{"id":1511,"date":"2024-01-13T18:47:16","date_gmt":"2024-01-13T17:47:16","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=1511"},"modified":"2024-02-03T15:15:00","modified_gmt":"2024-02-03T14:15:00","slug":"etiketten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/1511\/etiketten","title":{"rendered":"Etiketten"},"content":{"rendered":"\n<p>Es ist ein st\u00e4ndiges \u00c4rgernis, wenn Menschen \u00fcber Etiketten definiert werden. Etiketten, die von anderen angeh\u00e4ngt werden oder sich selbst wie eine Medaille verliehen werden. Beginnend bei &#8222;Experten&#8220; bin hin zu &#8222;Nazis&#8220;: ein Mensch mit seiner Lebensgeschichte, seinem Wissen und seinen F\u00e4higkeiten reduziert auf ein Wort. Ein Universum aus Erfahrungen, komplexen psychischen Vorg\u00e4ngen und ungeahnten und richtigen sowie falschen Entscheidungen kann nicht auf ein Etikett reduziert werden. Das wird der W\u00fcrde eines Menschen\u00a0 nicht gerecht.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>In einer schnelllebigen Welt, die keinen Wert auf Genauigkeit und exakte Ursachen legt, ist ein Etikett, eine Schublade oder eine Pauschalisierung unbedingt notwendig, um die Erdscheibe flach und leicht handhabbar zu halten. Es kostet viel M\u00fche, alle Details zu erfassen und allen Hinweisen nachzugehen. Seien wir doch ehrlich! Wir haben nicht die Zeit daf\u00fcr. Wir m\u00fcssen uns in Sekundenbruchteilen\u00a0 positionieren und das geht nur mit Hilfe dieser Mittel. Oder doch nicht?<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der <a href=\"https:\/\/der-prozessmanager.de\/aktuell\/wissensdatenbank\/pareto-prinzip\"><strong>Pareto-Regel<\/strong><\/a> erreicht man <strong>80% des Ziels mit 20% Aufwand<\/strong>. Die \u00fcbrigen 20% kosten das Vierfache an M\u00fche. F\u00fcr sie schnelle Schlagzeile eines Journalisten reichen die 80%, aus weil man dem Ziel viel n\u00e4her gekommen ist. Als gro\u00dfer Durchbruch wird jedes Experiment betitelt, das gerade so nachweislich wiederholbar zum Erfolg f\u00fchrte. Wie viele Energiequellen f\u00fcr wenige Pfennige habe ich in den Zeitschriften schon gesehen! Aber keine davon in der Realit\u00e4t. Der angebliche Erfolg ist blo\u00df der Anfang von dem, was es h\u00e4tte werden k\u00f6nnen &#8211; aber nicht geworden ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Widerspruch ist so offensichtlich, dass man sich fast sch\u00e4mt, auf diese fast-L\u00fcge hereingefallen zu sein. Und doch ist der Mechanismus unausweichlich &#8211; ein fester Bestandteil und unserem Leben. Im Namen einer h\u00f6heren Effizienz fallen wir gerne schnell Urteile anhand von <strong>Etiketten<\/strong>. <\/p>\n\n\n\n<p>Wer die <a href=\"https:\/\/twitter.com\/OERRBlog\">Diskussion \u00fcber die &#8222;Experten&#8220; in den <\/a><strong><a href=\"https:\/\/twitter.com\/OERRBlog\">\u00f6ffentlich-rechtlichen<\/a> Medien<\/strong> verfolgt hat, sah auch dort den plumpen Nominalismus am Werk. Man braucht einen &#8222;Fachmann&#8220;, der eine bestimmt These vertreten soll und erkl\u00e4rt den Bedarf zu Ma\u00dfstab auf der Suche nach passendem Gespr\u00e4chspartner, den man schlicht &#8222;Experte&#8220; nennt. Solche &#8211; auch selbsternannte &#8211; &#8222;Experten&#8220; (meist im Bereich der \u00f6ffentlichen Debatte, in der es viel zu oft um satte finanzielle Unterst\u00fctzung aus Steuergeldern geht) gef\u00e4hrden die Suche nach der Wahrheit oder sind mindestens dabei ein Hindernis.