{"id":1087,"date":"2016-07-04T20:27:36","date_gmt":"2016-07-04T18:27:36","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=1087"},"modified":"2016-07-04T20:27:36","modified_gmt":"2016-07-04T18:27:36","slug":"sprechen-sie-katholisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/1087\/sprechen-sie-katholisch","title":{"rendered":"Sprechen Sie katholisch?"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;<a href=\"http:\/\/www.katholisch.de\/aktuelles\/aktuelle-artikel\/verreckt-die-kirche-an-ihrer-sprache\">Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?<\/a>&#8220; &#8211; fragt katholisch.de rhetorisch im Titel des Interviews mit dem Kommunikationswissenschaftler und Buchautor Erik Fl\u00fcgge. Diese Frage stellt sich mir schon seit einiger Zeit, nicht erst seit ich das Buch &#8222;Jargon der Betroffenheit&#8220; von diesem Mann in der Hand hielt. Die Kirche hat in der Tat ein Vermittlungsproblem, vor allem der Sprache wegen. Aber nicht nur.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Kirche in Westdeutschland scheint unter demselben Ph\u00e4nomen zu leiden, wie die r\u00f6mische Kirche seit der sog. Konstantinischen Wende. Die Bist\u00fcmer unterhielten in letzten Jahren ganze Hochh\u00e4user voller Kirchenbeamten und -Angestellten. Viele davon sind Priester, Messner, Gemeindereferenten etc. und durch ihren Dienst sehr nahe am seelsorgerischen Auftrag bzw. am Menschen. Es gibt aber auch elit\u00e4re Kreise, die so sehr mit der Verwaltung (z.B. der Seelsorger und des Kirchenvolkes) besch\u00e4ftigt sind, dass sie das Gef\u00fchl f\u00fcr den Alltag der Menschen und ihre Sprache verloren haben.<\/p>\n<p>Vielleicht ist diese Sichtweise zu einfach und es gibt weitere Faktoren. Mir erscheint das hinreichend, um zu erkl\u00e4ren, warum die Gl\u00e4ubigen ihren eigenen Glauben nicht mehr kennen. Die hierarchische Beschaffenheit der Kirche hat neben vielen Vorteilen einen gro\u00dfen Nachteil: Die &#8222;da oben&#8220; geben &#8222;denen da unten&#8220; vor, was zu predigen und zu glauben sei. Das trifft auf die Ausrichtung der Seelsorge vor Ort, die Katechese in der Schule oder f\u00e4rbt in Form von Sprachcodices ab. Solche &#8222;Subsprachen&#8220; oder genauer &#8222;Fachsprachen&#8220; sind Dialekte, die f\u00fcr besondere Teile der Gesellschaft gelten und durch Fremdw\u00f6rter und Fachbegriffe f\u00fcr &#8222;die au\u00dfen&#8220; unverst\u00e4ndlich sind.<\/p>\n<p>Es gibt auch in der katholischen Kirche interessante Gegenbewegungen, die durch die besagten Eliten teils sehr skeptisch betrachtet werden (im Gegensatz z.B. zu den P\u00e4psten, die es nicht so eng sehen). An der ersten Stelle ist Youcat &#8211; ein Jugendkatechismus von 2011 &#8211; sowie die dazu passende Bibel-Ausgabe mit Erkl\u00e4rungen zum historischen Horizont und passenden Zitaten aus den letzten 20 Jahrhunderten zu erw\u00e4hnen. Auch eine Erneuerung des Gotteslobs (vielleicht mit der Ausnahme der neuen Version von &#8222;Fest soll mein Taufbund immer stehen&#8220;) der mehr Psalmen und gleichzeitig mehr Lieder mit aktuellem Sprachgebrauch beinhaltet, war nach \u00fcber 30 Jahren \u00fcberf\u00e4llig. Eine f\u00fcr mich geniale Erfindung ist das IV. Hochgebet, das in sehr einfachen S\u00e4tzen die Heilsgeschichte erz\u00e4hlt &#8211; hier k\u00f6nnte ein Nichtchrist dem Inhalt gut folgen und unsere Dankbarkeit verstehen, vielleicht auch teilen. An die &#8222;Erneuerung&#8220; der Einheits\u00fcbersetzung kn\u00fcpfe ich gro\u00dfe Hoffnung, denn hier lauern die meisten Missverst\u00e4ndnisse.