{"id":1290,"date":"2021-01-02T17:57:07","date_gmt":"2021-01-02T16:57:07","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=1290"},"modified":"2026-01-16T21:27:38","modified_gmt":"2026-01-16T20:27:38","slug":"chce-sie-zyc","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/1290\/chce-sie-zyc","title":{"rendered":"Chce si\u0119 \u017cy\u0107!"},"content":{"rendered":"\n<p>Diesen Ausruf der Lebensfreude kann man als <a data-bcup-haslogintext=\"no\" href=\"https:\/\/www.filmweb.pl\/film\/Chce+si%C4%99+%C5%BCy%C4%87-2013-648982\">&#8222;Ich liebe das Leben&#8220; oder &#8222;Das Leben ist sch\u00f6n&#8220;<\/a> \u00fcbersetzen doch er passt zu dem gleichnamigen Film von Maciej Pieprzyca, den man nur in Polen kennt und mit Preisen ehrt. Es handelt sich wieder einmal um die Kategorie &#8222;Kocham kino&#8220;, in die nur ganz besondere Filme schaffen. Zu keiner anderen passt dieser Streifen besser hin. (<a href=\"https:\/\/vod.tvp.pl\/video\/chce-sie-zyc,chce-sie-zyc,29965245\">auf polnisch frei verf\u00fcgbar bei TVP<\/a>)<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Stellen Sie sich vor, Sie sehen die Welt aus der Sicht eines Kindes &#8211; eines schwer behinderten Kindes. Eines Kindes, das weder ein Wort aussprechen, noch bewusst und koordiniert zwei Muskel bewegen kann. Von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter werden seine sch\u00f6nen und die ganz schlimmen Erlebnisse von einem Narrator erz\u00e4hlt. Jemand liest Ihnen einfach vor, was er denken w\u00fcrde &#8211; wenn er denken w\u00fcrde&#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann mich an meine Jugend erinnern, als meine Bekannten bei der <a data-bcup-haslogintext=\"no\" href=\"https:\/\/www.arche-deutschland.de\/mitleben\/als-assistentin\/das-leben-als-assistent\/\">Arche<\/a> von Jean Vanier mitgearbeitet haben. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Behinderte die Welt so bewusst erleben w\u00fcrden&#8230; Bis ich selbst in einem Internat einer Sonderschule mitgearbeitet habe. Die Schilderung des inneren Ich als ausformulierte Gedanken h\u00e4tte ich bis dahin &#8211; wie wohl die meisten Zuschauer des Films &#8211; f\u00fcr eine nette Idee f\u00fcr ein Buch gehalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Genau das ist der Aha-Effekt dieser Geschichte: Ein BAAAHM weit nach der ersten H\u00e4lfte des Films als man sich pl\u00f6tzlich ertappt f\u00fchlt, das Ganze f\u00fcr eine besch\u00f6nigte Fiktion gehalten zu haben. &#8222;Das Leben ist sch\u00f6n&#8220; ist kein frommer Spruch des Lektors, der ein Skript mit m\u00f6chtegern-Realit\u00e4t durchaus \u00fcberzeugend vorliest. Es ist die Realit\u00e4t eines Menschen, der trotz Leid und Verlust seine Freude am Leben hat. Er gibt nicht auf und gesegnet mit dem Lebensmut und dem Witz seines Vaters nimmt auch die erniedrigende Widerspenstigkeit des Lebens unter &#8222;besser wissenden&#8220; Betreuern zum Anlass, einen &#8222;flotten Spruch&#8220; abzusetzen. Mit der &#8222;Aufnahme in die Boxer-Mannschaft&#8220; (gemeint ist das Aufsetzen des weichen Kopfschutzes wegen seines selbst verursachten Sturzes) besch\u00e4mt er Viele von uns. Ein K\u00e4mpfer in eigener Sache, der wegen keinen Repressalien den Kopf in den Sand steckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Kampf um eigene Rechte &#8211; das Recht auf Kommunikation mit anderen Menschen &#8211; bringen ihn dazu, sich unter hohem Risiko als Versuchsobjekt f\u00fcr eine neue Art der Symbolkommunikation durchzusetzen. Sein erster Satz, den seine Mutter und Schwester zu