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Art von Etiketten finden wir <strong>im religi\u00f6sen Bereich<\/strong>. Wir sind es gewohnt, von &#8222;orthodoxen&#8220; (Juden, Christen und sogar Muslimen) zu sprechen. Gemeint sind damit diejenigen, die ernsthaft versuchen, alle bisher \u00fcberlieferten &#8222;Vorschriften&#8220; (eigentlich &#8222;Erkenntnisse zum richtigen Weg&#8220;) zu leben und dabei wie Menschen &#8222;aus einem fr\u00fcheren Zeitalter&#8220; wirken. Viele Etiketten sind hingegen noch simpler. Sie sind so allt\u00e4glich, dass man sie als solche nicht wieder erkennt. Nehmen wir das Wort &#8222;Protestant&#8220;: Es verbindet die prinzipielle Ablehnung der katholischen Glaubenslehre und die Berufung auf die drei &#8222;Solas&#8220; (Schrift, Gott, Gnade). Hier enden die Gemeinsamkeiten unter den Protestanten. W\u00e4hrend die einen die katholischen Konzilsdokumente als Inspiration betrachten, f\u00fchlen sich die anderen zum Puritanismus hingezogen und meiden jegliche Art der Heiligung der materiellen Welt. An sich sind diese zwei Ansichten v\u00f6llig unvereinbar und doch m\u00f6chten sie beide als &#8222;Protestantismus&#8220; gelten. Ein kluger evangelischer Pfarrer hat mir den guten Rat gegeben, immer &#8222;<em>anzuschauen, wen man da vor sich sitzen hat<\/em>&#8222;. Denn auch er muss bei jedem einzelnen das Definiendum\u00a0 neu bestimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der r\u00f6misch-katholischen Kirche mag das einfacher erscheinen. Es gibt eine hierarchische F\u00fchrung mit einem Hirten und einer Lehre. &#8222;In der freien Wildbahn&#8220;\u00a0 trifft man \u00fcberraschend viel Facetten des Adverbs &#8222;katholisch&#8220;. Von den Anh\u00e4ngern der reinen Lehre und der &#8222;einzig wahren&#8220; Liturgie bis hin zum blo\u00dfen Gef\u00fchl der Herdenzugeh\u00f6rigkeit ist alles dabei. Eine so diverse (eigentlich diffuse) Katholizit\u00e4t bereitet so einige Schwierigkeiten sowohl in den &#8222;langfristigen Entwicklungszielen&#8220; als auch in der N\u00e4chster-Schritt-Vorgehensweise. Das &#8222;<em>Fahren aus Sicht<\/em>&#8220; &#8211; wie man es gerne im Bistum Trier nennt &#8211; ist eine kurzfristige Gewinnung von Akzeptanz in der breiten Masse, ohne eine genaue Vorstellung zu haben, was dies f\u00fcr die Zukunft der Ortskirche bedeuten soll. Man bedient alle, die sich noch mit dem Etikett schm\u00fccken wollen auf genau dem Niveau, auf dem sie bleiben wollen. Dass dies keine Weiterentwicklung ist, sondern sich nach einer R\u00fcckabwicklung anh\u00f6rt, ist kein Zufall. Wie die letzten drei Erkl\u00e4rungen der Glaubenskongregation zu verstehen geben, sind auch die &#8222;suboptimalen Katholiken&#8220; echte Katholiken und verdienen als Best\u00e4rkung auf ihrem Weg dem Fall entsprechend eine Sakramentenspendung oder eine Segnung. Sich tief beugen und an die R\u00e4nder zu gehen, steht in keinem Widerspruch zu dem Ziel, das uns allen bestimmt ist: der