{"id":1282,"date":"2020-12-22T20:49:02","date_gmt":"2020-12-22T19:49:02","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=1282"},"modified":"2020-12-30T22:07:38","modified_gmt":"2020-12-30T21:07:38","slug":"lehren-aus-zeiten-der-pandemie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/1282\/lehren-aus-zeiten-der-pandemie","title":{"rendered":"Lehren aus Zeiten der Pandemie"},"content":{"rendered":"\n<p>Hat der emeritierte <a data-bcup-haslogintext=\"no\" href=\"https:\/\/www.matthes-seitz-berlin.de\/buch\/die-avantgarde-der-angst.html\">Professor f\u00fcr Medienwissenschaften in seinem Buch <\/a>Recht, dass die Vernunft in unserer Gesellschaft gegen Gef\u00fchlsduselei mit einem vehementen Stampfen und Kreischen ersetzt werden soll? Ich wei\u00df es nicht. In einer Zeit, in der Philosophen in einen Tiefschlaf gefallen sind und Ethik-R\u00e4te einen stringenten Denkansatz vermissen lassen, ist ein Buch wie dieses sicher eine spannende Weihnachtslekt\u00fcre. Aber auch ohne diese merkt man in der Gesellschaft einen Mangel an Sachlichkeit, die einen skeptisch werden l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Glaubensmangel<\/h2>\n\n\n\n<p>In meinem B\u00fcro h\u00e4ngt ein Plakat mit dem Bild des Schuhabdrucks auf der Mondoberfl\u00e4che. Darunter das Wort &#8222;belief&#8220; in Gro\u00dfbuchstaben. Was mag der Autor (oder auch derjenige, der es aufgeh\u00e4ngt hat) mir damit sagen? Ich soll an die Landung auf dem Mond glauben? Warum denn eigentlich nicht. Ich glaube ja auch, dass es Kaiser Barbarossa oder irgend eine Art von Urknall im Universum gab. Sicher wei\u00df ich das nicht. Ich habe weder mit dem Rotbart eine Nacht durchgezecht, noch habe ich das unglaubliche Licht des Anfangs gesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anscheinend gibt es eine nicht sehr kleine Anzahl an Menschen, die nicht davon zu \u00fcberzeugen ist, dass es einen Keim gibt, der f\u00fcr einige menschliche Wesen extrem gef\u00e4hrlich und f\u00fcr andere kaum bemerkbar ist. Es sind <strong>keine dummen Menschen<\/strong>. Sie haben teilweise eine Hochschulstudium hinter sich. Dennoch sehen sie in ihrem Denken keinen Widerspruch zur Realit\u00e4t, sondern glauben sich sogar best\u00e4tigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie es scheint, ist <strong>die Annahme, dass es etwas geben kann oder nicht gibt<\/strong>, die absolute Grundlage f\u00fcr die Annahme der Wahrheit. Das ist bei Keimen so, bei Gott, bei der Mondlandung und bei der Rechtstaatlichkeit. Was man glaubt, bekommt man auch best\u00e4tigt. Was man <strong>nicht wahr haben will<\/strong>, wird man egal mit welchen Beweisen nicht wahr machen k\u00f6nnen. Oder wie mein Promotor immer gerne aus Nietzsche zitierte: <em>&#8222;Den Reinen ist alles rein, den Schweinen ist alles Schwein.&#8220;<\/em><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Information ist Vertrauenssache<\/h2>\n\n\n\n<p>Nicht nur im Geheimdienst gilt: Informationen k\u00f6nnen zu falschen Entscheidungen f\u00fchren. Die Qualit\u00e4t des Rohstoffs wird im Endergebnis des Produktes erkennbar. Deshalb ist das Vertrauen in die Informationsquellen das <strong>A und O der Informationsvermittlung<\/strong>. F\u00e4llt man mehrmals als unzuverl\u00e4ssig oder parteiisch auf, st\u00f6\u00dft man bald auf taube Ohren. Das gilt f\u00fcr Freunde genauso wie f\u00fcr den \u00fcberl\u00e4hten \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich gebe zu, dieser Grundsatz gilt nicht immer und nicht unbedingt. &#8220; <em>&#8218;Was die Nachbarin erz\u00e4hlt hat&#8216;<\/em> ist der Stoff, aus dem die Dorfm\u00e4rchen sind.&#8220; Hier ist nicht das Vertrauen so wichtig, sondern das <strong>Wahr-haben-wollen<\/strong>.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die gef\u00fchlte Wahrheit<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich habe im Leben das Pech, dass ich oft hinter ganz besonderen Autofahrern her fahren muss. Deren Motto scheint: &#8222;Au\u00dfer Ort 60 &#8211; innerorts 60.&#8220; Wenn man die Damen \u00fcber 60 fragen w\u00fcrde, warum sie so fahren kann ich mir nur zwei Antworten vorstellen: A = Ich kann nur 60kmh fahren oder B = Im Ort war die Stra\u00dfe neben dem Kindergarten so breit und auf der Bundesstra\u00dfe war ich vom Gegenverkehr geblendet. Die Antwort B h\u00e4ngt mit dem ganz privaten Sicherheitsgef\u00fchl zusammen und kommt \u00f6fter vor. &#8222;Ich sch\u00e4tze f\u00fcr mich selbst ein, wie schnell ich hier fahren kann.