h\u00f6ren bekommen lautet: &#8222;Ich keine Pflanze&#8220; Mehr Tr\u00e4nen der Freude (der Mutter) und der Scham (der Schwester) kann es nicht geben als in diesem Moment. Diese zwei Gef\u00fchle sind f\u00fcr die Situation bezeichnend und sollten wohl auch im Zuschauer aufkommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu sch\u00f6n, um wahr zu sein. Der Gedanke liegt nahe. Vielleicht ist das nur eine Fiktion, die die Lebenssch\u00fctzer gerne h\u00e4tten&#8230; Die Zweifel kommen auf, denn den Protagonist am Rechner im Internet recherchierend \u00fcbersteigt wohl Vorstellungsverm\u00f6gen von uns allen. Und doch ist es wahr. Als &#8222;Beweis&#8220; sieht man den Darsteller und den Portretierten nebeneinander sitzend. Ganz echt.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich jedoch hier einen Schlussstrich ziehe, m\u00f6chte ich auf zwei Szenen hinweisen, die zeigen, welchen Einfluss auf sein Leben andere Menschen haben oder genauer gesagt deren Gleichg\u00fcltigkeit bzw. Wohlwollen. (Ob die Szenen echt oder fiktiv sind, spielt hier keine Rolle.)<\/p>\n\n\n\n<p>Der Polizist vom Haus nebenan ist ein guter Bekannter des t\u00f6dlich verungl\u00fcckten Vaters. Aus Mitgef\u00fchl erw\u00e4chst in ihm ein Schutzinstinkt f\u00fcr Mateusz, der als Augenzeuge der h\u00e4uslichen Gewalt gegen seine Spielplatzfreundin und deren Mutter einen Streit mit dem gewaltt\u00e4tigen Nachbarn anf\u00e4ngt, indem er ihn mit den F\u00fcssen mit dem Dreck bewirft. Die sich aufschaukelnde Reaktion f\u00fchrt zum Eingreifen des Polizisten und von dort aus auf direktem Wege ins Gef\u00e4ngnis. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Gegenst\u00fcck zum Polizisten ist die \u00c4rztin, die im Beisein des Jungen im Gespr\u00e4ch mit der Mutter erkl\u00e4rt, die Reaktionen w\u00e4ren keine bewussten Akte des Willens, sondern eine behaviorale Konditionierung wie bei ihrem Hund. Diese biologistische Art des Denkens der Mediziner (mit ihrem nach wie vor beschr\u00e4nktem Wissen) l\u00e4sst den Schluss zu, dass sie nicht als G\u00f6tter \u00fcber Leben und Tod taugen. Ihr &#8222;Qualit\u00e4tsurteil&#8220; \u00fcber &#8222;lebenswertes Leben&#8220; darf faktisch ignoriert werden. In den Niederlanden erleben aber genau das Umgekehrte: Euthanasie f\u00fcr Kinder ist der neueste Modeschrei und es finden sich genug \u00c4rzte, die ein solches Todesurteil zu unterschreiben bereit sind. So viel zum Thema Rechtstaat und \u00e4rztlicher Ethos (Hypokrateseid, christliche Werte, etc.)<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Film sollte zur &#8222;Pflichtlekt\u00fcre&#8220; f\u00fcr all&#8216; diejenigen werden, die \u00fcber Abtreibung und Euthanasie diskutieren wollen. F\u00fcr alle anderen, die ihren Lebensmut und -freude verloren haben, ist er eine gro\u00dfartige Ermutigung. (Wegen einiger Szenen ist er nach meinem Gef\u00fchl nicht f\u00fcr Kinder geeignet.) Mit englischen Untertiteln gibt es auch eine <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.amazon.de\/Chce-sie-zyc-Dawid-Ogrodnik\/dp\/B00IWFWVD4\" target=\"_blank\">DVD<\/a> bei Amazon.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diesen Ausruf der Lebensfreude kann man als &#8222;Ich liebe das Leben&#8220; oder &#8222;Das Leben ist sch\u00f6n&#8220; \u00fcbersetzen doch er passt zu dem gleichnamigen Film von Maciej Pieprzyca, den man nur in Polen kennt und mit Preisen ehrt. Es handelt sich wieder einmal um die Kategorie &#8222;Kocham kino&#8220;, in die nur ganz besondere Filme schaffen. 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