{"id":1116,"date":"2016-09-29T23:30:15","date_gmt":"2016-09-29T21:30:15","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=1116"},"modified":"2016-09-29T23:45:19","modified_gmt":"2016-09-29T21:45:19","slug":"eine-ansteckende-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/1116\/eine-ansteckende-geschichte","title":{"rendered":"Die Geschichte von gutem Unkraut"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal h\u00f6re ich Geschichten, die mir gut gefallen. Einige davon kommen mir nach Jahren wieder in den Sinn. Doch sie sind meist unvollst\u00e4ndig und suchen einen passenden Erz\u00e4hlbogen, der zur aktuellen Lebenssituation besser passt. Eine dieser Geschichten ist die von gutem Unkraut.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vor gar nicht allzu langer Zeit in einer kleinen proviziellen Stadt, deren Name zu dieser Geschichte nichts beitr\u00e4gt, lebte ein \u00e4lterer Witwer, dessen gr\u00f6\u00dfte Liebe sein Garten war. Er war ein komischer Kauz. Freundlich zu allen aber nicht allzu gespr\u00e4chig. Nicht einmal seine Nachbarn verstanden, was er an seinem Garten hat. Von morgens fr\u00fch bis abends sp\u00e4t w\u00fchlte und j\u00e4hte er. Er bek\u00e4me f\u00fcr seinen Garten sicher einen Preis in jeder erdenklichen Kategorie &#8211; von \u00c4sthetik bis Artenreichtum &#8211; wenn er nicht das h\u00e4ssliche etwas unerfreulich riechende Unkraut \u00fcberall wachsen lie\u00dfe. Mit anderen Worten: Es stank den Nachbarn, dass er die Ausbreitung der unbeliebten Pflanze in ihre G\u00e4rten f\u00f6rdert.<\/p>\n<p>Doch der Alte wusste, was er tat. Er hat es von seinem Vater, dem promovierten Biologen, gelernt. Sein Vater war es auch, der diese seltene Pflanze erforschte und aus den tiefen W\u00e4ldern wieder in die Stadt brachte. Er gab auch seinem Sohn den Rat: Nutze diese Pflanze als Schutz vor Ungeziefer, sie ist der gr\u00f6\u00dfte Freund deines Gartens. Also pflanzte der Gartenliebhaber das Unkraut &#8211; wof\u00fcr er es anfangs hielt &#8211; immer wieder zwischen die Bete. Mit den Jahren gewann er immer mehr an \u00dcberzeugung, dass sein verstorbener Vater recht hatte. Seit Jahrzehnten musste er nicht um die Ernte bangen. Auch die Wespen und Stechm\u00fccken schienen sein Haus zu meiden.<\/p>\n<p>Eines Tages wollte er es wissen. Was mag sein Vater \u00fcber diese Pflanze erforscht haben? Er holte vom Dachboden die Kiste mit den B\u00fcchern seines Vaters., schlug die dicke aber kaum noch lesbare Dissertation auf und fing an, darin zu bl\u00e4ttern. Es kam ihm wie eine Fremdsprache vor. Er verstand so gut wie nichts. Doch er gab nicht auf. Er las auch die anderen staubigen B\u00e4nde und entwickelte eine Idee. Wenn es tats\u00e4chlich so ist, dass diese Pflanze die Stechm\u00fccken und Vespen fernzuhalten vermag, dann sollte es auch an anderen Orten funktionieren. Gegen Ende der Saison pfl\u00fcckte er die \u00c4hren ab und entnahm die K\u00f6rner &#8211; so viele er daraus nur gewinnen konnte. Mit den Samen in der Hosentasche ging er spazieren. Er nahm immer dieselben Feldwege um die Siedlung und man konnte nach ihm schon fast die Uhren stellen &#8211; so p\u00fcnktlich war er. An jenem Tag hat er dabei etwas besonderes vor. Alle Paar Schritte griff er in seine Hosentasche und verstreute die Samen von dem Wunder-Unkraut. Er tat es heimlich, weil er die Missbilligung der Nachbarschaft bef\u00fcrchtete und es war auch nicht seine Absicht, jemanden zu \u00e4rgern.