&#8220; Ein tr\u00fcgerisches Gef\u00fchl.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Wissen beobachte ich eine zunehmend breite <strong>Ablehnung der Wahrheitskriterien<\/strong> zu Gunsten der eigenen Empfindung. Man wei\u00df nicht, ob etwas wahr oder falsch ist, sondern man sch\u00e4tzt. Das geht mit der Statistik (die statistische Wahrheit) oder mit dem Gesetz der Gro\u00dfen Zahl (die Wahrheit der crowd) oder mit den eigenen Ahnungen und Intuitionen. Apriorische Erkenntnisse werden durch a posteriori wie Umfragen und Studien f\u00fcr falsch erkl\u00e4rt, wenn es einem in den Kram passt. Oder auch umgekehrt: Prinzipien werden ohne R\u00fccksicht auf die Realit\u00e4t durchgesetzt, wenn man glaubt, dieses eine Prinzip w\u00e4re wichtiger als hundert andere, die ihm widersprechen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Pandemie ist auch eine gef\u00fchlte Wahrheit.<\/strong> Solange man niemanden pers\u00f6nlich kennen gelernt hat, der einen schweren Verlauf der Erkrankung hatte, erscheint es einem so unwahrscheinlich, dass es fast unm\u00f6glich erscheint. M\u00f6gen die absoluten Zahlen hoch erscheinen, sind sie relativ kaum noch zu sehen. Jeder kennt einen Menschen, der Krebs hatte oder sogar daran gestorben ist. Oft sogar mehrere. <\/p>\n\n\n\n<p>Das hat man vor einigen Wochen wohl auch im Bundesgesundheitsministerium festgestellt und neue &#8222;Werbespots&#8220; mit Betroffenen gedreht. Es sei dahin gestellt, ob es wirklich Betroffene sind oder nur Schauspieler. Die gef\u00fchlte Wahrheit muss bedient werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vertrauen als Persilschein, Angst als Hexenhammer<\/h2>\n\n\n\n<p>Zur gef\u00fchlten Wahrheit geh\u00f6rt, dass <strong>Vertrauen gegen\u00fcber Familie und Freunden<\/strong> wie ein Persilschein wirkt. Das Grundmisstrauen sparen wir uns f\u00fcr die Fremden auf. Sie sind die Keimschleudern.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist f\u00fcr mich erschreckend, wie &#8222;das d\u00fcstere Mittelalter&#8220; (das historisch der fr\u00fchen Neuzeit zuzuschreiben ist) \u00fcber unsere Gesellschaft seinen Schleier legt. Nicht die Vernunft der Aufkl\u00e4rung oder das logische Denken des Aristoteles steuert unsere Mitmenschen sondern die Angst &#8211; die &#8218;german Angst&#8216;.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Notfallseelsorger (oder fachm\u00e4nnisch: PSNV-Fachkraft) wei\u00df ich um die Macht und Bedeutung der Gef\u00fchle im Leben des Menschen. Ich wei\u00df aber auch, dass es f\u00fcr die Betroffenen nicht besser wird, wenn man ihre Gef\u00fchle spiegelt. Gerade in Kriesensituationen sind die <strong>Vernunft<\/strong> und eine <strong>gesunde Objektivit\u00e4t<\/strong> durch Feedback von au\u00dfen gefragt. Falsche Betroffenheit und hundertprozentiger Mitleid machen <strong>handlungsunf\u00e4hig<\/strong>. Begeben wir uns einmal auf das Niveau der Betroffenheitsethik, sind wir von Hexenverfolgung, wie sie Norddeutschland und Skandinavien vor einigen Hundert Jahren erlebt haben, nicht mehr weit. Wer ohne Maske in der \u00d6ffentlichkeit erscheint, wird wie ein Killer angeschaut, beschimpft oder angegriffen. Scheinbar hat keiner die mitgelieferte Bedienungsanleitung der &#8222;Nase-Mund-Bedekung&#8220; (die auch andere Form annehmen kann) gelesen: &#8222;<em>sch\u00fctzt nicht vor Ansteckung<\/em>&#8220; und &#8222;<em>kann die Ausbreitung der Keime nicht verhindern<\/em>&#8220; &#8211; steht jedenfalls in meiner drin.<\/p>\n\n\n\n<p>Getopt wird dieses Schwarzwei\u00dfdenken noch von Ideen wie Impfpass als Passierschein oder App-Zwang. Der <strong>Machbarkeitsglaube<\/strong> gepaart von <strong>Unkenntnis der Statistik<\/strong> treibt zuweilen seltsame Bl\u00fcten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Unethik<\/h2>\n\n\n\n<p>So sind wir bei den Untiefen der modernen Ethik angelangt. Der Ethikrat der Bundesregierung legte sich fest: <strong>Jedes Menschenleben ist gleich viel wert.<\/strong> Ein sch\u00f6nes Prinzip. Lasst es uns konsequent auf die ungeborenen Menschen anwenden!