{"id":1037,"date":"2014-07-08T00:23:53","date_gmt":"2014-07-07T22:23:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/?p=1037"},"modified":"2014-07-09T16:31:30","modified_gmt":"2014-07-09T14:31:30","slug":"das-amt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.kolatzek.org\/wblog\/1037\/das-amt","title":{"rendered":"Das Amt"},"content":{"rendered":"<p>Ich kann gar nicht sagen, warum mich das polnischer Kino so fasziniert. Ist es das Detailreichtum der Situationen, der tiefe Blick hinter die Kulissen (Haltungen, Absichten und Neigungen der Handelnden) oder die Aussage dar\u00fcber, wor\u00fcber man nicht zu sprechen vermag? Vor einigen Wochen sah ich zum zweiten Mal einen Film, den ich vor einigen Jahren bereits teilweise ohne tieferes Verst\u00e4ndnis schaute. Eine Betrachtung dessen, was wir unter dem Begriff &#8222;Amt&#8220; kennen: Eine Verwaltungseinheit eines Staates. Doppeldeutig im Sinne des Filmtitels wird es erst, wenn man eine andere Definition hinzu nimmt: Institution mit einem bestimmten Auftrag. Diese Deutung steckt hinter der Kirche im Allgemeinen (&#8222;das Amt Petri&#8220;, &#8222;das Hirtenamt&#8220; etc) und den Dikasterien (\u00c4mter bzw. die Abteilungen) im Vatikanstaat im Besonderen: Da w\u00e4re die Kongregation f\u00fcr den Klerus, das Heilige Offizium oder die Rota Romana (das oberste Kirchengericht). Die letzte spielt in diesem Film eine bestimmte Rolle. Es geht darin um einen Kirchenrechtler, dem das Recht auf die Aus\u00fcbung seines Berufes vorenthalten wird. Dass er es so nicht hinnimmt, kann man schon vermuten.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Im Vatikan erscheint nicht der &#8222;Entrechtete&#8220; selbst. Sein Sohn &#8211; ebenfalls ein Kirchenjurist &#8211; nutzt die Unterst\u00fctzung eines befreundeten Kanonisten aus Polen, der seit Jahren in der Ewigen Stadt t\u00e4tig ist und dort ein Haus besitzt. Die Geschichte um die T\u00e4tigkeit des Vaters ist relativ komplex und verfahren. Es ist aber nicht der Sinn und Zweck des Filmes, den Sachverhalt zu erkl\u00e4ren. Wichtig ist der Blick f\u00fcr die Verhaltensweise der Beteiligten. So wird es dem Gesch\u00e4digten als Weisheit und diplomatisches Geschick ausgelegt, dass er nicht selber dort erschien. Denn dadurch kann sich ein Amt mit der Sache befassen, nicht mit dem Menschen und seiner Emotionalit\u00e4t, seinen Schw\u00e4chen oder seiner Lebensleistung. Diese Botenfunktion erf\u00fcllen heute bei uns die Formulare, die Kopien oder die Anwaltsschreiben. Das Amt funktioniert auch ohne den Betroffenen &#8211; angeblich sogar besser. Das ist die erste Beobachtung.<\/p>\n<p>Alles hat seine Grenzen &#8211; auch ein Amt. Deshalb wird die Kompetenz mehrerer ben\u00f6tigt. Ob diese Zusammenarbeit gut oder schlecht funktioniert, h\u00e4ngt unter anderem vom Faktor Mensch ab. Sind die &#8222;Beamten&#8220; befreundet, kommt man eine Audienz beim anderen Zust\u00e4ndigen sofort. Sind sie einander Feind, droht eine Ablehnung. Eine Suche nach legalen und illegalen Mitteln und Wegen wird eingeleitet &#8211; Hauptsache, man muss sich mit dieser Instanz nicht konfrontieren. Diese Angst vor der vorzeitigen Bruchlandung ist dennoch nur selten berechtigt. Nach Aussage des Kirchenjuristen aus Rom tendieren die Amtsinhaber immer dazu, einen Ausgleich zu schaffen und durch solche Ressentiments-bedingten Ablehnungen dem Ansehen des gesamten Konstruktes (wie Beh\u00f6rde oder Staat) nicht zu schaden. Beobachtung zwei: Das objektiv-juristische und das Menschliche sind kaum voneinander zu trennen.