<\/p>\n<h2>Was ist also an unserer Kirchensprache falsch?<\/h2>\n<ol>\n<li><strong>Fremdw\u00f6rter und Fachbegriffe<\/strong>. Oder haben Sie sich schon mal &#8222;erl\u00f6st&#8220; gef\u00fchlt? Nein? Geht es Ihnen vielleicht besser, wenn Sie wissen, dass Sie gerechtfertigt sind? Ich muss zugeben, dass es mir als Theologe nicht immer leicht f\u00e4llt, zu verstehen, was da wirklich &#8222;drinnen steckt&#8220;. &#8222;Unsere Schuld&#8220; im Vaterunser meint im Original so etwas wie &#8222;Bankschulden&#8220; oder &#8222;Kredit&#8220; &#8211; Wow, das muss ich erst einmal Verdauen!<\/li>\n<li><strong>Floskeln<\/strong>. Die Seelsorger und Psychologen haben eine butterweiche Betroffenheitssprache und f\u00fcr alles Verst\u00e4ndnis. Es mag eine Methode der Einstimmung auf das Gegen\u00fcber sein&#8230; Sie ist aber inhaltslos und rein emotional. Hinter Begriffen wie &#8222;Gottes St\u00e4rkung&#8220; oder &#8222;Gnade&#8220; steckt nicht immer der Glaube an die Macht Gottes, die alles \u00e4ndern k\u00f6nnte &#8211; manchmal f\u00fchlt es sich an, wie ein Trostpflaster \u00fcber einer klaffenden Wunde.<\/li>\n<li><strong>Die poetische Sprache<\/strong>. Man wagt es nicht, die Realit\u00e4t dieser Welt der Realit\u00e4t des Reiches Gottes gegen\u00fcber zu stellen und Tatsachen beim Namen zu nennen. Manchmal ist die butterweiche Sprache sogar der buddhistischen Weisheitslehre \u00e4hnlich. Pure sinnentleerte Symbolik und Pudderzucker, die existenziell keinen ber\u00fchren. (Beispiel: &#8222;Er ist von uns gegangen&#8230;&#8220; &#8211; H\u00e4?! Wohin? Und warum?; Oder: &#8222;Wir machen uns auf den Weg X und Y in unserem Leben nachzusp\u00fchren.&#8220; &#8211; M\u00e4nnliche Wanderfreunde kenne ich zu Hauf aber f\u00fcr&#8217;s F\u00fchlen sind ihre Frauen zust\u00e4ndig.) Worth\u00fclsen sind leicht verdaulich, weil ohne Inhalt.<\/li>\n<li><strong>Kinderparadies<\/strong>. Wenn in der Kirche bestimmte Begriffe fallen, f\u00fchlen sich einige an die Ausmahlbildchen im Religionsunterricht vor 50 Jahren erinnert. &#8222;Gott Vater&#8220; &#8211; O.K., das ist der Opa im Nachthemd mit dem langen Bart. &#8222;Himmel&#8220; &#8211; das ist da \u00fcber den Wolken. So kindisch-banal sind die Bilder hinter den Begriffen, weil keiner gewagt hat, die alten gegen passendere auszutauschen.<\/li>\n<li><strong>Geschichten aus der Bibel<\/strong> kennt man nur vom Disney-Zeichentrickfilm &#8211; also nur zum Teil richtig. Im Religionsunterricht sind seit Jahren kaum noch Erz\u00e4hlungen aus dem Alten Testament Thema. Dabei kennen Juden, Christen und Muslime sehr oft die gleiche Geschichte und k\u00f6nnen sie anders interpretieren. &#8222;Sodom und Gomorrha&#8220; werden von Jugendlichen viel positiver verstanden als von ihren Gro\u00dfeltern. &#8222;Hiob war doch der mit dem Fisch&#8230;&#8220; &#8211; OMG!