{"id":1057,"date":"2015-06-25T22:29:00","date_gmt":"2015-06-25T20:29:00","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=1057"},"modified":"2016-02-13T15:12:06","modified_gmt":"2016-02-13T14:12:06","slug":"emanation_nominalismus_realismus_sprache_ehefueralle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/1057\/emanation_nominalismus_realismus_sprache_ehefueralle","title":{"rendered":"&#8222;als ob&#8220;, &#8222;so gut wie&#8220; &#8211; Philosophen und die Lehre vom Sein"},"content":{"rendered":"<p>Der \u00f6sterreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein stellte die These auf, dass unsere Sprache das beste Werkzeug zur Erkundung unserer Welt sei. Wenn wir \u00fcber die Welt nachdenken, tun wir das in Begriffen, die mit Worten in unserer Sprache \u00fcbereinstimmten. Mann nennt es in den Fachkreisen die &#8222;Abbildtheorie der Sprache&#8220;. Die Sprache spiegle die Welt &#8211; so wie sie ist &#8211; wider. Man kann ihm beipflichten oder die Zustimmung (wegen der vielen Ungenauigkeiten oder der unterschiedlichen sprachlichen Abbildung &#8211; je nach Sprache) verweigern. Unbestritten ist, dass diese Idee einen guten Kern hat. Deshalb &#8211; finde ich &#8211; sollten wir auf unsere Sprache mehr achten, zumal es aktuell in Deutschland viel emotional diskutiert und wenig reflektiert wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Einer der \u00e4ltesten und bekanntesten Philosophen der Grieche Plato entwickelte eine Idee, die wir nur in den Schriften seiner Nachfolger finden. Sie ist einfach und bietet einen guten Grundsatz zum Umgang mir unseren nat\u00fcrlichen Sprachen, die von Unsch\u00e4rfen gepr\u00e4gt sind. Die Emanation, weil so wird sie bezeichnet, meint das Verstr\u00f6men des Einen in das Viele, vom Original in die billigste Kopie, vom Guten bis hinein in das gerade noch akzeptable.<\/p>\n<p>Der Realismus, zu dem Plato geh\u00f6rt, geht davon aus, dass die Begriffe unserer Sprache &#8211; aber auch die, die unserer Sprache fehlen &#8211; immer eine Entsprechung in den Dingen (in unserer Welt) haben. Ein Hammer ist jedem hinreichend bekannt. Jeder hat so etwas gesehen, in der Hand gehabt und vielleicht auf eigenem Finger schon einmal gesp\u00fcrt. Aber was ist mit Liebe? Wer hat die Liebe gesehen? (Nicht das K\u00fcssen oder andere k\u00f6rperliche Akte sind dabei gemeint, sie sind ja eigene Begriffe.) Was ist mit dem demographischen Wandel? Schon mal einen solchen in der Hand gehabt? Oder: Gott? Realisten gehen davon aus, dass die Begriffe immer etwas umfassen, was sie sichtbar oder unsichtbar realisiert. Entweder ist ein Hammer ein Hammer (also das Ding entspricht\u00a0 dem Begriff) oder auch nicht. Doch vor Allem ist es die Idee, was ein Hammer sei, nicht beliebig. Sie bleibt unver\u00e4nderlich.<\/p>\n<p>Ganz anders die Nominalisten, die sich mit blo\u00dfen Lautfolgen zufrieden geben. Es gibt nicht den Hammer, sondern nur Dinge die wir Hammer nennen. Und was wir als solchen bezeichnen bleibt uns \u00fcberlassen. Es gibt ja auch nicht die Liebe. Nur bestimmte Verhaltensweisen, die wir als Liebe bezeichnen. Und eine sich verstr\u00f6mende Ur-Liebe gibt es schon mal gar nicht, weil es keine passende Verhaltensweise dazu gibt. Vom einzelnen ausgehend bilden die Nominalisten durch Abstraktion minimale Schnittmengen an Eigenschaften, die ein Ding erf\u00fcllen muss, um ein Hammer zu sein. Diese abstrakte Schnittmenge kann dabei beliebig weit vom eigentlichen Ding, dass es bezeichnet, abweichen.