<\/p>\n<p>Die dritte Beobachtung: Kafkas &#8222;<a title=\"Volltext der Parabel vom Torw\u00e4chter\" href=\"http:\/\/de.wikisource.org\/wiki\/Vor_dem_Gesetz\">Vor dem Gesetz<\/a>&#8220; ist nicht nur eine Geschichte, sondern Realit\u00e4t. Wenn man in die M\u00fchlen der \u00c4mter ger\u00e4t, ist guter Rat teuer. Weder der Kurienanwalt aus Rom (ein Studienkollege des Vaters) noch die wohlwollenden Amtstr\u00e4ger k\u00f6nnen oder d\u00fcrfen eine Auskunft zur Lage des Falls machen. Alles ist intransparent und man versucht sich in Zeichendeutung. (Das erinnert mich an einige spektakul\u00e4re F\u00e4lle aus deutschen Jugend\u00e4mtern, die hinter einer Mauer des Schweigens agieren und die Aufkl\u00e4rung der Sachlage durch das &#8222;Amtsgeheimnis&#8220; aktiv sabotieren. Die Eltern erfahren nicht einmal durch den Anwalt, was zu der bem\u00e4ngelten Entscheidung f\u00fchrte.) Aufgeben kommt f\u00fcr den jungen Juristen nicht in Frage. Er wartet den Lauf der Dinge vor Ort ab und verbringt die Zeit in der vatikanischen Bibliothek, wo er bei Studium wertvoller Werke auf Menschen trifft, die ihm behilflich sein wollen. \u00dcber Bekannte von Bekannten kommt er an einen Mitarbeiter der Kurie, der ihm Gesch\u00e4ft anbietet: Er &#8222;\u00fcbersetzt&#8220; ihnen tagesaktuell die polnische Politik und der Kurienbeamte wird ihm \u00fcber Details zum Fall seines Vaters (Hinterzimmer-Gespr\u00e4che &#8211; versteht sich!) berichten. Das lehnt der junge Pole ab. Er m\u00f6chte wieder nach Hause reisen. Vielleicht ist es aber auch diese Art von Korruption (Wissen gegen Dienste) oder die Beteiligung an dieser Intransparenz, die er ablehnt. Zwischen Hoffen und Bangen wird jedes Zeichen gedeutet und nur ein Eingeweihter wei\u00df, ob die Interpretation richtig ist.<\/p>\n<p>In der Zeit um das Zweite Vatikanische Konzil werden die Kritiker der veralteten Auffassung von Amt und Glaube lauter. Sie kommen in Person eines Priesters zum Vorschein. Seine \u00dcberzeugung (das Amt der Kirche muss auf das Heil und das Wohl des einzelnen Gl\u00e4ubigen ausgerichtet sein und von ihm seine Legitimation beziehen) wird durch die Beh\u00f6rden noch aktiv unterdr\u00fcckt, doch scheinen sie diese neue Entwicklung nicht mehr aufhalten zu k\u00f6nnen. (Beobachtung Nummer vier:) \u00c4mter sind wenig fortschrittlich, der Amtsschimmel ist allgegenw\u00e4rtig, Neuerungen verursachen teils panische Angst und f\u00fchren somit zu \u00fcbertriebenen, realit\u00e4tsfremden Reaktionen.<\/p>\n<p>Der Grund f\u00fcr die verfahrene Lage ist der Streit zwischen dem Kirchenjuristen und seinem Bischof. Dieser Bischof ist eine ganz besondere Gestalt. Die Verfolgung und Internierung (wegen seiner besonderen Treue dem Amt des Papstes gegen\u00fcber) machen ihn zu einem Ideal. Besonders einige konservative Kirchendiener sehen in ihm einen M\u00e4rtyrer und einen Heiligen. Um diese heilige Aura nicht zu besch\u00e4digen und vielleicht die Heiligsprechung zu verhindern, neigen diese dazu, das Problem gar nicht amtlich zu machen und unter der Hand l\u00f6sen zu wollen. (Ein Heiliger sollte nicht in den &#8222;Negativschlagzeilen&#8220; eines Dikasteriums auftauchen.) Als der Bischof stirbt und eine L\u00f6sung des Problems in Sicht ist, geht alles sehr schnell. In der Schlussszene wird ein Dokument aus dem Hut gezaubert, in dem der Vater alle ihm zustehenden Rechte wieder erlangt. Wo man eine kleine Verwechslung vermutet (\u00e4hnlich lautende aber woanders liegende Stadt) ist es dem Amt tot ernst. Ein Bescheid, der w\u00f6rtlich genommen weder eine L\u00f6sung darstellt noch eine Rechtssicherheit schafft. Ein Dokument, das scheinbar einen Fehler enth\u00e4lt und damit anfechtbar ist. Die Morphologie des Amtes selbst verhindert eine L\u00f6sung des Problems &#8211; das ist die f\u00fcnfte Beobachtung.