Heiligkeit als Gemeinschaft mit Gott. Die <strong>Versuchung f\u00fcr die Kirchenangestellten besteht im Dienstleistungsangebot, welches die dem &#8222;Kunden&#8220; zusagen muss. <\/strong>(Zugegebenerma\u00dfen ist diese Fehlentwicklung nicht nur hier ein Problem, sonder auch beim Arztbesuch ein recht h\u00e4ufiges Problem, genauer gesagt: in der Patient-Therapeut-Kommunikation.) Wenn man auf die W\u00fcnsche der Etiketten-Katholiken (und gehen wir erst einmal davon aus, dass wir alle solche darstellen) eingeht, best\u00e4tigt man die erdscheibenf\u00f6rmige Weltsicht. Deshalb darf dies nicht der letzte Schritt sein, denn es gilt, viel mehr zu entdecken. Es gibt Tausende Wege zur Heiligkeit, die entdeckt und gelebt werden m\u00f6chten. Irgendwie gelingt es aber den Kirchenbeamten nicht, daraus eine Pilgergruppe zu bilden, um das Etikett schrittweise gegen Inhalt auszutauschen. Eine Taufe ist in \u00fcber 99% der F\u00e4lle der Anfang und das vorl\u00e4ufige Ende des Lebens mit Gott. Und das muss nicht einmal den Eltern geschuldet sein!<strong> Hinter dem Sakrament steht schlichtweg nichts: keine Gemeinschaft junger Eltern, keine Familiengottesdienste keine Einladung zu Vortr\u00e4gen \u00fcber Wachstum und psychische Entwicklung von &#8222;Kleinkatholiken&#8220;.<\/strong> Wo soll denn da bitte die Anbindung an das pilgernde Gottesvolk sein? Nicht immer bewusst und willentlich wird das mitgebrachte Etikett &#8222;Katholisch&#8220; abgesegnet und als Beispiel f\u00fcr einen hinreichenden Katholizismus best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts von Millionen selbsternannter &#8222;Experten&#8220; sollten wir wachsam &#8211; vielleicht sogar ein wenig skeptisch &#8211; sein. Hier ist die katholische Kirche nicht ausgenommen. Ein evangelischer Pfarrer bestimmt im ersten Schritt den Inhalt des Etiketts. Die bisch\u00f6flichen Mitarbeiter t\u00e4ten gut daran, auch immer damit zu beginnen und es anzureichern bis die Aufschrift und der Inhalt einander gleichen. Letztes wird nicht ohne zus\u00e4tzliche Anstrengung f\u00fcr die Aufrechterhaltung von &#8222;Heimatorten&#8220; christlichen Lebens gehen. Aber das ist eine prinzipielle Frage, die sich der Bischof und seine Mitarbeiter stellen m\u00fcssen: Stets neue Strohfeuer-Projekte beginnen, \u00dc-60-Pflege uneingeschr\u00e4nkt weiter betreiben oder doch kontinuierliches Arbeiten an den Fundamenten der Kirche der Zukunft akzeptieren?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich glaube nicht, dass wir die Zeit zur\u00fcck gedreht bekommen, um zeitintensiv die Wahrheit zu bestimmen. Die Etiketten und menschenunw\u00fcrdige Schubladen werden bleiben. Viele Menschen, darunter Professoren und Staatsm\u00e4nner haben kein Interesse an der vollen Wahrheit. Das wird sich nicht \u00e4ndern. Aber wir k\u00f6nnen an dem Inhalt des Etiketts arbeiten und so die Erdscheibe ein wenig wie eine sehr unebene Kugel aussehen lassen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein st\u00e4ndiges \u00c4rgernis, wenn Menschen \u00fcber Etiketten definiert werden. Etiketten, die von anderen angeh\u00e4ngt werden oder sich selbst wie eine Medaille verliehen werden. 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