<\/p>\n<p>Was w\u00fcrde also Plato \u00fcber unseren Hammer sagen? Es gibt die Idee des Hammers, die ihn so begreift dass er sowohl in seiner Funktion (&#8222;gezieltes und kr\u00e4ftigen Draufhauen&#8220;), seiner Beschaffenheit (&#8222;aus festem Stoff&#8220;) als auch seiner Form (&#8222;aufgesetzt auf ein Verl\u00e4ngerungsst\u00fcck, das auch als Griff verwendet wird&#8220;) perfekt umschrieben wird. Die Handwerker und Bauleute werden hoffentlich protestieren, wenn wir den &#8222;Hammer&#8220; auf einen Metalw\u00fcrfel auf einem Holzstiel zusammenfassen. Der Stiel ist bei Dachdeckern aus Metal und mit Gummi am Griff-Ende beschichtet. Beim Verlegen von Paneelen wird der Vorschlaghammer mit einem nicht ganz so harten Gummi-Kopf und im Gericht gar ganz aus Holz verwendet. Um es noch komplizierter zu machen, muss man noch erw\u00e4hnen, dass eine Ramme (Maschine zum eintreiben von Pf\u00e4hlen in den Boden) ein \u00fcberdimensionierter Hammer sein k\u00f6nnte, wenn wir nur Funktion und Beschaffenheit in Betracht z\u00f6gen. F\u00fcr Plato alles kein Problem! Die Idee des Hammers wird in den Dingen widerspiegelt. In den einen st\u00e4rker und in den anderen schw\u00e4cher. Das hat nichts mit der moralischen Wertung zu tun. Eine Ramme ist f\u00fcr ihr Zweck genauso gut, wie der Richter- oder Auktionshammer f\u00fcr seinen Zweck. Nur realisieren sie die Idee des Hammers unterschiedlich stark.<\/p>\n<p>An dem Punkt k\u00f6nnen wir zu unserer Sprache zur\u00fcckkehren. Dabei meine ich die nat\u00fcrliche Sprache, die sich mit der Zeit geringf\u00fcgig \u00e4ndert und die jeder von uns verwenden kann. (Eine Kunstsprache &#8211; wie sie von Juristen, Chemikern oder Philosophen verwendet wird &#8211; lehnt Wittgenstein als Basis f\u00fcr das Nachdenken \u00fcber unsere Welt kategorisch ab. Eine solche kannte Platon sowieso nicht.) Unsere Sprache ist von Unsch\u00e4rfen gepr\u00e4gt und h\u00e4lt einem absoluten Realismus nicht Stand. &#8222;Wann ist ein Mann ein Mann&#8220; &#8211; fragt rhetorisch Gr\u00f6nemeyer. &#8222;Bist du ihr Freund? (Und wenn ja in welchem Sinne?)&#8220; k\u00f6nnte man einen jungen Mann neben einem M\u00e4dchen fragen&#8230; Hier ist uns die Idee der Emanation sehr hilfreich. Kein entweder-oder, sondern ein &#8222;in wie weit \u00fcbereinstimmend&#8220;.<\/p>\n<p>Es gibt aktuell die Unsitte in unserer Gesellschaft, aus dem Halben ein Ganzes zu machen. Es wird dramatisiert und sch\u00f6n geredet. Vor allem die Rundfunkmedien scheinen hier die Objektivit\u00e4t zu verlieren, indem sie nach Belieben auf- und abrunden. Einige Beispiele aus unserem Leben: Eine 2 in Mathe ist <strong>so gut wie<\/strong> eine 1, nur halt eben etwas weniger. Wenn paar besoffene Glatzk\u00f6pfe mit der Spr\u00fchdose ihre geometrisches Lieblingsfigur \u00fcberall verewigen, dann ist das <strong>so gut wie<\/strong> ein staatsfeindlicher terroristischer Anschlag. Wir k\u00f6nnen es nicht mehr objektiv auf einer Skala einstufen. Kein Wunder. Schon Neil Postman erkannte, dass die Massenmedien, um Informationen zu verkaufen (und sich selbst dabei beliebt zu machen) aus Informationen Unterhaltung machen &#8211; das <strong>Infotainment<\/strong>. Und emotionale Botschaften sind einem nicht so egal, wie die blo\u00dfe Nachricht, dass an diesem &#8211; wie auch an jedem anderen Tag &#8211; mindestens 3 Menschen an Hunger gestorben sind.<\/p>\n<p>Bei jungen Zeitgenossen ist die Vorstellung verbreitet und sehr beliebt, dass alles nach der Funktion zu beurteilen sei. Eine Art ontologischer Pragmatismus. (Es kann auch damit zusammen h\u00e4ngen, dass unsere Arbeitsweise sehr funktional geworden ist. Programmieren ist das definieren von Funktionen, die aus A auf beliebigen Weg B machen. Die beliebte Kulanz der Unternehmen soll die Wahrheit nicht ans Licht kommen lassen &#8211; es geht nur ums Verkaufen und Kunden Zufriedenstellen, nicht um Prinzipien.) Wir tun so <strong>als ob<\/strong> A identisch mit B w\u00e4re. Der Mann als ob er Frau w\u00e4re und <a href=\"http:\/\/www.rp-online.de\/panorama\/ausland\/rachel-dolezal-die-weisse-schwarze-tritt-zurueck-aid-1.5170484\" target=\"_blank\">eine Wei\u00dfe mit deutschen Wurzeln als ob sie eine unterdr\u00fcckte Schwarze w\u00e4re<\/a>. Warum auch nicht? Die Frau hat dunkelh\u00e4utige (Adoptiv-)Kinder und engagiert sich auch f\u00fcr die Rechte der anderen Rasse.<\/p>\n<p>Der Kommentator der Bild-Zeitung Ralf Schuler hat mich darauf Aufmerksam gemacht (Vorsicht, hier folgt mein erster Link zur Bild in meinem Leben):<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"http:\/\/www.bild.de\/politik\/inland\/gleichgeschlechtliche-ehe\/ehe-zwischen-mann-und-frau-einzigartig-41110526.bild.html\" target=\"_blank\">Wer alle Autos Mercedes nennt, schadet dem Mercedes und hilft den anderen nicht.