<\/li>\n<li><strong>Die Deutungshochheit<\/strong> haben wir an die Medien abgegeben. Ob eine Enzyklika gut oder schlecht ist und was \u00fcberhaupt ihr Inhalt ist, sagt die Tagesschau, nicht der Pfarrer. Ich kann wetten, dass ich die H\u00e4lfte der ablehnenden Haltung meiner Zeitgenossen mit Missverst\u00e4ndnissen im Verst\u00e4ndnis der Lehre der Kirche erkl\u00e4ren kann. Es gibt Gr\u00fcnde, die nichts mit den Inhalten und der Vermittlung haben. Die sind meist sehr pers\u00f6nlich. Sie werden auch nicht genannt. Die angeblichen inhaltlichen umso mehr.<\/li>\n<li><strong>Unpers\u00f6nlich<\/strong>. Wenn sich ein Brief aus der pastoralen Abteilung eines Bistums wie ein Gerichtsurteil liest, dann stimmt es eindeutig etwas mit dem Autor nicht. Ein Priester, der in der Predigt \u00fcber sein eigenes Leben mit Gott erz\u00e4hlt, \u00fcber seine Schwierigkeiten und seine Freude zieht meiner Erfahrung nach in die Sonntagsmesse Gl\u00e4ubige aus dem Umkreis von 30 km.\u00a0 Das Zeugnis &#8211; das wichtigste Werkzeug der Evangelisation &#8211; also der Beweis f\u00fcr Freude \u00fcber die Liebe Gottes scheint der katholischen Kirche verloren gegangen. Man zieht lieber ferne und fremde Lebensgeschichten von Heiligen vor. Ich habe ja nichts erfreuliches von Gott erfahren, was ich auch anderen w\u00fcnschen w\u00fcrde. Und \u00fcberhaupt: Gott ist nicht mein bester Freund!<\/li>\n<\/ol>\n<h2>Wie geht es besser?<\/h2>\n<p>Zwei Beispiele f\u00fcr zwei Gruppen von Botschaftsempf\u00e4ngern.<\/p>\n<ul>\n<li>Was ist &#8222;Himmel&#8220;? Der Begriff selbst ist schon irref\u00fchrend und falsch. Wir sprechen von &#8222;Reich Gottes&#8220;. Solche K\u00f6nigreiche kennt jedes Kind. Es ist eine Parallelwelt, die mit unserer einiges gemeinsam hat aber auch anders ist. Dort sind Sachen m\u00f6glich, die in unserer Welt \u00fcberhaupt nicht gehen. Nur weil man es nicht sehen kann, hei\u00dft es nicht, dass es nicht existiert. Wir kennen es vom Kleinen Prinz: &#8222;Nur mit dem Herzen sieht man gut.&#8220;<\/li>\n<li>&#8222;In der Ezyklika XY verbietet Papst &#8230;&#8220; &#8211; Der Papst kann als Staatschef seinen Beamten, seinen Staatsangeh\u00f6rigen und solchen, die ein besonderes Treueverh\u00e4ltnis haben (wie Priester, Bisch\u00f6fe und folglich ihre Mitarbeiter) per Kirchenrecht Rechte und Pflichten festlegen. F\u00fcr die Glaubenden ist seine Einsch\u00e4tzung der Glaubensinhalte bindend. Er gibt das objektive und meist abstrakte Ma\u00df vor. Die Umsetzung im Leben eines jeden von uns setzt 1. die Freiheit und 2. das Wissen um den Sinn des Gebotes voraus. Etwas, was objektiv als falsch eingestuft wird, kann im Leben eines Einzelnen durch \u00e4u\u00dfere Zw\u00e4nge oder mangels Unkenntnis des moralischen Urteils nicht gut werden. Ob Gott es als S\u00fcnde in einem solchen Fall ansehen will, m\u00fcssen wir ihm \u00fcberlassen. Die Kirche ist kein Ort, an dem nur perfekte (und uniforme) Menschen leben, die alle Gebote erf\u00fcllen. Die Kirche ist eine Gemeinschaft von Menschen, die die Liebe Gottes erfahren und mit Liebe beantworten wollen. Sie wollen Gott geben, was sie gerade geben k\u00f6nnen und suchen Wegweiser, was zu tun ist. Solche Wegweiser sind die apostolische Schreiben des Papstes.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Verreckt die Kirche an ihrer Sprache?&#8220; &#8211; fragt katholisch.de rhetorisch im Titel des Interviews mit dem Kommunikationswissenschaftler und Buchautor Erik Fl\u00fcgge. 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