<\/p>\n\n\n\n<p>Der junge Vater von zwei kleinen Kindern wird nach einem Achzigj\u00e4hrigen in ein Krankenhaus eingeliefert. Nach zwei Tagen k\u00fcnstlicher Beatmung des Greises wird seine Prognose (Sauerstoffs\u00e4ttigung) immer schlechter. W\u00e4hrenddessen k\u00e4mpft der junge Mann ohne einen Respirator um sein \u00dcberleben. Das Leben beider ist gleich viel wert. Dieses Dilemma ist von au\u00dfen unl\u00f6sbar und die Empathie des Krankenhauspersonals lastet sicher schwer auf dessen Psyche.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt nur eine L\u00f6sung f\u00fcr dieses ethische Problem und es kann nur von Innen geschehen. Vorbild ist Maximilian Maria Kolbe &#8211; ein kinderloser M\u00f6nch, der einem Familienvater buchst\u00e4blich &#8222;sein Leben&#8220; schenkt. Niemand kommt auf die Idee, die noch vor Hundert Jahren nicht un\u00fcblich war: die Alten opfern sich aus freien St\u00fccken f\u00fcr die Enkel auf &#8211; nicht weil sie es m\u00fcssen, sondern weil sie es pers\u00f6nlich f\u00fcr sich aus dem Glauben als Lebensaufgabe erkannt haben. Das war sicher auch ein harter Schlag f\u00fcr die Kinder und Enkel, das eigene \u00dcberleben &#8222;dem Opa&#8220; zu verdanken. Vielleicht auch f\u00fchr Jahrzehnte belastend&#8230; Ich bin voller Respekt vor dem Mut dieser Menschen und hoffe nat\u00fcrlich, niemals ihre Rolle \u00fcbernehmen zu m\u00fcssen. Aber wenn es dazu k\u00e4me, wird mich hoffentlich jemand daran erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;<strong>K\u00fcnstliche Beatmung nur gegen Impfpass<\/strong>&#8220; eines saarl\u00e4ndischen Humangenetikers ist ein Gegenpol zur Ethik-Kommission. Ein &#8222;<em>Wer sich selbst nicht sch\u00fctzt, hat keinen Anspruch auf Schutz durch die Anderen<\/em>&#8220; w\u00e4re vielleicht noch vermittelbar. Wer sich sch\u00fctzt aber wegen Restrisiken nicht impfen l\u00e4sst, w\u00fcrde dann schlimmer enden als jemand, der sich hat impfen lassen und aus blindem Vertrauen in die Medizin andere Schutzma\u00dfnahmen unterl\u00e4sst. F\u00fcr mich grenzt der Vorschlag von Prof. Henn an Populismus. Das h\u00e4tte ich von ihm wirklich nicht erwartet. Ich verbuche es als emotionales aber wenig rationales plakatives Appell, das Medien lieber kolporieren als trockene aber sachliche Informationen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Summa summarum<\/h2>\n\n\n\n<p>In dieser Krisenzeit gab es nat\u00fcrlich auch viele guten Dinge. Der saarl\u00e4ndische Rundfunk verstand endlich, dass sie nicht f\u00fcr die &#8222;Geschichten aus Ernas Vorgarten&#8220; da sind, sondern einen Auftrag der Zahler haben. Sie wollen f\u00fcr uns recherchieren. Auch ich habe eine Frage zur ethischen Sauberkeit von Impfstoffen eingereicht und warte gespannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Funktionsf\u00e4higkeit des Katastrophenschutzes konnte man mit einigen Abstrichen ebenso beweisen. Die \u00f6ffentliche Verwaltung ist nicht zusammen gebrochen. Die Gesundheits\u00e4mter haben hoffentlich verstanden, dass die bequemen Jobs aus Sto\u00dfzeiten haben und dass ihre heimliche Macht (die man unn\u00f6tig mit Hindenburg in Verbindung brachte) nicht unendlich ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Es tut mir jedoch um das viele Gute Leid: Die Religionsfreiheit, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Insgesamt die Entfremdung zwischen Gl\u00e4ubigen und ihrem Kult&#8230; Die n\u00fcchterne Vernunft, die einer emotionalen &#8222;Wahrheits&#8220;-findung weichen musste&#8230; Das schwindende Vertrauen in eine Regierung, die Dringendes mit einem Verzug von einer halben Woche beschlie\u00dft. Das Wissen, dass jeder von uns nur ein &#8222;armer S\u00fcnder&#8220; ist und potenziell v\u00f6llig unbeabsichtigt immer auch eine Gefahr f\u00fcr die Anderen ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum k\u00f6nnen wir nicht einfach wieder vern\u00fcnftig werden? Es t\u00e4te doch uns allen gut.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat der emeritierte Professor f\u00fcr Medienwissenschaften in seinem Buch Recht, dass die Vernunft in unserer Gesellschaft gegen Gef\u00fchlsduselei mit einem vehementen Stampfen und Kreischen ersetzt werden soll? Ich wei\u00df es nicht. 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