittstellen, die beiden miteinander verbunden haben. Marc vergewisserte sich noch einmal im Bad, dass Anne tats\u00e4chlich nicht rausgehen will und die Ruhe f\u00fcr sich braucht. Danach kam er an den Tisch und servierte die Pfannkuchen auf die Teller der beiden. Er erz\u00e4hlte, dass die Baby-Flaschen, die in dem falsch zugestellten Paket enthalten waren, schon vor einigen Wochen bestellt worden sind. Die beiden erwarteten ein Kind, das kurz nach Weihnachten zur Welt kommen sollte, jedoch kam es auf unerkl\u00e4rliche Weise tot zur Welt. Es war eine schwere Zeit f\u00fcr die beiden und nichts schien die beiden tr\u00f6sten zu k\u00f6nnen. Doch die Anne war damit v\u00f6llig \u00fcberfordert. Egal was Marc versucht hat. Anne war sehr reizbar und verlor sehr schnell ihr psychisches Gleichgewicht. Sie konnte eine Stunde lang im Bad sitzen und weinen. Danach ging es ihr besser. Diese Baby-Flaschen waren wieder ein schlimmer Trigger. S\u0142awek brachte nat\u00fcrlich seinen Bedauern zum Ausdruck, wusste aber auch nie wirklich wie das geht. Mit einem &#8222;Mann, das tut mir aber leid f\u00fcr euch&#8220; war er eigentlich schon am Ende seiner Skala, was Empathie und Wortschatz anbetrifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Anna verlie\u00df das Bad und ging ins Schlafzimmer. Marc ging zu ihr. Wenigen Minuten kam er heraus. Noch einige Minuten sp\u00e4ter kam die Anne heraus. Sch\u00f6n gekleidet und geschminkt, als w\u00fcrde sie zu einem Fest gehen wollen. Es war ihr Versuch, die letzte Stunde wett zu machen und die Bem\u00fchungen Marcs zu w\u00fcrdigen, den sie \u00fcber alles liebte. Marc stellte ihr S\u0142awek vor und sie nahm am Tisch Platz. Sie wollte nichts essen. Am Anfang etwas sprachlos, kam es \u00fcber die Geschichte mit dem Paket zu einem netten Gespr\u00e4ch. Marc und Anne konnten sich nicht vorstellen, dass ein Mensch alleine Weihnachten verbringt. S\u0142awek kannte es von seinen Eltern und kannte genau die Abl\u00e4ufe einer polnischen Weihnacht. Er erz\u00e4hlte von seiner Familie und davon, wie er in die Stadt gezogen ist. Und dass ihm die Religionen und das ganze Gef\u00fchlsleben einfach manchmal zu viel sind. Er wollte einfach nur Ruhe haben. Er wusste auch, dass man die Weihnachtsgeschichte an jedem Abend gelesen hat. Und dass es damit begonnen hat. Bevor das Teilen der oblaten mit den W\u00fcnschen unter allen Anwesenden f\u00fcr n\u00e4chstes Jahr und das Weihnachtsfest folgten. Er wagte es nicht aufzusprechen, denn die Weihnachtsgeschichte enthielt die Geburt eines Kindes, was die Anne wieder triggern konnte. Doch auf mehrfache Nachfrage der beiden hat er damit angefangen davon zu erz\u00e4hlen, wie seine Familie es feierte. Die beiden waren auch nicht besonders gl\u00e4ubig. Deshalb haben sie schnell im Internet die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas Evangelium gefunden und sie gelesen, um alle Details nachvollziehen zu k\u00f6nnen. Die Geschichte von Maria und Josef ber\u00fchrte Anne tief. Sie weinte, jedoch am Tisch und auf eine andere Weise. Es waren Tr\u00e4nen der Sympathie und sie h\u00f6rten schnell auf. Sie fing wieder an zu l\u00e4cheln und ihr Gesicht wirkte irgendwie befreit. Sie nahm auf den Teller die restlichen zwei Pfannkuchen, die sie immer gegessen hatte, seit die beiden ein Paar wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>S\u0142awek hatte einen Widerspruch in sich entdeckt. Am liebsten w\u00fcrde er dort wohnen bleiben. So gut gefiel ihm die Gesellsschaft der beiden. Gleichzeitig wollte er auch seinen Rechner m\u00f6glichst schnell reparieren. Er hat ja nicht gemerkt, wie viele Stunden vergangen sind. Marc und Anne h\u00e4tten ihn am liebsten noch ein paar Stunden bei sich behalten. Als willkommenen Gast am Heiligabend. Doch S\u0142awek versp\u00fcrte den unwiderstehlichen Drang, seinen Rechner wieder &#8222;gesund zu machen&#8220;. Er bedankte sich bei Marc und Anne f\u00fcr Diese sch\u00f6ne Zeit und verlie\u00df sie nach einem kurzen und schmerzlosen &#8222;Frohe Weihnachten&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Den ganzen Nachhauseweg \u00fcberlegte S\u0142awek, warum eigentlich Weihnachten nicht sein Fest ist. Als Kind hat es geliebt, das Essen der Oma, das Spielen mit den Eltern, die Geschenke, die ganze Stimmung und das Zusammensein. Das war eine seiner st\u00e4rksten Erinnerungen an die Zeit mit seiner Familie. Zu Hause angekommen, war ihm der Rechner dann doch nicht mehr so wichtig und lie\u00df ihn einfach liegen. Stattdessen nahm er das Telefon in die Hand, um seine Eltern anzurufen und auch ihnen frohe Weihnachten zu w\u00fcnschen. Er tat es seit Jahren nicht mehr, weil ihm das Fest egal war. Doch dieses Mal war etwas anderes.<\/p>\n\n\n\n<p>In etwa ein Jahr sp\u00e4ter fand S\u0142awek in seinem Briefkasten einen Brief. Das war ungew\u00f6hnlich, denn er bekam die Post nur noch elektronisch. Es waren Marc und Anna als Absender. Er erinnert sich gut an die beiden und den Abend. Gespannt riss er den Briefumschlag auf und fand eine Klappkarte mit &#8222;Frohe Weihnachten&#8220; drauf. Auf der Innenseite stand das K\u00fcrzel &#8222;Jes 9,5&#8220;, darunter die Unterschrift von den beiden und ein liebevoll von Hand gezeichnetes QR-Code. Er nahm sein Smartphone in die Hand und tippte schnell das K\u00fcrzel ein. Der Text zum Display zauberte ihm ein L\u00e4cheln aufs Gesicht. Da stand: &#8222;Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns geschenkt. Die Herrschaft liegt auf seiner Schulter; man nennt ihn: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, F\u00fcrst des Friedens.&#8220; Er wusste, was es bedeuten sollte. Er scannte den QR ab. Es war eine Telefonnummer. Er rief sie an. Es war Marc&#8217;s Telefonnummer. Voller Freude erz\u00e4hlte Marc ihm, wie die Situation nach dem Weihnachtsabend sich allm\u00e4hlich besserte. Und wie sie Ende Mai erfahren haben, dass sie doch Eltern werden. Dieses Mal ging alles glatt. Die Freude war \u00fcbergro\u00df. Marc ludt S\u0142awek zum Heiligabend bei ihnen ein. S\u0142awek dankte ab und verwies auf die Familie, mit der er wieder Weihnachten feiern wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Jahr war tats\u00e4chlich sehr viel anders. Der Softwarebug im Logistikzentrum der Rechnungen und Paketetiketten vertauschte, wurde gefunden und beseitigt. S\u0142awek entdeckte das Familienfest &#8211; wie er es nannte &#8211; f\u00fcr sich. 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