<\/p>\n<p>Ungl\u00fccklicherweise verstarb der Hobby-Biologe noch im Winter desselben Jahres. Seine Erben verkauften das Anwesen und verschenkten die wissenschaftlichen B\u00fccher, mit denen niemand etwas anfangen konnte, an die st\u00e4dtische Bibliothek. Zum Bedauern der Bewohner wurde die Plage mit dem Unkraut dadurch nicht beseitigt. Im Gegenteil. Die Siedlung schien von der Pflanze umzingelt zu sein. \u00dcberall entlang der Feldwege sprie\u00dfte das Unkraut. Da man zu faul und zu bequem war, k\u00fcmmerte sich keiner darum. Jeder k\u00fcmmerte sich nur um den eigenen Garten. Doch je l\u00e4nger es dauerte, desto seltsamer kam es den Menschen vor. Jahr f\u00fcr Jahr blieben die Stechm\u00fccken, die Vespen aber auch einige andere unliebsame Insekten weg und das nur auf dieser einen Siedlung. Ein junger Bewohner der Stadt &#8211; ein Biologiestudent &#8211; wollte der Sache auf den Grund gehen. Er begann mit der Erhebung der Arten von Insekten und Pflanzen, um die Siedlung und an anderen Orten in der Stadt. Als ihm die an sich sehr seltene Pflanze in dieser unheimlich hohen Zahl in der Statistik auffiel war er stutzig und konnte es sich nicht erkl\u00e4ren. So fing er mit der Befragung der Anwohner an und stie\u00df auf die Geschichte von dem alten Hobby-G\u00e4rtner, der Tag f\u00fcr Tag um die Anwesen spazierte.<\/p>\n<p>Die Geschichte nahm sich der Student zum Anlass, diese Pflanze zum Thema seiner Abschlussarbeit zu machen. Wie erstaunt war er, als er in den Ferien in der \u00f6rtlichen Bibliothek eine F\u00fclle an Sachb\u00fcchern zu den seltenen Pflanzen fand. Noch unheimlicher kam es ihm vor, als er die Dissertation des Vaters jenes G\u00e4rtners darunter erkannte. Es war zwar nicht der aktuelle Stand der Wissenschaft aber es waren wertvolle Erkenntnisse \u00fcber die Wirkung des bei\u00dfenden Duftes der seltenen Pflanze &#8211; und das unter dem Nachnamen des alten Hobby-G\u00e4rtners. Die Geschichte ergab nun endlich einen Sinn. Es reichte doch nur eins und eins zusammen zu z\u00e4hlen, um die L\u00f6sung zu finden&#8230;<\/p>\n<p>Der junge Biologe hat eine au\u00dferordentlich gute Abschlussarbeit geschrieben. F\u00fcr sein Wissen interessierten sich auf einmal internationale Konzerne. Ber\u00fchmt kehrte er in seine Heimatstadt zur\u00fcck und bat die B\u00fcrgermeisterin, die ebenfalls in der besagten Siedlung wohnte, um die Einberufung einer B\u00fcrgerversammlung. Er wollte das Geheimnis der beseitigten Stechinsekten l\u00fcften. Dies geschah auch. Es kamen alle Bewohner. Doch nicht nur diese. Auch viele andere vom Ungeziefer Geplagte f\u00fcllten den Saal. Er erz\u00e4hlte ihnen die Geschichte vom Doktor der Biologie, der das Haus erbaute, seinem Sohn, der f\u00fcr seinen Garten lebte und von der wunderbaren Vermehrung des Unkrauts. Die Fakten waren so einleuchtend und doch so unglaublich, dass einige Zuh\u00f6rer \u00fcber die G\u00fcte des wenig geselligen alten Mannes und ihre Geringsch\u00e4tzung ihm gegen\u00fcber mit Tr\u00e4nen in den Augen nachdenken mussten. Noch am selben Abend gr\u00fcndeten sie einen Verein zur Erforschung der seltenen Pflanzen und beschlossen, als ersten die Bibliothek zum Zentrum der Forschung zu machen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Unkraut ist das Gute. Es ist nicht sehr beliebt, weil es m\u00fchevoll sein kann und meist einen Verzicht bedeutet. Wer das Gute wirklich auch leben will, wird dadurch auch nicht unbedingt beliebt. Doch was f\u00fcr mich gut ist, ist auch gut f\u00fcr die anderen. Es muss jemanden geben, der mit dem Beispiel voran geht.<\/p>\n<p>Was ist das Gute? &#8211; fragst Du mich. Lese den Nachlass Deines Vaters. Die &#8222;Dissertation&#8220; ist nicht leicht zu verstehen. Aber Du findest es heraus. Folge seinem Beispiel. H\u00f6re auf seinen Rat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal h\u00f6re ich Geschichten, die mir gut gefallen. Einige davon kommen mir nach Jahren wieder in den Sinn. 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