<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich will keinen klapprigen Fiat vom Autoh\u00e4ndler angedreht bekommen, nur weil dieser ihn funktional (vier R\u00e4der, f\u00e4hrt, macht Br\u00fcm-Br\u00fcm) f\u00fcr einen Mercedes h\u00e4lt. Dieser Als-Ob-Mercedes ist kein Mercedes, auch wenn man ihm den Stern aufgeklebt h\u00e4tte! Er hat vielleicht nur etwas mit diesem gemeinsam.<\/p>\n<p>Der Hintergrund des Zitates ist den meisten klar: Kann alles eine Ehe sein? Ja. So wie eine Pfanne ein Hammer ist. Man kann (<strong>funktional<\/strong>) mit einer Pfanne N\u00e4gel in die W\u00e4nde schlagen (habe es selber \u00fcberpr\u00fcft). Ein Nominalist tut sich damit leicht: &#8222;Ei, jo. Nennen wir halt auch dieses Ding Hammer.&#8220; Wittgenstein h\u00e4tte nur den Kopf gesch\u00fcttelt und um seine sch\u00f6ne Sprache geweint. Plato w\u00fcrde sagen: In einem weit entferntem Sinne realisiert auch die Pfanne die Idee eines Hammers (&#8222;aus festem Stoff mit Verl\u00e4ngerungsst\u00fcck als Griff und zum Draufhauen auch geeignet&#8220;). Es ist nicht &#8222;der Hammer&#8220; und es w\u00fcrde nur Verwirrung stiften, wenn wir in der K\u00fcche auf einmal ein Spiegelei auf einem Hammer braten w\u00fcrden&#8230; Aber wer es will, kann von mir aus zur Pfanne &#8222;Hammer&#8220; sagen. Ich w\u00fcrde es nie tun. Es w\u00e4re nur ein heilloses Durcheinander in der K\u00fcche und in der Werkstatt&#8230;<\/p>\n<p>Man kann sich im Leben vieles vormachen. Man kann glauben, eine Hofdame aus dem Mittelalter zu sein und so tun als ob es so w\u00e4re. Man kann so gut wie ein Superman gekleidet und von Passanten bewundert werden. Man bleibt, was man ist. Nicht mehr und nicht weniger.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde &#8211; wie unsere saarl\u00e4ndische Landeschefin &#8211; den Begriff der Ehe auf jeden Fall sch\u00fctzen. Ehe ist Ehe. Sie kann (ihrem Wesen nach) auf nat\u00fcrlichem Wege Kinder &#8222;erzeugen&#8220; und so die Blutsverwandschaft gr\u00fcnden. Sie ist &#8211; und das haben bisher alle Studien bewiesen (z.B. <a href=\"http:\/\/www.sciencedomain.org\/abstract\/8172\" target=\"_blank\">diese<\/a>) &#8211; der optimale Rahmen f\u00fcr die emotionale, geistige und k\u00f6rperliche Entwicklung der Kinder. Es gibt kinderlose Ehen, Adoptivkinder oder Ehen, in denen Kinder misshandelt und gestorben sind. Diese konkreten F\u00e4lle realisieren nur zum Teil die platonische Ideen der Ehe und der Familie. Es soll auch vereinzelt andere Konstellationen geben, die funktional f\u00fcr die Kinder besser sind als \u00fcbliche Familien. Oder Paare die wie eine Ehe funktionieren (z.B. unter Geschwistern). Beide zuletzt genannten <strong>ahmen die Ehe nach<\/strong> und n\u00e4hern sich dem Original. Die Abstufung ist keine moralische, sondern eine ontologische. Deshalb ist es v\u00f6llig in Ordnung, zu sagen: A, B und C realisieren die Idee der Ehe (mit kleinen Einschr\u00e4nkungen), D, F und H tun nur so &#8222;als ob&#8220; und imitieren sie teilweise &#8211; sollen aber nicht als solche bezeichnet werden. Denn wenn wir uns auf den Nominalismus einlassen, kann wirklich alles eine Ehe sein. Einzig Plato mit seiner Emanation (zusammen mit seinem Sch\u00fcler Aristoteles mit seinen &#8222;Wesenseigenschaften&#8220;) k\u00f6nnen hier eine zufrieden stellende Antwort liefern. Denn die Grenze m\u00fcssen wir irgendwo ziehen und Nominalisten bieten nur Beliebigkeit und (folglich) Willk\u00fcr an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00f6sterreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein stellte die These auf, dass unsere Sprache das beste Werkzeug zur Erkundung unserer Welt sei. Wenn wir \u00fcber die Welt nachdenken, tun wir das in Begriffen, die mit Worten in unserer Sprache \u00fcbereinstimmten. Mann nennt es in den Fachkreisen die &#8222;Abbildtheorie der Sprache&#8220;. 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