<\/p>\n<p>Auf Grund der anderen vier Beobachtungen ergibt sich diese fatale Lage. Das Amt schafft einen Rechtsakt, der f\u00e4llig \u00fcberfl\u00fcssig scheint. Er stellt keine (endg\u00fcltige) L\u00f6sung dar. Sein Zustandekommen ist v\u00f6llig intransparent. Er tradiert das \u00fcbliche Vorgehen. Er dient dem Ausgleich zwischen den widerstrebenden Institutionen und Amtsinhabern, nicht dem Betroffenen. Der Mensch ist dabei nur die Ursache des Wirkens, nicht das Ziel. Der Mensch ist nicht mehr als ein Spielball zwischen den Beh\u00f6rden. Dabei w\u00e4re &#8222;das Amt der Kirche&#8220; &#8211; auf deutsch eher als &#8222;Berufung&#8220; zu verstehen &#8211; der g\u00f6ttliche Auftrag an diese Institution: Schenkt den Menschen das Heil, Durch den unsch\u00e4tzbaren Tod und die Auferstehung Jesu habt ihr den Schatz der Gnade zu verwalten. (&#8222;Was ihr auf Erden bindet, das wird auch im Himmel gebunden sein.&#8220; Matth\u00e4us 18,18)<\/p>\n<p>Zum Verst\u00e4ndnis sind einige Details der Entstehungszeit zu beachten. Das Buch und der Film entstanden in einer Zeit des vorherrschenden Kommunismus. Ein System, das an Menschenverachtung nur noch vom Nationalsozialismus zu \u00fcberbieten w\u00e4re. Nicht der Mensch, sondern das System sei wichtig &#8211; war die Devise. Die Kritik an Vatikan ist exemplarisch zu verstehen (k\u00f6nnte \u00fcberall passieren): der Sachverhalt ist im Falle des Kirchenrechts f\u00fcr den Zuschauer nicht allt\u00e4glich, so dass der Blick auf das &#8222;Spiel&#8220; und die &#8222;Figuren&#8220; gerichtet wird, nicht an den Inhalt. Kritik am Vatikan war f\u00fcr den &#8222;dummen Zensor&#8220; sicher willkommen gewesen. Er konnte nicht erkennen, dass das System kritisiert wurde, welches er durch den Eingriff in die Meinungsfreiheit sch\u00fctzen sollte. Nicht zuletzt ist festzustellen, dass dieses Werk ein halbes Jahrhundert alt ist und eine Realit\u00e4t kritisiert, die vielerorts so nicht mehr besteht. Es ist eine zeitlose Anti-Utopie eines von Menschen geschaffenen Systems aus \u00c4mtern und Institutionen. Der Autor des zugrunde legenden Romans passte in keine Kategorie: 1,5 Jahre Noviziat bei Benediktinern in Lophen (Belgien), angefangenes Jurastudium, dann Philosophie (in Polen und Abschluss in London), Kulturattach\u00e9 der Volksrepublik Polen in Rom und Paris. F\u00fcr ein \u00e4hnliches Werk (&#8222;Das eherne Tor&#8220; &#8211; Essays \u00fcber die vatikanische B\u00fcrokratie und den Einfluss der katholischen Kirche auf die italienische Politik) wurde er mit einer Auszeichnung geehrt, was ihn &#8222;<a title=\"Breza Wiederentdeckt - NZZ\" href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/feuilleton\/literatur\/tadeusz-brezas-roman-audienz-in-rom-von-1960-1.17443703\">peinlich \u00fcberraschte<\/a>&#8220; (wohl deshalb, weil er durch die Blume auch den Verleihenden kritisierte).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die &#8222;Eckdaten&#8220;<\/p>\n<p>Originaltitel: &#8222;Urz\u0105d&#8220; (\u00fcbersetzt &#8222;das Amt&#8220;)<\/p>\n<p>Auf Basis eines gleichnamigen Romans von Tadeusz Breza. Deutsche \u00dcbersetzung: &#8222;<a title=\"ISBN: 978-3862800261. Berlin University Press; Auflage: 1\" href=\"www.amazon.de\/Audienz-Rom-Tadeusz-Breza\/dp\/3862800261\/kolatzekorg-21\">Audienz in Rom<\/a>&#8220;<\/p>\n<p>Regie: Janusz Majewski<\/p>\n<p>Produktionsjahr: 1969 (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen &#8211; genauso interessanten &#8211; Film von Krzysztof Kie\u015blowski von 1966)<\/p>\n<p>Aufnahmen: Schwarzwei\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich kann gar nicht sagen, warum mich das polnischer Kino so fasziniert. Ist es das Detailreichtum der Situationen, der tiefe Blick hinter die Kulissen (Haltungen, Absichten und Neigungen der Handelnden) oder die Aussage dar\u00fcber, wor\u00fcber man nicht zu sprechen vermag? 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